Entschuldigen Sie, könnten Sie mich hochheben, damit ich den Himmel sehen kann?”, fragte das Mädchen im Rollstuhl, den man im dunkeln Mantel auf dem Ferdck. Die Fähre schnitt langsam durch das dunkle Wasser der Nordsee. Das leise brummende Motoren klang wie ein Schlaflied unter den Sternen. Es war kurz nach an einem kühlen Herbstabend.

Der Wind trug den Duft von Salz und Metall, und fast alle Passagiere hatten sich längst ins Innere zurückgezogen, dorthin, wo Heizung und leise Musik den Abend erträglicher machten. Nur ein paar vereinzelte Lichter brannten noch draußen auf dem Deck, gelblich, warm, wie flackernde Versprechen. Oben spannte sich der Himmel weit und still, ein Meer aus funkelnden Punkten, kalt und schön.

Ein Windstoß fuhr über das Deck und spielte mit einem grauen Wollschal. Lina zog ihn enger um ihren Hals, während sie vorsichtig ihr Rohstuhlrad nach vorne drehte. Die Räder klackten leise über die kleinen Rillen im Boden. Sie trug einen dicken Strickpullover. Ihre blonden Haare steckten halb unter der Mütze.

 Ein paar strähinen wieten frei im Wind. Ihre Augen hellblaugrau, wie ein Morgen kurz vor Sonnenaufgang richteten sich nach oben. Doch von wo sie saß, sah sie nichts als das Metallgeländer. Der Himmel blieb verborgen hinter einer stehlernen Linie. Sie atmete tief aus, nicht verärgert, nur müde. Ein paar Meter entfernt stand ein Mann allein am Geländer, groß, in einem dunkelen Mantel, Hände tief in den Taschen.

 Sein Blick ging hinaus auf das Meer. Das Handy leuchtete schwach in seiner Hand, unberührt, die Stirn leicht gerunzelt, der Kiefer angespannt, wie jemand, der versucht etwas wegzudenken, das zu laut geworden war. Gerade als sie sich abwenden wollte, hörte er ihre Stimme. Klar, leise, nah, könnten Sie mich bitte hochheben, damit ich den Himmel sehen kann? Er blieb stehen, drehte sich, da war sie, das Mädchen im Rollstuhl, Wangen gerötet vom Wind, Lippenfest zusammengepresst, aber die Augen, sie hatten dieses stille vorher, das man

nicht übersieht. Er blinzelte. Sie möchten, dass ich sie trage. Lina nickte sanft. Dann mit einem kleinen Lächeln, nur so hoch, dass ich mich wieder erinnern kann, was ich einmal geliebt habe. Er zögerte einen Atemzug lang, dann trat er näher, kniete sich neben sie. Darf ich? Sie nickte wieder. Vorsichtig legte er einen Arm unter ihre Schultern, den anderen unter ihre Knie.

Sie war leichter, als er erwartet hatte, nicht nur körperlich. Sie lehnte sich gegen ihn, vertraut, ohne Angst, der Blick schon wieder nach oben gerichtet. Langsam hob er sie an und stellte sie auf das Geländer. Ihre Beine hingen still, unbeweglich, doch ihr Rücken blieb aufrecht, ihr Gesicht erhoben, ihre Augen lebendig.

 Sie streckte die Hand aus, als wollte sie den Schweifes Kometen berühren. Und genau in diesem Moment zog eine Sternschnuppe über den Himmel. Gold, kurz, atemberaubend. Beide hielten den Atem an. Kein Wort, kein Geräusch, nur das Meer und der Himmel. Eine Frau, die nicht stehen konnte, ein Mann, der vergessen hatte, wie man stillhält.

 Zwei Menschen vereint im Schweigen, unter etwas, das größer war als sie selbst. Nach einer Weile flüsterte sie: “Ich habe früher die Sterne studiert, bevor alles anders wurde. Ich dachte, ich würde sie nie wieder so sehen.” Er wandte den Koff. Was ist passiert? Sie sah ihn an. Ihr Lächeln war leise wie Mondlicht auf nassem Pflaster.

