Es ist das Jahr 2023. Ein Fernsehstudio, das Licht ist gedämpft, fast schon intim. Ihm gegenüber sitzt ein Journalist. Doch in diesem Moment ist der Raum nur von der Spannung erfüllt, die zwischen der Kamera und dem Mann in ihrem Fokus liegt. Matthias Reim, jetzt 67 Jahre alt, blickt direkt in das Objektiv.
Seine Augen, die einst das Feuer des jugendlichen Erfolgs trgen, verraten heute eine Müdigkeit, die tiefer liegt als nur die Jahre. Sie spiegeln eine lange innere Schlacht wieder. Der Journalist hat gerade die eine Frage gestellt, nicht die Frage nach seinem größten Hit, nicht die Frage nach seinen vielen Kindern oder Ehen.
Es war die Frage, der Reim über 30 Jahre lang ausgewichen ist. Die Frage nach dem Warum? Eine lange Stille füllt den Raum. Es ist kein Zögern aus Vergesslichkeit. Es ist das bewusste Sammeln von Kräften, das Abwägen eines Mannes, der weiß, dass das, was er jetzt sagt, nicht zurückgenommen werden kann.
Es ist der Moment, den er sein ganzes Leben lang gefürchtet und vielleicht auch herbeigesehn hat. Dann mit einer Stimme, die fester ist, als man erwarten würde, bricht er seinen Schweigen. Er war mein Freund, sagt Rem. Und das Wort Freund klingt in seinem Mund wie Asche. Er war näher als ein Bruder.
Er war der Mann, dem ich mein Leben anvertraut habe und er hat mir alles genommen. Alles. Ein Wort, das schwer wiegt, wenn es von einem Mann kommt, der der unangefochtene König Deutschlands war. Wir sprechen nicht von irgendeinem Sänger, wir sprechen von Matthias Reim, dem Mann, der 1990 nicht nur einen Song, sondern den Soundtrack zur Wiedervereinigung lieferte.
Verdammt, ich liebe dich. 16 ununterbrochene Wochen auf Platz 1 der Charts. Millionen verkaufter Platten. Eine Hymne, die von den Trümmern der Berliner Mauer bis in die bayerischen Biergärten gesungen wurde. Ein kollektiver Rausch der Freiheit und der Liebe. Er war das Gesicht dieser neuen Hoffnung. Die blonde Mähne, der Innbegriff des westdeutschen Erfolgs, der nun den Osten eroberte. Er war unantastbar.
Doch hinter den Kulissen, verborgen vor den jubelnden Massen und den goldenen Schallplatten, tickte eine Zeitbombe. Während Deutschland im Freudentaumel feierte, unterschrieb Reim Verträge, die er nicht las. Während er von Stadt zu Stadt eilte, um Stadien zu füllen, sah er nie die Abrechnungen.
Er lebte den Traum, während ein anderer die Realität verwaltete. Und als die Lichter der 90er Jahre verblasten, stand er vor dem Nichts, einem Abgrund, ein Schuldenberg von 13 Millionen Euro. Wie ist das möglich? Das ist die Frage, die Deutschland sich damals stellte und die wir heute beantworten. Wie kann ein Mann, der eines der größten Vermögen der deutschen Musikindustrie erwirtschaftet hat, am Ende der größte private Schuldner des Landes sein? Wie geriet eine Ikone, ein Symbol des Aufbruchs, so schnell in Vergessenheit nur um als Pleitegeier der Nation auf den Titelseiten der Boulevardpresse wieder aufzutauchen? Es ist die Geschichte einer fast schon krankhaften Loyalität. Eine Geschichte von blindem Vertrauen, das so absolut war, dass es zur perfekten Waffe gegen ihn wurde. Matthias Reim, der studierte Germanist, der intellektuelle Songschreiber, war ein Kind, wenn es ums
Geld ging. Und er vertraute dem einen Mann, der versprach, sich um alles zu kümmern. Es ist die Geschichte eines Schweigens, das fast vier Jahrzehnte dauerte. Ein Schweigen aus Scham, aus Stolz und vielleicht auch aus Angst. die Wahrheit selbst anzuerkennen. Heute im Alter von 67 Jahren ist Matthias Reim bereit dieses Schweigen zu brechen.
