Das habe ich bis heute nicht überwunden.   Ich habe gewisse Techniken ähm erworben.   Sehr geehrte Damen und Herren, heute   entführe ich Sie in eine Geschichte, die   kaum jemand in dieser Form erwartet   hätte. Sie handelt von einem Mann, der   Generationen geprägt, hat dessen Stimme   wie ein warmes Tuch über den kalten   Realitäten der Gesellschaft, lag, der   jedoch zugleich ein unruhiger Geist   geblieben ist.

 

  Hannes Wader, der große Chronist der   deutschen Protestbewegung, feierte im   vergangenen Jahr seinen 83. Geburtstag.   Ein stolzes Alter, möchte man meinen.   Doch Wader wäre nicht. Wader hätte er   nicht selbst an diesem Tag ein   Bekenntnis abgelegt, das alle bisherigen   Schlagzeilen übertroffen hat.   In einem seltenen Interview, das er nur   widerwillig gewährte, sprach er mit   bebender Stimme über die fünf Sänger,   die er nach all den Jahrzehnten am   meisten verachtet.

 

 Eine Liste, die viele   Freunde und Weggefährten tief   erschütterte. Wader, der immer für   Frieden und Versöhnung stand, offenbarte   plötzlich einen Abgrund aus Groll,   Enttäuschung und alter Wut, die in ihm   gebrodelt hatte, wie ein unerlöster   Fluch.   Was hat ihn zu diesem Geständnis   getrieben und warum traf es genau diese   Namen? Sehr geehrte Damen und Herren,   lassen Sie uns gemeinsam einen Blick   zurückwerfen auf das außergewöhnliche   Leben dieses Mannes, der sein   künstlerisches Schaffen über ein halbes   Jahrhundert mit unerschütterlicher   Überzeugungskraft erfüllt hat. Hannes   Wader mit bürgerlichem Namen Hans Eckard   Wader wurde am 23. Juni 1942   in Bettel bei Bielefeld geboren. In den   Trümmern der Nachkriegszeit wuchs er in   einer Arbeiterfamilie, auf die ihn   lehrte, dass man sich nichts schenken

 

  lassen darf. Diese frühen Erfahrungen   brandten sich tief in seine Seele ein   und sollten später in unzähligen Liedern   wiederkehren. Mal als stiller Protest,   mal als melancholische Erinnerung an   eine Kindheit, die nie wirklich   unbeschwert war. Schon als junger Mann   spürte Wader, dass die glatten   Oberflächen der Gesellschaft nicht seine   Welt sein würden.

 

 Obwohl er zunächst   eine Ausbildung als Gebrauchsgrafiker   absolvierte, zog es ihn bald auf die   kleinen Bühnen der Studentenkneipen in   Göttingen und Westberlin. Dort zwischen   klapprigen Holzstühlen und dem Rauch   ungezählter Zigaretten begann er die   Sprache der einfachen Leute mit der   Poesie der großen Fragen zu verbinden.

 

  Erang von den Wanderern, die nirgends   bleiben von Arbeitern, die vergessen   werden und von einer Welt, die sich zu   oft hinter Phrasen versteckt. Als er   1972,   heute hier morgen dort veröffentlichtee,   ahnte wohl niemand, dass dieses Lied zur   Hymne einer Generation werden sollte. Es   war ein Lied über die Rastlosigkeit, die   Suche nach einem Platz, der bleiben darf   und zugleich ein Eingeständnis, dass es   diesen Platz vielleicht gar nicht gibt.

 

  Während seine Kollegen in die Charts   strebten, blieb Wader ein Suchender,   einer, der im Lied noch Fragen stellte,   anstatt fertige Antworten zu geben. Sein   warmes Bariton legte sich wie ein   sanfter Protest gegen das Vergessen über   die Geschichten derer, die nicht gehört   wurden.

 

 Sein politisches Engagement   brachte ihn bald in die Schlagzeil. Er   bekannte sich offen zur kommunistischen   Partei Deutschlands eine Haltung, die in   den hitzigen Jahren des kalten Krieges   als Provokation verstanden wurde. Für   Wader jedoch war es ein Ausdruck   konsequenter Haltung. Er wollte sich   weder dem kommerziellen Musikbetrieb   beugen, noch die sozialen Missstände   verschweigen.