 Das Leben aber heute Abend erinnere ich mich, wie klein Schmerz aussieht unter einem großen Himmel. Er sagte nichts, doch in seiner Brust wurde etwas leichter, als hätte der Wind auch ihn erreicht. Über ihnen flimmerten die Sterne, unter ihnen atmete das Meer. Die Kamera zog sich zurück. Ein Mann, eine Frau auf verschiedenen Höhen, doch auf einer Linie, zwischen Stahl und Himmel, zwischen Stille und Neubegehn.

 Und genau dort begann ihre Geschichte. Das kleine Küstenkaffe Seestern lag ruhig an der Ecke einer schläfrigen Straße. Seine Fenster leuchteten sanft gelb gegen die dunkle Nacht. Es war kurz nach 10 Uhr. Die Espressomaschine summte gleichmäßig, während aus den Deckenlautsprechern leise Jay Klänge flossen. Der Wind öffnete kurz die Tür, ließ kalte Luft herein und eine Glocke über dem Rahmen klingeln.

 Alden trat ein, schüttelte sich den Regen von seinem Mantel und fuhr sich durch das leicht zerzauste Haar. Er hatte nicht vorgehabt, hier zu stappen. Eigentlich wollte er nur einen Tee mitnehmen, etwas warmes für den Rückweg ins Hotel. Doch dann sah er sie. Lina, sie saß am Fenster, der graue Schal über den Schultern, eine Tasse Kamillentee in der Hand, in der anderen ein kleines Notizbuch.

 Ihr Rollstuhl war leicht schräg zum Glas gedreht, als beobachte sie noch immer das Meer, obwohl es längst Nacht war. Sie sah auf und ihre Blicke trafen sich. Kein Staunen, kein Schock, nur diese Stille erkennen. Das entsteht, wenn zwei Menschen sich schon einmal irgendwo zwischen Sternen und Schweigen begegnet sind. Er nickte. Sie erwiderte dasNicken.

 Dann kam der Moment, indem man normalerweise einfach weitergeht. Doch Alden blieb stehen, atmete einmal tief durch und fragte: “Wäre es in Ordnung, wenn ich mich dazu setze?” Lina sah in einem Moment an, dann lächelte sie sanft. Natürlich. Er setzte sich gegenüber und für eine Weile redeten sie nicht. Das Schweigen war nicht unangenehm.

 Es hatte Gewicht, aber kein Druck, nur Ruhe. Alben bestellte einen schwarzen Kaffee. Lina umrührte ihren Tee. Ihre Finger zeichneten beiläufig kleine Kreise auf der Tassenkante, als lausche sie einem Rhythmus, den nur sie hören konnte. Nach einigen Minuten sprach sie, ich bin auf einer Art Heilreise. So nennt es mein Therapeut. Er hob leicht die Augenbrauen.

Heilreise. Er meinte, ich solle die Orte besuchen, von denen ich früher geträumt habe, bevor alles anders wurde. Also bin ich hier. Al nickte langsam. Hilft es? Sie lächelte schwach. noch nicht, aber es ist das erste Mal, daß ich etwas nur für mich tue. Er blickte aus dem Fenster.

 Das ist das erste Mal seit über 10 Jahren, dass ich keinen Terminkalender dabei habe. Kein Meeting, kein Druck, nur Stille. Selten für jemanden wie sie, bemerkte sie mit leichtem Spott. Er lachte leise, extrem selten. Dann nahm sie ihr Notizbuch, öffnete es und drehte es in seine Richtung. Auf der Seite ein wilder, unordentlicher Himmel, Strudel aus Blau, Sprenkel aus Gold, weiße Punkte, als hätte jemand Sternenlicht verschüttet.

