[musik]   Der 6. Februar 1998.   Puerto Plata, Dominikanische Republik.   Die Luft in der Karibik ist schwer. Eine   unerträgliche feuchte Hitze, die sich   wie ein nasses Tuch auf die Haut legt.   Dies ist kein Ort für einen Popstar,   kein Ort für Glammer oder   maßgeschneiderte Anzüge. Dies ist ein   Ort der Flucht, ein selbstgewähltes   Exil.

 

 Seit fast 2 Jahren hat sich der   größte Popstar, den der deutschsprachige   Raum je kannte, hierher zurückgezogen.   Weg von der Kälte Wiens, weg vom   unerbittlichen Sport der deutschen   Presse, weg von den Geistern seines   eigenen Erfolgs.   Inmitten dieser tropischen Kulisse, die   so voller Leben strotzt, war er   innerlich kälter als je zuvor.

 

 Er war   nicht hier, um Urlaub zu machen. Er war   hier, um zu verschwinden, um den Mann   namens Johann Hölzel wiederzufinden, den   er Jahrzehnte zuvor an die Kunstfigur   Falco verloren hatte. Er floh vor dem   Schatten von Amadeus, vor dem Echo des   Janis Skandals und vor der brutalen   Wahrheit eines Vaterschaftszests, die   sein letztes bisschen Menschlichkeit   zerstört hatte.

 

  An jenem schwülen Februartag biegt ein   Geländewagen von einer kleinen   Seitenstraße auf die Hauptverbindung   nach Puerto Plata. Der Fahrer tritt das   Gaspedal durch. Genau in diesem Moment   nähert sich ein Reisebus mit hoher   Geschwindigkeit. Der Aufprall ist   apokalyptisch. Der Fahrer des Wagens,   Johann Hölzel, ist auf der Stelle tot.

 

  Die Autopsie wird später einen tödlichen   Cocktail aus Alkohol, Kokain und   Marihuana nachweisen. Die Akte wird   schnell geschlossen. Ein tragischer   Unfall. verursacht durch rücksichtsloses   Fahren unter Drogeneinfluss.   Doch diese offizielle Version ist nur   die Oberfläche einer viel tieferen,   dunkleren Geschichte.

 

 War es wirklich   ein Unfall oder war es der letzte   verzweifelte Akt eines Mannes, der   keinen anderen Ausweg mehr sah? War es   der ultimative Selbstmord inszeniert als   lauter, tragischer Knall? Ganz so, wie   es die Ikone Falco verdient hätte? Wie   konnte der Mann, der die Charts in   Amerika anführte, der Mozart des Pop, so   einsam und zerstört auf einer staubigen   Straße in der dritten Welt enden? Die   Welt sah den Unfall, aber sie verstand   die Flucht nicht, die ihm vorausging.

 

  Das Schweigen, das seinem Tod folgte,   war ohrenbetäubend. Doch die   provokanteste Antwort auf diese Fragen   kam erst Wochen später aus dem Grab von   ihm selbst. Um dieses Ende zu verstehen,   müssen wir dorthin zurückkehren, wo die   Maske geschmiedet wurde.   Um diesen Absturz zu verstehen, muss man   den Aufstieg in seiner ganzen   schillernden Unwahrscheinlichkeit   gesehen haben.

 

 Es war die sorgfältige   Konstruktion einer Kunstfigur, die   perfekter nicht hätte sein können,   geschmiedet im brodelnden Kessel Wiens,   denn vor Falco gab es Hans Hölzel, ein   bürgerlicher Sohn, ein Wunderkind am   Klavier, das eigentlich Konzertpianist   werden sollte. Doch das Wien der späten   70er Jahre war nicht nur Mozart, es war   dunkel, morbid, avantardistisch und   voller Drogen.

 

 Es war die Wiener   Schikeria, eine Szene, die den Tod und   den Exzess feierte.   Und mittendrin war dieser junge   unsichere Hans Hölzel. Er brach mit der   Klassik und suchte den Untergrund. Er   wollte nicht nur spielen, er wollte   provozieren. Seine erste wirkliche Bühne   fand er als Bassist bei der Schockrock   Band Dradiell.

