Am 9. August 1986   betrat Freddy Mercury im englischen   Nepworth Park zum letzten Mal eine   Konzertbühne mit Queen, ohne zu wissen,   dass es sein finales Live Konzert sein   würde. Es war der krönende Abschluss der   Magic Tour, doch hinter den Kulissen sah   es ganz anders aus, als die jubelnde   Menge ahnte.

 

 Freddys Arzt hatte ihm   eindringlich geraten, nicht aufzutreten.   Seine Stimme war angeschlagen, sein   Gesundheitszustand kritisch. Dennoch   weigerte sich Mercury seine Fans zu   enttäuschen. Rund unter 20.000 Menschen   waren gekommen, um ihre Helden zu   feiern. Doch unter ihnen geschah etwas   Tragisches.

 

 Ein 23-jähriger Fan namens   Michael Jennings kollabierte während des   Songs Who wants to Live Forever. Ein   Moment, der rückblickend kaum   symbolischer sein könnte. Die Mediziner   konnten ihn nicht retten. Sein Herz   versagte inmitten der Ektase. Während   Queen auf der Bühne triumphierte,   spielte sich im Publikum ein stilles   Drama ab, das später zu strengeren   Sicherheitsmaßnahmen bei Konzerten   führte.

 

 Es war ein Abend voller   Widersprüche. Euphorie und Tragik,   Stärke und Zerbrechlichkeit.   Freddy ließ sich nichts anmerken, doch   für ihn sollte sich alles verändern.   Freddy Mercury wurde am 5. September 194   als Farok Bulsara auf der Insel   Sansibaar geboren. Damals ein britisches   Protektorat vor der Küste Tansanias.   Seine Eltern gehörten der   Parsengemeinschaft an und waren Anhänger   des Zoroastrismus, einer der ältesten   bekannten Religionen der Welt.

 

 Schon   seine Geburt war ungewöhnlich. Freddy   wurde mit vier überzähligen   Schneidezähnen geboren, was später ein   Markenzeichen wurde. Er glaubte, diese   Zahnstellung verschaffte ihm seine   außergewöhnliche stimmliche Bandbreite.   Bis zu vier Oktaven soll er beherrscht   haben. Seine Kindheit war geprägt von   einem Schmelztigel aus afrikanischen,   arabischen und indischen Kulturen, was   seine musikalische Identität nachhaltig   prägte.

 

 Mit 8 Jahren wurde er auf ein   britisches Internat im indischen   Punchgani geschickt, das St. Peter   School. Dort begann er sich selbst   Freddy zu nennen. Ein erster Schritt in   Richtung Bühnenpersona.   In der Schule erkannte ein Lehrer sein   musikalisches Talent und riet seinen   Eltern für Musikunterricht zu zahlen.   Diese Entscheidung sollte sein Leben   verändern.

 

 Mit 12 Jahren gründete er   seine erste Band The Hectics, spielte   Covervversionen von Rock and Roll Stars   wie Little Richard und ließ bereits   erkennen, dass er ein Naturtalent war.   Als Freddy mit seiner Familie infolge   der Revolution 1964   nach England floh, landeten sie in   Feltam, einem Vorort von London. Das   Leben war anfangs hart.

 

 Ein neues Land,   wenig Geld, kulturelle Barrieren. Doch   Freddy war entschlossen, Künstler zu   werden. Er schrieb sich an der Isleworth   Polytechnik und später am Eing Art   College ein, wo er Grafikdesign   studierte. Dort lernte er Tim Staffel   kennen, dessen Band Smile mit Brian May   und Roger Taylor bereits existierte.   Als Staffel ausstieg war es Freddy, der   sich in die Formation einfügte, nicht   nur als Sänger, sondern auch als   Visionär.

 

 Er schlug den neuen Bandnamen   Queen vor, ein Wort, das Majestät und   Extravaganz in sich vereinte.   Mit ihm als Frontmann änderte sich   alles. Ihre erste Show als Queen fand im   Juni 1970 bei einem Charity Event statt,   noch ohne festen Bassisten. Erst 1971   stieß John Deacon dazu der letzte   Baustein im Queen Universum. In dieser   Phase formte sich auch Freddys neue   Identität.

