Die Stunde der Abrechnung: Jens Spahn bricht das Vertrauen mit Schock-Aussage – War die Pandemiekommunikation von Anfang an eine politische Lüge?

Der Auftritt war mit Spannung erwartet worden, doch was sich vor der Enquete-Kommission abspielte, war weniger eine Aufklärung und mehr eine kalkulierte Eskalation. Jens Spahn, der ehemalige Bundesgesundheitsminister und eine der zentralen Figuren der deutschen Coronapolitik, trat vor die Volksvertreter, um seine Entscheidungen in jener Zeit zu verteidigen, die das Land in seinen Grundfesten erschütterte. Was er dabei jedoch von sich gab, war kein souveränes Einräumen von Fehlern, sondern eine radikale Umschreibung der Geschichte, die das Vertrauen von Millionen Bürgerinnen und Bürgern in die damalige Kommunikation fundamental erschüttert.

Inmitten der nüchternen, juristischen Atmosphäre der Kommission lieferte Spahn eine Aussage, die sofort die Herzen und Köpfe der Öffentlichkeit in Brand setzte. Er behauptete, das Ziel der Impfstoffforschung und -beschaffung sei nie der Schutz vor Ansteckung und Übertragung gegenüber Dritten gewesen, sondern ausschließlich der Schutz vor schweren Verläufen. Diese Zahl, diese Behauptung, diese Umdeutung des zentralen Narrativs, das uns über zwei Jahre lang begleitet hatte, wirkte wie ein kalter Schlag ins Gesicht derer, die sich in erster Linie impfen ließen, um ihre Liebsten, um ihre Gesellschaft zu schützen. Eine einzige, vermeintlich sachliche Behauptung stellte das gesamte kommunikative Fundament der deutschen Pandemiestrategie infrage.

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Der große Widerspruch: Die Wahrheit versus das Archiv

Spahns Versuch, die damaligen Ziele retrospektiv zu verengen und zu rationalisieren, stieß sofort auf scharfen Widerspruch. Denn das Internet vergisst nicht. Und glücklicherweise sind die leidenschaftlichen, dringlichen Appelle des damaligen Gesundheitsministers aus den Jahren 2021 und 2022 minutiös dokumentiert. Die Montage der historischen Videoausschnitte, die im Zuge der Berichterstattung kursierte, entlarvte den Schockmoment seiner neuen Aussage als einen massiven Widerspruch zur damaligen Realität.

Es war Jens Spahn selbst, der in zahlreichen Pressekonferenzen und öffentlichen Interviews die Impfung als einen Akt der gesellschaftlichen Solidarität darstellte. Er war es, der die Impfung als den “Weg raus aus dieser Pandemie” beschrieb und betonte: “Wir schützen durch eine Impfung uns selber und wahrscheinlich auch andere.” Sätze wie “er riskiert auch, das Virus weiterzuverbreiten” (wenn man zögert) oder “denn sie schützen damit sich und andere” (mit Blick auf beruflich Exponierte) waren zentrale Säulen seiner Argumentation. Der emotionalste, am stärksten auf Solidarität abzielende Slogan lautete: “Jeder, der sich impfen lässt, der schützt sich selbst, aber er schützt eben auch diejenigen, die sich etwa nicht impfen lassen können.” Er fasste zusammen: “Keiner impft für sich allein.”

Die Diskrepanz zwischen der einstigen, emotional aufgeladenen und auf Infektionsschutz ausgerichteten Rhetorik und der nun vor der Kommission geäußerten, klinischen Behauptung, es sei “nie Ziel” der Entwicklung gewesen, ist mehr als nur ein politischer Fauxpas. Sie ist ein Vertrauensbruch von historischer Dimension. Sie nährt den tief sitzenden Verdacht vieler Bürger, dass die Kommunikation der Bundesregierung während der Krise nicht immer der wissenschaftlichen Realität folgte, sondern politischem Kalkül zur Erreichung einer möglichst hohen Impfquote.