“Früher habe ich echte Sterne kartiert”, sagte sie. “Gemessen, gezeichnet, berechnet. Heute male ich nur noch, wie Sie sich anfühlen.” Nicht exakt, aber ehrlich. Al betrachtete die Seite lange. Sie war unpräzise, ja, aber voller Leben, als bewegten sich die Sterne gerade. “Vielleicht sollte ich auch wieder zeichnen”, sagte er schließlich leise, “wasch wollte, bevor ich es vergessen habe.

” Sie sah ihn an: “Kein forschen, kein Fragen, nur sehen.” Er schloss das Notizbuch, legte es sanft zurück und griff nach seinem Mantel. Lina folgte ihm. Ihr Heollstuhl bewegte sich leise über die Fliesen. Draußen atmete die Nacht. Die Straße war fast leer, nur die Lampen hingen wie müde Monde über den Pflastersteinen. Der Geruch von Meer und altem Holz lag in der Luft.

 Am Ende der Gasse blieben sie stehen. Al zeigte nach rechts. Mein Hotel ist da vorne, gleich hinter dem Hafen. Lina deutete nach links. Ich wohne über der alten Buchhandlung. Die gehört einer Freundin meiner Mutter. Sie heißt Rose, füttert jede streunende Katze und vergißt ständig, die Tür abzuschließen. Alden lächelte. Klingt nach jemandem, den man mögen muss.

 Oh ja, antwortete Lina sehr. Sie schwiegen. Der Wind spielte mit ihrem Schal. Die Laterne über ihnen summte leise. “Gute Nacht, Lina”, sagte er schließlich. Gute Nacht, Alden. Er ging. Sie blieb einen Moment, beobachtete, wie seine Gestalt kleiner wurde. Dann bog sie in die schmale Straße ab.

 Ihre Räder rollten über das unebene Kopfsteinpflaster, stetig, ruhig. Hinter ihr blinkten die Sterne über der Ostsee, schwach im Licht der Stadt, aber standhaft. Am nächsten Morgen brach die Sonne gerade über den Dächern von Lübeck hervor, als Lina die Straße hinunterrolte. Ihre Hände bewegten sicher über die Reifenkanten, vertraut mit jedem Pflasterstein.

 Die kleine Bäckerei Wind und Korn stand an der Ecke, geschmückt mit Blumenkästen und einem quietschenden Holzschild. Der Duft von Butter, Zimt und frisch gebackenem Brot wehte heraus, wie eine Einladung, langsamer zu werden. Doch kaum war sie vor dem Laden, blieb ihr vorderes Rad an einer Rille im Bootstein hängen. Sie drückte rückwärts. Nichts.

Vorwärts, wieder nichts. “Brauchst du Hilfe?”, fragte eine ruhige Stimme hinter ihr. Sie drehte sich um Alen. Er trug diesmal keinen Mantel, sondern einen grauen Pullover, in der Hand eine Kaffeetasse. Seine Haare waren zerzaust, sein Blick weich. Noch bevor sie antworten konnte, ging er in die Hocke und hob vorsichtig das Vorderrad über den Bordstein.

 Kein großes Aufsehen, kein Zögern, als hätte er das schon hundertmal getan. Lina blinzelte überrascht. Danke. Er lächelte. zur richtigen Zeit am richtigen Ort. “Dann schuldest du mir jetzt Frühstück”, sagte sie frech, oder ich dir, egal wie, du istst mit. Alen hob eine Augenbraue, grinste und nickte. Abgemacht. Sie rollten hinein in die warme, duftende Luft der Bäckerei. Drinnen war es warm.

Der Duft von frischem Gebäck, Honig und Kaffee hing in der Luft. Die Gespräche der Frühaufsteher klangen gedämpft, fast wie das Summen einer vertrauten Melodie. Alte Männer lasen ihre Zeitungen. Eine Bäckerin lachte über irgendetwas, das ein Kind gesagt hatte. Lina rollte zu einem kleinen Tisch am Fenster.