Er ist bereit die Namen zu nennen. Jene vier oder fünf Personen, jene Systeme und jene Institutionen, denen er, wie er sagt, niemals vergeben wird. Er sucht nicht nach Mitleid, er sucht nach Gerechtigkeit. Warum hat er so lange gewartet? Welche Wunden waren so tief, dass sie erst jetzt im letzten Akt seines Lebens ans Licht kommen dürfen? War es die finanzielle Freiheit, die er sich mühsam zurückerkämpft hat, die ihm nun die Zunge löst? Oder ist es der Wunsch, seine eigene Geschichte zu besitzen, bevor es zu spät ist? Und wer genau ist dieser Mann, dieser Freund, der den größten Star Deutschlands in den finanziellen Ruinen trieb? Dies ist nicht die Geschichte des Hits Verdammt, ich lieb dich. Das ist die Geschichte dessen, was unmittelbar danach kam. Die Geschichte eines spektakulären Absturzes, eines Verrats, der tiefer schnitt als jeder bankrott und die Geschichte eines Mannes, der alles verlor, außer seiner Stimme. Und heute Abend benutzt er diese Stimme, um
die Wahrheit zu sagen, die ganze ungeschminkte Wahrheit. Um den Mann zu verstehen, der fiel, muss man den Giganten begreifen, zu dem er aufstieg. Und um diesen Giganten zu begreifen, muss man das Land verstehen, das ihn erschaffen hat. Deutschland 1990. Es ist ein Land im Taumel, ein Land im Fieber.
Die Berliner Mauer ist gefallen, ein physisches und psychologisches Beben, das eine ganze Nation in einen Zustand der Euphorie und der totalen Unsicherheit gestürzt hat. Ost und West, zwei Hälften eines Herzens, versuchen unbeholfen wieder imselben Takt zu schlagen. Es herrscht eine Atmosphäre von Aufbruch, von grenzenloser Möglichkeit, aber auch von latenter Angst.
Was bringt die Zukunft? Wer sind wir jetzt? In dieses Vakuum hinein, in diese kollektive Sehnsucht nach einem Gefühl, das all Chaos übertönt, tritt ein Mann, der bis dahin ein Phantom war, Matthias Reim. Er ist kein unbeschriebenes Blatt, kein 20-jähriger, der über Nacht entdeckt wurde. Reim ist zu diesem Zeitpunkt 32 Jahre alt.
Er ist ein erfahrener Musiker, ein studierter Mann, der sein Germanistikstudium in Göttingen nach 18 Semestern abgebrochen hat, weil die Musik lauter rief als die Akademie. Er ist ein Handwerker, ein Strippenzieher im Hintergrund. Seit Jahren schreibt er Lieder für die Großen der Branche, für etablierte Schlagerstars wie Bernhard Brink, Roy Black und sogar Jürgen Druce.
Er kennt das Geschäft von innen, aber er kennt es aus dem Schatten. Er ist der Komponist, nicht der Star. Diese Frustration, dieses Gefühl immer nur für andere, die Worte und Melodien zu finden, gipfelt in einem einzigen Song. Verdammt, ich liebe dich. Es ist ein Lied, das er, so will es die Legende ursprünglich für einen anderen Künstler geschrieben hatte, doch der lehnte ab.
Das Lied sei zu rockig, zu direkt, zu roh für die polierte Schlagerwelt. Es war nicht glatt genug, es war zu ehrlich, es war, wie sich herausstellte, zu sehr Matthias Reim. Also trifft Reim eine schicksalhafte Entscheidung, eine Entscheidung, die teils aus trotz teils aus purer künstlerischer Notwendigkeit geboren wird. Er wird es selbst singen.
Er leht diesem Gefühl seine eigene Stimme, diese leicht rauhe, unperfekte, aber unglaublich aufrichtige Stimme. Er produziert den Song selbst mit einem Sound, der neu ist, eine Brücke zwischen Poprock und deutschem Text. Im Frühjahr 1990 wird der Song veröffentlicht und was dann passiert ist keine Erfolgswelle. Es ist ein Tsunami.
Das Lied trifft den Nerv einer Nation. In einer Zeit, in der politische Parolen und wirtschaftliche Sorgen den Alltag dominieren. Ist verdammt, ich liebe dich, ein Schrei nach purer unkomplizierter Emotion. Es ist der ultimative Gefühlsausbruch. Die Menschen im Osten hören darin die Freiheit. Die Menschen im Westen hören darin die Leidenschaft.
Es ist ein Balsam für ein sich erholendes Land. Es ist die eine Sache, auf die sich alle einigen können. Die Zahlen sind astronomisch und untermauern diesen kulturellen Moment. 16 aufeinander folgende Wochen hält sich die Single auf Platz 1 der deutschen Charts. 16 Wochen. Ein Rekord, der seit 1971 nicht mehr gebrochen wurde.