 

  Diese Kompromisslosigkeit machte ihn zu   einer Ikone, aber auch zu einer   Zielscheibe. 1977   durchsuchte die Polizei sein Haus,   nachdem sein Name im Adressbuch eines   mutmaßlichen RAF Terroristen aufgetaucht   war. Obwohl man ihm nichts nachweisen   konnte, blieb der Makel lange haften.   Trotz dieser Schatten blieb sein   künstlerischer Weg ungebrochen.

 

 In den   1980er Jahren wagte er die   Zusammenarbeit mit dem aus der DDR   ausgewiesenen Liedermacher Wolf Biermann   ein symbolträchtiges Bündnis zwischen   Ost und West, das zugleich ein Statement   war: Musik kennt keine Mauern. Diese   Kooperation wurde von vielen gefeiert.   Andere betrachteten sie mit Argwoon. Für   Wader war sie ein Beweis, dass   Solidarität stärker sein kann als   ideologische Gräben.

 

 Über all die   Jahrzehnte veröffentlichte er mehr als   30 Alben, manche von leiser Melancholie,   andere von wütender Anklage geprägt.   Während viele seiner Zeitgenossen im   Laufe der Jahre Kompromisse mit dem   Massengeschmack eingen, blieb er dem   akustischen klaren Sound treu. Er   schrieb Lieder, die von Verlust   erzählten, von der Entfremdung zwischen   Liebenden von Vätern und Söhnen, die   sich nicht mehr verstehen.

 

 Gerade diese   Themen, die jedem vertraut sind, gaben   seinem Werk eine Tiefe, die weit über   politische Parolen hinausging. Und doch   war es nicht nur seine Musik, die ihn   prägte. Wada galt immer als ein Mann,   der sein Privatleben mit aller Kraft   abschirmte. Kaum jemand wusste, wie   viele Male er verheiratet war oder wie   seine Kinder aufwuchsen.

 

 Manche meinten,   er habe diesen Schutzwall gebaut, weil   er sich der Öffentlichkeit nie ganz   zugehörig fühlte. Für ihn blieb Ruhm ein   flüchtiges, fast anrüchiges Gut. zu   laut, zu fordernd, zu sehr verstrickt in   Erwartungen, die er nicht erfüllen   wollte. Sein Rückzug von der großen   Bühne 2013 schien endgültig.

 

 Er sprach   von Müdigkeit, von dem Wunsch in Stille   zu altern. Doch dann folgten immer   wieder Abschiedskonzerte, so als könne   er doch nicht ganz loslassen. Vielleicht   war es diese Spannung zwischen   Unabhängigkeit und Sehnsucht nach Nähe,   die ihn auch im hohen Alter zu diesem   einen Satz trieb.

 

 dass er fünf Sänger in   seinem Leben mehr verabscheue als   irgendjemanden sonst. Eine Aussage, die   nicht nur alte Wunden aufriss, sondern   vielen Fans das Bild vom sanften Weisen   endgültig nahm. Sehr geehrte Damen und   Herren, nun kommen wir zu jenem Kapitel,   das den Schein endgültig zerbrechen   ließ.

 

 Viele Jahre hatte Hannes Wader in   Interviews auf jede direkte Frage nach   seinen persönlichen Feindschaften mit   einem leisen Lächeln oder einem   höflichen Achselzucken reagiert. Er   schien über den Dingen zu stehen,   unantastbar in seiner Würde immun gegen   Klatsch und Groll. Doch hinter   verschlossenen Türen gehärte etwas, das   er nie ganz überwunden hatte.

 

 Es begann   schleichend, fast unmerklich in jener   Phase seiner Karriere, als der Ruhm ihn   zu erdrücken drohte. Nach dem Skandal   von 1977,   als man ihn verdächtigte, mit RF-kreisen   zu sympathisieren, war Warder nicht nur   politisch isoliert, sondern auch   menschlich. Viele Kollegen, die sich   zuvor mit ihm solidarisch gezeigt   hatten, distanzierten sich plötzlich.

 

  Besonders schmerzhaft war für ihn der   Bruch mit einigen Weggefährten, die er   für echte Freunde gehalten hatte. Er   sprach später davon, dass sie ihm den   Rücken kehrten, als der Gegenwind bließ.   Eine dieser frühen Enttäuschungen galt   einem Sänger, dessen Name bis heute   nicht öffentlich gefallen.

