Im Oktober 1941, als die Wehrmacht tief in der Sowjetunion stand und der Winter nahte, vollzog sich eine organisatorische Veränderung, die kaum jemand beachtete. Die Panzergruppe 1, jener mächtige Panzerverband, der seit Juni durch die Ukraine gerollt war, erhielt einen neuen Namen. Erste Panzerarmee. Was nach bürokratischem Papierkrieg klang, markierte in Wahrheit die Geburt der wohl schlagkräftigsten Großformation, die Deutschland jemals aufstellte.

 Während andere Armeen kamen und gingen, während die sechste Armee bei Stalingrad unterging und die neunte Armee sich in endlosen Stellungskämpfen aufrieb, blieb die erste Panzerarmee das Herzstück der deutschen Offensive im Süden. Unter dem Kommando von General Oberst Ewald von Kleist, einem preußischen Kavallerieoffizier alter Schule, der sich zum Meister des Panzerkrieges gewandelt hatte, wurde dieser Verband zur Speitze jeder großen Operation an der Südflanke der Ostfront.

Die Umwandlung von der Panzergruppe zur Armee war mehr als nur eine Namensänderung. Sie signalisierte die wachsende Bedeutung gepanzerter Großverbände in der deutschen Kriegsführung. Während zu Beginn des Krieges Panzer noch als Unterstützungswaffe für die Infanterie galten, hatten sie sich nun zu eigenständigen Kampffformationen entwickelt, die ganze Operationen dominierten und keine dieser Formationen verkörperte diesen Wandel besser als die erste Panzerarmee.

 Was machte die erste Panzermee so besonders? Zunächst einmal ihre Zusammensetzung. Während andere Armeen mit zusammengewürfelten Divisionen auskommen mußten, versammelte von Kleists Formation die Elite der deutschen Panzertruppe, die erste Panzerdivision, die 14. Panzerdivision, die legendäre SS-Division Leibstand Adolf Hitler.

 Namen, die bei sowjetischen Kommandeuren Alarmglocken schrillen ließen. Zeitweise vereinte die erste Panzerarmee bis zu sieben vollwertige Panzerdivisionen unter einem Kommando, unterstützt von motorisierten Infanteriedivisionen und rumänischen sowie slowischen Verbündeten. Das entsprach einer Kampfkraft von über 200.

000 Mann und mehreren hundert Panzern. Eine rollende Lawine aus Stahl, die sich durch die endlosen Weiten der Sowjetunion frass. Die Ausrüstung war erstklassig. Während andere Verbände mit veralteten Panzermodellen kämpften oder auf Beutefahrzeuge angewiesen waren, erhielt die erste Panzermee vorrangig die neuesten Panzer 3 und Panzer 4.

 Später, als die schweren Tiger und Panther in Produktion gingen, wurden auch diese bevorzugt an von Kleistsarmee geliefert. Die Werkstattkompanien arbeiteten rund um die Uhr, um die technische Einsatzbereitschaft hochzuhalten. Ein entscheidender Vorteil in einem Feldzug, wo ein liegen gebliebener Panzer oft ein verlorener Panzer war.

 Doch Zahlen allein erklären nicht die Überlegenheit. Es war die Qualität der Führung, die den Unterschied machte. Von Kleist, geboren 1881 in Braunfelds, verkörperte jene preußische Generalstradition die Disziplin mit Initiative verband. Er verstand es, seinen Divisionskommandeuren Freiheiten zu lassen und dennoch das große Ganze im Blick zu behalten.

 Sein Stabschef Generalmajor Kurt Zeitler, später Generalstabschef des Heeres, sorgte für eine Logistik, die selbst unter widrigsten Bedingungen funktionierte. Die Divisionskommande selbst waren Legenden in der Panzertruppe, Männer wie Generalmajor Hans Valentin Hube, Kommandeur der 16. Panzerdivision oder Generalleutnand Eberhard von Mackensen, der später selbst die erste Panzerarmee führen sollte.