 

 Das war das genaue   Gegenteil von dem, was er später werden   sollte. Es war purchop,   eine chaotische Truppe, die auf der   Bühne Blut und Eingeweide imitierte.   Hans Hölzel war mittendrin, lernte, wie   man ein Publikum schockiert, wie man   eine Rolle spielt, aber er war zu   ehrgeizig, zu klug und zu eitel für den   reinen Punk.

 

 Er sah, dass man in dieser   neuen Ehre eine Rüstung brauchte.   Er trennte sich von der Band und erschuf   Falco. Der Name gelien vom DDR   Skispringer Falco Weißflug, den man den   Falken nannte. Alles an dieser neuen   Figur war kalkül. die scharf   geschnittenen Anzüge, das zurückgegelte   Haar, die arrogante, gelangweilte Miene   und eine völlig neue Art zu singen.

 

 Es   war kein Gesang, es war ein   Sprechgesang, ein aggressiver,   rhythmischer Rap auf Deutsch, aber mit   Wiener Schmäe und englischen Wortfetzen.   1981 schlug die Bombe ein. Der   Kommissar, es war der Urknall   desutschsprachigen Pop. Mitten in der   neuen deutschen Welle, die von Berlin   aus über das Land rollte, kam dieser   Österreicher und klang kühler,   distanzierter und unendlich viel   internationaler als alle anderen.

 

 Der   Song war ein gigantischer Erfolg in ganz   Europa und erreichte sogar die Charts in   den USA. Über Nacht war Falco das   Gesicht einer Generation, das Idealbild   eines neuen, selbstbewussten, aber auch   dekadenten Europas. Die Öffentlichkeit   verschlang ihn. Er war der Punk im   Maßanzug der Dandy, der über die   Abgründe der Großstadt rappte.

 

  Doch Falco war besessen. Europa reichte   ihm nicht. Er wollte die Welt, er wollte   Amerika. Er wollte beweisen, dass seine   Kunstfigur, seine Sprache universell   war. 1985   war das Jahr der Vollendung. Das Album   Falco 3 war ein Meisterwerk, angeführt   von einer Hymne, die Popgeschichte   schreiben sollte. Rock Me Amadeus.

 

 Es   war die perfekte Symbiose aus allem, was   er war. Das Wiener Genie Mozart trifft   auf den New Yorker Beat. Hochkultur   trifft auf Gosse. Es war brillliant,   arrogant und unwiderstehlich.   Am 29. März 1986 geschah das unfassbare,   der Moment, den niemand für möglich   gehalten hatte. Falco stand auf Platz 1   der amerikanischen Billboard Charts.

 

 Ein   Künstler, der auf Deutsch schreppte,   hatte den Popolymp erklommen. Er war der   Mozart der 80er ein globales Symbol. Das   Album lieferte weitere Hits Vienna   Colling und die düstere brillante   Ballade Genie. Falco war auf dem Gipfel   der Welt. Jedes Video ein Ereignis, jede   Pressekonferenz eine Show.

 

 Er war nicht   mehr nur ein Star, er war eine Ikone.   Aber der Druck, diesen Moment zu   wiederholen, der Zwang, die Maske des   Amadeus nun für immer tragen zu müssen,   legte sich wie eine eiskalte Hand um das   Herz von Hans Hölzel.   Der Gipfel des Popollymps ist ein   eisiger, verfluchter Ort. Der globale   Erfolg von Amadeus war kein Segen.

 

 Es   war ein goldenes Urteil, eine   lebenslange Haftstrafe. Die Industrie,   die ihn auf den Thron gehoben hatte,   forderte nun unerbittlich das nächste,   einen zweiten, Amadeus, einen dritten.   Der Druck, dieses singuläre Ereignis zu   wiederholen, war unmenschlich. Johann   Hölzel, der sensible Künstler, der aus   der Avantardszene Wien kam, war nun   gefangen im Körper von Falco, einer   globalen Marke.