 Alden folgte mit zwei Speisekarten. “Was nehmen Sie?”, fragte die Bedienung freundlich. Ein Croasson und Camillentee. Bitte, sagte Lina, für mich ein Zimtwaffel und einen schwarzen Kaffee. Fügte Eiden hinzu. Die Bedienung lächelte und ging. Zwischen ihnen lag keine Unsicherheit, nur dieses leise,wachsende Vertrauen, das sich einstellt, wenn man niemandem etwas beweisen muss.

Für eine Weile sagten sie nichts. Die Sonne fiel durch das Fenster und legte goldene Streifen über den Tisch. Lina hielt ihre Tasse mit beiden Händen, als wollte sie die Wärme nicht nur trinken, sondern spüren. Dann begann eine zarte Melodie aus den Lautsprechern zu fließen, eine Klavierkomposition, leicht, vertraut, traurig und schön zugleich. Lina erstarrte.

 Debus, flüsterte sie, klärde Lune. Ihre Finger verharten auf dem Rand der Tasse. Algen bemerkte er es. “Bleibt ihr im Kopf hängen”, fragte er leise. Sie nickte. “Ich spielte es. Als ich mit 17 an einem Sommerprogramm für Astronomie angenommen wurde. Ich hörte es die ganze Nacht immer wieder.

 Ich war überzeugt, das Universum öffne sich gerade für mich. Er schwieg und das Schweigen war eher fürchtig. Nach einer Weile lächelte sie nicht traurig, eher wehmütig. Komisch, wie Musik sich an Dinge erinnert, die wir vergessen. Der Tee dampfte zwischen ihnen. Sie griff nach dem Croasson, aber es glitt leicht weg, als sie versuchte es zu schneiden.

 Bevor sie reagieren konnte, neigte Alden unauffällig ihren Teller ein wenig zu ihr hin, so selbstverständlich, dass es fast unbemerkt blieb. Lina sah ihn an, blinzelte und schmunzelte. Das machst du verdächtig routiniert. Er zuckte mit den Schultern. nicht, weil du Hilfe brauchst. Ich dachte nur, manchmal können Hände etwas leichter machen.

 Ihr Lächeln wurde weich. Das ist die beste Art zu helfen. Für einen Moment war alles still. Draußen erwachte die Stadt. Händler schoben Karren, Möwen kreisten. Irgendwo öffnete ein Laden seine Tür. Doch drinnen fühlte sich die Zeit anders an. Langsamer, echter. “Gehst du oft so früh in Bäckereien?”, fragte sie schließlich.

 Nur in denen, die nach echter Butter riechen, antwortete er mit einem leichten Lächeln. Und wenn ich das Gefühl habe, jemanden zu treffen, der das gleiche Tempo atmet. Lina errötete leicht, blickte aber nicht weg. Sie wusste, dass dieser Satz kein Flirt war, sondern Wahrheit. Sie saßen dort, bis der Kaffee kalt wurde und der Tee fast durchsichtig.

 Als sie hinausgingen, redeten sie nicht darüber, wohin sie wollten. Sie gingen einfach. Seite an Seite. Die Sonne stand nun tiefer. Ihre Strahlen fielen schräg über die Dächer der Altstadt, tauchten alles in weiches Gold. Lina führte den Weg hinunter zum Küstenpark. Der Ozean glitzerte zwischen den Pinien und der Wind roch nach Salz und feuchtem Gras.

 “Das hier ist mein Lieblingsort”, sagte sie und sah über die Wiese, wo Kinder spielten und eine alte Dame Tauben fütterte. Komm, ich zeige dir Sterne, die kein Dunkel brauchen. Al grinste Sterne am Tag, nicht die echten, aber sie sind da, wenn man weiß, wo man schauen muss. Der Weg führte sie zu einem Aussichtspunkt, wo das Gras weicher wurde und das Meer tiefer atmete.

