Hey, hey, ich weiß bereit.   Willkommen bei Stimmen der   Vergangenheit, dem Ort, an dem wir die   stillen Echos des Ruhms und die lauten   Narben, die er hinterlässt, untersuchen.   Heute Abend blicken wir auf eine der   faszinierendsten und widersprüchlichsten   Figuren der deutschen Musikgeschichte.   Ein Mann, der im Grunde zwei völlig   getrennte Leben geführt hat, getrennt   durch eine fast zwei Jahrzehnte dauernde   Wüste des Schweigens und des   persönlichen Schmerzes.

 

 Sein Name ist   Joachim Witt.   Wenn Sie heute seinen Namen hören, sehen   Sie vielleicht das Bild eines weisen,   fast prophetisch anmutenden Mannes mit   langem weißem Bart, eine Art Fels in der   Brandung. Er ist der Patenonkel der   Düsterszene, ein Titan der neuen   deutschen Härte. Doch das ist nur die   halbe Wahrheit.   Spulen wir zurück.

 

 Es sind die frühen   1980er Jahre. Auf dem Höhepunkt der   neuen deutschen Welle steht ein junger   Mann aus Hamburg. das genaue Gegenteil   seines heutigen Ichs. Ein Mann mit   wildem Blick und robothaften Bewegungen,   den das Publikum liebte und fürchtete.   Sein größter Triumph war ein Lied, das   zur Hymne einer Generation wurde.

 

 Der   goldene Reiter.   Millionen Sang mit, aber schon damals   fragten sich viele, ist das alles nur   Show. In späteren Interviews gab Witz   selbst zu, was viele ahnten. Zitat: “Mir   stand ein bisschen der Wahnsinn im   Gesicht. Die Leute dachten, ich hätte   einen Vollknall.   Genau das war es, was das Publikum   vermutete.

 

 Sie sahen einen Mann am Rande   des Abgrunds und klatschten Beifall.   Aber was, wenn es kein Tanz war, sondern   ein echter Schrei?   40 Jahre später hat Joachim Witt das   Schweigen gebrochen. Seine späten   Geständnisse werfen ein neues Licht auf   den Mann, den alle zu kennen glaubten.   Was wir als Kunst abgetan haben, war in   Wahrheit ein verzweifelter   Überlebenskampf.

 

  Wie konnte dieser goldene Reiter fast 17   Jahre lang spurlos verschwinden? Was   geschah, nachdem die Industrie ihn, wie   er sagte, weggeworfen hatte? Und was ist   die wahre dunkle Geschichte hinter dem   Lied, zu dem eine Nation tanzte? Eine   Geschichte über Panikattacken und den   Weg in die Psychiatrie?   Heute erzählen wir die Geschichte eines   Mannes, der alles hatte, alles verlor   und sich neu erfinden musste.

 

 Dies ist   die Geschichte von Joachim Wit und von   dem Geständnis, auf das wirre warten   mussten.   Um den Mann zu verstehen, der als   goldener Reiter berühmt wurde, müssen   wir in seine Kindheit blicken. Geboren   1949 in Hamburg in einer Zeit der   strengen Regeln und Erwartungen.   Konformität war der Schlüssel, doch der   junge Joachim Wit fand in diesem System   keinen Platz.

 

  Er erlebte diese Jahre als Entfremdung.   Er selbst hat seine Schulzeit später mit   einem einzigen vernichtenden Wort   beschrieben: Katastrophal.   Das ist kein Wort, das man leichtfertig   wählt. Es beschreibt ein fundamentales   Gefühl des Versagens. Diese Erfahrung   hinterließ eine tiefe Narbe und schuf,   wie es nannte, ein Ungleichgewicht in   seinem Unterbewusstsein.