 

 Ist den   Insider jedoch längst identifizieren   konnten. Es war ein Kollege, mit dem er   jahrelang die Bühne teilte, der dann   aber bei jeder Gelegenheit seine Nähe   zur radikalen Linken skandalisierte, um   sich selbst als glaubwürdiger   Moralapostel zu inszenieren. Wada hat   das nie vergessen, auch wenn er vorgab,   darüber zu stehen.

 

 Er habe, so, sagte er   in dem Interview in jener Zeit zum   ersten Mal begriffen, dass Loyalität ein   brüchiges Versprechen ist. Parallel zu   diesen privaten Kränkungen verschärfte   sich sein Konflikt mit der deutschen   Musikindustrie.   Während er weiterhin auf inhaltliche   Tiefe setzte, triumphierten seichte   Schlagermelodien in den Charts.

 

 Der   Erfolg jener Popstars, die er für   substanzlos hielt, empfand er als Symbol   einer Gesellschaft, die lieber weghört,   statt sich mit Missständen   auseinanderzusetzen.   Er begann in seinen Texten Spott und   Verachtung für diese Art von Ruhm   einfließen zu lassen. Einige dieser   Lieder galten als verdeckte Angriffe auf   namentlich bekannte Schlagergrößen, auch   wenn er selbst niemals bestätigte, wen   er meinte.

 

 Zu dieser Zeit verdichteten   sich die Gerüchte, dass Wader sich   zunehmend zurückzog, weil er die   ständige Auseinandersetzung mit dem   Musikbetrieb als seelische Zumutung   empfand.   Kollegen berichteten, dass er nach   Konzerten wortlos verschwand und   Einladungen zu Preisverleihungen   grundsätzlich ablehnte. Manchmal so   erzählten Mitarbeiter seiner damaligen   Plattenfirma, habe er ganze Nächte im   Studio verbracht, nur um Zeilen zu   verwerfen, die ihm zu angepasst   erschienen.

 

 Er wollte keine Lieder   schreiben, die dem Publikum gefielen,   sondern solche, die er selbst noch   glauben konnte.   Inmitten dieser inneren Zerrissenheit   erlebte Wader eine private Krise, die er   bis heute kaum öffentlich thematisiert   hat. Seine Ehe zerbrach die Beziehung zu   seinen Kindern, kühlte sich ab und er   sprach in einem seltenen Moment der   Offenheit davon, dass er das Gefühl   hatte, als Mensch auf halber Strecke   stehen geblieben zu sein.

 

 Diese   Selbstzweifel mischten sich mit   wachsendem Ärger darüber, dass manche   Kollegen, die er für oberflächlich   hielt, in Talkshows gefeiert wurden,   während er selbst zum Sonderling erklärt   wurde. Der Groll, der daraus wuchs, war   kein lauter Hass, sondern eine stille,   schleichende Bitterkeit.

 

 Sie zeigte sich   vor allem in jenen Liedern, die kaum   jemand kannte, unveröffentlichtees   Skizzen, in denen er über Verrat und   falsche Brüder sang.   Einige Zeilen sind später in Interviews   zitiert worden, darunter eine, die in   ihrer Härte überraschte: “Wer sich   anpasst, stirbt schon zu Lebzeiten.” Als   er sich schließlich in jenem Interview,   von dem alle sprachen, bereit erklärte,   die Namen jener fünf Sänger zu nennen,   war dies keine spontane Eingebung.

 

 Es   war der Schlusspunkt einer   jahrzehntelangen Abrechnung. War da   selbst, sagte er, habe gewusst, dass   diese Offenbarung sein Bild in der   Öffentlichkeit unwiderruflich verändern   würde. Doch er habe es nicht länger   ertragen, die Enttäuschung in sich   einzuschließen.   Er sprach von Kollegen, die ihm einst   ihre Bewunderung versicherten, um sich   dann in den Redaktionen großer Zeitungen   über seine politische Haltung zu   mockieren von einem Schlagersänger, der   ihn bei einer Preisverleihung   verspottete, weil er angeblich immer   noch von Klassenkampf träumte, von einem   früheren Freund, der einen Vertrag mit   seiner Plattenfirma hinter seinem Rücken   durchsetzte, um Wader aus einem   wichtigen Projekt zu drängen. Dieser   Moment, indem er jedes diplomatische   Kalkül aufgab, offenbarte mehr über ihn   als 1000 Konzerte. Es war als habe einen   Damm nach Jahrzehnten nachgegeben. Die

 

  Journalistin, die ihm gegenüber saß,   berichtete später, dass seine Stimme   bebte und in seinen Augen etwas lag,   dass sie als tief müde Verachtung   beschrieb. So begann der letzte große   Konflikt in seinem Leben. Ein Konflikt,   der nicht nur um Musik ging, sondern um   den Verlust von Vertrauen, Würde und   gemeinsamer Haltung.

