Die Bürde des blauen Auges: Wie Mario Girotti in der Stille Umbriens den Preis des Ruhms bezahlt
Terence Hill ist mehr als ein Schauspieler; er ist ein kulturelles Phänomen, ein Inbegriff unbeschwerter Gerechtigkeit und jener charismatische, blauäugige Western-Held, dessen Lächeln Generationen von Kinobesuchern in seinen Bann zog. An der Seite seines kongenialen Partners Bud Spencer erschuf er ein Filmgenre, das in seiner Mischung aus leichtfüßiger Action und lakonischem Humor bis heute unerreicht ist. Doch während die Welt den lässigen Revolverhelden feierte, kämpfte der Mann hinter dem Namen, Mario Girotti, jahrzehntelang einen stillen, tiefgreifenden Kampf. Nun, in seinen 80ern, fernab des grellen Hollywood-Glanzes in der stillen Zurückgezogenheit Umbriens, nimmt sein Leben einen ernsten, melancholischen Ton an.
Die Geschichte von Terence Hill ist keine einfache Erzählung von Ruhm und Reichtum. Es ist eine Saga, die von den tiefen Narben des Zweiten Weltkriegs, einer schicksalhaften Identitätskrise und einem herzzerreißenden persönlichen Verlust gezeichnet ist, der ihn beinahe zerbrochen hätte. Die Frage, wie dieser gefeierte Filmstar heute lebt, offenbart eine traurige Wahrheit: Der Held der Leinwand, der scheinbar mühelos jeden Schlag abwehren konnte, musste im echten Leben Schicksalsschläge hinnehmen, deren emotionale Wunden die Zeit kaum heilen konnte.

Die Brandnarbe von Dresden: Ein Kind im Inferno des Krieges
Um die Tiefe von Mario Girottis Melancholie zu verstehen, muss man zu seinen Wurzeln zurückkehren, die nicht nur im sonnigen Venedig liegen, wo er 1939 geboren wurde, sondern auch im tiefsten Sachsen. Seine Mutter, Hildegard Thieme, stammte aus Dresden; sein Vater, Girolamo Girotti, war italienischer Chemiker. Im Alter von nur vier Jahren, 1943, zog die Familie nach Lommatzsch bei Dresden, dem Wohnort der Großeltern mütterlicherseits, bedingt durch die Arbeit des Vaters bei Schering.
Es waren die prägenden Jahre eines Kindes inmitten des Zusammenbruchs der Zivilisation. 1945 erlebte der sechsjährige Mario die anglo-amerikanischen Bombardierungen des Zweiten Weltkriegs, insbesondere das Inferno von Dresden, aus nächster Nähe. Diese Kindheitserfahrung war mehr als eine historische Fußnote; sie war ein tiefes, seelisches Trauma, das ihn bis ins Erwachsenenalter verfolgte.
„Von Lommatzsch aus habe ich das Bombardement von Dresden miterlebt“, erzählte er einst. „Alles war komplett rot. Was eine Bombe mit einem Kind macht, bleibt ein Leben lang, auch wenn es nicht verletzt ist. Ich hatte Albträume, bis ich 30 war.“ Die Bilder des Feuers, die Atmosphäre der Angst und des totalen Verlusts brannten sich tief in seine Psyche ein.
Dieses Kriegstrauma legte den Grundstein für eine innere Anspannung, die im starken Kontrast zur lässigen Unbekümmertheit seiner Leinwand-Rollen stand. 1945 kehrte er nach Italien zurück, doch die Angst, die er in Sachsen kennengelernt hatte, begleitete ihn. Die frühen Jahre in den Trümmern prägten ihn zu einem Menschen, der sich nach Sicherheit, Ruhe und einem tiefen, inneren Frieden sehnte – Qualitäten, die er später in seinem asketischen Lebensstil suchen sollte.
Die Identitäts-Metamorphose: Von Mario Girotti zu Terence Hill
Marios Einstieg in die Filmwelt war ein glücklicher Zufall, der fast beiläufig begann. Mit elf Jahren, dank einer Zeitungsanzeige, die eine Freundin seiner Mutter entdeckte, bekam er eine kleine Rolle in Dino Risis Film Urlaub mit einem Gangster. Das Schauspiel wurde für den Teenager schnell zu einem Mittel, um sein Studium an der Universität Rom (Literatur und Philosophie) zu finanzieren.
