Es gibt Bilder, die sich in das kollektive Gedächtnis der Menschheit eingebrannt haben. Eines davon entstand 1962 an einem Strand auf Jamaika: Eine blonde Göttin entsteigt den Wellen, bekleidet mit einem weißen Bikini, einem Gürtel und einem Tauchmesser. Als Ursula Andress in James Bond – 007 jagt Dr. No als Honey Ryder die Leinwand betrat, wurde ein Mythos geboren. Sie war das erste “Bond-Girl”, der Maßstab, an dem alle nachfolgenden gemessen wurden. Doch hinter der glänzenden Fassade der Sex-Ikone verbirgt sich heute, über 60 Jahre später, eine Geschichte voller Bitterkeit, Ausbeutung und gewählter Einsamkeit. Ursula Andress ist mittlerweile über 90 Jahre alt – und wie sie heute lebt, ist weit entfernt vom Glamour vergangener Tage.

Der Fluch des weißen Bikinis

“Dieser Bikini hat mich gemacht”, sagte Andress später unverblümt. “Er gab mir Freiheit, Geld und Macht.” Doch er war auch ein goldener Käfig. Hollywood sah in der Schweizerin nicht die talentierte Schauspielerin, die vier Sprachen fließend sprach, sondern nur den Körper. In Dr. No wurde ihre eigene Stimme synchronisiert, weil ihr Akzent den Produzenten zu stark war. Man wollte ihre Kurven, nicht ihre Worte.

Während das Bond-Franchise auf ihrem Rücken ein Milliarden-Imperium aufbaute, wurde Andress mit einer lächerlichen Gage von 6.000 Dollar abgespeist. Keine Gewinnbeteiligung, kein Merchandise-Vertrag. “Sie haben Millionen mit meinem Körper verdient”, klagte sie Jahre später an, “und ich habe nicht einmal eine Dankeskarte bekommen.” Diese Ausbeutung hat tiefe Narben hinterlassen. Als das Franchise sein 50. und später das 60. Jubiläum feierte, lehnte Andress jede Einladung kategorisch ab. “Warum sollte ich mit Menschen feiern, die mich aus ihrer Geschichte gestrichen haben?”, fragte sie verbittert. Für sie bauten die Produzenten ein Imperium und ließen den “ersten Ziegelstein verrotten”.

Ein Leben voller Leidenschaft und Skandale

Ursula Andress war im echten Leben noch wilder als ihre Filmfiguren. Sie wartete nicht darauf, erobert zu werden; sie nahm sich, was sie wollte. Ihre Liste an Liebhabern liest sich wie das “Who is Who” der Hollywood-Geschichte: James Dean, Marlon Brando, Ryan O’Neal. Doch ihre Beziehungen waren oft toxisch und endeten im Chaos.

Ihre Ehe mit John Derek begann mit einem Skandal, da dieser noch verheiratet war, als er der 21-jährigen Ursula verfiel. Doch Andress ließ sich nicht formen. Als sie sich am Set in Frankreich in den rebellischen Jean-Paul Belmondo verliebte, war das nächste Beben vorprogrammiert. Sie und Belmondo waren das Traumpaar Europas, doch ihre Liebe war ein Schlachtfeld aus Eifersucht und Leidenschaft. “Ich liebte ihn wie keinen anderen, aber ich zerstörte es”, gestand sie später.

Die vielleicht überraschendste Wendung in ihrem Leben kam 1980. Mit 44 Jahren, einem Alter, in dem Hollywood-Frauen damals oft schon aufs Abstellgleis geschoben wurden, wurde Ursula Andress Mutter. Der Vater: Harry Hamlin, ihr Co-Star aus Kampf der Titanen und ganze 15 Jahre jünger als sie. Obwohl die Beziehung nicht hielt, bezeichnet sie ihren Sohn Dimitri heute als ihr “Meisterwerk” – das Einzige, was sie geschaffen hat und das geblieben ist.

Der Rückzug in die Schatten

Heute ist es still geworden um die Frau, die einst als “Aphrodite des 20. Jahrhunderts” galt. Ursula Andress lebt zurückgezogen und pendelt zwischen ihrer Villa in Rom und einem Chalet in Gstaad in der Schweiz. Doch die Türen bleiben verschlossen. Freunde berichten, dass sie niemanden mehr empfängt. Die wilden Partys, der Champagner, die Yachten – all das gehört der Vergangenheit an.

Der Grund für ihren Rückzug ist nicht nur das Alter, sondern auch die Eitelkeit einer Frau, deren Kapital stets ihre Schönheit war. “Schönheit vergeht, das ist der Witz”, sagte sie einmal einem Journalisten. Sie will nicht, dass die Welt sie als gebrechliche alte Dame sieht. Seit 2019 leidet sie an schwerer Osteoporose. Ihre Knochen sind müde, jeder Schritt ist ein Risiko. Sie bewegt sich nur noch mit einem Stock.

“Ich will niemanden sehen, und ich will nicht, dass mich jemand so sieht”, soll sie leise zu Vertrauten gesagt haben. Sie versteckt sich vor ihrem eigenen Spiegelbild, während die Welt draußen sie langsam vergisst.

Ein trotziges Vermächtnis

Doch Ursula Andress ist kein Opfer. Sie ist eine Überlebende. Anders als viele ihrer Zeitgenossinnen hat sie ihr Geld klug investiert. Ihr Vermögen wird auf 25 bis 30 Millionen Dollar geschätzt, hauptsächlich durch Immobilien, nicht durch Schauspielgagen. Sie braucht Hollywood nicht mehr.

Ihren berühmten weißen Bikini fand sie im Jahr 2000 in einer alten Kiste in ihrem Keller wieder. Er roch nach Salz und altem Leder. Sentimentalität leistete sie sich nicht: Sie ließ ihn versteigern. Er brachte fast 60.000 Euro ein. “Er gab mir alles”, sagte sie, “aber ich habe ihn nie wieder getragen.”

Ursula Andress wartet heute in der Stille ihrer Schweizer Berge auf das Ende, umgeben von Erinnerungen, die laut und lebendig sind. Sie bereut nichts – weder die Skandale noch die verpassten Rollen. Sie hat nach ihren eigenen Regeln gespielt, in einer Zeit, in der Frauen nur Spielfiguren waren. Vielleicht ist ihre heutige Einsamkeit der Preis dafür. Aber es ist eine gewählte Einsamkeit. Eine letzte, trotzige Geste einer Königin im Exil, die sich weigert, als Schatten ihrer selbst gesehen zu werden.