 

 Er musste die Arroganz   liefern, die die Kameras erwarteten. Er   musste der geniale Provokateur sein, den   die Schlagzeilen forderten, 24 Stunden   am Tag.   Hinter den Kulissen begann der Kampf um   die Kontrolle. Sein Manager Horst Borg   war der Architekt dieses Welterfolgs ein   brillanter Stratege, aber Borg managete   die Marke Falco, nicht den Menschen Hans   Hölzel.

 

 Es entstand ein erbitter   Konflikt. Hans, der Musiker, wollte   experimentieren. Er wollte zurück zur   rohen Energie von Dradial. Er wollte   sich künstlerisch weiterentwickeln. Aber   die Plattenfirma und das Management   sahen nur den Goldesel. Sie forderten   Hits nach der Amadeus Formel. Jeder   Versuch auszubrechen wurde als   Karriererisiko gesehen.

 

 Dies war die   erste, die kreative Form der Ausbeutung.   Er war vertraglich gebunden, ein Produkt   zu liefern, das er selbst nicht mehr   sein wollte.   Gleichzeitig baute sich der mediale   Druck auf. Die Presse, besonders in   Deutschland und Österreich hatte ein   Idealbild erschaffen, den Falken, den   kühlen, unnahbaren Superstar, der auf   Skandalen tanzte.

 

 Sie warteten gierig   auf jeden Fehltritt, jeden Riss in   dieser perfekten Fassade. Sie verlangten   das Spektakel. Sie wollten nicht den   normalen verletzlichen Hans Hölzel   sehen. Ein normaler Mensch verkaufte   keine Zeitschriften. Ein normales Leben,   ein Moment der Ruhe, war unmöglich   geworden.

 

 Er war öffentliches Eigentum,   gejagt von Paparazzi, analysiert von   Kritikern.   Doch der tiefste, unerträglichste Druck   kam nicht von außen. Er kam nicht von   Managern oder Journalisten. Er kam aus   seiner eigenen Vergangenheit, aus seiner   tiefsten Kindheit. Denn Johann Hölzel   trug ein Geheimnis mit sich, eine   fundamentale Wunde, die sein ganzes   Leben definierte.

 

 Er war der einzige   Überlebende einer Drillingsgeburt. Seine   Mutter, Maria Hölzel, hatte zwei Kinder   im Mutterleib verloren. Nur Hans   überlebte.   Diese Tatsache war der unsichtbare Motor   hinter seinem manischen Ehrgeiz. Er   wuchs auf mit dem unbewussten, aber   überwältigenden Gefühl, das Leben von   drei Menschen leben zu müssen.

 

 Er musste   den Erfolg von drei Söhnen erreichen, um   den Verlust seiner Mutter wettzumachen.   Dieser immense psychologische Druck war   die Quelle seines Genies, aber auch   seiner Megalomanie, seines Größenwarns.   Er musste der Beste sein. Er musste die   Welt erobern, weil alles andere wie ein   Verrat an den ungeborenen Geschwistern   gewirkt hätte.

 

  Der Druck Falco zu sein, war also nicht   nur ein beruflicher Zwang, es war dieser   private existentielle Auftrag. Und als   der globale Erfolg da war, war selbst   das nicht genug. Wie konnte es auch,   konfrontiert mit dem kreativen Gefängnis   durch seine Verträge, der unerbittlichen   Jagd der Medien und dem Gefühl, seine   Lebensmission nie erfüllen zu können,   griff Hans Hölzel zu den einzigen   Fluchtmitteln, die ihm blieben.

 

 Alkohol,   Kokain. Es war nicht der Genuss eines   Rockstars, es war die verzweifelte   Selbstmedikation eines Mannes, der die   Erwartungen nicht mehr erfüllen konnte.   Die Drogen halfen ihm, die Maske des   Falco aufzusetzen, die Arroganz zu   simulieren und die innere Lehre, die   Schuld und die Geister seiner   Vergangenheit zu betäuben.

