Wenn man über die 1960er Jahre spricht – jene magische Ära, in der die Popmusik die Welt im Sturm eroberte – fällt unweigerlich ein Name: Peggy March. Mit gerade einmal 16 Jahren wurde sie durch den Welthit „I Will Follow Him“ über Nacht zum globalen Phänomen. Doch hinter der gläsernen Stimme und dem verträumten Gesicht eines Teenager-Idols verbarg sich eine Frau, die Jahrzehnte später endlich den Mut fand, die Maske fallen zu lassen. Zwölf Jahre nach dem Tod ihres Mannes Arnie Harris gibt die heute 77-Jährige Einblicke in ihre Seele, die so gar nicht zum Glanz der Showbühne passen wollen. Es ist eine Geschichte von Identitätsverlust, tiefem Heimweh und einer Liebe, die über das Grab hinausreicht.

Zwischen Welterfolg und innerer Einsamkeit

Peggy March, geboren als Margaret Annemarie Battavio in Pennsylvania, verkörperte das Versprechen einer neuen Generation. Doch während die Welt sie bejubelte, kämpfte sie hinter den Kulissen mit einem enormen Druck. „Ich habe gelernt zu lächeln, auch wenn ich innerlich weinte“, gestand sie rückblickend in einem bewegenden Interview. Die junge Sängerin war oft einsam, pendelte zwischen anonymen Hotelzimmern und grellen Scheinwerfern. Ihr größtes Geheimnis war die jahrelange Angst, in der künstlichen Glitzerwelt ihre eigene Identität zu verlieren. Das Publikum sah die starke Künstlerin, doch in ihr wohnte eine stille Traurigkeit, die erst durch die Offenheit im Alter für ihre Fans greifbar wird.

Ihre große Liebe und gleichzeitig ihr „Schutzschild gegen eine Welt, die selten verzeiht“, war Arnie Harris. Er war ihr Entdecker, ihr Manager und schließlich ihr Ehemann. Über vier Jahrzehnte lang waren sie unzertrennlich. Arnie war derjenige, der hinter die Fassade der Popikone blickte und nicht die Berühmtheit, sondern den schüchternen Menschen dahinter liebte. Ihre Beziehung, die 1969 mit einer privaten Hochzeit begann, war jedoch kein makelloses Märchen. Die Belastungen des Showgeschäfts und die ständigen Trennungen durch Welttourneen setzten der Ehe zu. Trotz heftiger Debatten und Momenten, in denen Peggy alles für ihre Familie aufgeben wollte, blieb Arnie ihr Anker. „Du bist geboren, um zu singen“, sagte er einst zu ihr und verhinderte so, dass sie sich selbst für den Frieden opferte.

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Der Tag, an dem die Musik verstummte

Der wohl schwerste Schlag in Peggys Leben war Arnies Tod im Jahr 2013. Mit ihm verlor sie nicht nur ihren Partner, sondern ihren „Spiegel und ihr Zuhause“. Wochenlang zog sie sich in die Stille zurück, unfähig zu singen, da jeder Ton sie schmerzhaft an den Verlust erinnerte. „Es war, als hätte jemand den Ton aus meinem Leben genommen“, beschreibt sie diese dunkle Phase. Ihre Tochter Sande Ann versuchte sie aufzufangen, doch der Schmerz über das Ende einer Ära war allumfassend. Erst die Erkenntnis, dass Arnie gewollt hätte, dass sie weitermacht, brachte sie zurück zum Licht. Ihr späteres Comeback war kein Streben nach Applaus, sondern ein Akt des Überlebens und der tiefen Verbundenheit zu ihrem verstorbenen Mann.

Auch beruflich musste Peggy March schmerzhafte Brüche verkraften. In den 1970er Jahren, als der Markt nach neuen Gesichtern verlangte, geriet ihre Karriere in den USA ins Wanken. Sie fühlte sich plötzlich „zu alt für die Teenie-Idole und zu amerikanisch für Europa“. Die Angst, vergessen zu werden, fraß an ihr. Doch anstatt aufzugeben, wagte sie einen radikalen Neuanfang in Deutschland – einem Land, das sie zuvor kaum kannte. „Deutschland hat mich gerettet“, sagt sie heute voller Dankbarkeit. Hier durfte sie wieder sie selbst sein, authentisch und fernab des jugendlichen Zwangs ihrer Anfangstage. Lieder wie „Mit 17 hat man noch Träume“ oder „Romeo und Julia“ machten sie hier zur Legende und zeigten, dass Erfolg mehr mit Aufrichtigkeit als mit Trends zu tun hat.

Peggy March mit Ehemann Arnie Harris,;Stadtbummel, alte Heimatstadt... News Photo - Getty Images

Ein Leben in Würde und Bescheidenheit

Heute lebt Peggy March in einem bescheidenen Haus in Florida, umgeben von Fotos, Notenblättern und Erinnerungen. Trotz eines geschätzten Vermögens von rund drei Millionen US-Dollar legt sie keinen Wert auf Luxusvillen oder Diamanten. Ihr Reichtum liegt in ihrer Dankbarkeit und der Tatsache, dass sie bis heute Millionen Menschen berührt hat. Sie engagiert sich für Stipendien junger Musikerinnen und unterstützt Projekte gegen häusliche Gewalt – Themen, die ihr am Herzen liegen.

Das Älterwerden beschreibt sie mit typischem Humor als „nichts für Feiglinge“. "Das habe ich noch nie gemacht": Schlagerlegende Peggy March und ihr ungewöhnliches Urlaubsziel - Schlager.deTrotz gesundheitlicher Beschwerden und chronischer Erschöpfung nach Arnies Tod bleibt sie diszipliniert und steht immer noch auf der Bühne. Ihre Stimme ist reifer geworden, ihre Bewegungen langsamer, doch die Wärme in ihrem Gesang ist ungebrochen. Sie singt heute nicht mehr, um zu beeindrucken, sondern um zu berühren. Jedes Konzert widmet sie ein Stück weit ihrem verstorbenen Arnie, dessen Gegenwart sie nach eigenen Worten immer noch spürt. „Er ist in jedem Applaus, in jedem Lied“, sagt sie leise. Peggy March ist eine Frau, die verstanden hat, dass die wahre Melodie des Lebens nicht im Rampenlicht, sondern in der Beständigkeit der Liebe und der Treue zu sich selbst spielt. Ihr Vermächtnis ist weit mehr als Musik; es ist ein Zeugnis für Mut, Charakter und die unzerstörbare Kraft des menschlichen Geistes.