 Diese Offiziere hatten den Blitzkrieg in Polen und Frankreich perfektioniert und wandten nun ihre Kunst in den Weiten Russlands an. Im Sommer 1942 erlebte die erste Panzerarmee ihren vielleicht größten Moment. Während die sechste Armee auf Stalingrad zarschierte und alle Aufmerksamkeit auf sich zog, erhielt von Kleis den Auftrag, die Ölfelder des Kaukasus zu erobern, jenes schwarze Gold, ohne dass Hitlers Kriegsmaschinerie zum Stillstand verdammt war.

 Der Vormarsch geriet zum Husarenstück. Über 800 km legte die Armee zurück, durchbrach sowjetische Verteidigungslinien, überquerte den Donn und stieß bis zum Terik vor. Die Spitzen erreichten fast groß nie, kamen den Ölfeldern von Baku so nah wie keine deutsche Einheit zuvor oder danach. In den Stabsquartieren in Berlin überschlugen sich die Erfolgsmeldungen.

Von Kleist Panzer rollten durch Landschaften, die kein deutscher Soldat je gesehen hatte, durch Weinberge am schwarzen Meer, durch die Ausläufer des Kaukasus, durch Steppen, wo Kosaken seit Jahrhunderten herrschten. Die Operation Fallblau, wie das Unternehmen offiziell hieß, war der letzte große deutsche Vorstoß im Osten.

 Die erste Panzerarmee bildete dabei die südliche Zange, die tief in den Kaukasus eindringen sollte. Die Soldaten marschierten durch Städte, deren Namen auf keiner deutschen Karte verzeichnet waren. Sie überquerten Flüsse, die seit der antike Grenze zwischen Europa und Asien bildeten. Einige Einheiten erreichten sogar den Elbru, den höchsten Berg des Kaukasus und hissten dort die Reichskriegsflagge, ein symbolischer Triumph, der fotografisch festgehalten wurde.

 Doch der Triumph trug bereits den Keim der Katastrophe in sich. Die Versorgungslinien waren überdehnt. Jeder Tropfen Benzin mußte hunderte Kilometer herangeschafft werden. Die rumänischen und slowakischen Verbündeten, die die Flanken sichern sollten, waren nur mangelhaft ausgerüstet und motiviert. Sowjetische Partisanen griffen die Nachschubkolonnen an und dann kam die Nachricht aus Stalingrad.

 Die sechste Armee war eingekesselt. Plötzlich drohte der ersten Panzerarmee dasselbe Schicksal. Die sowjetische Stafka, das Oberkommando, hatte die Gelegenheit erkannt. Wenn sie die erste Panzermee im Kaukasus abschneiden konnte, wäre der gesamte deutsche Südflügel verloren. Nur von Kleists kühler Kopf und die Beweglichkeit seiner Verbände retteten die Armee vor der Vernichtung.

 Im Januar 1943 begann der Rückzug. Geordnet, kämpfend, aber unaufhaltsam. Was als triumphaler Vorstoß begonnen hatte, endete als meisterhafter Rückzug unter feindlichem Druck. Wenige Wochen später bewies die erste Panzerarmee erneut ihre Klasse. Bei der dritten Schlacht um Charkov im Februar und März 1943 spielte sie eine Schlüsselrolle in jenem Gegenschlag, den viele Militärhistoriker als Meisterwerk der Kriegsführung bezeichnen.

 Zusammen mit dem SS Panzer schlug die Armee einen tiefen sowjetischen Einbruch zurück, vernichtete mehrere feindliche Armeen und eroberte Tcharkov zurück. Die Situation im Februar 1943 war verzweifelt. Nach Stalingrad hatten die Sowjets eine massive Winteroffensive gestartet. Charkov war gefallen, der Donatz überschritten und es schien als würde die gesamte deutsche Front in der Ukraine zusammenbrechen.

 General Feldmarschall Erich von Mannstein, Oberbefehlshaber der Heresgruppe Süd, plante einen kühnen Gegenschlag. Die erste Panzermee war das Werkzeug, mit dem er ihn ausführen wollte. Es war klassischer Blitzkrieg, beweglich, schnell, tödlich, effizient. Die sowjetischen Truppen, erschöpft von ihren eigenen Offensiven und überdehnt, wurden in einer riesigen Zangenbewegung erfasst.

