Sehr geehrte Damen und Herren, heute   entführe ich Sie in eine Geschichte, die   tiefer geht als jede bloße Erzählung   über Ruhm und Glanz. Eine Geschichte,   die in den Schatten der großen Bühnen   geboren wurde und deren Nachhall bis   heute die Musikwelt erschüttert. Stellen   Sie sich eine Frau vor, deren Stimme so   dunkel und betörend war, dass sie   Generationen von Künstlern inspirierte   und zugleich verfluchte.

 

 Sie hieß   Christer Pefken, doch die Welt kannte   sie nur als Nico. Meine Damen und   Herren, hinter diesem kühlen, fast   unnahbaren Gesicht verbarg sich ein   unstillbarer Hunger nach Freiheit, nach   radikaler Ehrlichkeit, nach einer Kunst,   die sich niemals anbietert. Nico war   keine Muse, die sich in ein goldenes   Corsette pressen ließ.

 

 Sie war eine   Rebellin, die für ihre Überzeugungen   alles riskierte. Und dann, kurz vor   ihrem frühen Tod, tat sie etwas, das   selbst für ihre Verhältnisse   schockierend war. In einem Gespräch, das   nie für die Öffentlichkeit bestimmt war,   gestand sie, wen sie aus tiefstem Herzen   verachtete.

 

 Fünf Namen, fünf Künstler,   die sie ihrer Meinung nach verraten,   benutzt oder schlichtweg enttäuscht   hatten. Sehr geehrte Damen und Herren,   um zu verstehen, wie eine Frau wie Nico   zu einer so kompromisslosen Stimme des   Untergrunds wurde, müssen wir   zurückgehen weit zurück in die düsteren   Jahre ihrer Kindheit. Geboren am 16.   Oktober 1938 in Köln, mitten im   brodelnden Chaos des Zweiten Weltkriegs   verlor sie ihren Vater früh.

 

 Dieser   Verlust, so erzählte sie später, habe in   ihr ein Vakuum hinterlassen, dass sie   nie mehr ganz füllen konnte. Schon als   junges Mädchen war sie zu schön, um   unbemerkt zu bleiben hochgewachsen. Ein   Gesicht wie aus Marmor gemeißelt, die   Haare hell wie Asche. Mit 15 entdeckte   man sie als Model in Berlin und   plötzlich war die Kriegsweise das neue   Gesicht der Modewelt.

 

 Doch wer glaubte,   sie würde sich damit zufrieden geben,   die Kleider anderer zu tragen. Der   kannte ihren unbändigen Drang nach   Eigenständigkeit nicht.   In Paris, wo sie bald lebte, nahm sie   den Künstlernamen Nico an, ein Name, den   ihr ein Fotograf gab, weil er ihn so   kühl und unnahbar fand. Ein Name, der   später Mythos werden sollte.

 

 Sehr   geehrte Damen und Herren, ihre Schönheit   war nur ein Türöffner. Das, was sie   wirklich faszinierend machte, war diese   Mischung aus distanzierter Melancholie   und schonloser Direktheit.   Ende der 1950er Jahre wagte sie den   Schritt in die Filmwelt. Federico   Fellini besetze sie in La Dolchevita, wo   sie als geheimnisvolle Erscheinung in   der römischen Nacht zum Symbol einer   dekadenten Epoche wurde.

 

 Diese kurze   Rolle reichte, um sie in den   Künstlerkreisen Europas bekannt zu   machen. Doch Nico war nicht zufrieden   damit, nur eine flüchtige Ikone zu sein.   Sie wollte mehr als Blicke ernten. Sie   wollte gehört werden. 1966 zog sie nach   New York. wo sie in Andy Warhalls   Factory eintauchte. Ein Schmelztigel aus   Drogen, Exzessen, Ideen und Zerstörung.

 

  Warhall, fasziniert von ihrer Aura,   setzte sie als Sängerin bei The Velvet   Underground durch. Auch wenn nicht jeder   in der Band begeistert war. Lou Reed,   der Kopf der Gruppe, schätzte ihre   Präsenz nur bedingt. Manche behaupten,   er habe sie als künstlerische   Einmischung empfunden. Doch Warhall   bestand darauf, dass Nico auf dem   legendären Debütalbum singt.

