Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten.   Entweder   es gibt Gesichter, die man nie vergisst.   Gesichter, die ganze Epochen des Kinos   prägen. Das Gesicht von Klaus Kinski war   ein solches Gesicht. Seine Augen eine   Naturgewalt, eine unberechenbare Kraft,   die das Publikum in die Kinosessel zwang   und es gleichzeitig in Angst versetzte.

 

  Für die Welt war er ein Genie, ein   Besessener, der liebste Feind und   kongeniale Partner des Meisterregisseurs   Werner Herzog. Ein Mythos des deutschen   und internationalen Films, unsterblich   gemacht durch Rollen wie Agire, der Zorn   Gottes oder Nosferatu, das Phantom der   Nacht. Er war mehr als nur ein   Schauspieler, er war ein Ereignis.

 

 Doch   was geschieht, wenn das Licht der   Projektorin erlischt? Welche Wahrheit   verbirgt sich hinter den Augen eines   Genies, wenn die Kameras nicht mehr   laufen? Und wie zerbrechlich ist das   Denkmal eines Idols, wenn es nicht von   Kritikern, sondern vom eigenen Blut zum   Einsturz gebracht wird? Diese Geschichte   handelt nicht von dem, was Klaus Kinski   der Welt zeigte.

 

 Sie handelt von dem,   was er jahrzehntelang verbarg. Eine   Wahrheit so dunkel und schrecklicher als   jede Rolle, die er je spielte. Ein   Geheimnis, das mit ihm ins Grab zu   sinken schien, als er 1991 verstarb.   Doch die Stille sollte nicht ewig   werden, denn im Winter des Jahres 2013,   22 Jahre nach seinem Tod, geschah etwas   Unvorstellbares.

 

 Eine Stimme, die fast   50 Jahre lang zum Schweigen verdammt   war, erhob sich. Es war nicht die Stimme   eines Kritikers, es war die seiner   ältesten Tochter und sie kam nicht, um   zu erinnern, sondern um anzuklagen. Ein   Akt, der das Vermächtnis einer Ikone für   immer erschüttern sollte. Wer war der   Mann wirklich, den eine ganze Nation   verehrte? Und welche Wunden können   selbst Jahrzehnte nicht heilen? Um den   Schock von 2013 zu verstehen, muss man   die schier unermessliche Größe des   Mythos begreifen, der Klaus Kinski   umgab. Seine Karriere war kein sanfter   Aufstieg, sie war eine Eruption. Im   Nachkriegsdeutschland, einer   Kulturszene, die nach neuen   unerschrockenen Stimmen dürstete, trat   Kinski auf die Bühne. Zuerst im Theater,   wo seine legendären Monologabende das   Publikum spalteten. Er rezitierte vilan   und Rambo nicht nur, er schien von ihren   Geistern besessen zu sein. Die Menschen   waren schockiert, fasziniert,   abgestoßen, aber niemand blieb

 

  unberührt. Hier wurde der Grundstein für   seinen Ruf gelegt. Ein Künstler, der   keine Grenzen kannte, weder in seiner   Kunst noch in seinem Temperament. Der   wahre Durchbruch kam jedoch im Kino. In   den 60er Jahren wurde er durch die Edgar   Wallace Krimmis zu einem der   bekanntesten Gesichter Deutschlands.

 

 Er   spielte oft die Bösewichte, die   Exzentriker, die unheimlichen   Außenseiter und das Publikum liebte ihn   dafür. Jede seiner Rollen war ein   Versprechen für unvorhersehbare   elektrisierende Spannung. Er war der   Mann, den man fürchtete, aber von dem   man nicht wegsehen konnte. Doch sein   nationaler Ruhm war nur das Vorspiel zu   seiner globalen Legendenbildung.

 

 Diese   begann 1972   im peruanischen Dschungel mit dem Film   Agire, der Zorn Gottes. Die   Zusammenarbeit mit dem Regisseur Werner   Herzog sollte Kinski unsterblich machen.   Fünf Filme schufen sie zusammen.   Meisterwerke, die die Grenzen des Kinos   sprengten. Nosferatu, Voizek,   Fitzkarcaldo und Kobrae.

