Es ist eine Situation, die in den Geschichtsbüchern der norwegischen Monarchie als einer der dunkelsten und heikelsten Momente verzeichnet werden dürfte. Wenn am 3. Februar 2026 im Osloer Amtsgericht der Prozess gegen Marius Borg Høiby (28) beginnt, steht weit mehr auf dem Spiel als nur das juristische Schicksal eines einzelnen jungen Mannes. Es geht um die Glaubwürdigkeit, die Integrität und vielleicht sogar die Zukunft des norwegischen Königshauses.

Dem Sohn von Kronprinzessin Mette-Marit werden insgesamt 32 Straftaten vorgeworfen. Die Liste der Anklagepunkte liest sich wie ein Horrorroman: Vergewaltigung, Gewalt, Misshandlung und Bedrohung. Angesichts dieser Schwere richtet sich der Blick der internationalen Öffentlichkeit nicht nur auf den Angeklagten, sondern vor allem auf zwei Personen, die sich in einem unlösbaren Dilemma befinden: Kronprinzessin Mette-Marit (52) und Kronprinz Haakon (52). Die Frage, die das ganze Land bewegt, lautet: Werden sie im Gerichtssaal sitzen, um Marius moralisch beizustehen, oder werden sie durch Abwesenheit glänzen, um die Institution der Krone zu schützen?

Die Experten sind sich einig: Distanz ist das Gebot der Stunde

Führende Royal-Experten und Medienberater haben eine klare und für das Elternherz wohl brutale Antwort auf diese Frage: Bleiben Sie fern!

Ole Jørgen Schulsrud-Hansen, renommierter Königshausexperte des norwegischen Senders TV2, hält es für äußerst unwahrscheinlich und strategisch unklug, dass das Kronprinzenpaar den Gerichtssaal betritt. Seiner Einschätzung nach hat das Königshaus bereits in den vergangenen Monaten eine Linie etabliert, die eine “größtmögliche Distanz” zwischen den offiziellen Royals und den privaten Verfehlungen von Marius Borg Høiby schafft.

“Für mich ist vor allem die klare Trennung zwischen ihrer privaten Rolle als Eltern und ihrer öffentlichen Rolle als Royals entscheidend”, analysiert Schulsrud-Hansen. “Vieles spricht dafür, dass sie ihrer bisherigen Linie treu bleiben. Ich tendiere zu einem klaren Nein. Das Königshaus hat sich für eine Strategie entschieden, die eine Schutzmauer errichtet, und ich glaube, dass sie diesen Weg konsequent weitergehen werden.”

Diese Einschätzung ist nicht nur eine Frage des Protokolls, sondern des politischen Überlebens. Ein Erscheinen im Gerichtssaal könnte, so die Befürchtung, als Parteinahme oder gar als Versuch der Einflussnahme missverstanden werden.

Warnung vor “Verharmlosung der schrecklichen Taten”

Noch deutlicher und drastischer formuliert es der schwedische PR- und Medienberater Paul Ronge. Gegenüber TV2 warnte er das Kronprinzenpaar eindringlich davor, sich im Gerichtssaal zu zeigen. Seine Worte lassen wenig Spielraum für Interpretationen: “Ich würde dringend davon abraten, dass sie im Gerichtssaal zur Unterstützung anwesend sind. Alles in diese Richtung würde als Verharmlosung der schrecklichen Taten, derer er beschuldigt wird, interpretiert werden.”

Ronges Warnung zielt auf die Symbolkraft von Bildern ab. Ein Foto der künftigen Königin, die weinend oder unterstützend neben einem Mann sitzt, der wegen Vergewaltigung und Gewalt angeklagt ist, könnte weltweit verheerende Signale senden. Es würde den Fokus von den Opfern und der Schwere der Vorwürfe weglenken und Mette-Marit in eine Position bringen, die mit ihrer Rolle als Vorbild und Repräsentantin des Staates unvereinbar ist.

Der Medienexperte verweist zudem auf den enormen Druck, der auf dem Paar lasten wird. Journalisten aus dem In- und Ausland haben sich bereits akkreditiert; der Gerichtssaal wird zum Brennglas. “Sie werden gnadenlos von Medien konfrontiert werden, die Kommentare erwarten”, so Ronge. Seine Empfehlung: “Wenn man nichts zu sagen hat oder sich nicht äußern möchte, ist es besser, Abstand zu halten und die Pressesprecher als eine Art Torwächter fungieren zu lassen.”