Diese nachträgliche Relativierung lässt Millionen von Menschen fassungslos zurück, die sich aus einem tiefen Gefühl der Pflicht und des Schutzes für andere haben impfen lassen. Die Frage, die nun im Raum steht, ist zutiefst verstörend: Wurden die Bürger bewusst in dem Glauben gelassen, sie könnten die Pandemie durch Solidarität beenden, obwohl die eigentlichen, wissenschaftlich gesicherten Ziele von Anfang an enger gefasst waren? Spahns Aussage liefert der Skepsis und dem Gefühl der Täuschung, das in Teilen der Gesellschaft längst gärt, eine neue, brisante Nahrung.

Der Schlagabtausch: Jagd auf Ungeimpfte und die Spaltung

Die Spannung in der Kommission entlud sich in einem hitzigen Schlagabtausch, der die emotionale und gesellschaftliche Spaltung der Coronazeit schonungslos offenlegte. Herr Lausen konfrontierte Jens Spahn mit der wohl schärfsten Anschuldigung: Die Formel von der “Pandemie der Ungeimpften” sei eine “sehr brutale Formel” gewesen, die de facto eine “Jagd auf Ungeimpfte” gestartet habe.

Diese Konfrontation zielte direkt auf die kommunikative Strategie, die Ungeimpfte zu Sündenböcken zu erklären und damit einen enormen sozialen Druck aufzubauen. Herr Lausen führte drastische Beispiele an – die Menschen, die “nicht mehr auf dem Weihnachtsmarkt” einen Glühwein durch die Gitter gereicht bekamen – um die realen, oft demütigenden Konsequenzen dieser Rhetorik zu verdeutlichen. Er beschuldigte Spahn, mit diesem Slogan zur Spaltung der Gesellschaft beigetragen zu haben.

Spahn wies die Anschuldigung, er habe eine “Jagd” eröffnet, vehement zurück. Er verteidigte den Slogan mit dem Hinweis auf die statistisch signifikant höhere Wahrscheinlichkeit von schweren Verläufen bei Ungeimpften. Doch Lausen widersprach scharf: Er beharrte darauf, dass die oft wiederholte Behauptung, die Intensivstationen seien “voll mit Ungeimpften,” zu keinem Zeitpunkt gestimmt habe.

Dieser öffentliche Disput um die Datenlage des Pandemiegeschehens und die Rechtfertigung der damaligen Politik ist von immenser Bedeutung. Er zeigt, dass selbst Jahre nach der Krise keine gemeinsame Basis der Fakten oder eine allgemeine Anerkennung der historischen Wahrheit existiert. Die politischen und medialen Darstellungen von damals, die eine Zwei-Klassen-Gesellschaft schufen und Ungeimpfte massiv marginalisierten, werden von den Betroffenen nicht vergessen und nicht als historische Notwendigkeit akzeptiert. Spahns Verteidigung seiner damaligen Rhetorik, obwohl er einräumte, dass man “aus heutiger Sicht da manches anders machen” würde, wurde als halbherzig und unzureichend empfunden. Die Weigerung, die volle Verantwortung für die Härte der gesellschaftlichen Spaltung zu übernehmen, war in diesem Moment spürbar.

Ex-Minister Spahn erklärt Aussage zu "Pandemie der Ungeimpften" |  tagesschau.de

Die kalte Abfuhr: Amnestie und die Angst vor Aufklärung

Der vielleicht emotionalste Höhepunkt des Auftritts war jedoch Spahns klare Haltung zu zwei zentralen Fragen der Aufarbeitung: der Amnestie und dem Untersuchungsausschuss zu den Maskendeals.

Herr Lausen forderte den ehemaligen Minister direkt auf, sich für ein Amnestiegesetz auszusprechen. Dieses Gesetz würde jenen Menschen Vergebung bringen, die aufgrund der Coronapolitik strafrechtlich verfolgt wurden oder ihre Karriere verloren, beispielsweise Polizisten, Soldaten oder Ärzte, die wegen falscher Impfpässe oder Maskenatteste verurteilt wurden. Es ist eine Frage der politischen Versöhnung, des Neuanfangs und der Anerkennung, dass die damaligen Zwänge und die gesellschaftliche Hysterie Menschen zu Verzweiflungstaten trieben. Spahns Antwort war ein klares, unmissverständliches “Nein.”

