Es war ein Abend, der die tiefen Gräben zwischen den Generationen in Deutschland einmal mehr schonungslos offenlegte. Im Berliner Theater Pfefferberg trafen zwei Welten aufeinander, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein könnten, sich aber in ihrer Radikalität erschreckend einig waren. Auf der Bühne: Luisa Neubauer, das prominente Gesicht der deutschen Klimabewegung, und Marcel Fratscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Der Anlass war die Vorstellung von Fratschers neuem Buch, doch das Thema, das die Gemüter erhitzte, war ein anderes: Die Forderung nach einem verpflichtenden Gesellschaftsjahr für Rentner und der sogenannte „Boomersoli“.

Luisa Neubauer, die sich in der Vergangenheit vor allem durch ihren unermüdlichen Kampf für den Klimaschutz profilierte, scheint ein neues Betätigungsfeld für sich entdeckt zu haben. An der Seite des einflussreichen Ökonomen Fratscher gab sie sich als glühende Unterstützerin für dessen kontroversen Vorschlag aus. Fratscher berichtete zu Beginn des Abends von den heftigen Reaktionen, die ihn nach Bekanntwerden seiner Pläne erreicht hatten. Rund 2.000 E-Mails innerhalb von zwei Tagen, die meisten davon von „bösen Boomern“, wie er es nannte, die sich gegen die Vorstellung wehren, nach einem langen Arbeitsleben nun erneut vom Staat in die Pflicht genommen zu werden.

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Doch für Luisa Neubauer ist die Ablehnung der älteren Generation lediglich ein Zeichen von deren „Kränkung“. Sie bezeichnete Fratschers Vorstoß als eine „wahnsinnig gute Idee“ und verlieh ihm eine fast schon romantische Note. Ihr zufolge litten viele ältere Menschen unter Vereinsamung und dem Gefühl, nicht mehr wirksam zu sein. Ein Pflichtjahr könne hier Abhilfe schaffen und den Dialog zwischen Jung und Alt wiederbeleben. Dass die Generation der Boomer in ihrer Jugend größtenteils bereits einen Pflichtdienst in Form von Wehr- oder Zivildienst geleistet hat – eine Verpflichtung, die der Generation von Neubauer bisher erspart blieb –, schien in ihrer Argumentation keine Rolle zu spielen.

Die Naivität, mit der Neubauer diese komplexen gesellschaftlichen Zusammenhänge kommentierte, sorgte bei den etwa 200 Zuschauern im Saal für teils sehr mäßigen Applaus. Kritiker werfen ihr vor, sich lediglich im Glanz mächtiger Männer wie Fratscher sonnen zu wollen, ohne die wirtschaftlichen und sozialen Realitäten der Menschen wirklich zu begreifen. Während Neubauer von der „Androhung der Zukunft“ für die Jugend sprach und behauptete, der Generationsvertrag sei gebrochen, ignoriert sie geflissentlich, dass es gerade die ältere Generation war, die den Wohlstand erarbeitet hat, auf dessen Basis heutige Klimaprojekte überhaupt erst finanziert werden können.

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Besonders skurril wurde es, als Neubauer auf das Thema Wirtschaft zu sprechen kam. Sie gab zu, bisher geglaubt zu haben, dass es „richtig schlechte Nachrichten“ nur beim Thema Klima gäbe, doch nun lerne sie, dass dies auch für die Wirtschaft gelte. Diese späte Erkenntnis wirkt auf viele Beobachter wie ein Offenbarungseid. Wer Klimapolitik als „linkes Wohlfühlprojekt“ abtut, habe laut Neubauer nichts verstanden. Doch die Realität zeigt: Ohne eine florierende Wirtschaft gibt es keinen Spielraum für ökologische Transformation. Neubauers Versuche, ökonomische Fachkompetenz zu demonstrieren, wirkten an diesem Abend eher bemüht als überzeugend.

Ein weiteres Highlight ihrer Ausführungen war die Erwähnung der „Omas gegen Rechts“. Während sie vor einigen Jahren noch „wütend“ auf die Älteren gewesen sei, schöpfe sie nun Hoffnung aus Gruppen wie diesen. Dass sie dabei politische Aktivität gegen Rechts mit der Zustimmung zu ihrer Klimapolitik und Fratschers Rentner-Plänen in einen Topf wirft, zeugt von einem vereinfachten Weltbild. Es scheint, als akzeptiere Neubauer die ältere Generation nur dann, wenn sie sich ihren ideologischen Zielen unterordnet oder bereitwillig zusätzliche Lasten schultert.

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Der Abend im Pfefferberg hinterlässt einen faden Beigeschmack. Es wurde deutlich, dass hier zwei Akteure versuchen, gesellschaftliche Solidarität neu zu definieren – allerdings als Einbahnstraße zu Lasten derer, die ihren Beitrag bereits geleistet haben. Die Arroganz, mit der über die Köpfe von Millionen Rentnern hinweg über deren Freizeit und Lebensleistung verfügt wird, ist beispiellos. Luisa Neubauer mag sich als moderne Vorkämpferin für Gerechtigkeit sehen, doch an diesem Abend wirkte sie auf viele eher wie eine privilegierte junge Frau, die den Respekt vor der Lebensleistung anderer verloren hat. Die Diskussion um das Pflichtjahr für Rentner hat gerade erst begonnen, und sie verspricht, eine der härtesten Zerreißproben für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland zu werden.