 

 Die Welt sah   nicht einfach nur einen Schauspieler bei   der Arbeit. Die Welt sah einen Mann, der   mit seiner Rolle zu verschmelzen schien.   Wenn Kinski den macht besessenen Agire   spielte, der dem Wahnsinn verfiel, dann   glaubte man den Wahnsinn selbst in   seinen Augen zu sehen. Und genau hier   wurde der Mythos des Genies und   Wahnsinns geboren und von der   Öffentlichkeit bereitwillig angenommen.

 

  Die Geschichten über seine Wutausbrüche   am Set, seine legendären Streits mit   Herzog wurden nicht als Warnzeichen   gesehen. Im Gegenteil, sie wurden zu   Anekdoten, zu Beweisen seiner   kompromisslosen Hingabe. Die Presse und   die Öffentlichkeit romantisierten sein   Verhalten als notwendigen Preis für   große Kunst.

 

 Er war kein einfacher   Mensch, so dachte man, aber Genies sind   das eben nie. Dieser Mythos wurde zu   seinem Schutzschild. Er war Deutschlands   radikalster Kulturexport, ein   international gefeierter Star, der mit   Regisseuren wie David Lein und Sergio   Leone arbeitete. Er war der Beweis, dass   deutsche Schauspielkunst wild,   gefährlich und absolut fesselnd sein   konnte.

 

 An der Spitze dieses Ruhs stand   ein Mann, der wusste, welches Bild die   Welt von ihm hatte. Ein Bild, das er   selbst miterschaffen hatte und das ihm   erlaubte, hinter einer Maske aus   künstlerischer Besessenheit zu agieren,   während niemand ahnte, welche Dunkelheit   sich wirklich dahinter verbarg. Die   Wutausbrüche am Set, die öffentlichen   Tobsuchtsanfälle, die Welt sah sie als   Teil der Kunstfigur Kinski, als   exzentrische, aber verzeiche Marotten   eines Genies, aber sie waren kein   Schauspiel.

 

 Sie waren ein authentisches   Fenster zu seiner wahren Seele. Und   während die Welt für diese Ausbrüche   noch applaudierte, fiel hinter den   verschlossenen Türen seiner Willen in   Rom, Paris oder Kalifornien der letzte   Vorhang. Es gab keine Kameras mehr,   keine Regisseure, die Schnitt rufen   konnten. Hier in seinem privaten Reich   gab es keine Kunstfigur.

 

 Hier herrschte   nur der Mensch Klaus Kinski. Und dieser   Mensch war ein Tyran. In den Berichten   seiner Töchter allen voran Polar wird   das Zuhause nicht als ein Ort der   Geborgenheit beschrieben. Es war eine   Bühne für die unberechenbaren Dramen   eines einzigen Mannes. Sein Wille war   gesetzt.

 

 Seine Launen bestimmten über   die Atmosphäre eines ganzen Tages, über   Glück oder Angst. Die Familie musste auf   Eierschalen gehen, ständig bemüht den   schlafenden Vulkan nicht zu wecken. Ein   falsches Wort, ein unpassender Blick,   konnten eine Explosion auslösen. Diese   Tyrannei manifestierte sich vor allem in   totaler Kontrolle.

 Kinski kontrollierte   das Geld. Er kontrollierte die sozialen   Kontakte. Er isolierte seine Kinder   systematisch von der Außenwelt.   Polakinski beschreibt in ihrem Buch eine   Kindheit ohne die Normalität von   Freundschaften oder einem geregelten   Schulbesuch. Sie wurde aus der   Öffentlichkeit ferhalten, angeblich um   sie zu schützen.

 

 In Wahrheit schufinski   ein geschlossenes System, ein Gefängnis   mit goldenen Gittern, indem er die   absolute Macht besaß. Niemand sollte   Einblick haben, niemand sollte   eingreifen können. Er war nicht nur das   Familienoberhaupt, er war der Besitzer.   Seine Kinder waren sein Eigentum. Sie   hatten zu funktionieren, so wie er es   wollte.

 

 Er verachtete bürgerliche   Konventionen, was nach außen als   rebellischer Künstlergeist verkauft   wurde. Im Inneren aber bedeutete es eine   Kindheit ohne Regeln, ohne Schutz und   ohne die Sicherheit, die ein Kind   braucht. Die Welt sah den glamurösen   Star, der auf den roten Teppichen   wandelte. Sie sahen nicht den Vater, der   seine Kinder in ständiger Furcht leben   ließ, der ihnen eine normale Entwicklung   verwehrte und sie zu Statisten in seinem   eigenen egozentrischen Lebensfilm   degradierte.