Diese Weigerung, sich für eine generelle Vergebung einzusetzen, wird von den Kritikern als ein Zeichen der Unnachgiebigkeit und mangelnden Bereitschaft zur nationalen Versöhnung gewertet. Sie signalisiert, dass die politische Elite nicht bereit ist, die Fehler der damaligen Überhitzung anzuerkennen und den Betroffenen eine Brücke zu bauen. Die Entscheidung, auf juristische Härte zu setzen, statt auf die Kraft der Vergebung, vertieft die Gräben und zementiert das Gefühl der Ungerechtigkeit bei jenen, die sich als Opfer der damaligen Politik sehen.

Ebenso brisant war Spahns Haltung zu den hartnäckigen Vorwürfen der Bereicherung bei den Maskendeals. Obwohl die Vorwürfe, er oder sein näheres Umfeld hätten bei der Beschaffung persönliches oder finanzielles Kapital geschlagen, immer noch im Raum stehen und von ihm stets abgestritten wurden, verweigerte Spahn konsequent seine Zustimmung zu einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Ein solcher Ausschuss hätte die nötigen Mittel und Befugnisse, um die Abläufe der milliardenschweren Beschaffungsaktionen restlos aufzuklären und die Vorwürfe ein für alle Mal auszuräumen – oder zu belegen.

Sein kategorisches Nein zu diesem Instrument der parlamentarischen Kontrolle spricht eine deutliche Sprache. Es nährt den Verdacht, dass hinter den Kulissen der Krise möglicherweise mehr vertuscht werden soll, als man der Öffentlichkeit zugestehen möchte. Die Aufklärung der Maskendeals gilt vielen als der wichtigste Lackmustest für die Glaubwürdigkeit der damaligen politischen Führung. Spahns Weigerung, diese vollständige Transparenz zuzulassen, hinterlässt ein düsteres Gefühl und signalisiert, dass die volle Rechenschaftspflicht weiterhin nur ein Versprechen bleibt.

Corona-Krise: Für Gesundheitsminister Jens Spahn geht es um alles | FAZ

Das schale Fazit der Aufarbeitung

Jens Spahns Auftritt vor der Enquete-Kommission war mehr als eine Befragung – er war ein Moment der politischen Wahrheit, der jedoch vor allem eines zutage förderte: die Unversöhnlichkeit der Positionen und die fortbestehende Kluft zwischen politischem Handeln und öffentlicher Wahrnehmung.

Die Schock-Aussage über das “wahre” Impfziel entlarvt eine politische Kommunikation, die im Angesicht der Krise möglicherweise zu Mitteln griff, deren Wahrheitsgehalt fragwürdig war. Der hitzige Schlagabtausch über die “Jagd auf Ungeimpfte” zeigt, wie tief die Wunden der gesellschaftlichen Spaltung noch sind. Und die klare Ablehnung von Amnestie und Untersuchungsausschuss sendet ein ernüchterndes Signal: Es wird keine generelle Vergebung geben, und die vollständige Aufklärung der finanziellen Machenschaften während der Krise wird weiterhin aktiv behindert.

Spahns kleine Konzession am Rande, er würde kommunikativ einiges anders machen, verhallt angesichts der massiven Widersprüche und der Verweigerungshaltung. Sein Erscheinen vor der Kommission hat nicht zur Beruhigung oder zur Versöhnung beigetragen. Im Gegenteil: Es hat die Zweifel an der Integrität der damaligen Entscheidungen verschärft und befeuert die Diskussion darüber, ob die Aufarbeitung der Coronapolitik in Deutschland wirklich zu einer ehrlichen und transparenten Rechenschaftslegung führen wird – oder ob am Ende nur die schalen Reste einer nachträglich korrigierten Erzählung übrig bleiben. Die Uhr der Aufklärung läuft, doch die Zeit für die ungeschminkte Wahrheit scheint noch nicht gekommen.