 

 Ein Vakuum war   entstanden, ein brennender Mangel an   Anerkennung.   Wenn die Welt dir auf dem   konventionellen Weg keine Bestätigung   gibt, suchst du sie auf dem   Unkonventionellen. Er fand seinen Weg in   der Musik. Es war der Wunsch, dem Gefühl   des Versagens zu entkommen, der Wunsch   als Musiker auf der Bühne umschwärmt zu   sein, die G nach der Bewunderung durch   die Mädels.

 

  Das war keine Oberflächlichkeit, es war   eine Überlebensstrategie. Die Bühne   wurde eine Notwendigkeit, ein Ort der   Heilung. Er suchte verzweifelt nach   diesem Ausgleich.   Doch dieser Antrieb ist ein   zweischneidiges Schwert. Was passiert,   wenn der Applaus aufhört?   Bevor der Ruhm kam, war es ein langer   Weg. Er versuchte alles.

 

 Er absolvierte   eine Schauspielausbildung am Talia   Theater in Hamburg. Er gründete die   Rockband Düsenberg. Sie hatten   Achtungserfolge, aber es war nicht der   Durchbruch, den sein inneres   Ungleichgewicht forderte.   Als er Düsenberg 1980 verließ, stand er   am Rande eines psychologischen Abgrunds.   Der Joachim Wit, der 1980 sein erstes   Soloalbum Silberblick aufnahm, war ein   Mann mit einer Mission.

 

 Er musste der   Welt beweisen, dass er keine Katastrophe   war.   Diese aufgestaute Energie, dieser fast   schon manische Drang, den Ausgleich zu   finden, explodierte in seiner Musik. Es   war dieser Wille, der den warnwitzigen   Stil des goldenen Reiters gebären   sollte. Diese Energie würde ihn zum   größten Star Deutschlands machen, aber   sie würde unweigerlich zu seinem   tiefsten Fall führen.

 

  Westdeutschland, 1980. Ein Land im   Schatten der Mauer, im Taumel des kalten   Krieges. Die Jugend will ihre eigene   Stimme, ihre eigene Sprache. In dieses   Gemisch platzt die neue Deutsche Welle   und Joachim Witt ist bereit, sie zu   reiten.   Sein Album Silberblick ist ein   Paukenschlag.

 

 Kühl, synthetisch, voller   roher Emotion. Es klingt nach Beton und   Neonlicht. Zuerst ist es zu kantig für   das Radio.   Doch dann im Mai 1981 wird goldener   Reiter ausgekoppelt. Als der Song es in   die Sendung Musikladen schafft, gibt es   kein Halten mehr. Deutschland hat seinen   ersten exzentrischen Superstar der NDW.   Die Wirkung ist seißmisch.

 

 Goldener   Reiter klettert auf Platz 2 der Charts   und hält sich dort 29 Wochen lang. Für   das Publikum ist es der perfekte   Soundtrack zur Apokalypse Party des   kalten Krieges. Man tanzt in den   Diskotheken und gröhlt den Refrin.   Doch hier im Moment des Triumphs liegt   die größte und tragischste Ironie. Das   Publikum, das zu seinem Lied tanzt, hört   nicht, worüber es tanzt.

 

  Was die Nation als Partyhit feiert, ist   eine ungeschminkte, düstere Erzählung.   Wiz selbst hat die Geschichte später   klargestellt. Es handelt von einem   Menschen, der an Schizophrenie leidet   und auf dem Weg in die psychiatrische   Klinik ist. Hey, hey, hey, ich bin der   goldene Reiter.

 

 Ist nicht der Ruf eines   Helden, es ist der Warn eines Mannes,   der die Kontrolle verliert.   Noch dunkler wird es, wenn man Witz   spätere Geständnisse hört. Jahrzehnte   später gab er zu, dass das Lied zutiefst   autobiographisch war. Es sei ein sehr   persönliches Lied, indem er seine   eigenen Panikattacken verarbeitet habe.   Der goldene Reiter war kein fiktiver   Charakter. Es war Joachim Wit selbst.