Ein zerrissenes Paar: Zwischen Elternliebe und Staatsraison

Dass diese rationale Strategie emotional kaum zu bewältigen ist, daraus haben Haakon und Mette-Marit kein Geheimnis gemacht. Bereits im Dezember 2025 sprachen sie in der NRK-Sendung “Året med kongefamilien” (Das Jahr mit der Königsfamilie) ungewohnt offen über die Belastung. Sie beschrieben die Situation als emotionale Ausnahmesituation, betonten aber gleichzeitig korrekt, dass der Fall Marius nun “Sache der Justiz” sei.

Auf die konkrete Frage nach ihrer Anwesenheit beim Prozessauftakt reagierte Kronprinz Haakon damals noch zurückhaltend, fast ausweichend: “Wir haben klare Gedanken dazu, aber ich glaube nicht, dass wir bereit sind, das jetzt schon zu sagen. Wir nehmen es Schritt für Schritt.” Diese Aussage lässt tief blicken. Sie zeigt, dass hinter den Palastmauern intensiv gerungen wird – zwischen dem Instinkt, das eigene Kind (oder Stiefkind) nicht fallen zu lassen, und der Pflicht, das Amt nicht zu beschädigen.

Die Strategie der “Torwächter”

Experten wie Ronge raten nun zu einer “klug durchdachten Kommunikationsstrategie”. Es reicht nicht, einfach nur fernzubleiben. Das Paar müsse auf alle Szenarien vorbereitet sein – insbesondere auf den Tag des Urteils.

“Sie müssen ihre Botschaften bis ins kleinste Detail vorbereiten, um klare Antworten parat zu haben, wenn das Urteil fällt”, erklärt Ronge. Ein wahrscheinliches Szenario ist eine Gefängnisstrafe. Wie reagiert eine Mutter öffentlich darauf, dass ihr Sohn ins Gefängnis muss? Schweigen könnte als Kälte, zu viel Emotion als Schwäche oder mangelnder Respekt vor dem Rechtsstaat ausgelegt werden. Die Pressesprecher werden hier als Puffer fungieren müssen, um die direkte Konfrontation abzufedern.

“Business as usual” – Ein frommer Wunsch?

König Harald V. (88), das erfahrene Oberhaupt der Familie, versucht derweil, Normalität zu demonstrieren. Er versicherte, dass das Tagesgeschäft des Königshauses trotz des Prozesses weitergehe. Doch Experten wie Schulsrud-Hansen bleiben skeptisch.

Zwar wird das Königshaus weiterhin offizielle Termine wahrnehmen, doch der Rahmen wird sich zwangsläufig ändern. “Nationale und internationale Medien werden mit hoher Wahrscheinlichkeit Fragen zum Fall Høiby stellen und nicht zu den eigentlichen Terminen”, prognostiziert der Experte. Jeder Händedruck, jede Banderöffnung wird von der Frage überschattet sein: “Was sagen Sie zu Marius?”. Es könnte in den kommenden Wochen fast unmöglich werden, die Agenda selbst zu bestimmen. Die königliche Arbeit droht, zur bloßen Kulisse für den Kriminalfall zu verkommen.

Neue Brisanz durch polizeiliche Ermittlungen

Als wäre der Druck nicht schon immens genug, sorgten Meldungen vom Montag, den 12. Januar 2026, für zusätzliche Unruhe. Norwegische Medien berichteten, dass die Polizei seit Dezember 2025 wegen neuer möglicher Straftaten im Umfeld von Marius ermittelt. Zwar handelt es sich laut Berichten noch nicht um eine zusätzliche Anklage, sondern um “laufende Untersuchungen”, doch die Botschaft ist verheerend: Es ist noch nicht vorbei. Das Fass ist noch nicht leer.

Diese ständige Unsicherheit und das Auftauchen immer neuer Vorwürfe bestätigen aus Sicht der Analysten nur eines: Zurückhaltung ist derzeit der einzig gangbare Weg für das Kronprinzenpaar. Jedes Wort der Verteidigung oder Unterstützung könnte durch neue Enthüllungen am nächsten Tag Lügen gestraft werden.

Fazit: Eine Königsfamilie im Sturm

Der 3. Februar wird nicht nur über die juristische Zukunft von Marius Borg Høiby entscheiden. Er wird auch zeigen, wie krisenfest die norwegische Monarchie im 21. Jahrhundert ist. Die Empfehlung der Experten ist eindeutig: Die Institution muss über dem Individuum stehen. Haakon und Mette-Marit müssen die wohl schwerste Rolle ihres Lebens spielen – die der distanzierten Beobachter, während ihr Familienleben öffentlich zerlegt wird. Ob sie die Kraft dazu haben, wird sich in wenigen Wochen zeigen. Oslo hält den Atem an.