 

 Diese totale Kontrolle,   diese erzwungene Isolation schufen den   Näherboden für ein noch viel dunkleres   Geheimnis. Ein Verbrechen, das im   Schatten des Ruhs gedeihen konnte,   ungesehen und ungehört von einer Welt,   die viel zu sehr damit beschäftigt war,   dem Genie auf der Leinwand zu huldigen.   Jahrelang war es still, um den Mythos   Kinski.

 

 Sein Tod, im Jahr 1991, hatte   sein Bild als exzentrisches Genie nur   noch verfestigt. Er war zu einer Legende   erstarrt, unantastbar in seinem Ruhm.   Doch dann kam der Januar 2013. Eine   Bombe schlug in die deutsche   Kulturlandschaft ein. keine Bombe aus   Stahl, sondern eine aus Worten. Worte,   die in einem Buch mit dem unschuldigen   Titel Kindermund standen, geschrieben   von Paul Linski, seiner ältesten   Tochter, mittlerweile 60 Jahre alt und   was sie zu sagen hatte, riss die Fassade   des Denkmals für immer nieder.

 

 Auf den   Seiten dieses Buches erhob eine   Anschuldigung, die das Land in einen   Schockzustand versetzte. Sie beschrieb   detailliert, kalt und ungeschminkt, wie   ihr eigener Vater sie sexuell   missbraucht haben soll. systematisch   über Jahre hinweg, vom 5. Lebensjahr.   Die Enthüllung verbreitete sich wie ein   Lauffeuer.

 

 Das Magazin Der Spiegel   brachte ein Exklusiv, das die Nation   erschütterte und die Diskussion   anheizte. Kurz darauf widmete der Stern   der Geschichte eine Titelseite. Es gab   kein Entkommen mehr. Der Skandal war   nicht irgendeine Boulevardmeldung. Es   war die Zerstörung eines nationalen   Kulturguts live vor den Augen der   Öffentlichkeit.

 

 Das Denkmal Klaus Kinski   über Jahrzehnte in Stein gemeißelt   begann zu bröckeln und dann zerfiel es   zu Staub. Die Öffentlichkeit, die ihn   einst als liebstenfeind belächelt und   als Genie verehrt hatte, musste nun   einer monströsen Wahrheit ins Auge   blicken. Die Bewunderung wich dem   Entsetzen. Der Mythos wich der Anklage.   Die Tragödie war nicht Kinskis früher   tot.

 

 Die wahre Tragödie war ein Leben,   das durch ihn zerstört wurde und die   schreckliche Erkenntnis, dass der   Applaus der Welt die Schreie eines   Kindes so lange übertönt hatte. Der   Skandal explodierte Postum, doch seine   Wirkung war umso verheerender. Er zwang   eine ganze Nation ihre Helden neu zu   bewerten und die Opfer endlich zu hören,   die so lange im Schatten des Ruhs   verborgen waren.

 

 Warum jetzt? Warum nach   fast 50 Jahren des erstickenden   Schweigens? Diese Frage stellte sich   ganz Deutschland. Polakinski gab die   Antwort selbst. Es war nicht Rache, die   sie antrieb. Es war die unerträgliche   Heiligsprechung ihres Vaters nach seinem   Tod. Überall sah sie sein Gesicht auf   DVDs, in Dokumentationen, in liebevollen   Retrospektiven.

 

 Die Welt feierte   weiterhin den genialen Künstler und mit   jedem Lobpreis wurde ihr eigenes Leid,   ihre gestohlene Kindheit unsichtbarer.   Sie konnte nicht zulassen, dass die Lüge   sein letztes Vermächtnis sein würde. Ihr   Buch war ein Akt der Befreiung, ein   verzweifelter, aber kraftvoller Versuch,   die Deutungshoheit über ihre eigene   Lebensgeschichte zurückzugewinnen.

