Mein Gott, wie oft soll ich den noch   sagen? Ich war bei einem Kunden   anschaffen, vögeln.   Befriedig.   Mit 60 Jahren betritt sie erneut eine   Bühne. Doch diesmal ohne Maske, ohne   Licht, ohne Rolle. Veronica Feres,   jahrzehntelang, das Gesicht des   deutschen Fernsehens, steht da nicht als   Schauspielerin, sondern als Frau mit   einer Geschichte.

 

 Nicht irgendeiner,   sondern einer, die sie über 20 Jahre   lang geschwiegen hat. Sie öffnet ein   altes, zerknittertes Notizbuch und liest   fünf Namen vor. Fünf Stimmen, die sie   bis heute im Schlaf verfolgen. Fünf   Menschen, denen sie mit ruhiger,   zitternder Stimme nie verzeiht. Wer   waren sie? Mentoren, die versprachen,   sie zu fördern, Freunde, die ihr   Vertrauen brachen? Oder einfach Namen,   die nie in Schlagzeilen auftauchten,   aber Wunden hinterließen, die keine   Kamera je zeigen konnte? Wie kann eine   Frau, die von Millionen bejubelt wurde,   so lange geschwiegen haben? Was   passierte hinter den Kulissen? In den   stillen Gängen der Studios, in den   Verträgen, die nicht verhandelt wurden,   in den Blicken, die mehr sagten als   Worte, im Rampenlicht schien sie stark,   strahlend, unberührbar, doch das Licht   war trügerisch und hinter der Fassade   wuchs etwas anderes, eine leise   Enfremdung. Ein Druck, der kein Skript   kannte. Veronica Feris, einst Ikone der   90er, war nie nur das, was die

 

  Titelblätter zeigten. Die späten 1990   waren eine goldene Zeit des deutschen   Fernsehens. doch auch eine Zeit des   Schweigens, des Wegschauens, des   Funktionierens. Heute 30 Jahre später   steht sie nicht für einen neuen Film vor   der Kamera, sondern für sich selbst. Und   mit jedem Namen, den sie nennt, schreibt   sie Geschichte.

 

 Ihre Geschichte endlich   mit ihrer eigenen Stimme. Sie war das   Gesicht der neuen Fernsehwelt, blondes   Haar, klare Stimme, ein Blick, der blieb   Veronica Ferris. Ein Name, der in den   90ern Jahren fast täglich über deutsche   Bildschirme flimmerte und mehr war als   nur ein Name. Sie war eine   Projektionsfläche für Sehnsüchte, für   Stärke, für das, was viele Frauen in   sich selbst suchten.

 

 Mit der Komödie Der   bewegte Mann kam der Durchbruch. Eine   Rolle leichtfüßig und frech. Doch   getragen von Präzision, Timing,   Körpergefühl. Deutschland lachte und   staunte. Es folgten Rollen, die schwerer   wogen. In das Superweib spielte sie eine   Frau, die sich aus einer toxischen Ehe   befreit und viele sahen in ihr selbst.

 

  In Stonk verkörperte sie das   Nachkriegstrauma einer ganzen Generation   verpackt in Satire mit einer Wucht, die   unter die Haut ging. Später wurde sie   die Titelrolle in ” Die Frau vom   Checkpoint Charlie”, ein Fernsehfilm,   der Millionen erreichte. Veronica   spielte eine Mutter, die gegen das DDR   Regime kämpft, um ihre Kinder   zurückzubekommen.

 

 Ihre Tränen wirkten   echt, ihre Wut auch. Und auch wenn es   nur eine Rolle war, sie war es, die sie   zum Symbol machte. Für viele Zuschauer   war sie die starke Frau, die nie aufgab,   die nicht fragte, sondern handelte. Jede   Szene war durchdrungen von Haltung, von   dem ungesagten Satz: “Ich weiß, wie sich   das anfühlt.

 

 Ihre Stimme wurde zur   Stimme vieler und ihr Gesicht zu einem   Spiegel für ein Land, das sich selbst   neu suchte zwischen Einheit, Wandel und   Medienboom. Veronica Ferris war   plötzlich überall Talkshows, Galaabende,   internationale Filmsets in Frankreich,   in Kanada, in Hollywood, an der Seite   von John Malkovic in Produktionen wie   Climt oder Salt and Fire von Werner   Herzog.

 

 Der deutsche Fernsehstern war   global geworden und Veronica, sie wurde   zur Botschafterin eines neuen modernen   Frauenbilds. Doch mit dem Ruhm kam auch   das, was man nicht sehen konnte. Ein   Terminkalender ohne Pausen. Verträge,   die länger waren als die Drehbücher.   Drehtage, die in der Dunkelheit begannen   und im künstlichen Licht endeten.