 

 Er änderte seinen Nachnamen   offiziell zu Mercury, inspiriert von   einer Textzeile in einem seiner frühen   Songs Mother Mercury, Look what they’ve   done to me. Damit war nicht nur der   Grundstein für eine Band gelegt, sondern   auch für eine Ikone der Popgeschichte.   Die ersten Jahre von Queen waren alles   andere als ein Selbstläufer.

 

 Ihr   Debütalbum von 1971 blieb weitgehend   unbeachtet. Auch das zweite schaffte es   kaum in die Charts. Doch mit dem dritten   Werk Sheer Heart Attack und vor allem   dem Song Killer Queen kam der große   Durchbruch. Freddy hatte den Text zuerst   geschrieben, ungewöhnlich für ihn, der   sonst oft mit der Musik begann.

 

 Der Song   war gewagt. Es ging um eine glamuröse   Edelhure, verpackt in einen melodisch   und klanglich einzigartigen Track.   Brian May spielte das Gitarrensolo mit   einer Sixpens Münze statt eines   Plektrums, was dem Klang eine besondere   Schärfe verlie. Im Studio   experimentierte man mit unzähligen   Schichten von Gesang und Instrumenten,   was dem Song seine berühmte Dichte   verlie.

 

 Doch intern war die   Entscheidung, Killer Queen aufs Album zu   nehmen, umstritten. Roger Taylor   befürchtete, das Lied sei zu leichtfüßig   und würde Queen als Popband abstempeln.   Tatsächlich wurde der Song als letzte   aufgenommen. Beinahe hätte man ihn   gestrichen, doch er wurde ein Hit. Platz   2 in den UK Charts, Platz in den USA.

 

  Und vor allem Queen war ab diesem Moment   auf dem Radar der Musikwelt und Freddy   Mercury in der Rolle, für die er geboren   worden war. Mit Bohemian Rhapsody   erreichte Queen 1975 nicht nur einen   kreativen Höhepunkt, sondern schrieb   Musikgeschichte. Die Entstehung dieses   Songs war ein Mammutprojekt.

 

 Drei Wochen   lang wurde aufgenommen, über 180   Tonspuren wurden übereinander gelegt und   das Ganze kostete stolze 40.000 P damals   die teuerste Produktion eines einzelnen   Songs.   Die Struktur war ungewöhnlich. Kein   Refrin, sondern drei eigenständige   Teile, eine langsame Ballade, ein   openter Opernteil und ein harter   Rockabschluss.

 

  Emy, das Label hielt das Werk für völlig   unvermarktbar. Viel zu lang für das   Radio, meinten die Bosse. Doch Freddy   und die Band blieben stur. Ihr Manager   spielte den Song heimlich dem bekannten   Radio DJ Kenny Everet vor, der ihn   prompt 14 mal an einem Wochenende im   Radio sendete. Die Fans waren   begeistert. Der Song wurde ein Phänomen.

 

  9 Wochen auf Platz 1 in Großbritannien   später durch den Film Wayne World 192   erneut in den US Charts. Auch das   Musikvideo in nur 4er Stunden gedreht   revolutionierte die Branche. Der   ikonische Shot mit den vier Gesichtern   im Dunkeln wurde zur Blaupause für alle   künftigen Musikvideos. Freddy hatte   damit nicht nur ein Meisterwerk   erschaffen, sondern auch die Art   verändert, wie Musik visuell inszeniert   wird.

 

 Queen war nicht nur im Studio   innovativ, auch auf der Bühne setzten   sie Maßstäbe. Bereits während der Aight   at the Operatour 1977   nutzten sie eine aufwendige   Lichtinstallation mit 168 Scheinwerfern   und 12 Flugzeuglandelichtern.   Später bei den Wembley Konzerten 1986   war das Equipment so gigantisch, dass es   einen eigenen Generator benötigte.