 

  Das deutsche Publikum tanzte also zum   Rhythmus eines mentalen Zusammenbruchs.   Es feierte den Mann als Vollknall,   während dieser Mann auf der Bühne seinen   inneren Dämonen eine Stimme gab.   Die Industrie verstand die Kunst nicht,   aber sie verstand den Erfolg.   Witzauftritte waren pures Gold für das   Fernsehen.

 

 Er war nicht hübsch, nicht   alhlglatt. Er starrte mit aufgerissenen   Augen in die Kamera, bewegte sich   ruckartig. Er war der perfekte Antistar   mit einer Aura des Unberechenbaren.   Die Plattenfirma nutzte dies gnadenlos   aus. Noch 1983   landete er mit Herbergsvater einen   weiteren riesigen Hit. Joachim Wit war   jetzt ein Symbol, die Stimme einer   Generation.

 

  Er hatte es geschafft. Der Junge, dessen   Schulzeit eine Katastrophe war, wurde   nun von Millionen umschwärmt. Er hatte   seinen Ausgleich gefunden,   doch es war ein vergifteter Kelch. Er   war in einer Falle gelandet, die er   selbst gebaut hatte. Das Bild des   Vollknalls, ja, das ihn berühmt gemacht   hatte, wurde nun zu seinem Gefängnis.

 

  Das Publikum verlangte nicht nach dem   Künstler, sie verlangten nach dem   goldenen Reiter. Auf dem Gipfel des   Erfolgs begann bereits der innere   Abstieg. Die Panikattacken waren nicht   verschwunden, sie warteten nur.   Der Rausch des Erfolgs ist eine   trügerische Droge. Was wie eine Erlösung   aussah, entpuppte sich als kunstvoll   gestaltetes Gefängnis.

 

 Das Bild des   Vollknalls wurde zu seiner Zelle. Die   Industrie wollte nicht den nuancierten   Schauspieler, sie wollte die Sensation.   Hinter den Kulissen begann ein   unerbittlicher Kampf. Der goldene Reiter   war kein Kunstwerk mehr, er war ein   Produkt. Der Druck, den Erfolg zu   wiederholen, war unmenschlich. Man   verlangte von ihm sich selbst zu   kopieren.

 

 Aber wie kopiert man einen   mentalen Ausnahmezustand?   Hier begann die dunkle Seite des Ruhs.   Wit sah, wie die neue Deutsche Welle,   die als intellektuelle   gesellschaftskritische Antwort auf den   Punk begonnen hatte, ihre Seele verlor.   Er hat diesen Ausverkauf später mit   bitteren Worten beschrieben. Er sagte,   die Bewegung wurde, Zitat in Form von   holems Schlager extrem verharmlost und   verramscht.

 

  verramscht. Ein Wort wie ein   Peitschenhieb. Er war der Goldesel, aber   das Gold fühlte sich für ihn wie Blei   an. Die Plattenverträge dieser Ehra   nahmen ihm die Kontrolle. Er war ein   Rädchen in einer Prophetmaschine.   Und während der öffentliche Wit durch   die Shows eilte, kämpfte der private Wit   mit seinen Dämonen.

 

 Die Krise kam nicht   nach dem Ruhm. Sie begann währenddessen.   W gab zu, dass er schon in dieser   Hochphase erhebliche Existenzängste   hatte.   Das muss man sich vorstellen. Ein Mann   an der Spitze der Charts, der Nächte   damit verbringt, sich um seine Existenz   zu sorgen. Warum? Weil er wusste, dass   dieser Rausch nicht ewig anhalten   konnte. Er spürte die Hohl des Systems.

 

  Er war auch ein junger Familienvater.   Der Druck als Versorger zu funktionieren   lastete schwer auf ihm. Der Spagat   zwischen dem goldenen Reiter und dem   Ehemann war zermürbend. Das öffentliche   Bild war eine Fassade, dahinter war ein   Mensch, der kontrolliert und isoliert   wurde.   Die Ironie war brutal.