 An plötzlicher Windstoß fegte vom Wasser herüber. Lina griff nach den Rädern ihres Stuhls, wollte sie stabilisieren, doch dann kippte ein Rad leicht ein. “Verdammt”, murmelte sie. Das Vorderrad wackelte, rutschte, ein Ruck und der Stuhl neigte sich gefährlich. Lina rief Alden und im nächsten Moment hatte er schon das Gestell gepackt.

 Er hielt die Lehne fest, stützte sie an der Schulter ab, bis der Stuhl wieder sicher stand. Lina keuchte, ihre Finger umklammerten die Armlehnen, ihre Lippen zitterten. “Ich ich bin okay”, flüsterte sie, doch ihre Stimme brach. Alen kniete sich vor sie, noch immer den Stuhl festhaltend. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

 “Ich hasse das”, stieß sie hervor. “Ich hasse das Gefühl, jederzeit zur Last werden zu können, dass jemand plötzlich alles fallen lassen muss, nur um mich aufzufangen.” Er blieb ruhig. Keine Mitleidsmiene, kein beschwichtigendes Wort, nur Präsenz. Du bist keine Last, Lina”, sagte er leise. “Die Last ist das, was du zu lange allein getragen hast.” Sie starrte ihn an.

 Ihre Unterlipe bebte, Alen hob langsam die Hand, zog den Ärmel seines Polyovers über die Finger und wischte ihr die Tränen ab. Kein Zögern, kein Bedauern, nur Wärme. Für eine Weile blieb alles still. Kinder lachten in der Ferne. Eine Möwe schrie irgendwo über den Wellen. Doch in diesem kleinen Raum zwischen ihnen veränderte sich etwas.

 Ihr Item beruhigte sich. Die Schultern sanken. “Danke”, flüsterte sie schließlich. “Immer”, antwortete er. Sie blieben dort, unter einer Kiefer, während die Sonne tiefer sag. Das Meer glitzerte, lachend trug über den Wind. Ein Junge, vielleicht vier Jahre alt, rannte mit einem Papierflieger über die Wiese, stolperte viel, weinte laut auf.

 Lina hob instinktiv die Hand. Kannst du, aber Alden war schon unterwegs. Er hob den Jungen sanft hoch, trug ihn zu ihr. “Hey”, sagte Lina weich, “bist du verletzt?” Der Kleine nickte. Tränen liefen über seine Wangen. “Weißt du, was Sterne manchmal machen?”, fuhr sie fort. Sie spielen Verstecken am Tag. Sie verstecken sich hinter dem Himmel, so wie du gerade deine Tapferkeitversteckst. Der Junge blinzelte.

 Und wenn ich weine? Dann leuchten sie ein bisschen heller, weil sie wissen, dass du es versuchst. Das Kind schniefte, lächelte zaghaft. Eiden grinste, beeindruckt. Als die Mutter kam und sich bedankte, seh Line an. Du musst gar nicht stehen”, sagte er leise. “Menschen schauen trotzdem zu dir auf.” Sie blickte ihn an und lächelte das erste echte Lächeln seit langem.

 Der Regen kam ohne Vorwarnung. Einen Augenblick zuvor hatten sie sich noch an der Ecke beim Buchladen verabschiedet. Dann krachte der Himmel auf wie ein geplatztes Tintenfass. Wasser strömte in breiten Bahnen die Straße hinab, durchnäste Kopfstein und Laternenlicht. “Kommen Sie rein!”, rief Lener über das Donnern. ihre Stimme fast verloren im Wind.

 Sie drehte ihren Rollstuhl, zeigte auf den Seiteneingang des alten Hauses. Es ist näher als ihr Hotel. Alen zögerte nur einen Atemzug. Dann folgte er ihr. Die Rampe war schmal, die Tür alt, aber sie öffnete sich mit einem metallischen Klick. Drinnen war es still. Nur das Trommeln des Regens gegen die Fenster blieb rythmisch, unaufhörlich wie ein Herzschlag von draußen.