 

 Ihre Stimme   verlie Songs wie Fem Fatal und All   Tomorrow Parties. Diese unterkühlte   Größe, die bis heute Gänsehaut auslöst.   Sehr geehrte Damen und Herren, während   sich die Öffentlichkeit in ihrem   mystischen Charisma verlor, führte sie   ein chaotisches Privatleben. In den   1960ern bekam sie einen Sohn, Ari,   dessen Vater, der berühmte Schauspieler   Allan Delan.

 

 Die Vaterschaft Zeit seines   Lebens leugnete. Für Nico war das nicht   nur ein Schlag gegen ihr Herz, sondern   auch eine dauerhafte Verletzung ihres   Stolzes. Sie ließ ihren Sohn oft bei   Delons Mutter aufwachsen. Eine   Entscheidung, die sie selbst später als   notwendig, aber schmerzhaft bezeichnete.   Von außen betrachtet schien sie   erfolgreich Mode, Film, Musik.

 

 Doch   innerlich nagte der Zweifel. Mit der   Zeit wurde sie immer unabhängiger von   Warhall und Velvet Underground. Wollte   ihre eigenen Songs schreiben, ihre   eigene Stimme finden. Jim Morrison von   The Doors war es, der sie bestärkte.   Texte zu verfassen, die tief aus ihrer   Dunkelheit kam.

 

 Diese Texte wurden zu   Alben wie The Marble Index oder Desert   Shore, deren melancholische Schwere für   viele ihrer Zeitgenossen zu radikal war.   Sehr geehrte Damen und Herren, Nico ließ   sich nicht davon abhalten. Sie reiste   durch Europa, lebte in billigen Hotels,   spielte in verrauchten Clubs. Ihr   Publikum wurde kleiner, aber   fanatischer.

 

 Ihre Konzerte waren   unvorhersehbar, oft chaotisch, manchmal   grandios.   Die Presse nannte sie eine tragische   Figur, doch sie selbst weigerte sich,   Mitleid anzunehmen. Stattdessen bekannte   sie sich immer wieder offen zu ihrer   Heroinensucht, als wäre auch dies ein   Teil ihrer künstlerischen Konsequenz. In   ihren späten Jahren war sie nicht mehr   die gefeierte Muse Warholz.

 

 Sie war eine   Getriebene, die sich von Plattenfirma zu   Plattenfirma schleppte. immer auf der   Suche nach Menschen, die ihr die   Freiheit gewährten, Musik nach ihren   Vorstellungen zu machen. Diese Suche   brachte sie an den Rand der   Gesellschaft, aber auch an den Kern   dessen, was sie war eine kompromisslose   Künstlerin, die lieber alles verlor als   Kompromisse einzugehen.

 

 Sehr geehrte   Damen und Herren, am Ende ihres Lebens   hatte sie fast alles, was sie einst groß   gemacht hatte, hinter sich gelassen. Nur   ihre Stimme, rau, unbestechlich und   unendlich traurig, blieb als Zeugnis   eines Lebens, das nie einfach sein   wollte. Sehr geehrte Damen und Herren,   in dieser Geschichte, die so viele   Facetten von Ruhm und Verlorenheit in   sich trägt, kommt nun jener Punkt.

 

  an dem die schillernde Fassade endgültig   zerbrach.   Nico hatte sich in den späten 70er   Jahren ganz bewusst von den großen   Bühnen verabschiedet, aber sie trug   immer noch all die Gespenster ihrer   Vergangenheit mit sich. Die Abhängigkeit   von Heroin war kein heimliches Laster   mehr, sondern ein offenes Bekenntnis zu   einer Existenz, die Schmerz und Klarheit   untrennbar miteinander verband.

 

 Ihre   Beziehung zu Lou Reed, dem   charismatischen Kopf von Velvet   Underground, war über die Jahre zu einer   Art verbittertem Schweigen erstarrt.   Während Lou sich weiter einen Namen als   einflussreicher Songwriter machte,   erzählte Nico später mit einer Mischung   aus Bitterkeit und Resignation, dass sie   in seiner Nähe stets das Gefühl gehabt   habe, ein Fremdkörper zu sein.

 

 Es war,   als hätte sie nur das Recht gehabt.   Stimme zu sein, nicht jedoch Teil der   Gemeinschaft. Diese Ablehnung brannte in   ihr alte Wunde, die nie heilen wollte.   Sehr geehrte Damen und Herren. Doch Lou   Reed war nicht der einzige, dem sie   Vorwürfe machte. Auch Andy Warhall, der   sie einst gefördert und in Szene gesetzt   hatte, war in ihren Augen zu einem   Symbol für eine Welt geworden, die sie   letztlich verbrauchte.