 

 Außen der   glamuröse Popgott, innen ein Mann, der   daran zerbrach, für drei leben zu   müssen.   Mitten auf dem Höhepunkt, nur wenige   Monate nach dem globalen Triumph von   Amadeus, entfesselte Falco 1985   Jenny. Es war als dritter Teil einer   Trilogie gedacht, eine düstere, opnhafte   Ballade, ein erzählerisches Experiment   über einen besessenen und ein   verschwundenes Mädchen.

 

 Doch   Deutschland, sein mit Abstand   wichtigster Markt, hörte etwas völlig   anderes. Sie hörten keine Kunst. Sie   hörten die Verherrlichung einer   Entführung, die Romantisierung eines   Sexualverbrechens. Ein Tsunami der   öffentlichen Entrüstung brach über ihn   herein. Es war nicht nur ein   Radioboyikott, es war eine mediale   Hinrichtung.

 

  Die wahre Wunde, die tiefste Verletzung   kam nicht von der Boulevardpresse, von   der er nichts anderes erwartete. Sie kam   vom seriösen Establishment. In den ARD   Tagesthemen der wichtigsten und meist   geachteten Nachrichtensendung   Deutschlands, trat der Journalist Dieter   Kronzucker vor die Nation.

 

 Er warnte   nicht nur vor dem Song, er verurteilte   ihn öffentlich als Verherrlichung von   Gewalt. Für Falco war dies ein   unvorstellbarer Schlag. Es war nicht   mehr Falco der Provokateur, der   angegriffen wurde. Es war Hans Hölzel.   Der Künstler, der sich zutiefst   missverstanden fühlte, die Nation, die   ihn gerade noch als Mozart gefeiert   hatte, brandmarkte ihn nun als   moralische Gefahr.

 

 Dieser Skandal brach   etwas in ihm unwiderruflich.   Dieser mediale Feuersturm hatte   sofortige brutale Konsequenzen. Das   Album Emotional, das 1986   folgte und Johnny enthielt, war   kommerziell kein totaler Flop, aber es   blieb meilenweit hinter den gigantischen   Erwartungen von Amadeus zurück. Die   Plattenfirma, die gerade noch Millionen   verdient hatte, wurde nervös.

 

 Die   Konzerte in Deutschland verkauften sich   schlechter. Sponsoren sprangen ab.   Falco, der einen extravaganten   Lebensstil pflegte, der teure Anzüge,   Autos und Partys als Teil seiner Rüstung   brauchte, sah sich plötzlich mit der   Realität des Marktes konfrontiert. Er   war nun beschädigte Ware. Der   finanzielle Druck, den Verlust   wettzumachen, einen neuen sicheren Hit   zu produzieren, wurde immens.

 

 Die   kreative Schlinge, die er schon in   Abschnitt 3 spürte, zog sich nun auch   finanziell zu.   Er zog sich zurück, wurde   unberechenbarer, die Drogen namen   überhand. Doch der wahre Zusammenbruch,   der Gnadenstoß für Hans Hölzel geschah   abseits der Kameras in der trügerischen   Stille seines Privatlebens.

 

 Er hatte   eine Tochter, Katharina. Er liebte   dieses Kind abgöttisch. Sie war sein   Anker in der realen Welt. Der einzige   Mensch, der Hans sah und nicht Falco.   Inmitten seines beruflichen Absturzes   und der medialen Jagd war sie sein   einziger Halt, der Beweis, dass etwas   echtes in seinem Leben existierte.   Doch im Jahr 1993,   nach der Trennung von der Mutter des   Kindes, brachte ein Vaterschaftstest die   brutale Wahrheit ans Licht.

 

 7 Jahre lang   hatte er ein Kind geliebt, finanziert   und als sein eigenes aufgezogen, das   nicht sein biologisches war. Für einen   Mann, der sein Leben lang mit   Verlassensängsten kämpfte, der als   einziger von drei Kindern überlebt hatte   und manisch nach einer echten   unzerbrechlichen Bindung suchte, war   diese Enthüllung das Ende.

