Berlin, ein kalter Winterabend. Abseits des hellen Scheinwerferlichts, das er jahrzehntelang wie kaum ein anderer beherrschte, steht ein Mann, der auf den ersten Blick wie ein rüstiger Rentner wirkt. Doch wer genauer hinsieht, erkennt sofort den stechenden Blick und die unverwechselbare Aura einer Legende: Henry Hübchen. Es ist eine Zeit der Abschiede. Nur wenige Tage nach dem Tod seines engen Freundes und Weggefährten Uwe Kokisch am 22. Dezember zeigt sich Hübchen sichtlich bewegt. Sein Satz über den Verlust – „Die Spree fließt weiter, aber die besten Schwimmer sind alle an Land gegangen“ – ging wie ein Lauffeuer durch die sozialen Medien und hinterließ ein fröstelndes Publikum. Es ist die Bilanz eines Mannes, der selbst das sichere Ufer erreicht hat und nun auf ein Leben zurückblickt, das an Dramatik und Erfolg kaum zu überbieten ist.

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Wie lebt ein Mann wie Henry Hübchen heute, im Jahr 2025? Wer glaubt, der 76-Jährige würde sich auf seinen Lorbeeren ausruhen, der irrt gewaltig. Zwar hat er sich weitgehend aus der hektischen Öffentlichkeit zurückgezogen, doch sein Einfluss und sein Wohlstand sind beständiger denn je. Hübchens Vermögen ist das Resultat kluger, jahrzehntelanger Entscheidungen. Er ist nicht mehr auf Gagen angewiesen, um seine Miete zu bezahlen – er spielt nur noch, wenn ihn ein Stoff wirklich brennt. Sein „goldener Katalog“, bestehend aus Kultfilmen wie „Alles auf Zucker“ oder „Sonnenallee“, sorgt durch Tantiemen für einen stetigen Geldfluss. Jedes Mal, wenn seine legendären „Polizeiruf 110“-Folgen im Fernsehen laufen oder gestreamt werden, klingelt die Kasse leise, aber unaufhörlich. Dieser finanzielle Schutzschild erlaubt ihm den größten Luxus von allen: das Wort „Nein“. Branchenkenner wissen, dass Hübchen heute etwa 90 Prozent aller Rollenangebote ablehnt. Wenn er zusagt, dann aus Leidenschaft, nicht aus Notwendigkeit.

Doch der wahre Reichtum des Henry Hübchen zeigt sich nicht in protzigen Statussymbolen. Während andere Stars ihrer Generation in PS-starken Sportwagen durch Berlin-Mitte dröhnen, setzt Hübchen auf eine ganz andere Form der Mobilität. Seine Gesundheit ist sein eigentlicher Ferrari. Als ehemaliger Brettsurfer in der DDR hat er eine tiefe Verbindung zu den Elementen bewahrt. Dass er mit Mitte 70 noch immer die körperliche Kraft besitzt, dem Wind und den Wellen zu trotzen, empfindet er als das kostbarste Gut, das man mit keinem Geld der Welt kaufen kann. Wenn er zwischen seinen Lebenswelten reist, wählt er die diskrete Lässigkeit: Man sieht ihn eher entspannt in der ersten Klasse der Bahn oder im Fond einer schlichten Limousine, wo er in Ruhe Drehbücher liest, während die Welt draußen im Stau verzweifelt.

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Das Herzstück seines Rückzugsortes liegt fernab der Hauptstadt. Wenn Berlin die Pflicht ist, dann ist die Ostsee die Kür. In der wildromantischen Region um Ahrenshoop oder auf dem Darß besitzt Hübchen ein Refugium, das Experten als das „Sylt des Ostens“ bezeichnen. Doch statt einer prunkvollen Villa mit goldenen Toren erwartet einen dort ein traditionelles Reetdachhaus, das sich fast unsichtbar in die Dünen duckt. Der Wert solcher Immobilien geht heute in die Millionen, doch für Hübchen ist der emotionale Wert unbezahlbar. Hier gibt es keinen roten Teppich, keine Paparazzi, nur den endlosen Horizont und das Rauschen der See. Es ist ein heiliger Ort der Stille, an dem er einfach nur Mensch sein darf.

Besonders faszinierend ist sein privates Glück, das er seit über 40 Jahren mit seiner Frau Sanna teilt. In einer Branche, in der Ehen oft schneller zerbrechen als Filmkulissen, haben die beiden ein Modell gefunden, das heute moderner wirkt denn je: „Living Apart Together“. Sie leben in getrennten Wohnungen und gönnen sich so den Luxus, sich bewusst vermissen zu können. Diese kluge Distanz hält die Liebe frisch und vermeidet die zermürbende Routine des Alltags. Es ist ein Arrangement, das auf tiefem Vertrauen und seelischer Verbundenheit basiert – purer emotionaler Luxus.

Hübchens Alltag im Jahr 2025 ist eine bewusste Absage an die digitale Hektik. Er hat keine sozialen Medien, postet kein Frühstücksbild auf Instagram und zählt keine Schritte. Stattdessen widmet er sich der Musik, spielt Klavier oder Gitarre – eine Leidenschaft, die schon in der DDR-Kultband City ihren Ausdruck fand. Er liest Drehbücher auf echtem Papier und genießt die Entschleunigung. Diese Authentizität ist es auch, die seine Tochter Theresa Hübchen geerbt hat, die längst selbst eine respektierte Schauspielerin ist. Henry ist kein Patriarch, der dominiert, sondern ein Mentor, der seine Kinder fliegen lässt.

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Trotz seines Rückzugs bleibt der „alte Löwe“ präsent. Sein aktuelles Projekt, die Fortsetzung der „Kundschafter des Friedens“, beweist, dass Erfahrung und Charme jede jugendliche Schnelligkeit schlagen. Seine Talkshow-Abende in den Theatern sind binnen Minuten ausverkauft. Die Menschen kommen nicht, um eine glatte Medienfigur zu sehen, sondern um den echten Hübchen zu erleben – mit all seinen Falten, seiner rauen Stimme und seiner politisch unkorrekten Ehrlichkeit. Er zeigt uns allen: Man muss nicht jung sein, um aufregend zu bleiben.

Henry Hübchen ist im Jahr 2025 mehr als nur ein Schauspieler; er ist der Grand Seigneur des deutschen Films. Sein Vermächtnis ist eine Haltung der Unbeugsamkeit. Er ist durch zwei völlig verschiedene politische Systeme gegangen, ohne sich jemals zu verbiegen oder zu verkaufen. Sein Leben lehrt uns, dass es nicht darum geht, ewig gegen den Strom zu schwimmen, sondern irgendwann das eigene Ufer zu finden und den Fluss des Lebens mit souveräner Ruhe zu beobachten. Das ist der ultimative Reichtum: ein Leben in Freiheit und ohne Angst.