 

 Er hatte die   Bühne gesucht, um den Zwängen seiner   katastrophalen Schulzeit zu entkommen   und war nun in einem viel größeren   Gefängnis gelandet. Die Industrie, die   ihm den Ausgleich versprochen hatte,   präsentierte ihm nun die Rechnung.   Er war nicht mehr der Künstler, er war   eine Marke, eine Marke, die schnell an   Wert verlor, als die NDW abäppte.

 

 Die   Industrie zeigte ihr wahres Gesicht, die   Telefone klingelten seltener. Wit stand   am Abgrund. Die Musik selbst drohte zur   größten Katastrophe seines Lebens zu   werden. Der Ruhm war nur der prunkvolle   Vorhof zur Hölle gewesen.   Die Falle schnappte 1983 mit brutaler   Endgültigkeit zu.

 

 Es war kein Abstieg,   es war ein Absturz. Die neue deutsche   Welle zerplatzte und mit ihr das Leben   des Joachim W.   40 Jahre später fasste er es in einem   Satz zusammen. Zitat: “N3 war der Erfolg   plötzlich weg. Ich verlor alles.”   Alles. Das bedeutete das nichts. Die   Telefone hörten auf zu klingeln. Die   Produzenten erinnerten sich nicht mehr   an seinen Namen.

 

 Das Album Märchenblau   floppte.   Hier offenbarte sich die Hässlichkeit   der Industrie. Die Maschine, die ihn zum   Vollknall stilisiert hatte, brauchte ihn   nicht mehr. Die Party war vorbei   und Joachim Wit erlebte am eigenen Leib,   was er als das Gefühl beschrieb,   weggeworfen worden zu sein. Es war die   ultimative Verletzung.

 

 Er war nicht nur   außer Mode, er war Müll.   Das war die große Tragödie, nicht ein   Skandal, sondern das laute Schweigen der   Gleichgültigkeit. Es war der Beginn   einer 17 Jahre dauernden Wanderung durch   die Wüste der Bedeutungslosigkeit.   Für den privaten Joachim Wit war dies   die Apokalypse. Die erheblichen   Existenzängste wurden zu einer   monströsen Realität.

 

 Er war zurück in   der Katastrophe seiner Schulzeit. Das   System hatte ihn ein zweites Mal   ausgespuckt.   Was folgte, war ein Abstieg in eine   persönliche Hölle. Er beschrieb diese   Zeit unumwunden. Zitat: Es war für mich   eine grausame Zeit. Ich habe furchtbar   gelitten. Mir ging es sehr schlecht.   Das ist die zurückhaltende Beschreibung   für einen totalen Zusammenbruch.

 

 Die   Panikattacken waren nun sein ständiger   Begleiter. Er war gefangen in seinem   gescheiterten Image. Diese Jahre waren   geprägt von Depressionen. Berichten   zufolge war es ein Kampf auf Leben und   Tod. Er soll sogar über Selbstmord   nachgedacht haben. Um die grausame Zeit   zu überstehen, trank er. Er nahm   Beruhigungspillen.

 

 Er versuchte den Lärm   der Stille in sich zu ertränken.   Das ist der wahre, verborgene Skandal,   die Gleichgültigkeit eines Systems, das   einen seiner größten Stars sehenden   Auges in den Abgrund stürzen ließ.   Niemand war da, um ihn aufzufangen.   Hier schloss sich der Kreis auf die   tragischste Weise. Das Lied Der goldene   Reiter, die Geschichte eines Mannes auf   dem Weg in die Psychiatrie war zu seiner   selbsterfüllenden Prophezeiung geworden.

 

  W gab später zu, dass er in diesem Text   sein eigenes Schicksal vorausgesehen   hatte. Er war der goldene Reiter   geworden und er war gefallen.   17 Jahre lang würde dieser Fall dauern.   17 Jahre in denen Deutschland sich   veränderte, die Mauer fiel und in denen   Joachim Wit, der einstige Held einfach   nicht stattfand.