 

 Es war nicht   nur eine Lüge, es war die endgültige   Zerstörung seiner privaten Identität.   Der mediale Verrat durch den Jenny   Skandal hatte ihn isoliert. Der   finanzielle Absturz hatte ihn unter   Druck gesetzt, aber dieser private   Verrat vernichtete ihn. Der Weg in die   dominikanische Republik war kein   Neuanfang.

 

 Es war eine Flucht vor den   Trümmern eines Lebens, das öffentlich   und privat implodiert war.   Johann Hölzel erreichte nie das Alter,   dass ihm eine friedliche Retrospektive   erlaubt hätte. Er starb mit 40. Es gab   kein großes Fernsehinterview mit 70,   keine Memoiren, in denen er mit seinen   Peinigern abrechnete. Sein Tod im   Februar 1998 schien ein brutal   endgültiges Schweigen zu sein, dass die   Gerüchte über Selbstmord und die Fakten   über Drogen und Alkohol unkommentiert im   Raum stehen ließ.

 

 Die Welt blieb zurück   mit dem Bild eines genialen, aber   selbstzerstörerischen Popstars, der in   der Karibik verunglückte.   Doch dann geschah etwas   Außergewöhnliches. Das Schweigen wurde   gebrochen. Nur wenige Wochen nach seinem   Tod erschien sein letztes fast fertig   gestelltes Album. Der Titel Allein war   ein Schock, eine unheimliche   Prophezeiung.

 

 Out of the dark, into the   light. Die Öffentlichkeit erwartete   vielleicht ein paar vergessene Songs,   ein musikalisches Vermächtnis. Was sie   bekamen, war ein Testament. Es war   Falcos Moment, die Kontrolle über seine   Geschichte zurückzugewinnen, nicht im   Dialog mit einem Journalisten, sondern   im Monolog mit der Ewigkeit.   Der Titelsong, aufgenommen kurz vor   seinem Tod, war keine Pophymne.

 

 Es war   eine beichte, eine gespenstische,   schmerzhaft ehrliche Auseinandersetzung   mit seiner eigenen Dunkelheit. Und dann   kam die Zeile, die ganz Deutschland und   Österreich den Atem stocken ließ. Eine   rhetorische Frage nicht an einen   Interviewer, sondern an das Schicksal,   an die Industrie, an sein Publikum.

 

 Er   sang mit dieser unverkennbaren,   gequälten Stimme: “Muss ich denn   sterben, um zu leben?”   In diesem einen Satz lag die gesamte   Tragödie seines Lebens. Es war seine   öffentliche Anklage gegen das System,   das ihn erschaffen hatte. Ein System,   das Falco, die arrogante Kunstfigur,   verlangte und dafür Hans, den Menschen   geopfert hat.

 

 Es war seine direkte   Konfrontation mit den Medien, die ihn im   Janis Skandal gejagt hatten. Es war die   Anerkennung des unbezahlbaren Preises   für den Amadeus Erfolg. Er, der die   Kontrolle über sein Leben verloren   hatte, erlangte durch diesen Song die   Kontrolle über seine eigene Erzählung   zurück.

 

 Er gab der Welt die Antwort auf   die Frage, die in den Trümmern seines   Autos unbeantwortet geblieben war. Die   Antwort war ja. Der Tod war für ihn die   einzige Befreiung aus dem unerträglichen   Druck Falco sein zu müssen.   Aber es war nicht nur diese eine Zeile.   Das ganze Album war ein Akt der   Abrechnung. In dem Song Egoist   konfrontierte er all jene, die ihn als   kalt und arrogant bezeichneten, all die   Mitläufer und Kritiker.

 

 Er sang: “Wer   sich heute retten will, muss Egoist   sein.” Das war kein Eingeständnis von   Arroganz. Es war eine Rechtfertigung,   eine bittere Erklärung, dass die Maske   des Falco, diese zur schau getragene   Kälte, ein reiner Überlebensmechanismus   war. Es war seine Art zu sagen, ihr habt   mich zu dem gemacht, was ihr jetzt   verachtet.