Die Single verkauft sich über zweieinhalb Millionen Mal. Das Debütalbum Reim folgt und wird zu einem monströsen Erfolg. Plötzlich ist dieser blonde Mann mit der Gitarre, der zuvor Lieder für andere schrieb, der größte Star des Landes. Die Boulevardpresse überschlägt sich, die Rimania ist geboren.
Frauen fallen in Ohnmacht. Männer grölen den Refrin in den neu eröffneten Kneipen zwischen Rostock und Garmisch. Erfüllt die Stadien. Und die Öffentlichkeit formt sich ihr Idealbild. Er ist nicht der typische ahlglatte Schlagersänger. Er ist der Kumpeltyp mit Rockstar Attitüde, der ideale Sohn, der trotzdem irgendwie gefährlich wirkt.
Er ist der perfekte Schwiegersohn, der aber heimlich raucht. Dieser Kontrast macht ihn unwiderstehlich. Er ist der erste gesamtdeutsche Superstar. Sein Erfolg beschränkt sich nicht auf Deutschland. Er schwappt über nach Österreich, in die Schweiz, in die Niederlande. Matthias Reim ist auf dem Gipfel des Olymps angekommen.
Er hat alles erreicht, wovon er je geträumt hat. Der Songschreiber aus dem Schatten ist zur Ikone einer Nation geworden und er genießt es. Die anfängliche Freude ist berauschend. Eine Droge. Nach Jahren des Kampfes, der Absagen der Nächte im Studio ist dies die ultimative Bestätigung. Doch dieser Rausch hat einen Preis und er wird sofort fällig.
Der Druck an der Spitze ist unmenschlich. Vom Komponisten, der im Stillen arbeitete, wird er zum öffentlichen Eigentum. Jeder Auftritt ist ein Kraftakt, jede Schlagzeile eine Bürde. Und genau hier, auf dem absoluten Höhepunkt seines Ruhms, in diesem Wirbelsturm aus Gold, Applaus und Erschöpfung, wird der Grundstein für die spätere Katastrophe gelegt.
Reim ist ein Künstler, ein Musiker, ein Poet. Er ist kein Buchhalter. Er will auf der Bühne stehen. Er will den nächsten Hit schreiben. Er will nicht über Steuererklärungen oder Investitionsstrategien sprechen. Die Zahlen sind ihm lästig. Er will erschaffen, nicht verwalten. In diesem Moment der totalen Überforderung, geblendet vom grellsten Rampenlicht, das Deutschland zu bieten hat, sucht er nach jemandem, der ihm diese Last abnimmt.
Er sucht nicht nur einen Manager, er sucht einen Beschützer, einen Freund, jemanden, dem er blind vertrauen kann und er findet ihn. Er legt sein Schicksal, seine Finanzen und seine Zukunft in die Hände eines Mannes, der ihm verspricht: “Matthias, du machst die Musik, ich kümmere mich um den Rest.” Es ist eine Entscheidung, die er in der Euphorie des Triumphs trifft.
Es ist der Moment, in dem der König seine Krone abgibt, ohne es zu merken. Der Jubel ist ohrenbetäubend, doch im Lärm der ausverkauften Tourneen und der Platinverleihungen wird das leise Klicken der Falle, die zuschnappt, völlig überhört. Der Höhepunkt seiner Karriere ist gleichzeitig der Beginn seines tiefsten Falls.
Während Deutschland Matthias Reim auf einem goldenen Thron sah, begann hinter dem Samtvorhang des Erfolgs der Verfall. Das grelle Rampenlicht, das ihn zum Gott einer Generation machte, warf gleichzeitig die dunkelsten Schatten. Schatten, in denen sich die Mechanismen der Ausbeutung perfekt verbergen konnten.
Der Ruhm war kein Segen, er war ein Käfig und der Schlüssel zu diesem Käfig lag in der Hand eines anderen Mannes. Der Name, der zum Synonym für Reims größten Schmerz werden sollte, war Alfred Reimann. Dies war nicht irgendein Manager, den man in einer Agentur anheuert. Reimann war der Entdecker, der Mentor, der Ängste vertraute.
In der stürmischen See des plötzlichen Erfolgs war Rimann der Leuchtturm, der Fels in der Brandung. Für Matthias Reim, den Künstler, der, wie er später selbst zugab, krankhaft harmoniesüchtig war, war Reimann die perfekte Ergänzung. Reim wollte Melodien erschaffen, keine Bilanzen lesen. Er konnte es nicht ertragen, nein zu sagen.
