Musste gar nicht erst nach Fragen. Ich fren und es ist still geworden um sie. Jahrzehnte nach dem Lärm, nach der Wut, da sitzt eine Frau und ihr Gesicht ist eine Landkarte, eine Landkarte ihres Lebens. Das ist Nina Hagen. Nicht die Pgöttin, nicht die Karikatur, sondern der Mensch dahinter.
Die Welt erinnert sich an ihren Schrei, einen gewaltigen Schrei, der das satte satte Nachkriegsdeutschland in seinen Grundfesten erschütterte. Heute aber ist ihre Stimme leise und doch ist sie lauter als je zuvor, denn sie bricht ein Schweigen. Sie wird fünf Dinge benennen, fünf Wunden, denen sie niemals vergeben wird.
Aber warum? Warum jetzt? War ihr berühmter Wahnsinn nur eine Show, eine kalkulierte Provokation? Oder war er vielleicht der einzige Schutzschild? Ein Schutzschild gegen eine Industrie, die Seelen frisst für eine ganze Generation in einem zerrissenen Land? war sie die Freiheit, ein Symbol, ein Ausrufezeichen. Doch hinter der Bühne herrschte die Stille und in der Stille tobten die wahren Kämpfe.
Kämpfe, von denen niemand etwas wusste. Die Welt glaubte, sie zu kennen. Die Welt lag falsch. Ihre wahre Geschichte beginnt erst jetzt. Mitte der 70er Jahre, Westberlin. Die Stadt war eine Insel, eine Insel des Lärms, der Kunst und des kreativen Wahnsinns. Und in dieses Epizentrum der Gegenkultur trat eine junge Frau aus dem Osten.
Ihr Name war Nina Hagen und sie war wie eine Naturgewalt. Sie fand Musiker, Gleichgesinnte. Zusammen gründeten sie die Nina Hagenband. Und im Jahr 1978 explodierte eine Bombe in der deutschen Musikszene. Ihr Debütalbum einfach nur Nina Hagenband genannt. Es war anders als alles, was man je gehört hatte. Es war roh, theatralisch, gefährlich.
Lieder wie TVglotzer wurden zu Hymnen. Ein sarkastischer Kommentar auf eine satte, selbstzufriedene Gesellschaft. Der Song auf dem Bahnhof zo malte ein düsteres, aber ehrliches Bild von Berlin. Ohne Filter. Deutschland war schockiert und gleichzeitig fasziniert. Die Jugend hatte endlich eine Stimme gefunden.
Eine Stimme, die ihre Wut, ihre Langeweile und ihre Sehnsüchte herausschrie. Nina war das absolute Gegenteil des deutschen Spießbürgers. Sie war bunt, wo alles grau war. Sie war laut, wo alle flüsterten für einen kurzen, glorreichen Moment war sie die unangefochtene Königin. Die Presse nannte sie die Godmother of Punk. Jede Talkshow wollte sie haben, jede Titelseite gehörte ihr.
1979 folgte das zweite Album. Der Titel war Programm: Unbehagen. Und genau das löste sie aus. Ein tiefes Unbehagen in der heilen Welt der Erwachsenen. Ihre Stimme war ein Instrument, das sie beherrschte wie keine andere. Von opnhaften Koloraturen zu tiefem Kehligem Knurren. Sie spielte keine Rolle.
Sie war die Rolle. Es muss sich angefühlt haben wie ein Rausch. Die absolute Freiheit, endlich die zu sein, die sie immer sein wollte. Doch auf dem Gipfel des Ruhums spürte sie einen ersten kalten Hauch, den Druck, den Druck immer noch schockierender zu sein. Noch lauter, noch wilder, langsam begann sie zu verstehen, dass das Phänomen Nina Hagen größer wurde als der Mensch Nina Hagen selbst.
Und dieses Phänomen begann ein Eigenleben zu entwickeln. Die Kameras liebten sie, die Titelseiten der Magazine, das Fernsehen, aber sie zeigten nur die Hälfte der Wahrheit, denn hinter der Fassade der unbesiegbaren Punkkönigin begann ein Riss zu entstehen. Der Ruhm war kein Geschenk, er war ein Vertrag und die Industrie forderte ihren Preis.
