Herzlich willkommen zurück auf der   verborgenen Bühne. Heute öffnen wir den   Vorhang für eine Geschichte, die lange   Zeit im Dunkeln lag. Wenn wir an Franz   Gull denken, sehen wir sofort dieses   strahlende Lächeln vor uns. Wir hören   ihre helle Stimme, die uns mit Liedern   wie ein bisschen Gote, ein bisschen   Bonaparte oder zwei Apfelsien im Haar   verzauberte.

 

 Für uns in Deutschland war   sie mehr als nur eine Sängerin aus dem   Nachbarland. Sie war der Sonnenschein   einer ganzen Generation, das süße   Mädchen, das Unbeschwertheit und Freude   in unsere Wohnzimmer brachte. Doch wieo   oft im gleißenden Rampenlicht war der   Schatten, den es warf, länger und   kälter, als wir es je ahnen konnten.   Hinter diesem unvergesslichen Lächeln   verbarg sich eine Frau, die über   Jahrzehnte hinweg eine tiefe Wunde in   ihrem Herzen trug.

 

 Eine Wunde, die nicht   durch den Ruhm geheilt werden konnte,   sondern durch ihn erst entstanden war.   Lange Zeit hüllte sie sich in Schweigen.   Sie zog sich zurück, weit weg von den   Kameras, die ihr Leben einst   dokumentierten. Doch am Ende ihres   Weges, als sie auf ein Leben voller   Höhen und unfassbarer Tiefen   zurückblickte, ließ sie die Maske der   perfekten Puppe fallen.

 

 Franz Gull   sprach aus, was sie so lange verdrängt   hatte. Es gab Menschen in ihrem Leben,   denen sie nie verziehen hat. Es waren   keine Feinde aus der Ferne, sondern   jene, die ihr am nächsten standen. In   ihrer späten Wahrheit nannte sie drei   Schatten, die ihre Seele verdunkelten.   Da war ein Geliebter, der ihr Herz genau   in dem Moment brach, als sie auf dem   Gipfel der Welt stand.

 

 Da war ein   musikalisches Genie, das ihre kindliche   Unschuld für einen schmutzigen Skandal   missbrauchte, der sie fast zerstörte.   Und da war eine gnadenlose Maschinerie,   die ihr das kostbarste Stahl, was ein   Mensch besitzen kann, ihre eigene   Jugend.   Wie konnte es geschehen, dass der   Liebling einer ganzen Nation hinter den   Kulissen so sehr leiden musste? Warum   ließ sie sich von diesen mächtigen   Männern manipulieren? Und warum wurde   ausgerechnet Deutschland zu ihrem   Zufluchtsort, als ihre Heimat Frankreich   sie verspottete? Bevor wir die Namen   Jena Franz Gall niemals vergeben konnte,   müssen wir verstehen, wie leicht es war,   diesen Engel mit gebrochenen Flügeln in   einen goldenen Käfig zu sperren. Alles   begann mit einer Kindheit, die wie ein   Märchen aussah, aber in Wahrheit bereits   das erste Kapitel ihrer Tragödie war.   Um zu verstehen, warum Franz Gull am   Ende ihres Lebens so verbittert auf ihre   Anfangsjahre zurückblickte, müssen wir   in die Zeit zurückreisen, in der alles   begann. Sie wurde nicht einfach nur   berühmt, sie wurde dazu gemacht. Als

 

  Tochter eines erfolgreichen Lietexter   wuchs sie in einer Welt auf, in der   Musik allgegenwärtig war. Doch es war   keine Welt der freien Entfaltung. Schon   mit zarten 16 Jahren wurde sie ins kalte   Wasser der Showbranche geworfen. Ein   Alter, in dem andere Mädchen ihre ersten   Geheimnisse mit Freundinnen teilen,   stand sie bereits unter der strengen   Aufsicht von Managern und Produzenten.

 

  Ihr Vater, so talentiert er auch war,   trieb und die Industrie erkannte sofort   ihr Potenzial. Sie war hübsch, sie war   blond und vor allem war sie formbar. Sie   wurde zur Projektionsfläche für die   Träume von Millionen, aber niemand   fragte das junge Mädchen, was es selbst   träumte.   Der erste gigantische Höhepunkt, der sie   unsterblich machen sollte, kam im Jahr   1965   beim Eurovision Song Contest.