Also tat er, was so viele Künstler vor ihm taten. Er suchte jemanden, der die schmutzige Arbeit für ihn erledigte. Reimann war dieser jemand und er bot Reim einen Pakt an, der teuflischer nicht hätte sein können. Matthias, du machst die Musik, ich kümmere mich um den Rest. Für Reim klang das wie die totale Befreiung.
In Wahrheit war es die totale Kapitulation. Der fatale Moment, der Wendepunkt, der den Absturz besiegelte, war die Unterschrift unter einem einzigen Dokument. Ein Dokument, das harmlos klang, aber die Macht einer Atombombe besaß, eine Generalvollmacht. Matthias Reim gab Alfred Reimann die uneingeschränkte totale Kontrolle über sein Leben, seine Finanzen, seine Identität.
Von diesem Moment an konnte Reimann im Namen von Matthias Reim Häuser kaufen, Kredite aufnehmen, Firmenründen und Verträge unterzeichnen. Reim selbst musste nie wieder etwas unterschreiben. Er musste nicht einmal informiert werden. Er hatte sich selbst entmündigt, ohne es zu wissen. Und Reimann begann den Rest zu erledigen.
Er begann zu investieren, wie es damals im Rausch der Wiedervereinigung üblich war. Das große Ziel: Immobilien in Ostdeutschland. Es klang nach einer sicheren Wette ein patriotischer Akt, der gleichzeitig Reichtum versprach. Ganze Wohnblöcke, historische Gebäude, Grundstücke, das Portfolio wuchs und damit wuchs auch der Schuldenberg, denn nichts davon wurde bar bezahlt.
Alles lief über Kredite, Hypotheken, Bürgschaften, alles im Namen von Matthias Reim. Währenddessen stand der Star selbst auf der Bühne Nacht für Nacht. Er war der Goldesel, die unermüdliche Maschine, die den Motor am Laufen halten musste. Sein Zeitplan war unmenschlich. Er wurde von Auftritt zu Auftritt gejagt, verlor jegliche Autonomie über sein eigenes Leben.
Er hatte keine Zeit für seine Familie, keine Zeit für Bildung, keine Zeit, um zu verstehen, was in seinem Namen geschah. Er sah nur die positiven Schlagzeilen, die Villa auf Mallorca, die teuren Autos. Er lebte den Lebensstil eines Multimillionärs in dem Glauben, es sei sein verdienter Lohn. Die Realität war, er war ein Millionär auf dem Papier, aber ein Schuldner in der Wirklichkeit.
Der Kontrast zwischen dem öffentlichen Bild und der Realität hätte brutaler nicht sein können. Die Öffentlichkeit sah den strahlenden Sieger. Hinter den Kulissen saß ein erschöpfter Mann, der kontrolliert wurde, der einsam war und der den Druck spürte, das perfekte Image aufrecht zu erhalten. Und die Branche, die Branche sah zu.
Das System schützte ihn nicht. Solange die Kassen klingelten, stellte niemand Fragen. Es war die perfekte Symbiose des Missbrauchs. Ein Künstler, der die Augen verschloss und ein Manager, der diese Blindheit ausnutzte. Es war kein aggressiver Akt, kein offensichtlicher Diebstahl. Es war ein langsames methodisches Aushöhlen, ein Verrat, der auf Vertrauen basierte.
Jahrelang ging dieses System gut, doch die Musikindustrie ist unbeständig. Der gigantische Erfolg von “Verdammt, ich liebe dich” war nicht wiederholbar. Die Alben, die folgten, waren erfolgreich, ja, aber sie waren keine Tsunamis mehr. Der Geldstrom, der anfangs wie ein Ozean wirkte, wurde zu einem Fluss und schließlich zu einem Bach.
Aber die Ausgaben stoppten nicht. Die Kredite mussten bedient werden. Die Investitionen in die Ostimmobilien entpuppten sich als Fass ohne Boden. Viele waren sanierungsbedürftig. Der Markt brach ein. Die Maschine, die Alfred Reimann im Namen von Matthias Reim gebaut hatte, war ein unersättliches Monster geworden.