 

 Mein Egoismus war Notwehr   gegen eine Welt, die mich aussaugen   wollte.   Sogar der Titel des Albums Out of the   Dark, Into the Light, war sein letztes   Wort. Die Dunkelheit, das war nicht nur   die Depression, es war der erdrückende   Schatten von Amadeus, die mediale   Finsternis des Johnny Skandals, die   bodenlose Lehre nach dem   Vaterschaftsbetrug.

 

  Das Licht, das war nicht der Himmel, es   war die Wahrheit, die Authentizität, die   er nur im Tod wiederfinden konnte.   Johann Hölzel bekam kein Interview im   Alter. Er brauchte es nicht. Er hielt   sein eigenes Tribunal mit seiner Kunst   als einziger Zeugin. Er brach sein   Schweigen, indem er seine eigene   tragische Grabinschrift lieferte.

 

  Die Geschichte von Johann Hölzel ist   nicht nur die Chronik eines gefallenen   Popstars aus den 80er Jahren. Sie ist   eine zeitlose, universelle Parabel über   den unbezahlbaren Preis der Kunstfigur.   Es ist die Geschichte von Hans, der   Falco erschuf, um gesehen zu werden und   der am Ende von Falco verschlungen   wurde, weil die Welt nichts anderes mehr   sehen wollte.

 

 Seine Tragödie stellt eine   fundamentale Frage an die   Unterhaltungsindustrie, aber auch an uns   als Publikum. Was ist der wahre Preis   für den unsterblichen Hit für die   globale Ikone? Und sind wir bereit, den   Menschen hinter der Maske zu sehen,   bevor das grelle Licht der Bühne ihn   verbrennt?   Falcos Schicksal ist kein Einzelfall.

 

 Es   steht stellvertretend für so viele   Künstler, die an dem Bild zerbrachen,   dass sie selbst erschaffen hatten oder   in das sie gezwungen wurden. Doch seine   Geschichte, die 1985   ihren tragischen Höhepunkt erreichte,   ist heute relevanter denn je. Der Johnny   Skandal, diese mediale Hinrichtung   angeführt von seriösen Journalisten wie   Dieter Kronzucker war nichts anderes als   ein Prototyp der Cancel Culture,   Jahrzehnte bevor es das Wort überhaupt   gab.

 

 Es war die öffentliche Brandmarkung   eines Künstlers aufgrund einer   moralischen Panik, ohne Nuanc willen,   die Kunst zu verstehen.   Heute haben sich die Werkzeuge geändert,   aber der Mechanismus ist derselbe   geblieben. Der unerbittliche Druck ein   perfektes Image aufrecht zuerhalten, die   Angst vor dem digitalen Mob in den   sozialen Medien, die sofortige   Verurteilung.

 

 Der Druck, dem Falco   ausgesetzt war, war der Druck von   Kameras und Zeitungsschlagzeilen. Heute   wird dieser Druck durch Millionen von   Smartphone Bildschirmen potenziert und   demokratisiert. Haben wir als   Gesellschaft wirklich dazu gelernt oder   haben wir die Jagd nur beschleunigt?   Sind wir heute eher bereit zuzuhören,   bevor das Licht ausgeht? Oder verlangen   wir nur noch mehr von unseren Ikonen,   bis auch sie zerbrechen?   Wir erinnern uns an Amadeus und Jenny,   aber wir müssen uns auch an Hans Hölzel   erinnern. Eine Geschichte über Ruhm,   Verrat, mediale Macht und eine   verzweifelte Sehnsucht nach Liebe, die   nie wirklich gestillt wurde. Am Ende hat   er seine eigene Geschichte mit einer   einzigen unvergesslichen Zeile   zusammengefasst. Einer Frage, die nicht   nur sein Schicksal besiegelte, sondern   die wie ein Echo durch unsere moderne   bildsüchtige Gesellschaft halt. Muss ich   denn sterben, um zu leben?