 Er war ein Geist   alleinelassen mit seinen Dämonen.   In der Welt des Pop ist das eine   Ewigkeit. WD war bestenfalls eine   Fußnote. Die Industrie hatte ihn   vergessen, das Publikum hatte ihn   vergessen, aber die Dämonen hatten es   nicht.   Diese 17 Jahre waren die Wüste. Es war   die grausame Zeit. der Mann, der alles   verloren hatte.

 

  Doch in dieser tiefsten Dunkelheit   begann etwas zu gehen. Es war nicht der   Wunsch nach einem Comeback, es war Wut.   Es war eine aufgestaute Energie aus all   dem Schmerz der Demütigung des   Weggeworfen werdens und der Erkenntnis   verramscht worden zu sein.   Und dann im Jahr 1998   brach Joachim Wit sein Schweigen.

 

  Es war kein Flehen um Vergebung, es war   ein Donnerschlag.   Das Schweigen wurde nicht mit einem Wort   gebrochen, sondern mit einer Flut. Das   Lied Die Flut, ein Duett mit Peter   Hpner, war das genaue Gegenteil des   goldenen Reiters. War der Reiter   hysterisch, so war die Flut eine   walzende Masse aus dunkler industrieller   Energie.

 

 Es war kein Pop mehr, es war   neue deutsche Härte.   Der Text war keine Panikattacke, er war   eine apokalyptische Prophezeiung. Wann   kommt die Flut über mich? Singen Sie,   die mich mitreißt in ein anderes großes   Leben. Das war nicht die Stimme eines   Opfers, das war die Stimme eines   Richters.   Der Einschlag war monumental. Das Lied   wurde ein gigantischer Erfolg, größer   noch als der goldene Reiter.

 

 Es   verkaufte sich über 900.000 mal und   erreichte Platinstatus.   Dies war der erste Akt der Rache.   Joachim Wit hatte es der Industrie   gezeigt. Der Mann, den sie als Vollknall   abgeschrieben hatten, war zurück. Er war   nun der PTE der Finsternis, eine Ikone   für eine völlig neue Generation.   Er hatte den Thron zurückerobert, aber   es war ein künstlerischer Sieg.

 

 Die   persönliche Geschichte, das Warum hinter   den 17 Jahren der Hölle blieb weiter im   Verborgenen.   Das wahre, das tiefste Brechen des   Schweigens kam erst viel später.   Es geschah nicht auf einer Bühne,   sondern in Interviews, als Wit bereits   in seinen 60ern und 70ern war. Dies ist   das Geständnis, auf das unser Titel   anspielt.

 

  Im Alter begann Joachim Wit die Lücken   zu füllen. Er gab der grausamen Zeit   einen Namen. Er benutzte die Worte, die   er jahrzehntelang für sich behalten   hatte.   Er sprach offen über die Panikattacken.   Er sprach über die erheblichen   Existenzängste. Er sprach über das   Gefühl, alles verloren zu haben.   Und vor allem tat er eines.

 

 Er zog die   direkte Verbindung zwischen dem Helden   von 1981   und dem Wrack von 1983.   Er lieferte das Geständnis, dass der   goldene Reiter kein Witz war, sondern   ein sehr persönliches Lied. Das   Geständnis, dass er darin sein eigenes   Schicksal vorausgesehen hatte. das   Geständnis, dass das Publikum   unwissentlich zur Beschreibung seines   eigenen mentalen Zusammenbruchs getanzt   hatte.

 

  Das war der Moment, in dem Schweigen   wirklich gebrochen wurde. Es war die   Rückeroberung seiner eigenen Biographie.   Indem er offen über Depressionen und die   Mechanismen einer Industrie sprach, die   ihn verramscht hatte, entzog er dem   System die Macht über seine   Vergangenheit. Er war nicht länger das   Opfer der Vollknall, den man weggeworfen   hatte. Er war der Erzähler.