Und nun, da der Geldstrom aus der Musik versiegte, begann das Monster seinen eigenen Schöpfer zu fressen. Matthias Reim spürte, dass etwas nicht stimmte. Er spürte den Druck, immer mehr ten zu müssen, immer mehr zu arbeiten, nur um einen Status quo zu halten, den er nicht verstand. Die Beziehung zu Reimann, einst die eines Vaters und Sohnes, wurde angespannt.
Aber wie sollte er rebellieren? Er hatte keine Ahnung von den Zahlen. Er wusste nicht einmal, wo die konnten waren. Er war ein Gefangener in seinem eigenen goldenen Palast. Er war das perfekte Opfer. Ein Mann, der so sehr an das Gute im Menschen glauben wollte, dass er die Gear direkt vor seinen Augen nicht erkannte.
Er war kein Engel, er war kein idealer Sohn. Er war ein Mensch, der einen fundamentalen Fehler gemacht hatte. Er hatte seine Verantwortung für sein eigenes Leben an der Garderobe abgegeben, bevor er auf die Bühne ging. Und nun, als die Lichter langsam ausgingen, merkte er, dass jemand den Mantel gestohlen hatte und alles, was darin war.
Anfang der 2000er Jahre, die Remania der 90er war verflogen. Die Musiklandschaft hatte sich verändert. Techno und Boyband dominierten die Charts. Matthias Reim war immer noch ein Name, aber er war nicht mehr der Tsunami, der er einst war. Er war ein Star von gestern, der versuchte in der Gegenwart zu überleben.

Doch das Finanzmonster, das in seinem Namen erschaffen worden war, kannte keine Nostalgie. Es verlangte gefüttert zu werden und der Geldstrom aus den Plattenverkäufen reichte nicht mehr aus, um die Zinsen für die Kredite der gigantischen Immobilieninvestition zu decken. Der Moment der Wahrheit kam nicht mit einem Knall.
Er kam, wie es Katastrophen oft tun, mit einem Telefonanruf, einem Brief von einer Bank, einem Termin, den er nicht länger ignorieren konnte. Es war der Moment, in dem Matthias Reim, der Künstler, gezwungen wurde, in den Keller seine eigenen Finanzen hinabzusteigen. Einen Keller, den er nie zuvor betreten hatte. Was er dort fand, war nicht nur Unordnung, es war ein Schlachtfeld.
Es war der Moment, in dem sein Manager und Vertrauter Alfred Reimann die Karten auf den Tisch legen musste oder besser gesagt die Schuldscheine. Es war der Moment, in dem Reim zum ersten Mal die wahre Zahl hörte. 13 Millionen Euro. 13 Millionen. Eine Summe so abstrakt, so unvorstellbar, dass sie jede Bedeutung verlor.
Er, der Mann, der dachte er sei Multimillionär, der eine Wille auf Mallorca besaß und das Leben eines Königs führte, war in Wahrheit der Inbegriff des Bankrotts. Die Nachricht schlug ein, wie ein Komet. Zuerst intern, dann unvermeidlich in der Öffentlichkeit. Das Insolvenzverfahren wurde eröffnet und die deutsche Presse, die ihn einst zum Himmel gehoben hatte, genoss es sichtlich, ihn nun in den Abgrund zu stürzen.
Die Schadenfreude, die Schadenfreude der Nation war gewaltig. Die Schlagzeilen waren brutal. Aus dem König von Deutschland wurde der Pleitegier der Nation. Jede Zeitung, von der Bild bis zu den seriösen Blättern zerriss sein Image. Er war nicht länger der Held der Wiedervereinigung. Er war die Lachnummer, der naive Trottel, der alles verloren hatte.
Es war ein Skandal von nationalem Ausmaß. Wie konnte das passieren? Die Öffentlichkeit, die ihn geliebt hatte, wandte sich ab. Teils aus Enttäuschung, teils aus Spot. Die Industrie, die ihn einstiert hatte, ließ ihn fallen wie eine heiße Kartoffel. Niemand wollte mehr mit dem Mann in Verbindung gebracht werden, dessen Name nun für Misswirtschaft und Versagen stand.
Er war isoliert, verlassen. Und wo war Alfred Reimann, der Mann, der ihm geschworen hatte? sich um alles zu kümmern. Er war verschwunden. Der Freund, der Bruder war nicht mehr da, als die Gläubiger an die Tür klopften. Er überließ Reim das Chaos, die Schulden und die öffentliche Schande. Für Reim war dies der tiefste Schnitt.