 

 Sehr geehrte Damen   und Herren, nun betreten wir jenen   Abschnitt in Hannes Waders   Lebensgeschichte, der mit solcher   Heftigkeit über ihn hereinbrach, dass   selbst enge Vertraute fürchteten, er   könne daran zerbrechen. Nach dem   legendären Interview, in dem er ohne   Umschweife die fünf Sänger nannte, die   ihn in all den Jahrzehnten am tiefsten   verletzt hatten, brach ein Sturm der   Entrüstung, aber auch der Sensationslust   los.

 

 Zeitungen druckten Schlagzeilen in   grellen Lättern. Talkshows bulten um   seine Teilnahme, doch Wader schwieg. Er   hatte gesagt, was er zu sagen hatte. Die   anderen sollten sich nun rechtfertigen.   Während die Öffentlichkeit debattierte,   ob er damit seine eigene Legende   zerstörte, reagierten die genannten auf   denkbar unterschiedliche Weise.

 

 Ein   alter Weggefährte ließ ein kühl   formuliertes Statement veröffentlichen,   indem er, Respekt vor Warders Werk   betonte zugleich, aber jeden Vorwurf   kategorisch zurückwies. Ein   Schlagersänger, der sich in den 1970er   Jahren in populären Fernsehsendungen   über diese linke Träumerei mockiert   hatte, schlug in der Presse zurück.

 

 Er   sprach von lächerlichem Groll eines   verbitterten Mannes und warf wer vor,   nie verstanden zu haben, dass Musik auch   Leichtigkeit haben dürfe. Doch es waren   nicht nur Worte. Hinter den Kulissen   begannen lang verdrängte Ressentiments   zu brodeln.   Mehrere ehemalige Kollegen   veröffentlichten ihre Versionen der   gemeinsamen Geschichte.

 

 Plötzlich   standen Jahrzehnte des Miteinanders in   einem anderen Licht. Man sprach von   verletzten Eitelkeiten, von   Machtspielchen um Auftritte von   heimlichen Konkurrenzkämpfen, um den   Respekt des Publikums. Für Außenstehende   war es als würden alle Masken fallen.   Hannes Wader selbst entzog sich dem   Getöse.

 Freunde berichteten, er habe   sich in sein Haus bei Bielefeld   zurückgezogen und tagelang keine Anrufe   entgegengenommen. Sein Sohn, der nur   selten in der Öffentlichkeit auftrat,   schilderte später, dass er den Vater in   jener Zeit so verschlossen erlebte, wie   nie zuvor.   Es hieß, er habe auf nächtlichen   Spaziergängen überlegt, ob es ein Fehler   gewesen sei, die Namen auszusprechen.

 

  Doch was ihn davon abhielt, das   Interview zu widerrufen, war der   Gedanke, dass er sich zum ersten Mal in   seinem langen Leben kompromisslos   befreit gefühlt hatte. Zeitgleich   entzündete sich ein erbitter Streit in   der Presse, der bald mehr war als ein   bloßes Schamützel um Ehre. Manche   Kommentatoren warfen wahr davor, er habe   sich aus gekränkter Eitelkeit zur   Abrechnung verstiegen.

 

 Andere lobten   seinen Mut, endlich auszusprechen, was   viele in der Szene nur hinter   vorgehaltener Hand tuschelten. Die   Debatte eskalierte als ein ehemaliger   Produzent. Öffentlich behauptete Wer   habe einst versucht, andere Künstler   beim Label zu blockieren, weil er   fürchtete, sie könnten ihm den Platz   streitig machen.