 Die Luft roch nach Lavendel. Papier und Salz. Er stand kurz im Flur, tropfte auf den Holzfußboden und sah sich um. Der Raum war klein, aber voller Seele, Regale voller Sternenatlanten, Notizbücher, kleine Aquarelle, die Wände mit Himmelskarten überseht. In einer Ecke ein Plattenspieler, daneben eine Vase mit verblassten Fliederzweigen und an der hinteren Wand eine große handgezeichnete Sternkarte mit feinen Linien und winzigen Namen.

 Leicht vergilbt, aber wunderschön. Darunter hing ein altermantel, daneben ein Schuhkarton, sauber verschnürt mit Paketschnur. Lina bemerkte seinen Blick. “Din hat meine Mutter getragen”, sagte sie leise. Er sah zu ihr hinüber, aber sie blickte auf die Karte, nicht auf ihn. “Wir haben sie zusammengezeichnet.” Ich war 13.

 Jeden Abend im Sommer saßen wir auf dem Dach und fügten eine neue Konstellation hinzu. Sie meinte, das sei unsere erste Karte nach Hause. Sie lachte kurz trocken. Ich glaube, die meinte Himmel, nicht Wohnung. Al tat näher, sprach nicht. Lina berührte den alten Mantel, strich über den abgewetzten Kragen. Sie hat 10 Jahre lang in zwei Jobs gearbeitet, nur damit ich später Astronomie studieren konnte.

Ihre Stimme brach. Ich wurde an einem Observatorium angenommen. Am selben Tag passierte der Unfall. Stille, nur Regen. Sie hat den Anruf bekommen, während ich im O lag. Und als ich aufwachte, war sie nicht mehr da. Schlaganfall. Ihre Finger zitterten. Ich habe die Stadt nie angerufen, nie zurückgeschrieben.

 Ich dachte, ich hätte Zeit. Ich dachte, sie wartet. Sie wandte sich plötzlich dem Karton zu. Darin sind ihre letzten Briefe. Ich Ich habe sie nie geöffnet. Wenn ich es tue, dann ist es endgültig. Dann ist sie wirklich fort. Ihre Stimme zersplitterte. Ich hätte da sein sollen. Ich hätte ihr sagen müssen.

 Stopp, sagte Alen, leise, aber fest. Er zog einen Stuhl heran, setzte sich direkt vor sie, ohne Scheu, ohne Distanz. Da nahm er ihre Hand klein, kalt, bebend und hielt sie mit beiden. “Du bist nicht die, die es verursacht hat”, sagte er ruhig. “Du bist die, die überlebt hat!” Lina schloss die Augen. Tränen liefen über ihre Wangen, tropften auf seiner Hand.

Er wischte sie nicht weg. Er ließ sie einfach fallen, bis sie selbst versiegten. Dann beugte sie sich langsam nach vorn, legte den Kopf auf seine Schulter, als hätte sie endlich aufgehört, stark sein zu müssen. Al hob die Hand, strich ihr über das Haar. Kein Wort, nur Nähe. Das Prasseln des Regens füllte den Raum, hüllte sie ein wie eine Decke.

 Nach einer Weile flüsterte sie kaum hörbar. Ich habe Angst, daß Menschen gehen, wenn sie merken, dass ich nicht ganz bin. Alden schloss kurz die Augen. Ich bin hier, sagte er. Wenn du lachst, wenn du schweigst, wenn du weinst, ich bleibe. Sie antwortete nicht, aber ihre Finger schlossen sich um sein Handgelenk nicht fest, nur so, dass er spürte, sie lässt los, aber diesmal nicht allein.

 Und zum ersten Mal seit jener Nacht, in der sie die Sterne vom Krankenhausbett aus gesehen hatte, fühlte sie sich nicht mehr verloren. Am nächsten Morgen lag ein graues Licht über Lübeck. Der Regen hatte aufgehört, nur ein feiner Dunst blieb über den Dächern. Lena wachte später auf. Das Zimmer, war still. Sie drehte den Kopf.