Doch es war die Begegnung mit der hohen Kunst, die seine wahre Berufung enthüllte. 1963 besetzte ihn Luchino Visconti in einer kleinen Rolle in seinem Meisterwerk Der Leopard. Girotti spielte den Grafen Cavriaghi an der Seite von Ikonen wie Alain Delon und Burt Lancaster. Die Detailversessenheit Viscontis – fünf Kostümproben allein für das richtige Rot des Garibaldi-Hemdes – beeindruckte ihn zutiefst. „Es war ein entscheidender Moment, der mich dazu brachte, die Schauspielerei als Vollzeitkarriere zu verfolgen“, reflektierte er.
Nachdem er drei Jahre lang in Deutschland in einer Reihe von Filmen – oft frühe europäische Western nach Karl May – mitgewirkt hatte, um den stereotypen Rollen des „ewigen Teenagers“ in Italien zu entkommen, kehrte er 1967 zurück. Dort traf er auf dem Set von Gott vergibt… Django nie! auf zwei schicksalhafte Elemente: seine zukünftige Frau Lori Zwicklbauer und Carlo Pedersoli, der später als Bud Spencer Filmgeschichte schreiben sollte.
Um dem damaligen Trend zu folgen und breitere, internationale Akzeptanz zu finden, musste Mario Girotti seinen Namen ändern. Ihm wurde eine Liste von zwanzig amerikanisch klingenden Namen vorgelegt, aus der er innerhalb von 24 Stunden wählen sollte. Er entschied sich für Terence Hill – eine Wahl, die er oft damit begründete, dass die Initialen T. H. denen seiner Mutter Hildegard Tee entsprachen. Es war eine zutiefst persönliche, emotionale Verbindung zur deutschen Seite seiner Herkunft, die er so lange vor der Welt verborgen hielt. Er wollte den Namen nur einmal verwenden, doch der überwältigende Erfolg des Films zwang ihn, die neue Identität für mehr als 50 Jahre beizubehalten. Der Wechsel war ein Triumph für die Karriere, aber eine subtile Bürde für den privaten Mario Girotti.

Zwei wie Pech und Schwefel: Die wahre Freundschaft und der Schmerz der Trennung
Die Leinwandpartnerschaft zwischen Bud Spencer und Terence Hill ist legendär und basiert auf einer sofortigen, echten Chemie, die Regisseur Giuseppe Colizzi am Set von Vier für ein Ave Maria erkannte. Ihre Filme definierten ein neues Genre, den ironischen Spaghetti Western oder die Prügelkomödie, die Gewalt durch Humor ersetzte.
Die Szene in Sie nannten ihn Mücke, in der Terence Hill nach 36 Stunden Fasten eine Pfanne voller Bohnen verschlingt, wurde ikonisch. Doch jenseits der humorvollen Prügeleien und der filmischen Festmähler pflegten die beiden eine tiefe, aufrichtige Freundschaft und einen gemeinsamen moralischen Kompass. Beide lehnten Rollen ab, die ihren Überzeugungen widersprachen: Spencer lehnte Fellinis Satyricon wegen der erforderlichen Nacktheit ab; Hill weigerte sich, den italienischen Rambo zu spielen, da ihn die übermäßige Gewalt abschreckte. Sie waren sich einig, dass ihre Filme für Kinder und Erwachsene zugänglich sein sollten, fern von expliziter Brutalität.
Nach 18 gemeinsamen Filmen und Jahrzehnten des Erfolgs ging ihre Leinwand-Partnerschaft 1994 mit Die Troublemaker zu Ende. Die Trennung war bereits spürbar, als Hill sich in ernsteren Rollen und Regieprojekten wie Don Camillo versuchte. Doch der wahre und endgültige Verlust traf Terence Hill im Jahr 2016, als Bud Spencer starb. Die Emotionen waren echt und tief.
„Mit Bud zusammen zu sein, war immer ein Vergnügen“, sagte Hill tief bewegt. Er glaubte fest daran, dass die ersten Worte seines Freundes im Wiedersehen sein würden: „Wir haben nie einen einzigen Streit gehabt.“ Der Tod Spencers hinterließ eine unüberbrückbare Lücke. Es war nicht nur der Verlust eines Partners, sondern eines lebenslangen Vertrauten, der seinen Lebensrhythmus mitbestimmt hatte. Der lachende Held sah sich nun mit einer neuen, tiefen Form der Einsamkeit konfrontiert.