 

  Freude, ja, stolz, sicher, aber auch ein   wachsender Druck. Immer perfekt, immer   stark, immer da. Veronica Feres war zu   einem Markenzeichen geworden. Doch   hinter dem Logo lebte ein Mensch. Einer,   der begann zu spüren, dass er sich   selbst dabei verlor. Der Applaus halte   nach, doch in den Pausen war es still,   verdächtig still.

 Veronica Feres war   überall präsent, aber immer seltener   wirklich da. Die ersten Risse blieben   unsichtbar, zumindest für die   Öffentlichkeit. Hinter der Kamera begann   ein unsichtbarer Kampf. Nicht gegen   andere, sondern gegen das Gefühl,   gesteuert zu werden. Ihr Terminkalender   wurde nicht von ihr geführt, er wurde   ihr diktiert.

 

 Ihr Manager, damals eine   scheinbar vertraute Figur, entschied   über Rollen ohne sie zu fragen. Ein   Vertrag für 3 Jahre exklusiv, bindend,   wortreich, seitenvoller Paragraphen und   keine Zeile über Pausen. Sie musste   liefern, lächeln, funktionieren. In   Interviews wirkte sie souverän. Privat   war sie erschöpft.

 

 Einmal während eines   Drehs in Budapest war sie 12 Stunden am   Set mit Fieber ohne Pause. “Du bist   stark, das schaffst du”, sagte man ihr.   “Aber wer war da, als sie schwach war?”   “Ein Regisseur?” Berühmt, einflussreich   wollte sie für eine Rolle. Eine Figur,   nackt, gebrochen, gedemütigt. Sie sagte   nein.

 

 Am nächsten Morgen war sie aus dem   Projekt gestrichen. Ohne Erklärung, ohne   Gespräch. Wo vorher Respekt war, war nun   Schweigen. Und das schlimmste Schweigen   war, dass der Kolleginnen niemand fragte   und niemand widersprach. In der Branche   hieß es: “So ist das eben.” Doch   Veronica empfand es anders, nicht als   Realität, sondern als Verrat.

 

 Sie   erinnerte sich an Drehtage, an denen sie   im Hotelzimmer weinte. Nicht wegen der   Rolle, sondern wegen der Rolle, die man   ihr im echten Leben zugewiesen hatte.   Stark, professionell verfügbar, aber   nicht verletzlich, nicht menschlich.   Auch privat war wenig Raum. Ihre Tochter   sah sie manchmal tagelang nicht.

 

  Geburtstage wurden zu Videobotschaften,   Ferien zu Drehorten. Einmal sagte ihr   ein Produzent: “Etionen sind gut, aber   nur auf dem Bildschirm.” Sie lachte er   nicht. Mit jedem Jahr wurde das Spiel   härter. Jüngere Gesichter kamen. Der   Druck weiter relevant zu bleiben, stieg.   Ihre Agentur empfahl ihr   Schönheitsbehandlungen.

 

  Ein frisches Image, sagte man. Veronica   lächelte, aber ihr Spiegelbild begann   fremd zu wirken. Sie fragte sich, wann   habe ich das letzte Mal ja gesagt, weil   ich wollte, nicht weil ich musste?   Zwischen Bühnenlicht und Verträgen   verlor sich ihr innerer Kompass und   niemand fragte, wohin sie eigentlich   wollte.

 

 Sie war erfolgreich, aber nicht   mehr frei. Der Bruch kam leise, nicht   mit Schlagzeilen, sondern mit Schweigen.   Ein Projekt, auf das sie große Hoffnung   gesetzt hatte, eine Serienhauptrolle in   einer internationalen Coproduktion,   wurde überraschend gestoppt. Kein Anruf,   kein Brief, nur ein knapper Satz aus der   Pressemitteilung.

 

 Wir danken Veronika   Ferrest für ihre Zusammenarbeit. Sie   erfuhr es aus dem Internet. An einem   Montagmgen allein in einem Apartment in   Paris. Zwei Tage zuvor war ein internes   Memo durchgesickert. Anonyme Stimmen im   Team hätten behauptet, sie sei nicht   stabil genug für die Rolle. Ein Gerücht,   eiskalt gesetzt und nie entkräftet.

 

 Ihr   Management schwieg. Der Sender verwies   auf kreative Differenzen, aber es war   mehr. Ein Misstrauen war gewachsen.   Hinter den Kulissen hieß es, sie sei   schwierig geworden, nicht mehr so   anpassungsfähig, zu viele eigene   Meinungen und plötzlich wurde sie zur   Risikoperson. Keine Einladung mehr zu   Talkshows, keine Anfrage für   Hauptrollen.

 

 Was vorher   selbstverständlich war, musste sie nun   erklären und rechtfertigen. Die Presse   begann zu spekulieren. Karriereknick.   Hat sie sich verzockt? Ein Interview in   einer Boulevardzeitung zeigte ein altes   Foto mit der Überschrift: “Was wurde aus   der Super Vibe?” Sie lachte kurz, dann   weinte sie.