 

 Er war der   Überlebende.   Er nannte keine Namen von Managern,   denen er nicht verziehen hatte. Er   musste es nicht. Er klagte etwas viel   Größeres an das System. Und er tat dies,   indem er einfach seine Wahrheit   aussprach, die Wahrheit über die 17   Jahre Hölle, die nötig waren, um aus dem   goldenen Reiter den Fels in der Brandung   zu schmieden.

 

  Die Geschichte von Joachim Wit ist eine   universelle Parabel über den wahren   Preis des Ruhms. Sie zeigt das   ungeschminkte Gesicht einer Industrie,   die von Natur aus verzehrt. Sie ist eine   Maschine, die unersättlich nach dem   Nächsten sucht und gleichgültig   gegenüber den Trümmern ist, die sie   hinterlässt.

 

  Die neue deutsche Welle war ein   perfektes Beispiel für diese   Wegwerfmentalität. Sie wurde verramscht,   ihre Künstler wurden verbraucht und   weggeworfen.   Doch was seine Geschichte so fesselnd   macht, ist nicht, dass er fiel. Es ist   die Tatsache, dass er wieder aufstand   als etwas vollkommen Neues.   Er ist vielleicht der einzige Künstler,   dem es gelangt, zwei völlig   unterschiedliche Musikgenres maßgeblich   zu prägen.

 

 Vom Antistar der NDW zum   Parten der neuen deutschen Härte. Dieser   Sprung nach 17 Jahren in der Hölle ist   es, was ihn von einem Opfer zu einem   Sieger macht.   Er wurde, wie er es nannte, zum Fels in   der Brandung. Die Wellen der Industrie,   die ihn 1983 zerschmettern sollten,   brachen sich nun an ihm.   Seine Geschichte zwingt uns unbequeme   Fragen zu stellen.

 

 Was wäre passiert,   wenn die Industrie damals hingehört   hätte? Was wäre, wenn sie in dem Mann   mit dem Wahnsinn im Gesicht einen   Menschen gesehen hätte, der buchstäblich   um Hilfe schrie? Sind wir als Publikum   bereit zuzuhören, bevor die Lichter   ausgehen?   Joachim Witz, spätes Geständnis, seine   Offenheit über die grausame Zeit, die   Panikattacken und die Depressionen ist   vielleicht sein größtes künstlerisches   Statement.

 In einer Welt, die psychische   Gesundheit immer noch als Schwäche   stigmatisiert, ist diese radikale   Ehrlichkeit ein Akt der Befreiung. Es   ist die letzte ultimative Rückeroberung   seiner eigenen Geschichte.   Er hat uns gezeigt, dass hinter jeder   Ikone ein Mensch steckt, der oft kurz   vor dem Zerbrechen steht. Er hat uns   gezeigt, dass es möglich ist, alles zu   verlieren und sich dennoch neu zu   erfinden.

 

  Die Geschichte von Joachim Wit ist nicht   nur die eines Sängers, es ist die   Geschichte eines Überlebenden. Es ist   eine Erinnerung daran, dass die Stille,   die auf den Applaus folgt,   ohrenbetäubend sein kann, aber dass in   dieser Stille auch die Kraft für die   lauteste Rückkehr liegen kann.   Heute hören wir zu, nicht nur um uns an   den goldenen Reiter zu erinnern, sondern   um den Mann zu verstehen, der ihn   überlebt hat.

 

 Wie er selbst sagte, geht   es nicht mehr um Rache oder Vergebung.   Ich suche nicht nach Mitleid und ich   suche keine Vergebung. Ich möchte nur,   dass meine Geschichte von Anfang bis   Ende endlich mit meiner eigenen Stimme   erzählt wird. Und diese Stimme gehört   jetzt mir allein.