Der Stuhl in der Ecke war leer. Auf dem Sitzkissen lag gefaltet ein grauer Schal. Seiner. Einen Moment lang rührte sie sich nicht. Dann nahm sie ihn langsam, zog ihn in ihren Schoß. Der Stoff roch nach Salz, nach Holz, nach jemandem, der stillgegangen war. Kein Zettel, kein Wort, nur das Gewicht der Abwesenheit.

 Sie hielt den Schal an ihr Gesicht, atmete ein, als könnte sie ihn zurückholen, aber nur die Stille antwortete. “Ich hätte es wissen müssen”, flüsterte sie. “Sie gehen immer.” Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Tränen liefen still über ihr Gesicht. “Erst die Mutter, dann derUnfall, jetzt der. “Sie gehen immer”, sagte sie wieder, diesmal fast tonlos.

Draußen, hinter den Scheiben, glitt eine Fähre über das Wasser in Richtung Festland. Auf einen der Sitze saß Alden, der Blick leer, die Hände um eine Tasse geschlossen, als klammerte er sich an etwas, das längst zerronnen war. Auf seinem Handy blinkte eine Nachricht. Dringend. Krise.

 Vorstandssitzung in dre Stunden. Presse wartet. Er starrte auf den Text, reagierte nicht. Nur die Spiegelung des Himmels im Glas vor ihm zeigte sein eigenes Gesicht blass, erschöpft. “Ich wollte sie nicht verletzen”, murmelte er. Ich wußte nur nicht, wie man bleibt, ohne alles andere zu zerstören. Aber selbst für ihn klang es hohl.

 Hinter ihm zog die Insel langsam zurück. Vor ihm lag das Festland und das Gefühl, etwas Wichtiges zurückgelassen zu haben, das keinen Ersatz kannte. Und weit hinter ihm, in einem kleinen Zimmer über einer Buchhandlung, brannte das Licht im Fenster kurz auf und er lösch. Eine Woche war vergangen, seit Alden die Insel verlassen hatte.

 Keine Nachricht, kein Anruf. Lina hatte es nicht erwartet. Vielleicht war das das Schlimmste, das ruhige Wissen, dass manche Menschen einfach gehen, ohne Türen zuziehen. Sie kehrte zu ihrer Routine zurück. Morgens zeichnete sie, nachmittags l sie. Abends saß sie auf dem Platz vor der Buchhandlung, wo die Lichter der Laternen wie kleine Monde im Pflaster glühten.

 Doch etwas in ihr war wieder still geworden. Eines Abends, als der Himmel Lavendfarben wurde und das Meer im Abendlicht glitzerte, saß sie dort eingehüllt in eine Decke, Skizzenblock auf dem Schoß. Kinder lachten am Brunnen. Musik wehte aus einer Nahenbar. Sie zeichnete keine echten Sternbilder mehr, nur Linien, die sich anfühlten wie Erinnerungen, die da gibt es auf keiner Karte, sagte eine Stimme hinter ihr.

 Lina lächelte, ohne aufzusehen. Ich weiß, Frau Floren, sie sind meine eigenen. Die alte Blumenverkäuferin, die jeden Tag Lavendobundel anbot, nickte zufrieden. Manche Sterne erscheinen erst, wenn man aufhört, sie zu suchen. Lina wollte etwas erwidern. Doch dann spürte sie es, dieses seltsame Ziehen in der Luft, als hätte die Zeit kurz den Atem angehalten.

 Sie hob den Kopf. Zwischen den Marktständen trat eine Gestalt hervor. Kein Mantel, kein Handy in der Hand, kein Anzug, nur Alden mit einem schlichten Pullover und einem Blick, der nichts erklären wollte, aber alles trug. Sie blinzelte, der Stift glitt aus ihren Fingern. Er ging langsam auf sie zu und kniete sich vor ihrem Rollstuhl.

 sowie in jener Nacht auf der Fähre. Dann stellte er vorsichtig eine kleine Holzkiste auf ihren Zeichenblock. “Ich habe etwas zurückgebracht”, sagte er. “Ein Stück Himmel.” Lina öffnete die Schachtel. Darin lagen kleine von handgeschnitzte Sterne. Ihre Namen waren eingraviert. Vega, Lyra, Orion, Andromeda. Nicht perfekt. Die Kanten rau, manche leicht verbrannt, als hätte er sich beim Schnitzen geschnitten.