Der erste Druck kam von den Plattenfirmen. Sie sahen kein Kunstwerk, sie sahen ein Produkt. Ein Produkt, das sich verkaufen musste. Immer und immer wieder der Zyklus war unerbittlich. Album Tour Interviews. Nächstes Album. Ihre Kreativität wurde zu einem Zeitplan, ihre Kunst zu einer Ware. Dies war die erste Wunde, das erste, was sie niemals vergeben würde, der Verrat an der Kunst für den Prophet.
Dann kam der Schmerz, der tiefer saß, der Bruch mit ihrer Band. Ende 1979. Es war keine einfache Trennung, es war eine kreative Scheidung, hässlich und laut. Die Männer, die ihre musikalischen Brüder waren, standen plötzlich auf der anderen Seite. Es ging um Kontrolle, um die Richtung, um das Geld. Das Vertrauen war zerbrochen und mit ihm ein Teil ihrer Seele.
Dies war die zweite Wunde, der Verlust des Vertrauens zwischen künstlerischen Partnern. Gleichzeitig baute die Presse einen Käfig um sie, einen goldenen Käfig. Sie hatten ihre Karikatur erschaffen, die verrückte Nina. Und sie verlangten, dass sie jeden Tag in dieser Rolle auftrat. War sie nachdenklich? Galt sie als schwierig? War sie fröhlich? War es nicht authentisch? Sie konnte nicht gewinnen.
Ihre Persönlichkeit wurde zu einer Schlagzeile, zu einem Witz. Sie hörte auf, ein Mensch zu sein. Sie wurde zu einer Marke. Die dritte Wunde von den Medien zu einer Karikatur gemacht zu werden. Und inmitten von Millionen von Fans war sie unendlich allein. Der Lärm der Konzerte wurde ersetzt durch die Stille eines leeren Hotelzimmers.
Jeder kannte das Phänomen Nina Hagen, aber niemand kannte Nina. Es gab keinen Schutz. Die Industrie, die sie erschaffen hatte, tat nichts, um den Menschen dahinter zu bewahren. Sie war ein wertvolles Gut, aber ein Gut, das man ersetzen konnte. Langsam, aber sicher wurde die Ikone zu einer Insel isoliert und missverstanden.
Isoliert, missverstanden und in die Ecke gedrängt. Nina Hagen entschied sich nicht zu zerbrechen. Sie entschied sich zurückzuschlagen auf die provokanteste Art und Weise, die man sich vorstellen konnte. Der Ort war eine Fernsehsendung. Die Zeit der 9. August 1979. Die Sendung hieß Club 2, eine intellektuelle ernste Talkshow im österreichischen Fernsehen.
Man saß im Kreis, man rauchte, man diskutierte über Kultur, ein steifer, selbstgerechter Raum. Nina war eingeladen, um über Jugendkultur zu sprechen. Sie tat mehr als das. Mitten in der Liveesendung, vor den Augen einer schockierten Nation begann sie weibliche Masturbationstechniken zu demonstrieren, direkt, unverblüht und mit einem herausfordernden Blick.
Es war kein Ausrutscher. Es war eine bewusste Kriegserklärung, eine Attacke auf die Heuchelei, auf die Brüderie, auf die Doppelmoral einer Gesellschaft, die Sex im Verborgenen praktizierte, aber in der Öffentlichkeit verurteilte. Die Reaktion war ein Tsunami. Ein Aufschrei der Empörung ging durch Deutschland und Österreich.
Die Zeitungen nannten es den größten Fernsehskandal aller Zeiten. Sie war nicht mehr nur exzentrisch, sie war jetzt offiziell untragbar. Die Medien, die sie zuvor gefeiert hatten, wandten sich gegen sie. Sie analysierten nicht, sie verurteilten. Die Industrie, die mit ihr Geld verdient hatte, ging auf Distanz.
Sie war zu unberechenbar geworden, zu gefährlich. In diesem Moment wurde sie endgültig in dem Image gefangen, dass man für sie geschaffen hatte. Der Skandal überstrahlte ihre Musik. Er überstrahlte ihre Kunst. Er wurde zu ihrem Markenzeichen. Sie fühlte sich verraten und im Stich gelassen. Also tat sie das einzige, was ihr übrig blieb.