 

 Mit dem   Lied Puped de Sir Puped de Son,   geschrieben von Serge Gburg, holte sie   den Sieg für Luxemburg. Ganz Europa lag   ihr zu Füßen. Das Lied war ein   Meisterwerk, ein treibender Rhythmus,   modern und frech. Doch hören Sie einmal   genau auf den Text. Es ist fast zynisch,   dass sie ausgerechnet mit einem Lied   gewann, indem sie singt, sie sei nur   eine Wachspuppe, eine Klangpuppe.

 

 Sie   sang vor einem Millionen Publikum über   ihr eigenes Schicksal als Marionette,   ohne zu begreifen, wie grausam war diese   Worte eigentlich waren. Die Welt feierte   den eingängigen Beat, aber für France   war es der Moment, in dem ihr Image als   naives blondes Objekt endgültig in Stein   gemeißelt wurde.   Doch es gab einen Ort, an dem sie sich   besonders geborgen fühlte und das war   hier bei uns in Deutschland.

 

 In den   späten 60er und 70er Jahren wurde Franz   Gull zu einem echten deutschen   Schlagerstar. Wir liebten sie für ihren   charmanten Akzent und ihre fröhliche   Ausstrahlung. Erinnern Sie sich noch an   die Melodien, die aus jedem Radio   tönten? Lieder wie ein bisschen Gote,   ein bisschen Bonapart oder das wunderbar   Skorile der Computer Nummer 3 machten   sie zur Königin der deutschen   Hitparaden.

 

 Für das deutsche Publikum   war sie der Inbegriff von Lebensfreude.   Eine junge Frau, die Leichtigkeit in   einen oft grauen Alltag brachte. Sie   gewann den goldenen Otto der Bravo. Sie   war in jeder großen Fernsehshow zu Gast   und für einen Moment schien es als ob   die Liebe der deutschen Fans ihr jene   Wärme geben könnte, die ihr die kalte   Maschinerie in Frankreich oft verwehrte.

 

  Aber lassen Sie sich nicht täuschen.   Während sie auf den Bühnen von München   bis Hamburg strahlte und uns mit zwei   Apfelsienen im Haar zum Tanzen brachte,   fühlte sie sich innerlich immer leer.   Sie später gestand, dass sie diese   Lieder oft gar nicht mochte. Sie fühlte   sich fremd gesteuert, gezwungen, Rollen   zu spielen, die sich Männer in Anzügen   für sie ausgedacht hatten.

 

 Der Ruhm war   gewaltig, die Hallen waren ausverkauft   und sie war die unangefochtene   Prinzessin des Pop. Doch in den stillen   Momenten im Hotelzimmer, wenn der   Applaus verklungen war, begann die   Fassade zu bröckeln. Sie war ein Star,   ja, aber sie war auch eine Gefangene   ihres eigenen Erfolgs. Und genau in   dieser Zeit des glänzenden Aufstiegs   lauerten bereits die Schatten, die sich   bald über ihr Leben legen sollten, denn   der Mann, der ihr den Sieg beim Grand   Prix geschenkt hatte, bereitete im   Hintergrund bereits jenen Skandal vor,   der ihre Unschuld für immer zerstören   sollte.   Während das Publikum Franz auf der   Leinwand und den Titelseiten der   Magazine anstrahlte, spielten sich   hinter den Kulissen Dramen ab, die ein   junges Herz für immer vernarben sollten.   Wir kommen nun zu jenem dunklen Kapitel,   das Franz Guy bis an ihr Lebensende   nicht verzeihen konnte. Es ist die   Geschichte eines unfassbaren Verrats   durch einen Mann, den sie bewunderte.   Serge Gsburgh, das unberechenbare Genie   der französischen Musik, schrieb ihr

 

  1966 das Lied Leusette zu Deutsch: Die   Dauerlutscher. Für die 18-jährige France   war es ein unschuldiges Kinderlied über   ein Mädchen, das gerne Süßigkeiten   nascht. Mit ihrer glockenhellen Stimme   und ihrem naiven Charm sang sie es   voller Inbrunst im festen Glauben, den   Menschen eine kleine süße Freude zu   bereiten.

 

 Sie ahnte nicht, dass sie in   eine perfide Falle getappt war.   Gensburg hatte den Text mit einer   doppelten Bedeutung versehen, gespickt   mit schlüpfrigen sexuellen Anspielungen,   die für jeden Erwachsenen offensichtlich   waren, nur nicht für das junge Mädchen,   das sie vortrug. Als das Lied   veröffentlicht wurde, lachte ganz   Frankreich, aber sie lachten nicht mit   ihr, sie lachten über sie.