 

 Sie sagte einmal   in einem Interview, sie habe sich oft   wie eine Marionette gefühlt, ein schönes   Objekt, das herumgereicht wurde, bis es   seinen Glanz verlor. Diese Einsicht kam   spät, aber sie kam mit einer Wucht, die   sie innerlich veränderte. In genau jener   Phase begann Nico über ihre Liste des   Hasses zu sprechen.

 

 Eine Liste, die wie   ein Spiegel ihrer Enttäuschungen wirkte.   Ganz oben standen die Künstler, die sie   ihrer Ansicht nach entweder verraten   oder bloß gestellt hatten, daß sie sich   dabei nicht scheute, Namen zu nennen,   machte diese Beichte so brisant. Lou   Reed war auf dieser Liste dicht gefolgt   von Andy Warhall und dann kamen jene   Figuren, die Nico nur spöttisch als die   Diener des Kommerzes bezeichnete,   Popstars, die ihrer Meinung nach ihre   Seele für schnellen Erfolg verkauften.

 

  Doch das Drama ihrer späten Jahre   erschöpfte sich nicht nur in diesen   Abrechnungen. Es war auch die zerrissene   Beziehung zu ihrem Sohn Ari, die sie   innerlich zermürbte.   Ari war in Frankreich bei Delons Mutter   groß geworden und obwohl Nico ihn immer   wieder besuchte, blieb eine unsichtbare   Mauer zwischen ihnen.

 

 Freunde   berichteten. Sie habe sich schuldig   gefühlt, ihn verlassen zu haben. Sie   habe gehofft. Eines Tages würde er   verstehen, dass sie damals glaubte,   nicht stark genug zu sein, um ihn selbst   großzuziehen.   Sehr geehrte Damen und Herren, die   wenigen Briefe, die sie Ari schickte,   klingen wie verzweifelte Versuche, eine   Verbindung herzustellen, die längst   beschädigt war.

 

 Ich wünschte, ich wäre   eine andere Mutter gewesen, schrieb sie   einmal, aber ich konnte nicht anders   sein. Diese Sätze sind wie ein Echo   ihres ganzen Lebens der ständige Kampf   zwischen Sehnsucht und Flucht. Parallel   zu ihrem privaten Zusammenbruch   verschärften sich die Drogenprobleme.   Ihre Konzerte wurden unberechenbar.   Manche Nächte sangen sie mit einer   Intensität, die das Publikum in Trans   versetzte.

 

 Andere Male erschien sie so   geschwächt, dass sie kaum den Mund   öffnen konnte. Die Presse sprach von   einer lebenden Tragödie, von einer Frau,   die in ihrem eigenen Mythos ertrank. In   Interviews in den 1980er Jahren sprach   sie ohne Umschweife darüber, wie tief   der Hass auf ihre alten Weggefährten   saß.

 

 Ein Journalist fragte sie einmal,   ob sie je wieder mit Lou Reed sprechen   wolle. Ihre Antwort war eiskalt. Ich   habe alles gehört, was er zu sagen hat,   und nichts davon war jemals ehrlich.   Diese Worte, so knapp sie klingen, waren   der Ausdruck einer Enttäuschung, die sie   nie ganz losließ. Sehr geehrte Damen und   Herren, es ist bemerkenswert, wie   konsequent Nico ihre Haltung lebte.

 

 Sie   war bereit dafür den Preis zu zahlen.   Isolation, Missverständnisse,   Armut. Während viele ihrer früheren   Bekannten längst in den Olymp des Pop   aufgestiegen waren, hauste sie in   billigen Apartments, nahm jede   Gelegenheit zum Auftritt an. Solange sie   ihre Musik ohne Kompromisse spielen   durfte, diese Jahre, so traurig sie   erscheinen mögen, waren für sie ein Akt   des Trotzes.

 

 Doch ihre Verachtung für   die Konvention wurde zunehmend zu einer   Obsession. Freunde erzählten, dass sie   stundenlang darüber sprach, wie   oberflächlich sie den Kulturbetrieb   empfand. In ihren letzten Interviews   wirkte sie wie eine Prophetin des   Scheiterns, jemand, der es sich zur   Aufgabe gemacht hatte, jede Illusion zu   zerstören.