 

 Über   1000 Lichter, ein fünf Tonnen schwerer   Kronenrahmen und das alles, um Queen die   Bühne zu geben, die sie verdienten.   Freddy Mercurys Bühnenpräsenz   entwickelte sich im Laufe der Jahre   drastisch. In den Anfangstagen war er   zurückhaltend, stand hinter dem Klavier,   doch ein technischer Defekt veränderte   alles.

 

 Bei einem Auftritt brach sein   Mikrofonständer ab. Freddy behielt den   halben Ständer und entdeckte damit eine   neue Freiheit auf der Bühne. Es wurde   sein Markenzeichen. In den 70ern trug er   glitzernde Jumpsuits. Ab 1980 kam der   berühmte Schnauzbart und die Lederkluft,   inspiriert vom New Yorker Schwulen   Underground.   In Japan entledigte er sich bei einem   Konzert Stück für Stück seiner Kleidung.

  Ein Akt der Provokation, aber auch der   totalen Hingabe an die Performance. Jede   Show war ein Spektakel. Freddy war kein   Sänger, er war ein Ereignis.   In den 1980ern wagte Queen neue   musikalische Wege mit durchwachsenem   Erfolg. 198   veröffentlichte die Band das Album   Hotspace, geprägt von Disco und   Funkeinflüssen.

 

 Freddy und John Deacon   trieben diese Stilrichtung voran, doch   viele Fans fühlten sich vor den Kopf   gestoßen. Der Song Body Language war so   provokant, dass MTV das Video verbot.   Die Reaktionen waren heftig, auch   innerhalb der Band. Brian May und Roger   Taylor waren zunehmend unzufrieden, die   Spannungen wuchsen. Während der   Aufnahmen zum nächsten Album The Works   verließ Brian May frustriert das Studio   und zog sich für Stunden in einen Park   zurück.

 

 John Deacon verschwand spontan   nach Bali ohne ein Wort. Freddy nahm es   mit Humor und sang ironisch Bali Hi aus   dem Musical South Pacific. Gleichzeitig   begann er eigene Wege zu gehen. 198   erschien sein Soloalbum Mr. Bad Guy,   voller Synthesizer und Dance Rhythmen.   Ein kommerzieller Flop in den USA, aber   ein Ausdruck seiner Kreativität.

 

  1987,   dann das ambitionierte Projekt mit   Opernsängerin Monzerad Caba. Das Album   Barcelona verschmolz Rock und Oper auf   ungekannte Weise. Ein Beweis für Freddys   künstlerische Vision. Doch hinter all   dem lag ein wachsendes Gefühl. Etwas   ging zu Ende.   Am 13. Juli 1985   trat Queen beim legendären Liveaid   Konzert auf.

 

 Ein Auftritt, der oft als   der größte der Rockgeschichte bezeichnet   wird. Freddy Mercury war gesundheitlich   angeschlagen. Seine Stimme ließ ihn im   Stich. Doch er trat auf, wie er es immer   tat. Kompromisslos.   Innerhalb von nurundig Minuten brachte   die Band eine komprimierte Version ihrer   größten Hits auf die Bühne, von Bohemian   Rhapsody bis We Are the Champions.

 

  Besonders bei Radio Gaga riss Freddy mit   seiner ikonischen Klatschbewegung das   gesamte Wembley Stadion mit. 1,9   Milliarden Menschen weltweit sahen zu.   Elton John sagte nach der Show: “Ihr   verdammten Bastarde, ihr habt allen die   Show gestohlen.”   Dieser Auftritt revitalisierte Queen.   Plötzlich war die Band wieder gefragt.

 

  Kurz darauf begannen die Vorbereitungen   zur Magic Tour, der größten Tournee in   der Bandgeschichte. Geplant waren 26   Shows in neun Ländern in nur 8 Wochen.   Die Bühne war ein Monument, 160   Fußbreit, mit langen Laufstägen ins   Publikum, 8 Meilen Kabel, eine 20fuß   hohe Leinwand. Das Ganze war so laut,   dass Anwohner in nahegelegenen Dörfern   Beschwerden einreichten.

