Die Lichter der Bühne waren noch nicht erloschen. 15 000 Menschen standen noch in der Halle, als Peter Mafai die letzten Akkorde von so bist du ausklingen ließ. Der Applaus war wie eine Welle, warm, tief und aufhörlich, aber Maffi hörte ihn kaum. Er stand am Bühnenrand, den Blick in die Menge gerichtet und suchte.

 Er wusste selbst nicht genau, wonach. Vielleicht nach einem Gesicht, vielleicht nach einem Zeichen, vielleicht nach dem Jungen. Es hatte drei Wochen vor diesem Abend begonnen. Es waren Dienstag grau und unscheinbar, als Mafis Turbus durch eine kleine Stadt in Bayern fuhr. Kein Konzert, kein Termin, nur eine Durchfahrt zwischen zwei Auftritten.

Der Bus hatte angehalten, weil der Fahrer tanken musste und Maiffi, wie er es manchmal tat, wenn die Enge des Busses zu schwer wurde, war einfach ausgestiegen. Er trug eine dunkle Jacke, die Kapuze hochgezogen. Keine Sonnenbrille, kein Bodyguard, nur ein Mann, der Luft brauchte. Er ging die Hauptstraße entlang, vorbei an einem Bäcker, einem Schweibwarenladn, einer kleinen Apotheke.

Es war kurz nach 9 Uhr morgens und die Stadt erwachte langsam. Dann, als er an einem kleinen Park vorbeikam, hörte er es. Eine Stimme klein, zögernd, aber klar. Tabaluga, du bist ein Drache. Mafai blieb stehen. Auf einer Holzbank saß ein Junge, acht, vielleicht 9 Jahre alt. Er hatte einen tragbaren kleinen Lautsprecher neben sich, aus dem leise Musik kam, aber er sang nicht dazu.

 Er sang dagegen seine eigene Melodie, seine eigenen Worte halb erinnert, halb erfunden. Eine Wohlmütze tief ins Gesicht gezogen, obwohl es nicht kalt war. Maffa trat näher, langsam, um ihn nicht zu erschrecken. Der Junge bemerkte ihn erst, als er nur noch zwei Schritte entfernt war. Er hörte sofort auf zu singen.

 Sein Blick war wachsam. Die Art von Blick, den Kinder entwickeln, wenn sie gelernt haben, vorsichtig zu sein. Ich wollte nicht stören, sagte Maffai und setzte sich auf die andere Bank gegenüber. Du hast schön gesungen. Der Junge sagte nichts. Magst du Tabaluga? Fragte Mafai. Eine kurze Pause dann sehr leise.

 Meine Mama mag Tabaluga. Sie sagt, das Lied macht ihr keine Angst mehr. Ma lehnte sich vor. Keine Angst, wovor? Der Junge zog die Mütze ein Stück höher. Darunter keine Haare. Ein kahler blasser Kopf. Und in diesem Moment verstand Maffai alles, ohne dass ein einziges weiteres Wort gesprochen werden musste.

 “Ich heiße Lukas”, sagte der Junge schließlich. “Ich weiß, wer du bist”, sagte Lukas dann fast beiläufig. Aber ich sage es nicht laut, sonst kommen Leute. Mafal musste unwillkörlich lächeln. Bist du oft hier? Wenn ich kann, wenn ich nicht im Krankenhaus bin. Er sagte es so, wie Kinder Dinge sagen, die für sie schon längst zur Normalität geworden sind, ohne Drama, ohne Mitleid zu erwarten.

 Sie saßen eine Weile schweigend nebeneinander oder genauer gesagt gegenüber. Der kleine Lautsprecher spielte weiter. Irgendwann fragte Lukas, ohne aufzublicken, warum haben Sie Tabaluga geschrieben? Es war keine einfache Frage und Mafai gab keine einfache Antwort. Er sprach langsam, als würde er die Worte zum ersten Mal wählen.

 Er sprach davon, dass manche Dinge im Leben zu schwer sind, um sie direkt anzusehen. Dass man manchmal einen Drachen braucht, eine Geschichte, eine Figur, ein Lied, um das Schwere von der Seite zu betrachten, das Tabaloga nie wirklich für Kinder geschrieben worden war, sondern für alle Menschen, die vergessen hatten, dass sie noch träumen dürfen.