 

 Franz Gull   wurde unwissentlich zur   Hauptdarstellerin eines geschmacklosen   Witzes gemacht. Als sie endlich begriff,   was sie da eigentlich gesungen hatte,   war der Schock überwältigend. Sie fühlte   sich benutzt, vorgeführt und zutiefst   gedemütigt. Später erzählte sie, dass   sie sich wochenlang in ihrer Wohnung   einschloss, unfähig, den Blicken der   Menschen zu begegnen.

 

 Sie hatte den   Männern in der Industrie vertraut und   dieses Vertrauen wurde auf die   grausamste Weise missbraucht, um Platten   zu verkaufen. Dies war der Moment, indem   sie ihren Glauben an die Ehrlichkeit der   Branche verlor. Ein Verrat, der wie ein   Stachel in ihrer Seele sitzen blieb.   Doch die Grausamkeit der Männerwelt   beschränkte sich nicht nur auf ihre   Karriere.

 

 Auch in ihrem Privatleben   musste sie lernen, dass Ruhm einen   bitteren Preis hat. Wir dürfen den Namen   Claude François nicht vergessen, den   berühmten Sänger, den sie liebte.   Erinnern wir uns an die Nacht ihres   größten Triumphs beim Grand Prix. In dem   Moment, als sie die Trophäe in den   Händen hielt und ihn voller Euphorie   anrief, um ihr Glück mit ihm zu teilen,   erlebte sie die Kälte purer Eifersucht.

 

  Anstatt ihr zu gratulieren, herrschte er   sie an und sagte jene Sätze, die sie   zerstörten: “Du hast gewonnen, aber du   hast mich verloren.” Er konnte es nicht   ertragen, dass sie heller strahlte als   er. So stand sie da, die gefeierte   Siegerin von Europa, mit Tränen in den   Augen, die die Welt für Freuden Tränen   hielt, während sie innerlich zerbrach.

 

  Diese Erlebnisse formten ein Bild von   der Welt, das düster und bedrohlich war.   Sie war umgeben von Menschen, die sie   wie eine wertvolle Puppe behandelten.   Schön anzusehen, profitabel, aber ohne   eigene Gefühle. Manager bestimmten ihren   Zeitplan. Produzenten diktierten ihre   Lieder und die Männer, die sie liebte,   verletzten sie aus Eitelkeit.

 

 Sie hatte   Geld, sie hatte Ruhm, aber sie hatte   keine Stimme über ihr eigenes Leben. Die   Branche saugte ihre Jugend aus, bis sie   sich nur noch wie ein Produkt fühlte,   leer und ausgebrannt. Doch das Schicksal   war noch nicht fertig mit ihr. Gerade   als sie versuchte, sich aus diesem Netz   der Manipulation zu befreien und als   erwachsene Frau ihren eigenen Weg zu   gehen, wartete eine noch größere   persönlichere Tragödie auf sie, die   alles bisherige in den Schatten stellen   sollte.

 

  Doch gerade als man glaubte, dass Happy   End sei endlich geschrieben, schlug das   Schicksal mit einer Härte zu, die selbst   die stärkste Seele brechen würde. Nach   den Jahren der Manipulation fand Franz   Gull in dem Komponisten Michel Berger   nicht nur ihre große Liebe, sondern auch   ihre wahre Stimme.

 Mit ihm erschuf sie   Hymnen wie Ella, Ella, Lieder, die nicht   mehr von naiven Puppen handelten,   sondern von starken Frauen und Freiheit.   Sie war endlich angekommen. Sie war   Ehefrau, Mutter und eine respektierte   Künstlerin. Alles schien perfekt. Doch   das Leben, so grausam es sein kann,   wartete nur auf den Moment, um ihr alles   wieder zu entreißen.

 

  Es begann an einem heißen Sommertag im   August 1992.   In ihrem Feriendomizil in Ramaduelle,   einem Ort, der eigentlich für lachen und   Sonnenschein stand, brach ihre Welt   innerhalb von Sekunden zusammen. Michel   Berger, ihr Seelenverwandter, der Mann,   der ihr gezeigt hatte, wer sie wirklich   war, starb völlig unerwartet an einem   Herzinfarkt nach einer Partie Tennis.

 

 Er   war erst 44 Jahre alt. Von einem Moment   auf den anderen war Franz Gall Witwe.   Die Öffentlichkeit trauerte um ein   Musikgenny, aber Franz verlor den Boden   unter den Füßen. Sie stand allein da im   grellen Scheinwerferlicht, das plötzlich   keine Wärme mehr spendete, sondern nur   noch ihre Einsamkeit beleuchtete.