Der unheilbare Verlust: Das Ende der Unschuld mit Ross’ Tod
Doch kein Verlust wog so schwer wie jener, der Terence Hill in den 1990er Jahren traf und ihn in eine lange Phase der Depression stürzte. 1990 verlor er seinen adoptierten, 16-jährigen Sohn Ross Hill bei einem tragischen Autounfall in Massachusetts. Ross, der in Hills Regie-Debüt Don Camillo und in Renegade mitgespielt hatte, war das Bindeglied zwischen Hills Filmwelt und seinem privaten Glück.
Der Schmerz war unermesslich. Terence Hill, der Mann, der dem Krieg getrotzt und den Ruhm gemeistert hatte, sah sich mit einer Wunde konfrontiert, die größer war als alle filmischen Abenteuer. Der Verlust eines Kindes ist ein Schicksalsschlag, der jede narrative Leichtigkeit auslöscht. Über Jahre hinweg kämpfte Hill mit der Trauer und der Stille, die auf die Tragödie folgte.
In einem Interview reflektierte er Jahre später offen über den Tod seines Sohnes. Er beschrieb, wie sein tiefer Glaube ihm half, mit dem immensen Schmerz fertigzuwerden, und wie er nur mählich durch die Arbeit – insbesondere als er 1999 die Rolle des moralischen und gütigen Pfarrers in der langlebigen Erfolgsserie Don Matteo annahm – einen Weg zur Heilung fand. Die Rolle des Priesters auf dem Fahrrad in der idyllischen italienischen Kleinstadt wurde zu seinem persönlichen Anker, einem Kontrast zu den gewalttätigen Schatten der Vergangenheit, des Krieges und des Verlusts.

Das stille Leben des Vegetariers in Umbrien
Nach über drei Jahrzehnten in den Vereinigten Staaten entschied sich Terence Hill, dauerhaft nach Umbrien zurückzukehren, der italienischen Region, die er während der Dreharbeiten zu Don Matteo lieben gelernt hatte. Dieser Umzug in die Heimat seines Vaters war eine bewusste Entscheidung für ein Leben fernab des Hollywood-Trubels und ein Rückzug in eine asketische, ruhige Existenz.
Im Gegensatz zum hedonistischen Bud Spencer, der seine Drehpausen gerne mit Pasta und Wein verbrachte, pflegte Terence Hill stets einen strikten, beinahe mönchischen Lebensstil. Er war von jung auf ein Athlet, der sich dem Schwimmen und Kunstturnen widmete, und ist überzeugter Vegetarier. Während Spencer sich stärkte, griff der drahtige Hill zu Äpfeln und Reiswaffeln.
Diese asketische Disziplin ist heute, in seinen 80ern, ein Symbol seiner inneren Zerrissenheit. Er hält sich fit, aber die Stille um ihn herum ist groß. Seit dem Tod seines Sohnes Ross und der späten Trennung von seinem Filmpartner Bud Spencer ist Terence Hill der sanfte, unpolitische Einzelgänger geblieben, der er schon immer war. Obwohl er die doppelte Staatsbürgerschaft Italiens und der Vereinigten Staaten besitzt, vermied er es stets, sich politisch festzulegen, unterstützte lediglich im Stillen demokratische Kandidaten wie Joe Biden – ein weiterer Kontrast zu dem offen rechtskonservativen Bud Spencer.
Im Jahr 2021, nach 21 Jahren, 13 Staffeln und über 2595 Episoden, verabschiedete sich Terence Hill von seiner Rolle als Don Matteo. Es war ein würdiger Abschluss einer späten Karriere, die ihm geholfen hatte, seine tiefsten Wunden zu überwinden.
Terence Hill, oder Mario Girotti, hat ein Leben als wandelnder Kontrast verbracht. Er, der gefeierte Held, der aus den Trümmern des Krieges auferstand, musste einen unerträglichen privaten Schmerz ertragen. Seine Geschichte ist ein Beweis dafür, dass die größten Kämpfe und die tiefsten Narben oft hinter dem breitesten Lächeln verborgen liegen. Mit über 80 Jahren lebt der Mann, der einst das Feuer von Dresden sah und den Verlust seines Sohnes verkraften musste, ein Leben der stillen Kontemplation. Es ist vielleicht nicht traurig im Sinne von Unglück, aber es ist von einer tiefen, ernsten Melancholie geprägt – dem Preis eines Mannes, der gelernt hat, mit der unauslöschlichen Bürde seiner Vergangenheit zu leben. Sein Vermächtnis ist nicht nur der Faustschlag, sondern seine Menschlichkeit und die Gelassenheit, die er durch ein Leben voller unvorstellbarer Herausforderungen fand.
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