 Die Panzer der ersten Armee rasten durch Schneestürme, umgingen feindliche Stellungen, schnitten Rückzugswege ab. In knapp vier Wochen wurden über 50.000 sowjetische Soldaten gefangen genommen, hunderte Panzer zerstört. Von Kleist koordinierte die Operation mit einer Präzision, die an ein Urwerk erinnerte. Während das SS Panzerchor von Norden auf Tharkov zustieß, schwenkten die Divisionen der ersten Panzerarmee von Süden ein und schlossen den Kessel.

 Die sowjetische dritte Panzerarmee wurde vernichtet, die sechste und erste Gardearmee schwer angeschlagen. Als der Schlamm der Frühjahrschmelze Operationen zum Stillstand brachte, war die Front stabilisiert. Die Wehrmacht hatte noch einmal bewiesen, dass sie zu großen operativen Erfolgen fähig war. Doch selbst die beste Armee kann den Lauf der Geschichte nicht aufhalten.

Nach Kursk, nach dem endgültigen Verlust der Initiative im Sommer 1943 kämpfte die erste Panzerarmee einen verzweifelten Rückzugskampf. immer noch gefürchtet, immer noch schlagkräftig, aber zunehmend aufgerieben durch Material und Personalverluste, die nicht mehr zu ersetzen waren. Die Schlacht bei Kursk im Juli 1943 markierte die Wände.

 Zwar war die erste Panzerarmee nicht direkt beteiligt, sie sicherte die Südflanke weiter südlich, doch die Niederlage bedeutete das Ende deutscher Offensiven im Osten. Von nun an ging es nur noch zurück. Kilometer um Kilometer, Stadt um Stadt, Fluss um Fluss. Im Frühjahr 1944 geriet sie in einen sowjetischen Kessel bei Kamenetz Podolski. 100.

000 Mann eingeschlossen, scheinbar verloren. Hitler befahl die Stellung zu halten, wie er es bei Stalingrad befohlen hatte. Doch diesmal gehorchten die Generale nicht. Unter dem Kommando von General Hube, der inzwischen die Armee führte, brach die erste Panzerarmee aus dem Kessel aus. In einer dramatischen Operation kämpfte sie sich über 200 km nach Westen durch, durchbrach sowjetische Einschließungsringe und erreichte die deutschen Linien.

 Es war ein letztes Aufbäumen, ein letzter Beweis ihrer Qualität. Der wandernde Kessel, wie die Operation genannt wurde, ging in die Militärgeschichte ein. 16 Tage lang bewegte sich die gesamte Armee als geschlossener Verband durch feindliches Gebiet, schlug sowjetische Angriffe ab und hielt den Zusammenhalt. Die Luftwaffe warf Treibstoff und Munition ab.

 Transportflugzeuge evakuierten Verwundete. Als die Armee schließlich die eigenen Linien erreichte, hatte sie die meisten ihrer Männer und einen Großteil ihrer Ausrüstung gerettet. Die erste Panzermee endete 1945 in der Tschechoslowakei, weit entfernt von jenen ukrainischen Steppen, wo sie einst triumphiert hatte. Ihre letzten Kämpfe führte sie gegen sowjetische und amerikanische Truppen gleichzeitig.

 Ein sinnloses Aufbäumen in einem bereits verlorenen Krieg. Am. Mai kapitulierte sie zusammen mit der gesamten Wehrmacht. Ihre Geschichte wurde überschattet von Stalingrad, von der Ardennenoffensive, von anderen dramatischeren Katastrophen und Verzweiflungstaten. In den Geschichtsbüchern findet sie kaum Erwähnung.

 Die Veteranen kehrten nach Hause zurück und schwiegen meist über das Erlebte. Die Archive füllten sich mit Akten, die jahrzehntelang niemand las. Doch wer die militärische Leistung nüchtern betrachtet, muß anerkennen. Diese Formation verkörperte das Maximum dessen, was die Wehrmacht operativ zu leisten imstande war. Professionell geführt, gut ausgerüstet, taktisch brilliant und dennoch letztlich gescheitert an der schieren Übermacht und an einem Krieg, der von Anfang an nicht zu gewinnen war.

 Die erste Panzerarmee war die stärkste, weil sie das Beste aus einer unmöglichen Situation machte, weil sie länger durchhielt als alle anderen, weil sie selbst in der Niederlage noch Siege errang, doch am Ende zählte auch das nicht mehr. M.