 

 Inmitten dieses   unübersichtlichen Schlagabtauschs   erschien ein offener Brief,   unterzeichnet von mehreren bekannten   Musikern. Sie erklärten, Wader sei für   sie immer ein Vorbild an Integrität   gewesen. Doch zugleich baten sie ihn   wieder den Weg der Versöhnung zu suchen.   Diese Forderung traf ihn ins Mark. Er   empfand sie als Anmaßung, als   Aufforderung, alles ungeschehen zu   machen.

 

 In einem der wenigen Gespräche,   die er damals noch führte, sagte er mit   leiser, aber fester Stimme: “Ich habe   jahrelang auf eine Entschuldigung   gewartet. vergeblich. Wenn ein alter   Mann den Mut aufbringt, die Wahrheit zu   sagen, dann soll man ihn nicht belehren,   sondern zuhören. Es war ein Satz, der   sich in die Erinnerung vieler brannte.

 

  Parallel dazu tobte der Streit um sein   musikalisches Erbe. Manche Radiosender   nahmen seine Lieder vorübergehend aus   dem Programm, um der Kontroverse   auszuweichen. Andere spielten sie erst   recht, weil sie darin ein Zeichen für   Unbeugsamkeit sahen. Fans schrieben in   tausenden Briefen einige voller   Bewunderung, andere voller Enttäuschung.

 

  Ein Mann, der jahrzehntelang als   moralische Instanz gegolten hatte, war   plötzlich Projektionsfläche für alles,   was die Republik über Loyalität, Politik   und Gekränkten Stolz zu sagen hatte. Und   während die Medien sich an jedem neuen   Detail berauschten, blieb zwischen den   Zeilen spürbar, dass hier weit mehr auf   dem Spiel stand, als ein Streit unter   Musikern.

 

 Es ging um die Frage, ob   jemand das Recht hat, nach einem halben   Jahrhundert das Schweigen zu brechen,   auch wenn es alles zerstört, was bisher   unantastbar schien. Sein Sohn erinnerte   sich später an einen Abend, an dem Wader   auf der Terrasse sitzend zum ersten Mal   Tränen zeigte. Er habe gemurmelt, daß er   nie habe glauben wollen, daß so viele   alte Wunden nie verheilt sein.

 

 “Mein   Sohn ist ohne seinen Vater   aufgewachsen”, flüsterte er, weil ich   geglaubt habe, der Kampf sei wichtiger   als Nähe. Diese Worte, die wie ein   stilles Eingeständnis klangen,   zeichneten das Bild eines Mannes, der   nun spürte, wie der Preis des   unnachgiebigen Weges schwerer wog als je   zuvor.

 

 Sehr geehrte Damen und Herren,   nach all den aufgewühlten Monaten, den   Schlagzeilen, den Vorwürfen und den   Rechtfertigungen kam ein Augenblick, den   niemand erwartet hatte, als wäre die   Kontroverse ein unablässig brennendes   Feuer gewesen, das erst verlöschen   konnte, wenn er selbst das letzte Wort   sprach.

 

 Doch Hannes Wader entschied sich   nicht für eine weitere Anklage oder   einen öffentlichen Rückzug in   Bitterkeit. Stattdessen bereitete er   einen letzten leisen Auftritt, vor der   so gar nichts mit dem aufgeladenen   Streit zu tun hatte. Er lud zu einem   Konzert ein in eine kleine unscheinbare   Kulturhalle in der Nähe seines Wohnorts.   Keine Fernsehteams, keine Reporter, nur   wenige enge Freunde, Familienangehörige   und treue Wegbegleiter durften kommen.

 

  Die Bühne war spärlich beleuchtet. Ein   einzelner Stuhl, die vertraute Gitarre,   ein Glas Wasser. Die Atmosphäre war von   jener besonderen Spannung durchzogen,   die entsteht, wenn man spürt, dass hier   etwas endgültig zu Ende geht. Als er   eintrat, erhob sich niemand. Es war, als   hielten alle den Atem an.

 

 Man sah einen   alten Mann, der müde wirkte, aber   zugleich eine stille Kraft in sich trug.   Er setzte sich, legte die Hand auf die   Gitarrendecke und schwieg minutenlang.   Dieses Schweigen war beräter als jedes   Lied, als jede Abrechnung. Dann begann   er mit brüchiger Stimme zu sprechen.   Nach allem bleibt nur die Familie, meine   Damen und Herren.