 “Ich habe keine Rede”, flüsterte er. “Und keine Entschuldigung, die reicht.” “Aber ich habe etwas gemacht, als mir klar wurde, dass ich dich nicht in meinen Kalender setzen kann und auch nicht unter später. Lina strich mit zitternden Fingern über die Sterne. Ihre Augen waren feucht, doch sie lächelte. “Ich weiß nicht, ob ich es verdiene, wieder neben dir zu stehen”, sagte er.

 “Aber wenn irgendwo noch Platz ist, nur ein Kleiner, vielleicht darf ich dort bleiben.” Sie sagte nichts, nur ein Nicken, kaum sichtbar, aber genug. Er nahm ihre Hand. Keine großen Gästen, kein Pathos, nur zwei Hände, die endlich Ruhe fanden. Der Abend senkte sich. Über ihnen leuchteten die ersten Sterne, ganz echt diesmal, und zwischen ihnen war etwas Neues, nicht Erlösung.

 Aber Beginn. Einige Wochen später, auf dem Dach eines alten Gästehauses am Meer, saß Lina in eine Decke gehüllt. Der Wind roch nach Salz und Hoffnung. Neben ihr stand Alden mit einem kleinen Projektor. “Erinnerst du dich an deine Sternenkarten?”, fragte er. Sie nickte. Er schaltete das Gerät ein. Auf der hölzernen Dachfläche erschienen Lichter, wirbelnde Linien, unregelmäßige Punkte, goldene Flecken, die sich bewegten wie Tinte im Wasser.

 Ihre alten Skizzen, digitalisiert, lebendig gemacht. “Ich habe sie nachgebaut”, sagte er. “Nicht exakt, aber echt genug, damit du sie wiedersehen kannst.” Lina atmete ein. Die Augen glänzten. “Du hast meine Sterne wieder zum Leben erweckt. Du hast ihnen Bedeutung gegeben, antwortete er. Ich wollte sie nur sichtbar machen.

” Sie schwieg, dann lächelte sie sanft. “Weißt du, ich habe meine Beine gehasst. Nicht, weil sie schwach waren, sondern weil sie mich verraten haben, als ich sie am meisten brauchte. Aber vielleicht, vielleicht war ich dazu bestimmt, zu sitzen, damit jemand neben mir stehen kann und wir gemeinsam nach oben sehen.

Alden ging in die Hocke, nahm ihre Hand und legte sie an seine Lippen. Ich stehe seit jener Nacht auf der Fähre neben dir. Lina lachte leise, tränen und lächeln gleichzeitig.Dann bleib einfach. Und er blieb. Einige Monate später verwandelte sich das Dach in etwas Neues. Lina eröffnete dort ihre kleine Kunstwerkstatt für Kinder mit Behinderungen.

 Sie nannte sie überühe den Himmel. Jeden Freitag führten sich die Räume mit Kinderlachen, Pinseln, Farben und kleinen Händen, die aus träumen Galaxien malten. Alden hatte seinen Vorstandsposten aufgegeben. Er arbeitete jetzt als Berater für barrierefreie Lernprojekte und entwarf Lernkarten angelehnt an Lina Sternbilder.

 Sie hielten keine Reden, sie machten keine großen Versprechen. Sie lebten einfach mit Meerwind, Dachgarten und Licht über sich. Keine Ringe, keine Schwüre, nur ein Himmel, der ihnen beiden gehörte. Ein Universum, das sie nicht suchten, sondern bauten. Langsam, geduldig und wunderschön. Yeah.