Es ist London im kalten feuchten Januar   des Jahres 1969.   Der Nachtclub Talk of the Town ist Abend   für Abend ausverkauft. Das Publikum   nippt an teurem Champagner und wartet.   Sie warten nicht auf irgendeinen Star.   Sie warten auf eine Legende. Sie warten   auf Judy Garland.   Die Zeitungen hatten von ihren Schulden   und gesundheitlichen Problemen   gemunkelt, aber das hier war Judy, die   ultimative Überlebende des Showbsiness.

 

  Doch die Frau, die schließlich auf die   Bühne tritt, oft über eine Stunde zu   spät, ist nicht die Ikone, an die sie   sich erinnern wollen. Vor ihnen steht   eine Gestalt von fast schmerzhafter   Zerbrechlichkeit. Ihre Hände zittern,   ihr Lächeln wirkt gequält, eine Maske,   die jeden Moment zu zerbrechen droht.

 

 An   manchen Nächten bricht die Stimme, sie   vergisst die Texte zu liedern, die sie   tausende Male gesungen hat.   Das Publikum, das für eine   Wiederauferstehung bezahlt hat, wird   unruhig dann offen feindselig. Und dann   in einer dieser katastrophalen Nächte   passiert das Unvorstellbare. Aus der   Dunkelheit des Saales fliegen   Gegenstände auf die Bühne.

 

 Brotstücke,   Zigarettenstummel. Die Menge boot die   Frau nieder, die sie einst verehrt hat.   Es ist eine öffentliche Hinrichtung,   eine brutale laute Demütigung.   30 Jahre zuvor, im Jahr 1939, war   dieselbe Person der größte Star der   Welt. Als 16-Jährige sang sie Over the   Rainbow und gab einer ganzen Nation eine   Hymne der Hoffnung.

 

 Sie war Amerikas   Goldstück. Sie erhielt einen speziellen   Jugendoscar für ihre Rolle als Dorothy.   Ihre Filme waren globale Ereignisse.   Wie, so müssen wir fragen, konnte das   geschehen? Wie konnte das leuchtendste   Talent Hollywood so tragisch verglühen?   Verspottet von Fremden? nur wenige   Monate vor ihrem Tod im Alter von nur 47   Jahren.

 

  Dies ist nicht die Geschichte eines   simplen Aufstiegs und Falls. Es ist die   Geschichte einer Enthüllung, denn auf   dieser Bühne in London enthüllte Judy   Garland unfreiwillig das größte und   dunkelste Geheimnis ihres Lebens. Ein   Geheimnis, das die mächtigen Hollywoods   jahrzehntelang verborgen hatten.   Es ist die Wahrheit über eine   systematische Zerstörung, die begann,   als sie noch ein Kind namens Francis Gum   war.

 

 Es ist die Wahrheit über Pillen,   die man ihr gab, um sie wach zu halten   und Pillen, die man ihr gab, um sie   schlafen zu legen, über den Hunger, den   man ihr aufzwang und die Identität, die   man ihr Stahl. Auf der Bühne in London   brach nicht Judy Garallen zusammen. Es   war das Lügengebäude, das ein ganzes   System um sie herum errichtet hatte, das   endlich einstürzte.

 

  Um die Trümmer von 1969 zu verstehen,   müssen wir die Zeit zurückdrehen vor den   Ruhm vor den Namen Judy Garland. Wir   müssen nach Grand Rapids Minnesota ins   Jahr 1922 blicken. Hier wurde Francis   Ael Gum geboren. Ihr Vater Frank Gum war   ein charmanter Mann, der ein Geheimnis   trug.

 

 Doch die wahre treibende Kraft der   Familie war ihre Mutter Ethel.   Elgum war eine Frau von unerbittlichem   Ehrgeiz, eine gescheiterte   Wotwildarstellerin, die ihre Töchter als   ihr Ticket ins Rampenlicht sah. Francis,   ihr wertvollstes Kapital, wurde schon   als Kleinkind auf die Bühne geschoben.   Was folgte, war keine Kindheit, sondern   ein unaufhörlicher Wodwille Kreislauf.

 

  Etel formierte die Gom Sisters und   triebs   Land. Sie lebten aus Koffern, geprägt   von Ethels eisernem Willen. Die Mädchen   mussten auftreten, egal wie müde, egal   wie krank.   Und hier in dieser staubigen Realität   beginnt das dunkelste Kapitel. Wenn die   Mädchen erschöpft waren, wenn Baby   Francis vor Müdigkeit nicht mehr   auftreten konnte, hatte Athel eine   Lösung.