 

 Queen war   zurück, größer als je zuvor.   Der 9. August 1986 war ein Sommertag wie   aus dem Bilderbuch. Doch für Queen und   besonders für Freddy Mercury war es ein   Tag mit doppeltem Boden. Um exakt 1841   betrat Freddy im weißen Tanktop und   engen Jeans die gigantische Bühne im   Nepworth Park.   tausend Menschen jubelten ihm zu, doch   nur wenige wußten, Freddy hatte kurz   zuvor eine ernste Warnung von seinem   Arzt erhalten.

 

 Seine Kehle war stark   entzündet, seine Stimme angeschlagen.   Ein weiteres Konzert sei ein Risiko.   Doch Freddy weigerte sich abzusagen.   Er wollte für seine Fans da sein, koste   es was es wolle. Als One Vision erklang,   merkte man bereits erste Stimmbrüche.   Doch Freddy überspielte sie mit Scharm   und Energie.

 

 Hinter den Kulissen hatte   man eine Ersatzsetlist vorbereitet. Man   befürchtete, er könnte abbrechen. Doch   stattdessen wuchs er über sich hinaus.   Bei Under Pressure überließ er der Menge   den Refrin, ein Gänsehautmoment.   Als später Bohemian Rhapsody erklang,   sang Freddy sogar Teile der komplexen   Opernpassage live, etwas, das sonst vom   Band kam.

 

 Gegen Ende bei We Are the   Champions hielt er einen Ton, der ihm   fast die Stimme kostete, aber es war   sein letzter Triumph. Nach dem finalen   Stück Gott Save the Queen verharrte er   auf der Bühne, schloss die Augen und   sagte: “Danke, ihr wundervollen   Menschen. Gute Nacht und süße Träume.”   Niemand wusste, dies war sein Abschied.

 

  Nach diesem monumentalen Konzert war es,   als hätte Freddy sein letztes Kapitel   selbst eingeleitet. Hinter den Kulissen   kam es zu Szenen, die man kaum für   möglich gehalten hätte. Der sonst so   stille John Deacon warf 18 Minuten vor   dem Auftritt seine Bassgitarre durch den   Raum. Ein Ausdruck der Überforderung.

 

  Nach dem Konzert verschwand Freddy   ungewöhnlich schnell. Er verzichtete auf   die traditionelle Backstage Feier, ließ   sogar sein silbernes Armband zurück,   dass er seit 1977 bei jedem Auftritt   getragen hatte. Sein Assistent fand ihn   später in der Limousine, wie er   schweigend aus dem Fenster sah, ein   Taschentuch in der Hand.

 

 Er ahnte, dass   es vorbei war. Freddy wusste seit 1987,   dass er HIV positiv war, möglicherweise   schon früher, doch er schwieg. Aus   Angst, aus Scham, aus Schutz für die   Menschen, die er liebte. Erst einen Tag   vor seinem Tod, am 23. November 1921,   veröffentlichte er ein Statement. Am   nächsten Tag starb er mit nur Jahren an   den Folgen von AIDS.

 Doch bis zuletzt   kämpfte er. Er nahm mit Queen das Album   Inuendo auf, sang den Song The Show Must   Go On mit einem Wodka in der Hand in   einem einzigen Take. Sein letzter   öffentlicher Auftritt war bei den Brit   Awards 1990.   Er sah schwach aus, sprach nur einen   Satz. Danke, gute Nacht. Mehr brauchte   es nicht.

 

 Nach seinem Tod wurde das   Album Made in Heaven veröffentlicht.   Post Hum mit den letzten Spuren seiner   Stimme. Queen lebt weiter, seine Musik   lebt weiter und sein Erbe ist größer   denn je. The Show Must Go On Lied. Es   war seine Lebensphilosophie.