 Lukas hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen. Dann nickte er, als hätte er das schon immer gewusst und nur eine Bestätigung gebraucht. “Ich komme nächsten Monat nach München”, sagte Mafai, bevor er aufstand. “Zum Konzert. Willst du kommen?” Lukas sah ihn zum ersten Mal direkt an. Seine Augen waren sehr groß, sehr dunkel.

 “Darf ich das?” “Ich sorge dafür”, sagte Mafai. Und dann, ohne groß darüber nachzudenken, ohne Kalkül, ohne zu wissen, was dieser Satz bedeuten würde, sagte er, das verspreche ich dir. Drei Tage später hatte Mafals Team noch keinen Lukas gefunden. Es gab keinen Nachnamen, keine Adresse, nur eine kleine Stadt in Bayern, einen Park, eine Holzbank und einen Jungen mit einer Wohlmütze.

Mafas Tourmanagerin Sandra war normalerweise unerschütterlich. Sie hatte 20 Jahre lang Turn organisiert, Krisen gelöst, unmögliches möglich gemacht. Aber als Mafiger von Lukas erzählte, ruhig, ohne Ausschnückung legte sie den Stift hin. “Wie sollen wir ihn finden, Peter?” “Ich weiß es nicht”, sagte Mafai.

 “Aber wir müssen es versuchen.” Sie versuchten es über das örtliche Krankenhaus keine Auskunft. Datenschutz über die Schule. Niemand kannte einen Lukas mit diesem Beschreibungsprofil über lokale Vereine, über eine kleine Kirchengemeinde, über einen Zeitungsartikel, den Maffi nicht selbst schreiben lassen wollte, weil er Lukas würde schützen wollte.

 Zwei Wochen vergingen. Das Konzert in München rückte näher. Mafi sprach nicht viel darüber, aber seine Crew wusste, dass ihn etwas beschäftigte. Er war ruhiger als sonst nachdenklicher. Bei den Soundchecks sang er Tabaluga zweimal hintereinander. Etwas, das er seit Jahren nicht mehr getan hatte. Am Abend vor dem Konzert, kurz nach 22 Uhr, klingelte Santras Telefon. Eine Frau.

Ihre Stimme zitterte leicht. “Ich habe gehört, dass jemand meinen Sohn sucht. Er heißt Lukas. Er hat mir erzählt, er hat mir erzählt, dass er jemanden getroffen hat in dem Park. Lukas und seine Mutter Monika kamen am nächsten Abend. Na hatte sie persönlich auf die Gästeliste gesetzt. Erste Reihe, Mitte, zwei Plätze.

 Er hatte dafür gesorgt, dass jemand sie am Eingang empfing, dass Lukas einen bequemen Stuhl hatte, falls er müde wurde, dass es Wasser gab und keine Hektik. Was er nicht wusste, Lukas hatte seiner Mutter in den Tagen zuvor jeden Abend von dem Mann im Park erzählt. Immer wieder dieselbe Geschichte mit immer neuen Details, die er sich vielleicht ausgedacht hatte, vielleicht nicht.

 Vom Tabaluga Gespräch, von der Bank, von dem Versprechen. Er hat es versprochen, Mama, hatte Lukas gesagt. Er kommt wirklich. Monika hatte gelächelt und nichts gesagt. Sie hatte in dieser Zeit gelernt, an kleinen Dingen festzuhalten, an einem Lächeln, an einem guten Tag, an einem Versprechen, das ein Kind glaubte.

Das Konzert begann um 20 Uhr. Die Olympiaralle in München war ausverkauft. 15 000 Menschen. Das Licht erlosch. Der erste Akkord erklang und die Menge antwortete mit einem Jubel, der durch die Wände vibrierte. Lukas saß in der ersten Reihe und hielt die Augen offen. Sehr offen. Er bewegte die Lippen zu jedem Lied lautlos, als würde er einen Text lernen, den er schon immer kannte. Monika hielt seine Hand.

Sie weinte bereits beim dritten Lied. Nicht laut, nur still, wie Mütter weinen, die gelernt haben, es zu verbergen. Mafei sah ihn in der zweiten Stunde des Konzerts. Er war mitten in einer ruhigen Passage zwischen zwei Liedern, das Licht gedimmt, die Bühne fast still. Er trat an den Rand, ließ den Blick wandern, wie er es immer tat.

 Und dann sah er die Wohlmütze. Erste Reihe. Mitte. Lukas saß sehr aufrecht, sehr wach. Und als ihre Blicke sich trafen, dieser winzige Junge und der Mann auf der Bühne, hob Lukas langsam die Hand. Nicht winkend, nicht enthusiastisch, nur ich bin hier. Ma blieb einen Moment stehen. Hinter ihm wartete die Band. 15 000 Menschen warteten.