 

 Diese Radikalität machte sie   einsam, aber auch einzigartig.   Sehr geehrte Damen und Herren, als sie   ihre Liste der fünf Namen öffentlich   andeutete, ahnte niemand, dass dies ihr   letztes großes Statement werden würde,   ein endgültiger Bruch mit all jenen, die   sie einst bewundert hatten. Und eine   letzte bittere Erklärung, dass sie   niemandem verzieh, der sie je enttäuscht   hatte.

 

 Sehr geehrte Damen und Herren, in   jenen letzten Jahren, die wie ein   endloser melancholischer Abgesang   wirkten, erreichte Nicos Leben seinen   dramatischen Höhepunkt. Es war als würde   sie jeden Tag einen weiteren Teil ihres   früheren Ruhms verbrennen, nur um nicht   in Versuchung zu geraten, jemals wieder   zurückzukehren.   Während Lou Reed in den 80ern weiter   Alben veröffentlichte,   Interviews gab und sein Vermächtnis als   einflussreicher Songwriter zementierte,   verschärfte sich bei Nico der Groll.

 

  Freunde berichteten, dass sie nachts in   kleinen Bars saß, ein Glas billigen   Rotwein vor sich und mit leiser Stimme   ihre Erinnerungen durchging, als müsste   sie jeden einzelnen Verrat noch einmal   kosten. Er hat sich nie gefragt, ob ich   glücklich war, soll sie einmal gemurmelt   haben.

 

 Er hat nur darauf geachtet, dass   er im Rampenlicht stand. Sehr geehrte   Damen und Herren, auch Andy Warhall   blieb ein ständiges Thema, obwohl er sie   in die Factory gebracht, sie vor seine   Kamera gezerrt und ihr eine Bühne   geboten hatte, empfand sie diese Zeit   rückblickend als Demütigung. “Ich war   eine Statue, kein Mensch”, sagte sie.

 

 Er   hat uns alle benutzt, bis wir nicht mehr   schön genug waren. Diese Anklage war   scharf, voller Bitterkeit, aber auch von   einer Klarheit, die man bei Nico selten   erlebte. Ihre Konzerte wurden in diesen   Jahren zum Spiegel ihrer inneren   Zerrissenheit. In Paris, London,   München, wo immer sie auftrat, wussten   die Menschen nicht, ob sie eine   unvergessliche Performance erleben   würden oder ein klägliches Scheitern.

 

  Es gab Abende. Da schien ihre Stimme   direkt aus dem Abgrund zu kommen. Rau,   tief, voller unerklärlicher Traurigkeit.   Dann wieder stand sie reglos vor dem   Mikrofon, den Blick leer, als hätte sie   jedes Gefühl verloren. Sehr geehrte   Damen und Herren. Doch inmitten dieser   Finsternis blitzte manchmal noch ein   ungebrochener Stolz auf, wenn sie über   ihre Songs sprach.

 

 konnte man spüren,   dass sie trotz aller Rückschläge an ihre   Kunst glaubte. “Die Leute nennen mich   kalt, unnahbar, destruktiv”, sagte sie   einmal in einem der letzten Interviews.   “Aber ich habe nie gelogen. Das kann   nicht jeder von sich behaupten. Das   Publikum war fasziniert von dieser   schonlosen Ehrlichkeit.

 

 Die Journalisten   hingegen witterten Sensation. Immer   wieder fragten sie nach ihrer   Drogenabhängigkeit, nach Allan Delon,   nach Lou Reed. Nico antwortete auf diese   Fragen mit einer Mischung aus Zynismus   und Müdigkeit. “Es ist immer dasselbe”,   sagte sie. “Ihr wollt Geschichten über   Verfall hören, aber nie über Freiheit.

  Sehr geehrte Damen und Herren, ihr   Verhältnis zu ihrem Sohn Ari hatte sich   in dieser Zeit kaum gebessert. Bei einer   ihrer letzten Tourneen nach Italien traf   sie ihn kurz. Ein Treffen!   Das wie ein gescheiterter Versuch   wirkte, Nähe herzustellen. Ein Freund,   der dabei war, berichtete später. Nico   habe Ari lange angesehen und dann   gesagt, vielleicht wirst du eines Tages   verstehen, warum ich gegangen bin.