 

 Aber   das Grauen hatte erst begonnen.   Während sie versuchte, den Verlust ihres   Mannes zu verarbeiten, kämpfte sie im   Verborgenen einen noch viel   schmerzhafteren Kampf. Ihre geliebte   Tochter Pauline litt an Mukovisidose   einer unheilbaren Stoffwechselkrankheit.   Jahrelang hatte Franz Gull versucht ihre   Kinder vor der Öffentlichkeit zu   schützen.

 

 Doch nun wurde das Krankenhaus   zu ihrem zweiten Zuause. Die gefeierte   Sängerin verwandelte sich in eine   pflegende Mutter, die Nacht für Nacht am   Bett ihres Kindes wachte und gegen eine   Krankheit kämpfte, die nicht zu besiegen   war. Im Jahr 1997, nur 5 Jahre nach dem   Tod ihres Mannes, verlor sie auch   Pauline.

 

 Das Mädchen war gerade erst 19   Jahre alt.   Stellen Sie sich diesen Schmerz vor. Die   Frau, die Millionen Menschen mit ihrer   Musik Freude geschenkt hatte, saß nun in   einem leeren Haus umgeben von goldenen   Schallplatten, die plötzlich völlig   wertlos erschienen. Der Ruhm konnte ihre   Tochter nicht retten. Das Geld konnte   die Zeit nicht zurückdrehen.

 

 Die   Industrie, die immer nur nach dem   nächsten Hit verlangte, drehte sich   weiter. Doch für Franz blieb die Zeit   stehen. Sie fühlte sich von Gott und der   Welt verlassen. Die Medien fragten nach   einem Comeback nach neuen Liedern   unfähig zu begreifen, dass die Musik in   ihr gestorben war. Sie zog sich   vollkommen zurück, hüllte sich in einen   Mantel aus Schweigen und Trauer.

 

 Die   Bühne, die einst ihr Leben war, fühlte   sich nun an wie ein fremder Planet. Doch   dieses Schweigen sollte nicht ewig   währen, denn in der Tiefe ihrer   Isolation wuchs der Entschluss ein   letztes Mal vorzutreten, nicht um zu   singen, sondern um abzurechnen.   Es dauerte Jahrzehnte, bis Franz Gull   die Kraft fand, dieses bleierndne   Schweigen endgültig zu brechen.

 

 In ihren   letzten Lebensjahren, als sie bereits   wusste, dass ihre Zeit auf dieser Erde   begrenzt war, entschied sie sich dazu,   die Maske der ewigen Freundlichkeit   abzulegen. Sie wollte nicht als das   naive Mädchen in die Geschichte   eingehen, das nicht wusste, was es sang,   sondern als eine Frau, die die   Deutungshoheit über ihr eigenes   Schicksal zurückforderte.

 

 In seltenen,   aber kraftvollen Interviews und   Rückblicken kurz vor ihrem Tod öffnete   sie ihr Herz und nannte die Dinge beim   Namen. Es war keine wütende Abrechnung   voller Lärm, sondern eine leise, aber   unerbittliche Anklage gegen jene, die   ihr Leben gezeichnet hatten. Sie sprach   über die drei großen Wunden, die nie   verhalten und über die Menschen, denen   sie im Stillen nie verziehen hat.

 

  Zuerst richtete sie den Blick auf Serge   Gensbore, jenen Mann, den die Welt als   Genie feierte. Für Franz war er der   Architekt ihrer größten Demütigung. Mit   einer Klarheit, die Gänsehaut   verursachte, gestand sie, dass sie ihm   den Verrat mit dem Lied Lesette nie   vergeben konnte. Er hatte ihre Unschuld   missbraucht, um einen billigen Skandal   zu provozieren und sie damit zur   Zielscheibe des Spottes gemacht.

 

 Sie   sagte, sie habe sich gefühlt wie eine   Ware, die beschmutzt wurde und dieser   Schmerz über den Verlust ihrer Würde saß   tiefer als jeder misslungene Auftritt.   Es war der Moment, in dem sie aufhörte   ein Kind zu sein, nicht aus freiem   Willen, sondern durch Zwang.   Dann sprach sie über die Kälte in der   Liebe, symbolisiert durch Claude   François.

 

 Auch wenn die Zeit viele   Wunden heilt, blieb die Erinnerung an   jene Nacht des Eurovision Song Contest   ein Stachel in ihrem Herzen. Ihm nicht   zu verzeihen, war für sie kein Akt der   Rache, sondern ein Akt der späten   Selbstachtung. Sie erkannte, dass ein   Mann, der ihren Erfolg nicht ertragen   konnte, sie nie wirklich geliebt hatte,   indem sie diese schmerzhafte Wahrheit   öffentlich machte, befreite sie sich von   der Last, sich schuldig für ihren   eigenen Ruhm gefühlt zu haben.