 

 In   diesem Moment des Mutes nannte sie die   Dinge, die sie niemals vergeben würde.   An erster Stelle der Vater, der Mann,   der ihr nicht nur die körperliche   Unversehrtheit, sondern auch die Seele   nahm. Der Täter, der sich hinter der   Maske des exzentrischen Künstlers   versteckte und seine Macht auf die   grausamste Weise missbrauchte, doch ihre   Anklage ging tiefer.

 

 Sie richtete sich   auch gegen das System, das diesen   Missbrauch erst ermöglichtee. Ein System   des Schweigens. Sie vergab der Industrie   nicht, die die Tyrannei ihres Vaters als   Genialität verklärte. Sie vergab der   Öffentlichkeit nicht, die so berauscht   war vom Mythoskinski, dass sie blind   wurde für den Menschen dahinter.

 

 Sie   klagte eine Kultur an, die bereit war   für große Kunst über menschliche   Abgründe hinwegzusehen. Ihre Stimme   sagte: “Ihr habt ihn zudem gemacht, was   er war. Ihr habt ihm den Schutzraum   gegeben, indem er agieren konnte.” Und   dann geschah etwas, das ihre Worte mit   unumstößlichem Gewicht versah. Sie war   nicht mehr allein.

 

 Nur wenige Tage nach   der Veröffentlichung meldete sich ihre   jüngere Schwester zu Wort. die   weltberühmte Schauspielerin Anastasia   Kinski. Gegenüber der Zeitung Bild am   Sonntag stellte sie sich öffentlich   hinter Pla. Sie sagte, sie sei stolz auf   den Mut ihrer Schwester und obwohl sie   selbst nicht von sexuellem Missbrauch   berichtete, bestätigte sie das Bild des   tyrannischen Vaters.

 

 Sie sprach von   ihrer eigenen tiefen Angst vor ihm, von   einer Kindheit in Furcht. Er sei kein   Vater gewesen, sagte sie, sondern ein   Ungeheuer. Mit dieser Aussage war es   besiegelt. Dies war kein isolierter   Rachefeldzug mehr. Es war die bestätigte   Wahrheit zweier Schwestern. Das   Schweigen war nicht nur gebrochen, es   war zertrümmert.

 Die Geschichte von   Klaus Kinski ist mehr als nur der Fall   eines Idols. Sie ist ein Spiegel, der   uns allen vorgehalten wird und sie wirft   Fragen auf, die schmerzhaft, aber   notwendig sind. Dürfen wir die Kunst vom   Künstler trennen? Können wir die   Brillanz seiner Filme noch bewundern?   Nun, da wir die Dunkelheit des Menschen   kennen, der sie erschaffen hat? Und was   ist unsere Verantwortung als Publikum?   Sind wir bereit, genauer hinzusehen,   bevor wir jemanden auf den Sockel eines   Genie heben? Was wäre geschehen, wenn   die Industrie ihn als Menschen behandelt   hätte und nicht nur als Produkt, dessen   Exzesse man für den Profit in Kaufnahm?   Die Akte Kinski steht stellvertretend   für unzählige andere Geschichten, die   nie erzählt wurden, für die Opfer, deren   Stimmen im Schatten großer Namen und   mächtiger Industrien verhallen. Die   Geschichte von Poakinski ist eine   schmerzhafte Erinnerung daran, dass   hinter jeder Ikone, hinter jedem Mythos   ein Mensch aus Fleisch und Blut steht   mit all seiner Komplexität, seiner   Fähigkeit zu großer Kunst und manchmal

 

  auch zu unvorstellbarer Grausamkeit.   Heute nach dem Beben von 2013 ist der   Name Kinski für immer verändert. Er   steht nicht mehr nur für geniale   Schauspielkunst, er steht auch für die   Zerstörungskraft von Machtmissbrauch und   für den Mut einer Frau, die es wagte,   einen Gott vom Thron zu stürzen. Ihre   Geschichte ist kein Ruf nach Rache, sie   ist eine Forderung nach Wahrheit.

 

 Und   vielleicht ist das die wichtigste   Lektion, dass wir zuhören müssen, nicht   nur um uns zu erinnern und zu   verurteilen, sondern um zu lernen und   uns zu verändern, bevor das   Scheinwerferlicht endgültig erlischt und   die verborgenen Bühnen für immer im   Dunkeln bleiben. M.