 

 Biografen berichten   übereinstimmend, dass Ethel Gum begann   ihren Töchtern Pillen zu geben.   Aufputschmittel Pepp Pilz, um sie für   die Shows wach zu machen. Und nach den   Shows, wenn sie vom künstlichen Rausch   nicht schlafen konnten, gab es   Beruhigungsmittel, um sie zur Ruhe zu   zwingen.   Wir sprechen von einem Kind, vielleicht   10 Jahre alt.

 

 Lange bevor das Wort   Amphetamin existierte, wurde Francis Gum   an den Zyklus gewöhnt, der ihr Leben   zerstören sollte. Chemische Energie für   die Bühne, chemische Betäubung danach.   Es war keine Sucht, die sie sich   aussuchte. Es war eine von der eigenen   Mutter eingeleitete Programmierung.   Die Familie floh schließlich überstürzt   aus Minnesota, als sich ein Skandal um   den Vater anbahnte.

 

 Sie landeten in   Kalifornien. Für AHel war dies die große   Chance. Sie trieb ihre Töchter zu jedem   Vorsprechen. Auf Anraten eines Agenten   wurde aus der unscheinbaren Francis Gum   die glamurös klingende Judy Garland. Es   war die Vollendung von Aels Projekt. Das   echte Kind Francis wurde ausgelöscht. An   ihre Stelle trat Judy, ein sorgfältig   konstruiertes Produkt, trainiert und   bereits medikamentös eingestellt.

 

  Als Metro Goldwinmeer, das größte Studio   Hollywoods Judy Garland 1935 unter   Vertrag nahm, übernahmen sie ein bereits   vorbereitetes Paket. Lewis Bmeer und die   Studiobosse mussten das System der   Ausbeutung nicht erfinden. Sie mussten   es nur perfektionieren. Das Fundament   für die Tragödie war längst gelegt.

 

  Im Jahr 1935 betrat die 13-jährige Judy   Garland das Studiogelände von MGM. Es   war eine Monarchie regiert von Leis B.   Meer und Judy mit ihrer phänomenalen   erwachsenen Stimme war Meers neueste   Entdeckung.   Doch das Studio wußte nicht, was es mit   ihr anfangen sollte. Sie paßte in keine   Schublade.

 

 Sie war in den Augen der   Studiobosse unbeholfen. Leis B. Meyer,   der sich selbst als Vaterfigur   inszenierte, nahm sie unter seine   Fittiche. Doch diese Umarmung war ein   eiserner Griff. Er nannte sie   herablassend seinen kleinen Buckligen.   Ein Spitzname, der sich auf ihre   Körpergröße von kaum 1,50 m bezog.   Es begann eine totale Transformation.

 

  Ihr Körper musste kontrolliert werden.   Sie war ständig auf Diät, ein Regime des   Hungers, das von Studioärzten überwacht   wurde. Ihr Mittagessen bestand oft nur   aus Hühnersuppe, schwarzem Kaffee und um   den Appetit zu unterdrücken, bis zu 80   Zigaretten am Tag. Sie war 16 Jahre alt.   Und dann kam das Jahr 1939,   die Rolle, die sie unsterblich machen   sollte, der Zauberer von OS.

 

 Um sie in   die Rolle des unschuldigen Mädchens zu   pressen, wurde die Kontrolle verschärft.   Ihre jugendlichen Kurven wurden in   schmerzhafte Corsets gezwängt, um ihre   Brust flach zu drücken. Um die brutalen   Drehpläne durchzuhalten, die oft 18   Stunden dauerten, griff das Studio auf   die Methode ihrer Mutter zurück und   institutionalisierte sie.

 

  Jeden Morgen erhielt Judy Ampetermine   Aufputschmittel, damit sie vor der   Kamera strahlen konnte und jede Nacht   gaben ihr dieselben Studioärzte,   Barbiturate, starke Schlafmittel, um sie   in einen erzwungenen Schlaf zu   versetzen. Das war die Magie Hollywoods,   ein chemisch induzierter Zyklus aus   Leistung und vergessen.

