In der glanzvollen Welt des deutschen Schlagers gab es kaum ein Gesicht, das so sehr für Reinheit, Optimismus und die heile Welt stand wie das von Chris Roberts. Mit Hits wie „Du kannst nicht immer siebzehn sein“ sang er sich in die Herzen von Millionen. Sein strahlendes Lächeln war das Markenzeichen einer Ära, die sich nach Harmonie und Beständigkeit sehnte. Doch Jahre nach seinem Tod und Jahrzehnte nach seinem größten Ruhm bröckelt die Fassade endgültig. Was zum Vorschein kommt, ist keine kleine Unregelmäßigkeit, sondern ein systematisch geplantes Doppelleben, das über 40 Jahre lang aufrechterhalten wurde. Chris Roberts war nicht nur ein Sänger; er war die Hauptfigur in einem der größten Täuschungsmanöver der Unterhaltungsgeschichte.

Der Schock sitzt tief, denn die Enthüllungen betreffen nicht etwa triviale Skandale, sondern das Fundament seiner gesamten Existenz: seine Identität, seine Herkunft und seine Werte. Es wird deutlich, dass das Image des „Jungen von nebenan“ eine sorgfältig orchestrierte Medienwaffe war, um eine Realität zu verschleiern, die nicht in das Weltbild der damaligen Zeit passte. Das Publikum, das mit seiner Musik groß geworden ist, fühlt sich heute wie Schachfiguren in einem Spiel, dessen Regeln es nie kannte.

Abschied von Schlagerkönig Chris Roberts – DW – 04.07.2017

Die Erschaffung eines perfekten Produkts

Chris Roberts wurde nicht zufällig zum Star; er wurde dazu geformt. In den 70er und 80er Jahren lechzte der Markt nach traditionellen Familienwerten und Stabilität. Roberts’ Management erkannte dies und erschuf ein Produkt, das auf vorgetäuschter Transparenz basierte. Er war der pflichtbewusste Sohn, der treue Ehemann, der skandalfreie Künstler. Jedes Lächeln in der Kamera, jeder Blick und jede Geste wurden akribisch einstudiert, um ein Gefühl von Geborgenheit zu vermitteln. Ein Netzwerk aus Medienkontakten sorgte dafür, dass unliebsame Informationen im Keim erstickt wurden, während rührende Geschichten aus seinem Privatleben gezielt platziert wurden, um die Bindung zu den Fans zu stärken.

Doch hinter diesem Samtvorhang verbarg sich ein Mann, der seine eigene Identität vollständig aufgab, um die „Rüstung des Schlagerprinzen“ anzulegen. Der Betrug begann bereits bei seiner Herkunft. Entgegen dem Bild des „reinblütigen Deutschen“ stammte Roberts aus einem komplexen ethnischen Umfeld, das er damals als Hindernis für seinen Erfolg sah. Er änderte seinen Namen, fälschte Dokumente und brach den Kontakt zu seinen Wurzeln ab, nur um dem Geschmack des Nachkriegspublikums zu entsprechen.

Ein Doppelleben zwischen Schein und Sein

Besonders düster wird das Bild, wenn man sein Privatleben betrachtet. Die vermeintlich perfekte Ehe war in Wirklichkeit ein jahrzehntelanger Medienvertrag. Während er in seinen Liedern von ewiger Treue sang, führte er heimlich ein völlig anderes Leben im Ausland. Unter anderem Namen tätigte er dort Geschäfte und pflegte Beziehungen, von denen seine Fans in Deutschland niemals erfahren durften. Selbst seine musikalische Begabung war teilweise eine Inszenierung: Bei großen Auftritten kamen oft geheime Backgroundsänger und Soundbearbeitungssysteme zum Einsatz, um das Bild des musikalischen Genies zu wahren.

Warum führt ein Mensch ein solches Leben? Die Gründe sind vielschichtig. Zum einen war da die enorme Verlockung von Ruhm und Geld. Roberts war eine Geldmaschine, und jedes Bröckeln seines Images hätte Millionenverluste bedeutet. Doch es gab auch einen politischen Aspekt: Er wurde zum Symbol einer idealisierten sozialen Stabilität, die von mächtigen Kräften in Deutschland gefördert wurde. Später wurde die Lüge zum Überlebensinstinkt. Roberts fürchtete die Ablehnung der Massen, sollte sein wahres Ich jemals zum Vorschein kommen. Er glaubte, die Menschen liebten nur die Illusion, nicht den Menschen.

Das bittere Erbe einer Legende

Chris Roberts war der Stargast bei der 44. Prinzengala des Prinzenclub  Duisburg - Duisburg

Als die Wahrheit ans Licht kam, reagierte die Nation mit einer Mischung aus Wut und Enttäuschung. Fernsehsender strichen seine Sendungen, Kollegen distanzierten sich und Fans forderten die Rückerstattung ihrer Erinnerungen. Besonders seine Familie steht vor den Trümmern einer Realität, die sie selbst nie ganz begriffen hat. War sie Komplize oder Opfer einer psychologischen Manipulation?

Die Geschichte von Chris Roberts ist eine eindringliche Warnung vor der Entfremdung durch den Ruhm. Er opferte seine Freiheit, seinen inneren Frieden und letztlich seine Ehre für einen Platz in der Musikgeschichte, der auf einem Fundament aus Lügen errichtet wurde. Sein Leben zeigt, dass ein Image eine hochgiftige Ware sein kann, die den Menschen am Ende einsam und leer zurücklässt.

Was bleibt, sind die Schallplatten, die nun für immer mit einem moralischen Fragezeichen behaftet sein werden. Chris Roberts wird als der Mann in Erinnerung bleiben, der alles gab, um eine Illusion zu perfektionieren – und sich dabei selbst verlor. Eine bittere Lektion für eine Branche, die noch immer lieber Heilige erschafft, als die Wahrheit zu zeigen. Am Ende steht die Erkenntnis: Aufrichtigkeit ist das einzige Vermächtnis, das der Zeit wirklich standhält.