Wenn ein Mann, der fünf Jahre in einem Hochsicherheitsgefängnis saß und zuvor sieben Jahre lang in einer Botschaft ausharrte, nur um die Wahrheit über Kriegsverbrechen ans Licht zu bringen, nun das Wort ergreift, dann hält die Welt den Atem an. Julian Assange ist zurück auf der Weltbühne – und er kommt nicht mit leisen Tönen. Der Wikileaks-Gründer hat in Schweden eine Strafanzeige eingereicht, die das Fundament einer der angesehensten Institutionen der westlichen Welt erschüttert: die Nobelstiftung. Es geht um nicht weniger als den Vorwurf der Veruntreuung von Stiftungsgeldern und die Beihilfe zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

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Der Stein des Anstoßes: Maria Corina Machado

Hintergrund dieser juristischen Offensive ist die Verleihung des Friedensnobelpreises 2025 an die venezolanische Oppositionspolitikerin Maria Corina Machado. Assange wirft der Stiftungsführung vor, gegen das ursprüngliche Testament von Alfred Nobel aus dem Jahr 1895 verstoßen zu haben. Nobel legte darin fest, dass der Preis an jene vergeben werden müsse, die sich im vorangegangenen Jahr besonders für die Völkerverständigung, die Abschaffung oder Verminderung von Heeren sowie für die Förderung von Friedenskongressen eingesetzt haben.

Assange argumentiert in seiner Klageschrift, dass Machado das genaue Gegenteil verkörpert. Er listet zahlreiche öffentliche Aussagen auf, in denen sie zu militärischen Interventionen gegen ihr eigenes Land aufgerufen und US-amerikanische Angriffe öffentlich unterstützt habe. Die Preisverleihung falle zudem in eine Phase massiver militärischer Eskalation in der Karibik. Indem die Nobelstiftung Preisgelder an eine Akteurin auszahle, die Gewalt als politisches Mittel legitimiert, mache sie sich laut Assange der Zweckentfremdung von Geldern und der indirekten Unterstützung von Kriegsverbrechen schuldig.

Julian Assange stellt Strafanzeige gegen Nobel-Stiftung wegen Machado |  Kurier

Ein System unter Verdacht: Frieden oder Geopolitik?

Die Kritik von Assange trifft einen wunden Punkt, der Historiker und Politologen schon lange beschäftigt. Wird mit dem Friedensnobelpreis tatsächlich der Frieden geehrt, oder dient er als Instrument zur Durchsetzung geopolitischer Interessen? Assange fordert die schwedischen Behörden auf, die Auszahlung der Mittel sofort zu stoppen, interne Unterlagen sicherzustellen und den Fall gegebenenfalls an den Internationalen Strafgerichtshof zu übergeben. Sein Ziel ist klar: Er will verhindern, dass der Friedensnobelpreis von einem Werkzeug des Friedens in ein Instrument des Krieges verwandelt wird.

Der Blick in die Geschichte des Preises scheint Assanges Skepsis zu stützen. Er erinnert an prominente Fälle, in denen die Auszeichnung der Realität weit vorausgriff oder ihr sogar widersprach. Barack Obama erhielt den Preis 2009, als er gerade einmal neun Monate im Amt war – eine Entscheidung, die selbst Obama später hinterfragte, da seine Regierungszeit von einer massiven Ausweitung von Drohnenkriegen und militärischen Interventionen geprägt war. Auch die Auszeichnung von Henry Kissinger trotz seiner Mitverantwortung für Bombardierungen im Vietnamkrieg oder Jassir Arafat inmitten anhaltender Gewaltspirale zeigen die tiefen Risse im moralischen Gefüge des Komitees.

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Die Macht der Narrative und die Notwendigkeit der Kritik

Juristisch gesehen räumen Experten der Klage von Assange zwar geringe Erfolgschancen ein, da die Nobelstiftung als private Stiftung über einen erheblichen Ermessensspielraum verfügt. Doch die politische und diskursive Sprengkraft dieses Schrittes ist immens. Assange zwingt die Weltöffentlichkeit dazu, genau hinzuschauen. Der Friedensnobelpreis ist kein kleiner Kulturpreis; er prägt Narrative, erschafft Helden und verleiht den Preisträgern eine Form von moralischer Unantastbarkeit.

Wenn dieses mächtige Instrument politisch verzerrt wird, um bestimmte Akteure zu legitimieren, die militärische Eskalation mittragen, dann ist der Friedensbegriff selbst in Gefahr. Assange stellt die fundamentale Frage: Wer definiert Frieden? Und darf eine Institution Gelder, die für die Völkerverständigung vorgesehen sind, an Personen ausschütten, die Sanktionen und Interventionen fordern?

Julian Assanges Rückkehr ist mehr als eine persönliche Rehabilitation. Es ist eine Fortsetzung seiner lebenslangen Aufgabe, Machtstrukturen zu hinterfragen und Transparenz einzufordern. Er macht deutlich, dass wir uns nicht von glänzenden Medaillen blenden lassen dürfen, während im Hintergrund die Trommeln des Krieges lauter werden. Sein Handeln fordert uns alle heraus, kritisch zu bleiben und Frieden nicht nur als Abwesenheit von Krieg, sondern als aktive Verweigerung von Gewalt und militärischer Eskalation zu verstehen. In einer Zeit, in der die Grenzen zwischen Diplomatie und Intervention verschwimmen, ist Assanges Stimme unbequemer – und vielleicht notwendiger – denn je.