 

 Ari   schwieg und sie schwieg auch. zwei   Menschen, die mehr gemeinsam hatten, als   sie jemals zugeben konnten, dieselbe   Angst, verletzt zu werden, dieselbe Wut   auf die Welt. Parallel zu diesen   privaten Kämpfen eskalierte die mediale   Aufmerksamkeit.   Zeitungen überschlugen sich mit   Berichten über ihr Verloren sein.

 

 Manche   beschrieben sie als die gefallene Göttin   des Underground, andere als tragisches   Wrack. Nico reagierte auf diese   Etiketten mit offener Verachtung. Sie   betonte immer wieder, dass sie niemals   Mitleid wollte. “Ich bin kein Opfer”,   schrieb sie in einen Notizblog, den sie   ständig bei sich trug.

 

 Ich bin nur   ehrlich in einer Welt voller Lügen. Sehr   geehrte Damen und Herren, es ist   bezeichnend, dass sie kurz vor ihrem Tod   begann, Notizen über jene   aufzuschreiben, die sie ihrer Meinung   nach am tiefsten verletzt hatten. In   diesen Seiten, die später als Teil ihrer   persönlichen Aufzeichnungen bekannt   wurden, tauchten immer wieder dieselben   Namen auf.

 

 Blue Reed, Andy Warhall, die   Kritiker, die Popstars ohne Seele. Ihre   Worte waren keine verbitterte Abrechnung   allein. Sie waren auch ein letzter   Versuch, sich zu erklären, sich selbst   zu rechtfertigen, vielleicht sogar   Frieden zu schließen. Aber der Frieden   kam nicht. In einem der letzten   Interviews, nur wenige Monate vor Ibizza   sprach sie mit erstaunlicher Offenheit   darrüber, wie sehr sie der Hass zerriss.

 

  “Ich habe jahrelang auf eine   Entschuldigung gewartet”, sagte sie,   “aber niemand hat sie mir gegeben und   ich konnte nicht vergessen.” Ihr Blick,   so erinnerte sich der Journalist, “Sei   in diesem Moment unerträglich traurig   gewesen.”   Sehr geehrte Damen und Herren, das war   der dramatische Höhepunkt ihres Lebens   eine Frau, die alles riskiert hatte, die   für ihre Kunst, ihre Familie, ihre   Gesundheit und ihren Ruf geopfert hatte   und die am Ende doch allein blieb,   gefangen in einem Netz aus   Enttäuschungen und ungeheilten Wunden.   Sehr geehrte Damen und Herren, es gibt   in jedem Leben Momente, die so still   sind, dass sie lauter sprechen als jede   Anklage. Für Nico war dieser Moment   nicht auf einer Bühne, nicht in einem   Studio oder vor einer Kamera. Er geschah   in der unscheinbaren Hitze eines   Sommertages auf Ibiza, fernab,

 

  was sie einst bekannt gemacht hatte. In   jenen letzten Wochen wirkte sie   aufmerksamer, fast friedlich. Freunde,   die sie dort besuchten, berichteten,   dass sie oft lange Spaziergänge   unternahm, das Fahrrad nahm, um die   staubigen Wege der Insel zu erkunden.   Ihr Gesicht war schmal, von der Zeit   gezeichnet, doch in ihrem Blick lag ein   Hauch von Milde, den viele zuvor nie   gesehen hatten.

 

 Es war, als hätte sie in   der Einsamkeit der Insel begonnen, die   letzten Rechnungen loszulassen.   Sehr geehrte Damen und Herren, in einem   ihrer seltenen Briefe an Ari geschrieben   wenige Tage vor dem Unfall, formulierte   sie eine Art Abschied. “Ich habe so   vieles falsch gemacht”, schrieb sie.   “ber habe dich immer geliebt, so wie ich   fähig war zu lieben.

 

 Dieser Satz, so   einfach er klingt, ist vielleicht die   ehrlichste Zeile, die sie je verfasst   hat. Es war auch in dieser Zeit, dass   sie einem engen Freund anvertraute. Sie   denke darüber nach, das Heroin endgültig   hinter sich zu lassen. Ich will nicht   sterben mit diesem Gift in mir, soll sie   gesagt haben.