 

 Und vielleicht ein   paar Lieder, die irgendjemand irgendwann   mal gebraucht hat. Er sprach über die   Jahre des Zorns über die unerfüllte   Sehnsucht verstanden zu werden. Er   gestand, dass er sich manchmal in seinem   Kampf verrannt habe, dass er in seinem   Stolz verlernt hatte zu unterscheiden,   wer ihm wirklich nahe stand und wer nur   eine flüchtige Bekanntschaft war.

 

 An   diesem Abend spielte er kein   vollständiges Programm. Er sang nur vier   Lieder, die alles erzählten, was noch zu   sagen war. Eines davon handelte von   Vergebung ein anderes vom Verlust und   das letzte war eine schlichte Melodie   ohne Worte. Es klang als würde er den   Raum mit all dem füllen, was ungesagt   geblieben war.

 

 Während er spielte,   liefen in den ersten Reihen Tränen. Auch   in seinem Gesicht glitzerte es feucht,   als er den Blick hob und sagte: “Ich   kann nicht mehr kämpfen und ich glaube,   ich will es auch nicht.” Dieser Moment   war keine Kapitulation, sondern ein   stiller Sieg, ein Sieg darüber, dass er   den Mut gefunden hatte, sich selbst   einzugestehen, dass er nicht   unverwundbar war.

 

 Die Menschen im Saal   erhoben sich nun doch aber nicht, um ihn   zu feiern, sondern um ihm mit einer   ehrlichen, tief empfundenen Geste zu   zeigen, dass sie verstanden hatten. In   diesen Minuten lag über allem ein   Gefühl, das größer war als alle   Schlagzeilen. Es war das Gefühl, dass   selbst die tiefsten Risse nicht   verhindern können, dass am Ende etwas   bleibt.

 

 Das verbindet die Erinnerung an   ein Leben, dass man mit aller Konsequenz   gelebt hat. Sehr geehrte Damen und   Herren, nun sitzen wir gemeinsam vor den   Resten einer Geschichte, die so viele   Gesichter hatte, Leidenschaft, Wut,   Triumph, Verbitterung und am Ende   vielleicht auch ein leiser Frieden. Man   kann darüber streiten, ob Hannes Was   späte Beichte notwendig war oder nur   eine letzte Provokation.

 

 Doch niemand   kann bestreiten, dass sie uns alle   zwingt über die Macht unausgesprochener   Kränkungen nachzudenken.   Ist es wirklich so einfach, die   Vergangenheit loszulassen, wenn man sie   so tief im Herzen getragen hat? Kann ein   Mensch, der ein Leben lang für   Wahrhaftigkeit gekämpft hat, am Ende   tatsächlich vergeben? Oder ist diese   Sehnsucht nach Versöhnung nur eine   Illusion, wenn das Vertrauen einmal   zerbrochen ist? Ruhm, Einfluss,   gesellschaftliches Ansehen.

 

 All das   erscheint plötzlich erstaunlich hohl,   wenn man sieht, was es kostet,   jahrzehntelang unbeugsam zu bleiben.   Wada selbst hat in seiner letzten Rede   davon gesprochen, dass ihm manches Glück   entglitt, weil er es nicht rechtzeitig   erkannt hat. Vielleicht war diese   Einsicht der größte Preis, den er je   bezahlt hat.

  Meine Damen und Herren, stellen Sie sich   vor, Sie müssten heute Nacht eine Liste   jener Menschen schreiben, die Sie am   tiefsten verletzt haben. Würden Sie den   Mut finden, diese Namen auszusprechen?   Würden Sie darauf hoffen, dass nach all   der Bitterkeit etwas bleibt, das größer   ist als Hass? Oder würden Sie schweigen,   um nicht alles einzureißen, was sie   aufgebaut haben? Es gibt Geschichten,   die lassen sich nicht mit einem   Versöhnungsbild beenden.

 

 Geschichten, in   denen der Mensch bleibt, was er immer   war ein Wesen voller Widersprüche.   Vielleicht ist gerade das der Grund,   warum Hannes Wader uns so nahe geht,   weil er uns zeigt, dass Wahrhaftigkeit   einsamer Weg sein kann. Meine Damen und   Herren, eine Geschichte hinter den   glanzvollen Bühnen, die ein nagendes   Gefühl hinterlässt, das nur die   Beteiligten ganz verstehen.

 

 Ich danke   Ihnen, daß sie diesen Weg mit mir   gegangen sind. M.