In der Welt der internationalen Diplomatie gelten oft feine Nuancen und zurückhaltende Töne, doch Wolodymyr Selenskyj scheint sich zunehmend von diesen Regeln zu verabschieden. Der ukrainische Präsident, der lange Zeit als das Gesicht des moralischen Widerstands gegen die russische Aggression gefeiert wurde, zeigt in jüngster Zeit eine Seite, die viele seiner treuesten Unterstützer in Europa fassungslos zurücklässt. Besonders der französische Präsident Emmanuel Macron musste erfahren, wie schnell aus Dankbarkeit diplomatische Irrelevanz werden kann. Die jüngsten Entwicklungen markieren einen tiefgreifenden Vertrauensbruch, der die europäische Solidarität vor eine Zerreißprobe stellt.

Der Auslöser für den aktuellen Eklat war Macrons Vorstoß, wieder diplomatische Gespräche mit Wladimir Putin zu suchen. Während Experten darin einen notwendigen Versuch sehen, Wege zu einem Frieden zu finden, reagierte Selenskyj mit einer beispiellosen Herablassung. Er machte deutlich, dass er in Europa und insbesondere in Macron keinen ernstzunehmenden Verhandlungspartner sieht. Für Selenskyj liegt die wahre Stärke allein in Washington, bei Präsident Donald Trump. Es ist eine bittere Pille für Macron, der sich stets als einer der leidenschaftlichsten Befürworter massiver Unterstützung für Kiew positioniert hatte und sogar die Entsendung von Bodentruppen ins Gespräch brachte. Nun wird er von Selenskyj als diplomatisch unbedeutend abgestempelt – eine Demütigung, die in Paris tiefe Wunden hinterlassen dürfte.

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Doch hinter der harschen Rhetorik steckt handfestes finanzielles Kalkül. Beim jüngsten EU-Gipfel gab es eine deutliche Absage an Selenskyjs Maximalforderungen. Statt der erhofften 210 Milliarden Euro aus eingefrorenen russischen Vermögenswerten wurden lediglich 90 Milliarden zugesagt. Ein Betrag, der Selenskyj offenbar bei weitem nicht ausreicht. Es scheint, als verliere der ukrainische Präsident die Geduld mit den Europäern, die zunehmend darauf bestehen, dass Hilfsgelder an Bedingungen und realistische Ausstiegspläne geknüpft werden. Die Zeiten der Blankoschecks scheinen vorbei zu sein, und Selenskyj reagiert darauf, indem er die europäische Führung öffentlich bloßstellt.

Besonders provokant ist dabei eine Forderung, die weit über den aktuellen Konflikt hinausgeht. Selenskyj verlangt von den europäischen Staaten nicht nur die Finanzierung des Wiederaufbaus der Ukraine nach dem Krieg, wozu sich Länder wie Deutschland bereits verpflichtet haben. Er geht einen entscheidenden Schritt weiter: Die Europäer sollen gefälligst auch die ukrainische Armee auf unbestimmte Zeit weiter finanzieren. Dies stellt einen beispiellosen Eingriff in die Haushaltsautonomie der Geberländer dar und wirft massive verfassungsrechtliche sowie demokratische Fragen auf. Wie soll ein europäisches Parlament den Bürgern erklären, dass sie dauerhaft für eine ausländische Armee aufkommen müssen, über die sie keinerlei Kontrolle haben?

Treffen mit Trump: Selenskyj offen für Gespräche mit Putin - news.ORF.at

Diese Forderung stößt in vielen europäischen Hauptstädten auf wachsenden Widerstand. In Italien, wo die Regierung unter Giorgia Meloni ohnehin unter dem Druck einer kritischen Öffentlichkeit steht, oder in Frankreich, wo die Protestbereitschaft traditionell hoch ist, könnte eine solche Zusage zum politischen Selbstmord führen. Selenskyj agiert hier nicht wie ein Realpolitiker, der die internen Zwänge seiner Partner versteht, sondern wie ein Krisenkommunikator, der moralischen Druck als Waffe einsetzt. Er setzt auf eine Eskalationslogik, die keinen Platz für Kompromisse lässt, und verkennt dabei, dass die Ressourcen und die Geduld der europäischen Bevölkerung nicht unendlich sind.

Lange Zeit konnte Selenskyj darauf zählen, dass die Europäer ihm blind folgten, aus Angst, als unsolidarisch gebrandmarkt zu werden. Er nutzte moralische Erzählungen und Schuldzuweisungen, um Skeptiker zum Schweigen zu bringen. Doch mit dem Aufkommen diplomatischer Alternativen und der signalisierten Gesprächsbereitschaft Putins gegenüber Macron bröckelt Selenskyjs Status als alternativloser Akteur. Seine Entscheidung, sich nun demonstrativ den USA zuzuwenden und Europa abzukanzeln, könnte sich als schwerwiegender strategischer Fehler erweisen. Denn während er in Washington auf die Gunst eines unberechenbaren Präsidenten hofft, verspielt er das Vertrauen seiner unmittelbaren Nachbarn.

EU-Gipfel einig mehr als 90 Milliarden Euro für Ukraine | PULS 24

Die europäische Politik steht nun vor der schwierigen Aufgabe, ihre Rolle neu zu definieren. Wie viel Unterstützung ist noch tragbar, wenn der Empfänger der Hilfe die Geber öffentlich demütigt? Die Bürger in Deutschland, Frankreich und Italien spüren die Auswirkungen der Krise bereits massiv in ihrem Alltag. Wenn nun auch noch die dauerhafte Alimentierung eines fremden Militärs gefordert wird, droht die Stimmung endgültig zu kippen. Selenskyj hat mit seinem Verhalten die Maske der Souveränität fallen lassen und offenbart, dass er bereit ist, seine Partner für kurzfristige strategische Vorteile zu opfern.

Am Ende bleibt die bittere Erkenntnis, dass die Ukraine-Politik der EU an einen Punkt gelangt ist, an dem Klartext geredet werden muss. Unterstützung darf keine Einbahnstraße sein, und diplomatische Bemühungen dürfen nicht durch Arroganz im Keim erstickt werden. Das ukrainische Volk verdient Solidarität und Hilfe beim Wiederaufbau, doch dies darf nicht bedeuten, dass Europa sich zum ewigen Zahlmeister einer Armee macht, deren Führung die europäische Diplomatie verachtet. Es ist Zeit, dass die Verantwortlichen in Berlin und Brüssel endlich die Interessen ihrer eigenen Bürger wahren und Selenskyj zeigen, dass Unterstützung Respekt und Realismus voraussetzt.