 

 In diesen Monaten war sie   allein. Ihr Partner damals drehte im   Ausland. Ihre Tochter war im Internat.   Es gab Tage, da stand sie auf und wusste   nicht wohin mit sich. Sie fühlte sich   wie eine Schauspielerin mitten im freien   Fall, nur ohne Drehbuch. Sie fing an zu   schreiben Erinnerungen, Fragen, Namen.   In einem kleinen schwarzen Notizbuch   notierte sie jedes Erlebnis, dass sie   nie öffentlich aussprach, noch nicht.

 

 Es   war ein Herbstabend in München. Kühle   Luft, ein stiller Saal, eine   Veranstaltung zu Ehren starker Frauen in   der Filmbranche. Veronika Feres betrat   die Bühne ohne Glanz, ohne Glammer, nur   mit einem alten Notizbuch in der Hand.   Sie hätte wie erwartet über Rollen   sprechen können, über Karriere, über   Wandel. Doch sie begann anders.

 

 Leise,   klar, unverrückbar. Ich habe viele Jahre   geschwiegen, nicht weil ich nichts zu   sagen hatte, sondern weil ich dachte,   niemand will es hören. Der Saal wurde   stiller. Sie schlug das Notizbuch auf   und blickte auf eine Seite, die sie oft   gelesen, aber nie vorgelesen hatte. Es   gibt fünf Menschen, denen ich nie   verzeihen konnte.

 

 Sie atmete ein und   begann. Nummer ein Regisseur, der sie   während der Dreharbeiten isolierte, der   Szenen änderte, um sie aus dem Fokus zu   nehmen, weil sie sich gegen eine   sexuelle Anspielung in der Rolle gewährt   hatte. Er sagte: “Ich habe dich gemacht.   Ich kann dich auch wieder löschen.   Nummer 2.

 

 Eine Produzentin, die sich als   Mentorin ausgab, sie aber aus einem   Projekt drängte, nachdem Veronica sich   weigerte für einen Sponsorenauftritt ein   Abendkleid mit versteckter Werbung zu   tragen. Nummer 3: Ein Kollege geliebt   vom Publikum, doch hinter der Kamera   nutzte er jede Probe, um sie   bloßzustellen. Laut, gezielt, mit   Sprüchen über ihr Alter, ihr Gewicht und   ihr Dramaego.

 

 Nummer 4, ein langjähriger   Manager, der ohne ihr Wissen private   E-Mails an die Presse weitergab, weil   wie er sagte, Skandelchen machen   sympathisch. Nummer 5, eine Freundin   oder das, was sie dafür hielt, die sie   batte von einem Rollenangebot   zurückzutreten, um selbst übernehmen zu   können. Veronica las nicht wütend, nicht   anklagend, sondern mit jener Klarheit,   die nur aus tiefem Schmerz wächst.

 

 im   Saal Stille, dann vereinzelt Applaus.   Dann stehend, in den Tagen danach   reagierten Medienverhalten. Einige   lobten den Mut, andere fragten nach   Beweisen. Doch das war nicht wichtig.   Veronica hatte ihre Geschichte   zurückerobert. Jedes Wort war ein   Schnitt, aber auch eine Naht. Jeder Name   ein Abdruck, der nun sichtbar wurde.

 

 Sie   wollte keine Schlagzeile und keine   Genugtung, nur würde. Was bleibt, wenn   das Rampenlicht erlischt, wenn die   Masken fallen und niemand mehr fragt,   wer hinter der Rolle stand? Bei Veronica   Feris bleibt etwas, das stärker ist als   jede Auszeichnung. Ihre Wahrheit, kein   Echo, kein Skript, nur das, was sie   gesehen, geschwiegen und jetzt   ausgesprochen hat und mit ihr viele   andere.

 Wie viele Schauspielerinnen   wurden gehört, aber nie wirklich   verstanden? Wie viele Künstlerinnen   spielten Stärke, während sie im Inneren   zersplitterten? Romi Schneider, deren   Leben zu oft nach Drehplan verlief und   zu selten nach ihrem eigenen Rhythmus,   stand einst auf einer Bühne und sagte,   man spielt, bis man sich selbst   verliert.

 

 Was wäre, wenn wir der   Industrie nicht nur Applaus, sondern   auch Achtsamkeit geben, wenn ein Nein   nicht als Schwäche gilt, sondern als   Schutz, wenn Frauenrollen nicht nur   geschrieben, sondern auch gehört werden?   Veronica Feres Geschichte steht nicht   allein. Sie ist Teil eines größeren   Geflechts aus Erwartungen, aus   Schweigen, aus Stärke, die nicht   schreit, sondern überlebt.

 

 Am Ende ihrer   Rede sagte sie: “Ich habe keine   Schuldzuweisungen, nur Erinnerungen und   ich will nicht mehr, dass andere sie für   mich erzählen.” Ein Satz, der bleibt wie   ein Flüstern hinter den Kulissen, das   endlich gehört wird. M.