 

  Der Zauberer von Oss wurde zu einem   globalen Phänomen Judy Garland mit ihrer   Darbietung von Over the Rainbow wurde   über Nacht zum Symbol. Sie war die   Stimme der Hoffnung, die Verkörperung   der amerikanischen Unschuld. Sie erhielt   einen speziellen Jugendoscar. Auf dem   Höhepunkt ihres Ruhs war sie die   wertvollste Darstellerin der Welt.

 

  Doch hinter der Regenbogenfassade   zerfiel der Mensch. Die Pillen wurden   zur Notwendigkeit. Die psychologische   Manipulation durch Lis B. Meyer war   unerbittlich. Er erinnerte sie ständig   daran, dass er sie erschaffen habe und   sie jederzeit zerstören könne.   Der ultimative Akt dieser   Entmenschlichung ereignete sich 1941.

 

  Judy, nun 19, hatte heimlich geheiratet   und wurde schwanger. Ein Kind hätte ihr   Image zerstört. Das Studio in   Zusammenarbeit mit Judys eigener Mutter   Ethel griff zu einer brutalen Maßnahme.   Sie zwangen Judy zu einer Abtreibung. Es   gab keine Diskussion. Es war eine   geschäftliche Entscheidung.   Das war das große dunkle Geheimnis von   MGM’s goldenem Zeitalter.

 

 Der   strahlendste Stern an ihrem Himmel war   in Wirklichkeit eine Gefangene. Der   Höhepunkt ihrer Karriere war   gleichzeitig der Beginn ihres   unumkehrbaren Abstiegs. Das Produkt Judy   Garland war ein voller Erfolg. Der   Mensch Francis Gum hatte bereits   begonnen zu sterben.   Die erzwungene Abtreibung im Jahr 1941   war ein tiefer seelischer Bruch.

 

 Judy   Garland, das perfekt geformte Produkt,   begann zu rebellieren. Nicht offen,   sondern durch Selbstzerstörung und eine   verzweifelte Suche nach etwas echtem in   einer Welt aus Kulissen.   Ihre erste Ehe zerbrach. Sie stürzte   sich in die Arbeit Film um Film, Pille   um Pille. Im Jahr 1945 fand sie Hoffnung   in Vincente Minelli, einem der   visionärsten Regisseure bei MGM.

 

 Sie   heirateten, unter seiner Regie drehte   sie Meet Me St. Lis einen ihrer größten   Erfolge. Für einen kurzen Moment schien   das Glück greifbar.   Im Jahr 1946 brachte sie ihre Tochter   zur Welt leiser Minelli. Doch das Glück   war fragil. Ihre Tablettensucht   jahrelang vom Studio verwaltet   eskalierte.

 

 Die Belastung eine Mutter zu   sein und gleichzeitig der größte Star   von MGM war zu viel. Kurz nach Leisers   Geburt erlitt sie einen schweren   Nervenzusammenbruch und verbrachte Zeit   in Sanatorien.   Zurück im Studio war die Geduld mit   ihrem einstigen Goldstück am Ende. Judy   Garland war unberechenbar geworden. Sie   kam Stunden zu spät.

 

 Manchmal tauchte   sie überhaupt nicht auf. Sie litt unter   extremen Gewichtsschwankungen und   paranoiden Schüben alles Nebenwirkungen   des jahrelangen chemischen Missbrauchs.   Der Wendepunkt kam 1949.   Sie wurde für die Hauptrolle in Annie   Get Your Gun besetzt. Stattdessen wurde   es ihr Ende bei MGM. Sie konnte sich die   Texte nicht merken.

 

 Ihre Verfassung war   katastrophal. Das Studio feuerte sie aus   der Produktion. Es war eine öffentliche   Demütigung.   Im Jahr 1950, nach 15 Jahren, tat MGM   das Undenkbare. Sie kündigten ihren   Vertrag Louis B. Meyer, der Mann, der   sich ihren Vater nannte, Schnitt sie   Fallen. Mit 28 Jahren war sie   arbeitslos, galt als unzuverlässig,   süchtig und unheilbar beschädigt.

 

  Die Reaktion war unmittelbar und   verheerend. In einem Anfall tiefster   Verzweiflung schloss sich Judy Garland   in ihrem Badezimmer ein und schnitt sich   mit einer zerbrochenen Glasscherbe die   Kehle auf. Es war kein Hilferuf. Es war   ein ernsthafter Versuch, dem allem zu   entkommen.