Der finanzielle Verlust war das eine, aber der Verrat durch den Menschen, dem er am meisten vertraut hatte, war die Wunde, die niemals heilen würde. Doch dieser öffentliche Sturm war nur die Hälfte der Geschichte. Während die Medien ihn jagten und die Banken sein Vermögen zerlegten, kämpfte Matthias Reim privat einen völlig anderen Kampf, einen stillen, herzzerreißenden Kampf, der von den Kameras unbemerkt blieb.
Sein Sohn Bastian, geboren 1987, war schwerst behindert. Er war spastisch gelehmt ein Zustand, der ständige intensive Pflege erforderte. Reim hatte diesem Schicksalsschlag ein Lied gewidmet Bastian: Blaulicht in der Nacht, aber die Realität des Alltags war unerbittlich. Man muss sich diesen Kontrast vorstellen.
Draußen tobt der Kampf mit den Anwälten um Millionenbeträge, um die Rettung seines Rufs, um seine nackte Existenz. Und drinnen, in den privaten Mauern, die ihm bald nicht mehr gehören würden, kämpfte er um das Wohlergehen seines Sohnes. Diese doppelte Tragödie, der öffentliche Bankrott und die private Sorge hätte einen Menschen zerbrechen können.
Es war der ultimative Test seiner Widerstandsfähigkeit. Der Bankrott war total. Er verlor die Wille auf Mallorca. Er verlor seine Einnahmen, seine Ersparnisse, seine Würde. Er musste sich in die Privatinsolvenz flüchten. Ein jahrelanger demütigender Prozess, bei dem jeder Cent umgedreht wurde. Er, der Mann der Stadien, war nun abhängig vom Wohlwollen der Insolvenzverwalter.
Er zog sich zurück. Was hätte er auch tun sollen? Er verschwand von der großen Bühne gezwungenermaßen. Die Industrie hatte ihn abgeschrieben. Die Öffentlichkeit hatte ihn vergessen oder schlimmer. Sie erinnerte sich an ihn nur noch als Witz. Er war in seinem alten Image gefangen, dem Image des gefallenen Superstars.
Der Vorhang war gefallen und was blieb, war ein Mann mittleren Alters ohne Geld, mit einem Berg von Schulden und einer tiefen Wunde in der Seele, die durch den Verrat geschlagen worden war. Das Schweigen, das nun folgte, war kein freiwilliges. Es war das ohrenbetäubende Schweigen der Vergessenheit. Die Jahre vergehen.
Matthias Reim kämpft sich zurück, nicht mit einem Knall, sondern Zentimeter für Zentimeter. Er tutt unermüdlich durch kleine Hallen, Seele, Stadtfeste. Er schreibt weiter Musik, Album für Album. Eines davon trägt den bezeichnenden Titel sieben Leben. Er baut sich eine neue Existenz auf Stein für Stein, Note für Note.
Im Jahr 2010, nach einem jahrzehntelangen zermürbenden Insolvenzverfahren ist er offiziell schuldenfrei. Er hat die 13 Millionen Euro bezahlt. Er hat seine Bürde abgetragen. Er ist wieder ein freier Mann. Doch es gibt Schulden, die kein Gerichtsvollzieher eintreiben kann. Schulden emotionaler Natur, Wunden, die tiefer sitzen als jede Bilanz.
Und während seine finanzielle Freiheit zurückkehrt, bleibt das Gefühl des Verrats. Es sitzt da, roh und unverändert, wie am ersten Tag. Er hat gelernt, damit zu leben, es zu verbergen. Er hat Interviews gegeben. Er hat über Fehler gesprochen, über Naivität, aber er hat nie den Namen genannt.
Er hat nie die Geschichte des Verrats erzählt aus Stolz, aus Scham und vielleicht, weil die Wunde noch zu frisch war. Bis jetzt, wir spulen vor ins Jahr 2022. Matthias Reim ist 67 Jahre alt. Er sitzt in diesem Fernsehstudio, das wir am Anfang gesehen haben. Er ist nicht mehr der gejagte Schuldner. Er ist auch nicht mehr der naive Superstar der 90er.
Er ist ein Überlebender, ein Stehfmännchen der deutschen Musikszene. Er hat alles gesehen, alles verloren und das meiste zurückgewonnen. Er ist jetzt finanziell unabhängig, er ist respektiert, er muss niemandem mehr etwas beweisen. Und vielleicht ist es genau diese Position der Stärke, die ihm endlich erlaubt, verletzlich zu sein.