 

  Und schließlich klagte sie das System   an. Jene unsichtbare, aber allmächtige   Maschinerie aus Managern, Produzenten   und sogar der eigenen Familie, die ihr   die Jugend stahlen. Sie sprach von den   Jahren, in denen sie wie ein Zirkus   fährt durch die Arenen getrieben wurde,   ohne Pause, ohne Rücksicht auf ihre   Seele.

 

 Sie nannte keine Namen von   Managern, denn sie meinte sie alle. Sie   verzieh ihnen nicht, dass sie ihr das   Recht genommen hatten, einfach nur ein   Mensch zu sein, Fehler zu machen und zu   wachsen. Indem sie diese drei Schatten   benannte, den Verräter der Unschuld, den   Verräter der Liebe und den Dieb ihrer   Zeit, holte sie sich ihre Macht zurück.

 

  Sie suchte kein Mitleid, sie suchte   Wahrheit. Und mit diesen Worten   bereitete sie ihren eigenen Abschied   vor, nicht als Opfer, sondern als eine   Überlebende, die endlich Frieden   schließen wollte.   Am 7. Januar 2018 verstummte die Stimme   von Franz Gull für immer. Sie ging an   einem Sonntagmgen leise und diskret,   genauso wie sie ihre letzten Jahre   gelebt hatte.

 

 Doch ihr Abschied   hinterlässt uns nicht nur mit Trauer,   sondern auch mit vielen unbequemen   Fragen. Wenn wir heute ihre alten   Platten auflegen und ihre fröhlichen   Lieder hören, schwingt nun immer eine   gewisse Melancholie mit. Ihre Geschichte   zwingt uns hinter die glitzernde Fassade   der Unterhaltungsindustrie zu blicken.

 

  Wir müssen uns fragen, wie viele andere   junge Künstler genau wie Sie, ihre   Seelen für unseren Applaus verkaufen   mussten. War der Preis für ihren Ruhm   ihre eigene Identität? Haben wir als   Publikum zu lange nur das lächelnde   Püppchen gesehen und den weinenden   Menschen dahinter ignoriert?   Die Geschichte von Franz Gull ist eine   Mahnung an uns alle.

 

 Sie zeigt uns, dass   Ruhm und Reichtum keinen Schutz vor den   grausamen Schlägen des Schicksals   bieten. Im Gegenteil, oft machen sie die   Einsamkeit nur noch unerträglicher, aber   ihre Geschichte ist auch ein Zeugnis von   unglaublicher Stärke. Trotz der   Ausbeutung, trotz des Verrats und trotz   der unfassbaren Verluste ist sie nicht   zerbrochen.

 

 Indem sie am Ende ihres   Lebens ihr Schweigen brach und die Namen   derer nannte, die ihr Unrecht getan   hatten, vollzog sie ihren letzten und   wichtigsten Akt der Befreiung. Sie   weigerte sich, das Opfer zu bleiben. Sie   nahm die Fäden, an denen man sie so   lange tanzen ließ und zerschnitt sie mit   der scharfen Klinge der Wahrheit.

  Heute erinnern wir uns an Franz Gull   nicht nur als die Sängerin, die   Deutschland verzauberte. Wir erinnern   uns an eine Mutter, die bis zum letzten   Atemzug um ihr Kind kämpfte. Wir   erinnern uns an eine Ehefrau, die ihre   große Liebe verlor und dennoch   weiterlebte. Und wir erinnern uns an   eine Frau, die den Mut hatte,   unversöhnlich zu sein, wenn es darum   ging, ihre Würde zu verteidigen.

 

  Vielleicht hat sie nun dort, wo sie   jetzt ist, endlich jenen Frieden   gefunden, den ihr die Welt hier unten   verwehrt hat. Vielleicht ist sie wieder   vereint mit Michelle und Pauline an   einem Ort, an dem es keine Scheinwerfer   gibt, sondern nur das sanfte Licht der   Ewigkeit.

 

 Ihre Musik wird bleiben, aber   die Frau Franz Gall gehört nun endlich   nur sich selbst. Danke, dass Sie heute   auf der verborgenen Bühne dabei waren,   um hinter den Vorhang dieses bewegten   Lebens zu blicken. Vergessen Sie nicht   zuzuhören, bevor die Lichter ausgehen.