 

 Sie wurde in letzter Minute   gefunden und gerettet. Die Nabe an ihrem   Hals würde sie für den Rest ihres Lebens   verbergen.   Aus dieser Asche trat ein neuer Mann in   ihr Leben. Sid Luft. Er war kein   Künstler. Er war ein Produzent, ein   Spieler. Er sah, was MGM nicht mehr   sehen wollte, das unzerstörbare Talent.   Er wurde ihr Manager, ihr Beschützer und   1952   ihr dritter Ehemann.

 

  Luft inszenierte ihre Wiedergeburt. Er   erkannte, dass ihre Zukunft auf der   Konzertbühne lag. Er buchte das Palace   Theater in New York im Jahr 1951.   Die Show war ein beispielloser Triumph.   Abend für Abend hielt sie tausende in   ihrem Bann. Judy war zurück.   Doch diese neue Freiheit war eine   gefährliche Illusion.

 

 Sie hatte den   goldenen Käfig von MGM verlassen, nur um   in einem anderen zu landen. Sitluft war   ihr Anker, aber auch ihr neuer Herr. Er   kontrollierte ihre Finanzen, um ihre   Karriere zu finanzieren, aber auch um   seine eigene schwere Spielsucht zu   befriedigen. Der Druck Abend für Abend   diese emotionale Höchstleistung zu   erbringen, erforderte denselben   Treibstoff wie zuvor.

 

 Sie hatte die   totale Kontrolle gegen das totale Chaos   eingetauscht.   Sidluft wusste, daß Judis größtes   Kapital ihre Fähigkeit zur   Wiederauferstehung war. Er setzte alles   auf eine Karte. Die Neuverfilmung von A   Star ist Born. Ein Stern geht auf, aus   dem Jahr 1954.   Es war ihr Film, ihre Firma. Es sollte   die ultimative Antwort an Hollywood   sein.

 

  Und das war es auch. Ihre Darstellung   war keine Schauspielerei, es war ein   Exorzismus. Judy Garland legte jede   Narbe ihres eigenen Lebens offen auf die   Leinwand. Die Kritiker waren sich einig,   es war die Rolle ihres Lebens. Das   Comeback war vollkommen.   Dann kam die Oscar Nacht 1955.   Judy Garland war die hausohe Favoritin.

 

  Sie war so siegessicher, dass sie der   Zeremonie fernblieb, da sie gerade erst   ihren Sohn Joey zur Welt gebracht hatte.   Der Fernsehsender NBC baute ein   komplettes Kamerateam vor ihrem   Krankenhauszimmer auf, bereit ihre   Dankesrede live zu senden.   Der Umschlag wurde geöffnet. Der Name,   der verlesen wurde, war nicht Judy   Garland, es war Grace Kelly.

 

 In Judys   Krankenzimmer schalteten die Techniker   abrupt die grellen Lichter aus und   packten ihre Kameras ein, noch bevor die   Übertragung beendet war. Dieser Moment,   diese plötzliche Dunkelheit war mehr als   nur eine verlorene Auszeichnung. Es war   die brutalste, öffentlichste   Zurückweisung, die Hollywood ihr antun   konnte.

 

  Dieser emotionale Schlag war der Auftrag   zum endgültigen finanziellen Kollaps. A   Star is Born war zwar ein künstlerischer   Triumph, aber ein finanzieller   Misserfolg. Sitluft und Judy hatten   Millionen investiert, die sie nicht   hatten und Luftspielsucht verschlang den   Rest.   Und genau in diesem Moment trat der   unerbittlichste Gläubige auf den Plan.

 

  die amerikanische Steuerbehörde IRS. Es   stellte sich heraus, dass ihre Steuern   kaum bezahlt worden waren. Das IRS   präsentierte Jud eine astronomische   Rechnung über 100ta.000 von Dollar. Von   diesem Tag an war sie eine finanziell   gejagte. Das IRS beschlagnahmte alles.   Ihr Haus, ihre Autos, ihre Verträge.

 

 Die   Frau, die eins der bestelt war, war nun   offiziell bankrott.   Die letzten 10 Jahre ihres Lebens waren   kein Glämmer. Sie waren ein ständiger,   verzweifelter Kampf ums nackte   Überleben. Ihre Ehe mit Sitluft   zerbrach. Sie war nun allein mit ihren   drei Kindern ohne ein Zuhause. Sie   lebten in Hotelzimmern, aus denen sie,   so wird berichtet, mitten in der Nacht   geworfen wurden.

