Wenige Stunden vor der Öffnung der Wahllokale spitzt sich der Wahlkampf in Deutschland dramatisch zu. In einer der letzten großen TV-Auftritte stellte sich Alice Weidel, die Spitzenkandidatin der AfD, den Fragen des ZDF-Morgenmagazins. Doch was als kritisches Interview geplant war, entwickelte sich binnen Minuten zu einem medialen Schlagabtausch, der die Moderatoren Dunja Hayali und Andreas Wunn sichtlich überforderte. Weidel, die für ihre rhetorische Schärfe bekannt ist, nutzte die Bühne des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für eine eiskalte Abrechnung mit der aktuellen Politik und der Berichterstattung der Medien selbst.

Schon der Einstieg in das Gespräch war von einer spürbaren Spannung geprägt. Dunja Hayali eröffnete das Interview mit massiven Vorwürfen und konfrontierte Weidel mit Einschätzungen des Verfassungsschutzes sowie persönlichen Anschuldigungen bezüglich ihres Umgangs mit Ausländern. Doch statt in die Defensive zu geraten, konterte Weidel ruhig und präzise. Sie wies die Vorwürfe des Extremismus in aller Form zurück und drehte den Spieß geschickt um, indem sie die CDU unter Friedrich Merz angriff. Laut Weidel sei die Union mittlerweile so nah an den Inhalten der AfD, dass sie faktisch vom „Original“ abschreibe, während sie gleichzeitig bereit sei, mit „Klimaextremisten“ wie den Grünen zu koalieren – ein Kurs, den Weidel als das Ende der CDU bezeichnete.

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Besonders hitzig wurde die Debatte, als das Thema auf die wirtschaftliche Lage Deutschlands kam. Weidel, die promovierte Ökonomin ist, zeichnete ein düsteres Bild: Deutschland befinde sich im „freien Fall“, geprägt von den höchsten Energiepreisen, massiven Insolvenzraten und einer abwandernden Industrie. Als Dunja Hayali versuchte, diese Analyse mit der Behauptung zu entkräften, Deutschland sei keineswegs im freien Fall, erntete sie von Weidel nur hämische Kritik. Die AfD-Politikerin warf den Moderatoren vor, fernab der Realität der freien Wirtschaft in einer „öffentlich-rechtlichen Blase“ zu leben und keine Ahnung von den tatsächlichen Wirtschaftsdaten zu haben.

Ein bemerkenswerter Moment des Interviews war der Versuch von Moderator Andreas Wunn, Weidel mit ihren eigenen vergangenen Aussagen zu konfrontieren. Er warf ihr vor, Antworten auswendig gelernt zu haben – eine Anspielung auf einen früheren Vorfall in einer Kanzlerrunde. Doch Weidel ließ sich nicht beirren. Sie forderte mehr Engagement des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der echten Problemanalyse und warf den Journalisten vor, eine klare politische Agenda zu verfolgen, anstatt neutral zu berichten. Diese direkte Konfrontation ließ Hayali und Wunn für Sekunden sprachlos zurück, während sie versuchten, die Kontrolle über das Gespräch zurückzugewinnen.

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Auch die Frage nach Björn Höcke, der oft als radikaler Flügel der Partei gilt, wurde von Weidel mit einem geschickten rhetorischen Manöver pariert. Auf die Frage, ob sie der „verlängerte Arm“ Höckes sei, entgegnete sie trocken, ob die Moderatoren ernsthaft glaubten, dass dies die Menschen interessiere, die unter hohen Energiepreisen litten. Damit lenkte sie das Gespräch erneut auf die Themen, die ihre Wählerschaft am meisten bewegen: die wirtschaftliche Existenzangst und die Unzufriedenheit mit der Regierungspolitik.

Ein weiterer Streitpunkt war die Mobilisierung gegen die AfD auf den Straßen Deutschlands. Während Hayali von Millionen Bürgern sprach, die für Demokratie demonstrierten, bezeichnete Weidel diese Proteste als „NGO- und steuerfinanziert“. Sie warf der Bundesregierung vor, mit Staatsmitteln Gruppen zu unterstützen, die gezielt gegen die Opposition mobilisierten – ein Vorwurf, der durch Berichte über staatliche Fördergelder für Gruppen wie „Omas gegen Rechts“ zusätzliche Nahrung erhält. Weidel argumentierte, dass eine solche Einmischung des Staates in den demokratischen Willensbildungsprozess inakzeptabel sei.

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Das Fazit dieses TV-Auftritts fällt je nach politischem Standpunkt extrem unterschiedlich aus. Während Anhänger von Alice Weidel sie für ihren souveränen Auftritt und die Demontage der „Systemmedien“ feiern, sehen Kritiker in ihr eine Politikerin, die sich mit Faktenverdrehungen und aggressivem Auftreten einer sachlichen Debatte entzieht. Fest steht jedoch: Das ZDF-Morgenmagazin hat es nicht geschafft, Weidel in die Enge zu treiben. Stattdessen wurden die Moderatoren selbst zum Gegenstand der Kritik, da sie in dem intensiven Schlagabtausch oft keine Antwort auf Weidels Angriffe fanden.

Dieser Auftritt kurz vor der Wahl zeigt einmal mehr, wie tief die Gräben in der deutschen Gesellschaft und im medialen Diskurs sind. Alice Weidel hat bewiesen, dass sie den direkten Konflikt mit den öffentlich-rechtlichen Medien nicht scheut und diesen sogar aktiv sucht, um ihre Botschaften an ihre Zielgruppe zu senden. Ob dieser eiskalte Konter Auswirkungen auf das Wahlergebnis haben wird, bleibt abzuwarten – doch die Diskussionen über die Neutralität der Medien und die rhetorische Schlagkraft der AfD werden nach diesem Morgen im ZDF zweifellos weiter an Schärfe gewinnen.