 

 Ich habe zu viel Zeit   verschwendet. Das war kein dramatisches   Bekenntnis, sondern eine Stille.   Erschöpfte Erkenntnis, dass sie ihrem   Hass und ihrer Abhängigkeit nicht ewig   unterliegen wollte. Sehr geehrte Damen   und Herren. Und dann kam jener Tag im   Juli 1988.   Nico fuhr mit dem Rat, als sie plötzlich   vom Schlag einer Hirnblutung getroffen   wurde.

 

 Sie stürzte in die gleißende   Sonne, ganz allein, nur wenige Meter   entfernt von Menschen, die sie nicht   kannten, die nicht wussten, wer diese   Frau war, die da zusammenbrach. Man   brachte sie ins Krankenhaus, doch es war   zu spät. Ihr Herz hörte aufzuschlagen,   noch ehe irgendjemand ihre ganze   Geschichte verstehen konnte.

 

 Vielleicht   war es eine grausame Ironie, dass sie   gerade in einer Phase starb, in der sie   den Frieden suchte, den sie so lange   verweigert hatte. Vielleicht war es auch   eine Art Erlösung, denn in den wenigen   Wochen davor war sie zum ersten Mal   bereit gewesen, ihre Verbitterung   loszulassen.

 

 Nach allem bleibt nur die   Familie, soll sie geflüstert haben.   Alles andere vergeht. Sehr geehrte Damen   und Herren, diese letzten Worte klingen   nach einem Eingeständnis, dass ihr Leben   lang unmöglich schien. die Versöhnung   mit sich selbst, das Aufgeben der   unendlichen Anklagen. Es war der Moment,   indem die Tragödie eine leise Milde   annahm.

 

 Nico starb nicht als Muse oder   Ikone, sondern als eine Frau, die ihre   Wunden kannte und sie nicht länger   versteckte.   Sehr geehrte Damen und Herren, wenn wir   heute auf Nicos Leben zurückblicken,   können wir uns kaum dem Gefühl   entziehen, dass sich darin alles   bündelte, was Ruhm so verführerisch und   zugleich so zerstörerisch macht.

 

 Die   Welt bewunderte ihre Schönheit, ihre   Stimme, ihre Kompromisslosigkeit.   Doch kaum jemand fragte sich, wie es   war, Tag für Tag in diesem   unerbittlichen Licht zu stehen, in dem   jeder Fehler ein Skandal, jede Schwäche   ein Makel wurde. Ihre letzten Gesten   waren keine großen Posen mehr, sondern   kleine Versuche, sich zu befreien.

 

 Die   Briefe an ihren Sohn, die späten   Einsichten, die leisen Bekenntnisse, sie   alle Zeugen von einer Frau, die viel zu   lange geglaubt hatte. dass nur Hass sie   stark machte. Am Ende blieb von all den   Kämpfen nur die Erkenntnis, dass   Vergebung vielleicht der einzige Ausweg   gewesen wäre.

 Sehr geehrte Damen und   Herren, wenn Nico heute noch sprechen   könnte, was würde sie uns sagen würde   sie bereuen, dass sie ihr Leben so   radikal führte, dass sie niemanden an   sich heranließ? oder würde sie mit   diesem kühlen, unnachgiebigen Blick   erklären, daß sie es nicht anders   konnte, daß Kunst immer einen Preis   fordert, den manche bezahlen müssen, ist   es wirklich so einfach Menschen zu   verurteilen, die sich den Konventionen   verweigern, ist es ein Scheitern, wenn   man sein Leben nicht dem Applaus   unterwirft, sondern seiner eigenen   Wahrheit. Und was ist diese Wahrheit   wert, wenn sie am Ende nur Einsamkeit   bringt? Meine Damen und Herren,   vielleicht liegt in Nikos Geschichte   eine Frage an uns alle. Wie viel   Vergebung können wir ertragen? Wie lange   können wir den Menschen in uns   verleugnen? Bevor wir selbst zu einer

 

  Maske werden? Ruhm, Macht, Einfluss, ist   es das Wert, wenn es Jahre der Trennung,   der Abhängigkeit, der stummen Vorwürfe   hinterlässt. Sehr geehrte Damen und   Herren und Beinzer, dies war die   Geschichte hinter dem kühlen Gesicht   einer Frau, die alles wagte und alles   verlor. Eine Geschichte, die ein   nagendes Gefühl hinterlässt, das nur sie   selbst ganz verstehen konnte. M.