 

  Um zu überleben, musste sie singen.   Jeden Abend, egal wo, sie nahm jeden Job   an, oft für einen Bruchteil dessen, was   sie wert war, organisiert von   skrupellosen Promotern, die ihre   Verzweiflung ausnutzten. Sie war   gefangen im Teufelskreis. Sie brauchte   die Pillen, um aufzutreten und sie   brauchte die Auftritte, um die Pillen   und die Hotelschulden zu verdienen.

 

  Dieser finanzielle Ruin war der wahre   Grund, warum sie das Angebot annahm, für   5 Wochen im Talk of the Town in London   aufzutreten. Es war ihre letzte   verzweifelte Chance, ihre Schulden zu   begleichen. Sie kam im Winter 1968   in London an, nicht als Legende, sondern   als Flüchtling vor ihren eigenen   Finanzen.

 

  Wir kehren also zurück nach London.   1969.   Wir sind zurück im Talk of the Town.   Aber jetzt, da wir die Wahrheit kennen,   sehen wir diese tragische Gestalt mit   anderen Augen. Wenn sie stolpert, sehen   wir das Mädchen, dem man mit 16   Amphetamine gab. Wenn sie ihren Text   vergisst, sehen wir die Frau, die   jahrzehntelang mit Barbitoraten in den   Schlaf gezwungen wurde.

 

  Die Gegenstände, die aus der Dunkelheit   auf sie geworfen werden, sind der letzte   grausame Akt eines Publikums, das immer   alles von ihr genommen hat und ihr nun,   da sie nichts mehr zu geben hat, seine   Verachtung entgegenschleudert.   Inmitten dieses totalen Zusammenbruchs   klammert sie sich an einen letzten   Strohhalm, einen neuen Mann.

 

 Sein Name   ist Mickey Dienst. Er ist 12 Jahre   jünger als sie. Im März 1963. Nur 3   Monate vor ihrem Tod, heiraten sie. Es   ist ihre fünfte Ehe. Die Hochzeitsfotos   sind fast schmerzhaft anzusehen.   Das London Engagement endet in einem   Disaster. Das Geld ist aufgebraucht. Das   Paar zieht in ein kleines Miethaus in   London.

 

  Am 22. Juni 1969,   12 Tage nach ihrem 47. Geburtstag findet   Mickey Dienst sie. Das Badezimmer ist   von innen verschlossen. Er klettert auf   das Dach, blickt durch das Fenster und   sieht sie. Sie sitzt auf der Toilette   zusammengesunken. Reglos. Sie ist tot.   Der offizielle Autopsiebericht ist   klinisch tot durch eine unbeabsichtigte   Überdosis von Barbituraten.

 

 Es gab   keinen Abschiedsbrief, keine Anzeichen   für einen bewussten Selbstmordversuch   wie den von 1950. Der Bericht spricht   von einer unachtsamen   Selbstüberdosierung.   Und hier in diesem nüchternen Befund   liegt die endgültige furchtbare   Enthüllung. Das ist das Geheimnis, dass   sie enthüllt hat.

 

 Judy Garland hat sich   nicht umgebracht. Sie ist einfach   gestorben. Ihr Tod war kein aktiver   Entschluss. Er war die logische,   unvermeidliche Konsequenz eines Lebens,   das von anderen kontrolliert wurde.   Nach drei Jahrzehnten, in denen ihr   Körper darauf programmiert worden war,   mit Pillen aufzuwachen und mit Pillen   schlafen zu gehen, hat ihr erschöpfter   Organismus einfach einen Fehler gemacht.

 

  Die Toleranzgrenze war an diesem Tag zu   niedrig. Es war ein Unfall, ein   tödlicher Arbeitsunfall, dessen Ursache   30 Jahre zurücklag.   Das ist das Geheimnis, das ihr Tod   enthüllt hat. Die Überdosis begann nicht   in London. Sie begann 1935 in den Büros   von MGM. Der wahre Schuldige war nicht   die Flasche in ihrem Badezimmer.