Der Journalist stellt die Frage und Matthias Reim, der so lange geschwiegen hat, öffnet das Notizbuch seiner Erinnerungen. Er zögert nicht mehr. Seine Stimme ist ruhig, aber jede Silbe trägt das Gewicht von 30 Jahren zurückgehaltenem Schmerz. Wissen Sie, beginnt er, die Leute sagen immer, ich war naiv, ich war dumm, ich habe Fehler gemacht. Ja, das stimmt.
Mein größter Fehler war nicht Verträge nicht zu lesen. Mein größter Fehler war zu vertrauen. Dann sagt er den Namen. Er sagt ihn laut und deutlich in die Kamera. Alfred Reimann, der Regisseur meines Untergangs, nennt er ihn, der Manager während meiner erfolgreichsten Jahre. Reim beschreibt die Beziehung mit einer Intimität, die den Verrat nur noch schmerzhafter macht.
Das war nicht mein Manager, das war mein bester Freund, ein Mann. der bei mir zu Hause ein und ausging. Ein Mann, dem ich meine Kinder anvertraut hätte. Ein Mann, dem ich eine Generalvollmacht gab, weil ich dachte, er schützt mich. Aber er hat mich nicht geschützt. Er hat mich benutzt. Er beschreibt das System der Ausbeutung, wie Reimann in seinem Namen investierte, wie er Kredite aufnahm, wie er ein Imperium aus Schulden baute, während Reim auf der Bühne stand und das Geld verdiente, um die Zinsen zu bezahlen. Er nennt es ein Schneeballsystem, das nur so lange funktionierte, wie der Hitregen anhielt. Als der Regen aufhörte, ließ Reimann ihn im Schlamm zurück. Aber Reim bleibt nicht bei diesem einen Namen stehen. Es ist als ob ein Damm gebrochen wäre. Er nennt nicht unbedingt vier oder fünf spezifische Personen, aber er nennt die Rollen, die Systeme, denen er nicht vergibt. Er spricht über die Banken, die Institution, die einem 25-jährigen
Künstler, der gerade seinen ersten Hit hat, Kredite in zweistelliger Millionenhöhe geben, ohne ihn jemals persönlich gesehen zu haben. Sie haben mitgespielt, sie haben die Gear meines Managers mit ihrer eigenen Gear gefüttert. Er spricht über die Medien. Ich vergebe der Boulevardpresse nicht, die mich erst zum Gott gemacht hat, nur um mich dann mit einer solchen Wollust als Pleitegeier zu schlachten.
Sie haben nicht berichtet, sie haben sich ergötzt. Sie haben einen Mann getreten, der bereits am Boden lag. Und er spricht über die Industrie, das System, das dich frisst, wenn du heiß bist und dich ausspuckt, sobald du abkühlst. Die falschen Freunde, die Schulterklopfer, die alle verschwanden, als das Geld weg war.
Dies ist der emotionale Höhepunkt. Es ist keine Tirade. Es ist eine Sezierung, eine ruhige, kontrollierte, aber unerbittliche Abrechnung. Reim weint nicht, er zittert nicht. Er stellt klar. Er holt sich die Kontrolle über seine eigene Geschichte zurück. Er war nicht nur der naive Trottel, er war das Opfer eines kalkulierten langjährigen Vertrauensbruchs.
Die Reaktion des Publikums auf dieses späte Geständnis ist tiefgreifend. Der Spot der frühen 2000er Jahre ist längst verflogen. Was bleibt ist Mitgefühl. Die Menschen sehen nicht den gefallenen Star. Sie sehen einen Mann, der ähnlich wie viele von ihnen betrogen wurde, der auf den falschen Freund gesetzt hat: “Sie sehen einen Kämpfer.
” Indem er im Alter von 67 Jahren sein Schweigen bricht, definiert Matthias Reim sein Erbe neu. Es ist nicht mehr die Geschichte des Mannes, der verdammt, ich lieb dich sang und dann pleite ging. Es ist die Geschichte eines Mannes, der den ultimativen Verrat überlebte, sich aus einem 13 Millionen Euro Loch herauskämpfte und am Ende die Kraft fand, dem Mann, der ihn dorthin brachte, öffentlich ins Gesicht zu blicken und zu sagen: “Ich weiß, was du getan hast und ich vergebe dir nicht.
” Die Geschichte von Matthias Reim, so einzigartig sie in ihren Details auch sein mag, ist am Ende nicht nur die Geschichte eines einzelnen Mannes, sie ist ein Brennglas, eine Fallstudie darüber, wie schnell die grellsten Lichter der Unterhaltungsindustrie einen Menschen blenden und verbrennen können.