Sie packte ihre Koffer und verließ Deutschland. Sie versuchte sich neu zu erfinden in London, in New York, weit weg von den urteilenden Blicken und dem Echo eines Skandals, der sie für immer verfolgen sollte. Jahrzehnte vergehen, die Welt verändert sich und auch Nina Hagen verändert sich. Die wilde Punkerin wird zu einer weisen spirituellen Ikone, eine grande Dame der deutschen Kultur. Anlässlich ihres 70.
Geburtstags sitzt sie in einer großen Abendalkshow. Die Atmosphäre ist respektvoll, ruhig. Der Moderator stellt eine letzte nachdenkliche Frage. Frau Hagen, wenn Sie heute auf alles zurückblicken, gibt es etwas, dass Sie bereuen? Ein langes Schweigen füllt das Studio.
Nina Hagen blickt direkt in die Kamera. Ihre Augen sind klar, ihre Stimme ist fest. Ich bereue nichts, sagt sie, aber es gibt Dinge, die ich nicht vergebe. Der Moderator ist sichtlich überrascht. Das Publikum hält den Atem an. Man hat mich oft gefragt, warum ich so war, wie ich war, fährt sie fort. Warum ich so laut war, so wütend, so anders.
Heute Abend nenne ich die Namen der Geister, die ich bekämpft habe, wieder Stille. Der erste Name ist der Kommerz. Das System, das meine Kunst in einen Käfig aus Verträgen und Verkaufszahlen sperren wollte. Das System, das einen Rebell verkaufen will, aber die Rebellion dahinter nicht versteht. Der zweite Name ist der Verrat.
Nicht der Verrat einer einzelnen Person, sondern der Verrat an einer gemeinsamen Idee, an der Musik. Der Moment, in dem aus Brüdern im Geiste eiskalte Konkurrenten wurden. Dieser Schmerz heilt nie. Sie macht eine Pause. Ihr Blick wird noch intensiver. Und der dritte und vielleicht wichtigste Name ist die Karikatur, das falsche Bild, die gierige Schlagzeile.
Die Medien haben einen Clown erschaffen, einen bunten lauten Clown, der sich gut verkaufen ließ. Und in diesem Prozess haben sie den Menschen dahinter unsichtbar gemacht. Sie haben mir meine Geschichte gestohlen und ihre eigene daraus gemacht. Das Studio ist totenstill. Der Moderator ist sprachlos. Er nickt nur langsam.
Und in diesem Moment in den Wohnzimmern in ganz Deutschland verstehen Millionen von Menschen zum ersten Mal, sie sehen nicht mehr nur den Skandal. Sie sehen nicht mehr nur die Provokation, sie sehen eine Frau, die ihr ganzes Leben lang um ihre Wahrheit gekämpft hat. Der Schock weicht dem Mitgefühl und das Urteil weicht dem Verständnis.
Die Geschichte von Nina Hagen ist am Ende nicht nur ihre eigene, sie ist ein Spiegel. Ein Spiegel für eine Industrie, die Ikonen erschafft und sie dann oft im Stich lässt. Sie ist eine Mahnung über den wahren Preis des Ruhs. Ihre Stimme steht für all die vergessenen Stimmen, für all die jungen Künstler, die verheizt wurden, die ausgebeutet, missverstanden und in eine Schublade gesteckt wurden, aus der sie nie wieder herauskamen.
Was wäre, wenn wir als Gesellschaft anders hinsehen würden, wenn wir aufhören würden, Künstler nur als Produkte zu betrachten? Hören wir den Menschen hinter der lauten Fassade wirklich zu, bevor das Licht ausgeht? Die Wunden, die Nina Hagen benannt hat, der Kommerz, der Verrat, die Karikatur sind die Dämonen, mit denen unzählige Künstler jeden Tag kämpfen.
In ihrem Mut, diese Dämonen beim Namen zu nennen, liegt eine Lektion für uns alle. Es ist die Aufforderung, genauer hinzuhören, mit mehr Empathie und mit weniger Vorurteilen. In ihren eigenen unsterblichen Worten, die ihr Vermächtnis sind, sagte sie einst sinngemäß: “Man hat mich eine Hexe genannt, einen Clown, eine Verrückte.
Aber ich habe nie um Vergebung gebeten. Ich wollte immer nur eines, dass meine Geschichte endlich mit meiner eigenen Stimme erzählt wird. Heute hören wir zu. M.
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