 

 Der   Schuldige war das System. Ihre Mutter   Ael Leis B. Meer, der sie ihren kleinen   Buckligen nannte, die Studioärzte, die   Agenten und Ehemänner und ja auch das   Publikum, das sie sehen wollte, egal zu   welchem Preis.   Ihr Körper gefunden in diesem Badezimmer   war das letzte Beweisstück in einem   Jahrzehntelangen Verbrechen.

 

 Judy   Garland musste nicht reden. Ihr Tod war   ihre Aussage.   Der Schock über ihren Tod halte um die   ganze Welt. Ztausende Menschen säumten   die Straßen von New York City für ihre   Beerdigung. Es war ein Staatsbegräbnis   für eine Königin, die nie ein Königreich   besessen hatte, außerdem der Bühne. Ihre   Freunde, ihre Rivalen und die Fans, die   sie liebten, sie alle kamen, um einer   Frau die letzte Ehre zu erweisen, die   sie alle zu kennen glaubten, die aber   niemand wirklich gerettet hatte.

 

  Die Geschichte von Judy Garland ist   nicht nur die Geschichte einer einzelnen   Frau, es ist die Geschichte einer   Industrie, die ihre eigenen Kinder   verschlingt. Es ist die Geschichte eines   Systems, das auf der Ausbeutung von   Talenten aufgebaut wurde, lange bevor es   Gesetze zum Schutz von Kindern am   Arbeitsplatz gab, lange bevor Worte wie   mentale Gesundheit oder   Arbeitsplatzmissbrauch   existiert hätten.

 

 Wie war das   Testobjekt, das erste globale Opfer der   modernen industrialisierten prominenten   Maschinerie?   Und so müssen wir uns fragen, was wäre   geschehen, wenn Ethel Gum in ihrer   Tochter Francis nur ein Kind gesehen   hätte? Was wäre geschehen, wenn Leis B.   Meyer sie als einen Menschen behandelt   hätte, nicht als seinen kleinen   Buckligen? Was wäre passiert, wenn die   Industrie, die durch ihre Stimme reich   wurde, ihr erlaubt hätte, erwachsen zu   werden, Fehler zu machen, ohne sie dafür   zu bestraffen?   Wir werden es nie wissen. Aber ihr Leben   zwingt uns diese Fragen zu stellen, denn   das tragische Muster der Judy Garland   hat sich unzählige Male wiederholt. In   den verlorenen Kindheiten anderer   Kinderstars, in den öffentlichen   Zusammenbrüchen von Künstlern, die dem   unerbittlichen Druck ausgesetzt sind,   ein perfektes Image aufrecht zu   erhalten. Judy Garland war die Blaupause   für eine Tragödie, die in Hollywood zur   Routine wurde.   Ihr Vermächtnis ist daher zutiefst

 

  gespalten. Da ist das unsterbliche Erbe,   die Stimme, die Filme und natürlich für   immer Overhebow. Es ist die Hymne der   Hoffnung, die paradoxerweise von einer   Frau gesungen wurde, der diese Hoffnung   im eigenen Leben so oft verwrt blieb.   Diese Kunst ist unantastbar,   aber es gibt ein zweites Vermächtnis,   ein dunkleres. Es ist eine Mahnung.

 

 Es   ist die Narbe an ihrem Hals, die sie vor   der Welt verbarg. Es ist der   Autopsiebericht aus einem Londoner   Badezimmer. Es ist die Erinnerung daran,   dass hinter jedem strahlenden Lächeln   auf der Leinwand ein Mensch steht, der   atmet, leidet und zerbrechlich ist.   Judy Garland hat das Schweigen nicht im   Alter gebrochen.

 Sie hatte nie die   Chance dazu. Stattdessen war ihr ganzes   Leben, ihr ganzer Körper ein einziger   lauter Schrei nach der Wahrheit. Sie hat   das Geheimnis nicht enthüllt, indem sie   es aussprach. Sie hat es enthüllt, indem   sie es lebte und indem sie daran starb.   Heute hören wir ihre Stimme und staunen   über die Kraft.

 

 Aber vielleicht sollten   wir auch genauer hinhören, denn zwischen   den Noten in dem leichten Zittern ihrer   Stimme da liegt, die ganze Geschichte,   die Geschichte eines Mädchens, das   einfach nur nach Hause wollte, an einen   Ort jenseits des Regenbogens, den sie   auf dieser Welt nie ganz finden konnte.   Ihre Geschichte ist nicht nur eine   Tragödie, sie ist eine Verantwortung,   die Verantwortung zuzuhören.