Es ist eine Erzählung, die stellvertretend steht für unzählige andere Künstler, deren Namen wir vielleicht vergessen haben. Für die Kinderstars, die ausgebeutet wurden, bevor sie ihre eigenen Verträge lesen konnten. Für die jungen Talente, die in den Fesseln Knebelverträgen erstickten, die sie in einem Moment der Euphorie unterzeichneten.
Es ist die Geschichte über den Preis des Ruhs, der fast immer in einer Währung bezahlt wird, die nichts mit Geld zu tun hat, mit Vertrauen. Doch die Geschichte von Matthias Reim unterscheidet sich in einem entscheidenden Punkt von vielen anderen Tragödien dieser Branche. Sie endet nicht im Verfall, sie endet nicht in der stillen Verbitterung, sie endet in einer Wiederauferstehung, einem wahrhaftigen Phönixstieg.
Nachdem er alles verloren hatte, was man materiell verlieren kann, begann er die härteste Arbeit seines Lebens. Er hat sich nicht versteckt. Er hat sich Millimeter für Millimeter aus einem 13 Millionen Euro tiefen Loch herausgegraben. Erte durch die kleinsten Hallen, spielte auf Stadtfesten vor einem Publikum, das manchmal kleiner war als seine frühere Crew.
Er besann sich auf das einzige, was ihm Alfred Reimann und die Banken nicht hatten nehmen können. Sein Talent, sein Handwerk, seine Stimme. Das Album Sieben Leben, das er später veröffentlichte, war kein Marketing Gag. Es war die Bilanz eines Überlebenden. Er hat sich seine Karriere zurückgeholt nicht durch einen Glückstreffer, sondern durch unnachgiebige harte Arbeit.
Und genau diese Tatsache, dass er heute wieder in ausverkauften Arenen steht, schuldenfrei und erfolgreich, verleih seiner späten beichte eine solche Wucht. Er spricht nicht als Opfer, er spricht als Sieger, der es sich leisten kann, seine tiefsten Wunden zu zeigen. Seine Geschichte zwingt uns grundlegende Fragen über die Verantwortung der Unterhaltungsindustrie zu stellen.
Was wäre passiert, wenn die Branche ihn damals 1990 als Menschen behandelt hätte und nicht nur als ein Produkt, das man melken kann? Was wäre geschehen, wenn ein System existiert hätte, das einen kreativen Geist vor seiner eigenen finanziellen Naivität schützt? Und die Frage, die wir uns alle stellen müssen, sind wir als Publikum bereit, den Menschen hinter dem Hit zuzuhören, auch wenn die Geschichte kompliziert ist, oder wollen wir nur den unbeschwerten Refrain? Die wahre Botschaft von Matthias Reimsleben ist nicht der Bankrott. Es ist das Überleben. Es ist die fast schon unheimliche Fähigkeit des Menschen aus der totalen Asche wieder aufzustehen. Seine Reise stellt jedem von uns eine universelle Frage. Was würdest du tun, wenn du alles, wofür du ein Leben lang gearbeitet hast, durch das blinde Vertrauen in die falsche Person verlieren würdest? Hättest du die Kraft bei null anzufangen, während die Welt

zusieht und spottet? Hinter jeder Ikone steckt ein Mensch. Eine Banalität, die wir so oft vergessen. Ein Mensch mit Hoffnungen, mit Ängsten und mit einem fundamentalen Bedürfnis nach Vertrauen. Matthias Reims spätes Geständnis ist ein Appell an unser aller Einfühlungsvermögen. Es ist die Mahnung, dass wir vergessenen Stimmen zuhören müssen, selbst wenn sie Jahrzehnte gebraucht haben, um die Kraft zum Sprechen zu finden.
Er selbst sagte einmal, er suche keine Vergebung für andere. Er sagte, ich möchte nur, dass meine Geschichte mit meiner eigenen Stimme erzählt wird. Und diese Stimme, die 1990 noch “Verdammt, ich lieb dich” sang, singt heute ein anderes Lied, ein Lied von Stärke, von Erfahrung und von einer Wunde, die bleibt.
Er hat dem System vielleicht verziehen, aber dem Menschen nicht. Und das ist vielleicht die letzte stärkste Lektion. Nicht alle Wunden müssen heilen. Manchmal ist es schon ein Triumph, sie zu überleben. Heute hören wir zu. Nicht nur um uns an den Hit zu erinnern, sondern um den Mann zu verstehen.
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