Die nächste Liedinkündigung wartete. Er trat ans Mikrofon. Ich möchte kurz inne halten, sagte er. Seine Stimme war ruhig. Keine Erklärung, keine große Geste. Ich habe vor ein paar Wochen jemandem ein Versprechen gegeben und ich bin sehr froh, dass ich es halten konnte. Er machte eine kurze Pause. Lukas, danke, dass du heute hier bist.

15 000 Menschen wussten nicht, wer Lukas war. Aber irgendetwas in der Art, wie Maffer diesen Namen aussprach, leise, sorgfältig, als wäre er zerbrechlich, ließ die gesamte Halle verstummen. Und dann ohne weiteren Kommentar, ohne Erklärung begann Maffei zu spielen. Tabaluga. Was in den nächsten 4er Minuten geschah, lässt sich schwer beschreiben.

Nicht, weil es dramatisch war, sondern weil es so still war. 15 000 Menschen sangen mit, aber leise, so leise, wie man singt, wenn man weiß, dass das Lied gerade jemandem gehört, der es mehr braucht als man selbst. Lukas sang ebenfalls lautlos wie vorher, aber diesmal schloss er die Augen.

 Monika hörte auf, die Tränen zu verbergen. Als das Lied endete, war die Stille in der Halle so vollständig, dass man die Stille selbst hören konnte. Keine Stille der Lehre, sondern die Stille von 15000 Menschen, die gleichzeitig Atem holen. Dann begann der Applaus. Nach dem Konzert in der Gaberobe traf Maffi Lukas und Monika. Lukas war müde, tief, Knochenmüde, die Art von Müdigkeit, die man erkennt, wenn der Körper alles gegeben hat, was er hatte. Aber er lächelte.

 “Du hast es wirklich gemacht”, sagte er. “Natürlich”, sagte Mafai. Ich hab’s Mama gesagt. Die hat’s nicht geglaubt. Monika lachte, ein echtes überraschtes Lachen, dass ihr selbst anzumerken war, wie lange es her war. Mafai kniete sich zu Lukas herunter. Darf ich dich etwas fragen? Lukas nickte.

 Was machst du, wenn du Angst hast? Eine lange Pause. Lukas dachte ernsthaft nach, mit der Ernsthaftigkeit von Kindern, die nicht wissen, dass manche Fragen rhetorisch gemeint sind. “Ich sing Tabaluga”, sagte er schließlich, weil der Drache auch Angst hatte und trotzdem weitergegangen ist. Mafai sagte nichts. Es gab nichts zu sagen.

 Lukas kämpfte noch weitere acht Monate. In dieser Zeit schrieb Mai vier Briefe, von Hand, keine getippten Nachrichten. Monika lass sie ihm vor, wenn er zu schwach war, selbst zu lesen. In einem der Briefe stand ein Satz, den sie später auswendig kannte. Tapferkeit bedeutet nicht keine Angst zu haben. Tapferkeit bedeutet trotzdem zu singen.

 Als Lukas im darauffolgenden Frühling starb, hatte er die Wollmütze auf. Maai sprach lange nicht öffentlich über Lukas. Er musste es nicht. Die Geschichte gehörte nicht ihm. Aber eines Abends Jahre später in einem kleinen Interview, das kaum jemand gesehen hatte, wurde er gefragt: “Gibt es einen Moment in ihrer Karriere, der sie am meisten verändert hat?” Mafai schwieg eine lange Zeit, dann sagte er, es gibt einen Jungen, dem ich ein Versprechen gegeben habe.

 Ich bin froh, dass ich es halten konnte. Mehr möchte ich nicht sagen. Der Interviewer nickte und wechselte das Thema. Aber wer weiß, was diese Pause bedeutete, der verstand alles. Heute, wenn Maffi auf der Bühne Tabaluga sind und er sind es noch immer, nach all den Jahren, gibt es manchmal einen Moment kurz vor dem Refron, wo er eine halbe Sekunde inne hält.

 Nur eine halbe Sekunde. Die meisten Menschen bemerken es nicht, aber es ist da. Und vielleicht ist es für jemanden, den die Menge nicht kennt, für einen Jungen auf einer Holzbank. für eine Wohlmütze, für ein Versprechen, das gehalten wurde. Tapferkeit bedeutet nicht keine Angst zu haben. Tapferkeit bedeutet trotzdem zu singen.