Es ist der Stoff, aus dem Schlager-Dramen gemacht sind, doch dieses Mal spielt sich das Theater nicht in den Liedtexten ab, sondern auf der großen Bühne der Realität. Wenn das Scheinwerferlicht erlischt und der donnernde Applaus verhallt, bleiben manchmal Worte hängen, die schärfer schneiden als jedes Bühnenmesser. Im Zentrum eines neuen, hitzigen Sturms steht keine Geringere als Deutschlands unangefochtene Schlager-Königin: Helene Fischer.

Die 41-Jährige, die Stadien füllt und mit ihren akrobatischen Höchstleistungen längst internationales Niveau erreicht hat, sieht sich plötzlich einer Kritik ausgesetzt, die nicht von einem Hater aus dem Internet, sondern von einem der ganz Großen der Branche stammt. Howard Carpendale, die lebende Legende mit der unverwechselbaren Stimme, hat eine Debatte entfacht, die weit über Geschmacksfragen hinausgeht. Es geht um Stil, um Generationen und um die alles entscheidende Frage: Wie viel Sex verträgt der Schlager?

Der Stein des Anstoßes: Ein Podcast und seine Folgen

Alles begann in einer scheinbar entspannten Atmosphäre. Im populären Podcast „Hotel Matze“ ließ der 79-jährige Carpendale seinen Gedanken freien Lauf. Doch was als Plauderei begann, entwickelte sich schnell zu einer handfesten Kontroverse. Carpendales Kritikpunkt: Helene Fischers Inszenierung. Seine These: Sie müsse nicht immer noch „sexier“ werden. Für den Altmeister des deutschen Schlagers scheinen Talent und Klasse völlig ausreichen zu müssen, um das Publikum zu begeistern.

Später legte er gegenüber der „Bild“-Zeitung nach und zementierte seine Meinung mit dem Satz: „Schlager braucht keinen Sexappeal.“ Ein Satz, der wie ein Donnerhall durch die Branche ging. Carpendale, der Gentleman der alten Schule, der für Emotionen, Melodien und eine gewisse Zurückhaltung steht, scheint sich an der modernen, oft brachialen und visuell überwältigenden Inszenierung der Marke „Fischer“ zu stören. Für ihn wirkt die Entwicklung hin zu knappen Outfits und körperbetonten Shows offenbar wie ein Verrat an den Grundwerten des Genres.

Doch ist das wirklich so? Oder erleben wir hier lediglich das klassische Aufbäumen einer Generation, die den Wandel der Zeit skeptisch beäugt?

Max Weidner: Die Stimme der neuen Generation

Dass diese Worte nicht unwidersprochen im Raum stehen bleiben würden, war klar. Doch die Verteidigung kam nicht sofort von Helene selbst, sondern von einem jungen Kollegen, der den Wandel des Schlagers wie kaum ein anderer verkörpert. Max Weidner, 30 Jahre alt und selbst ein aufstrebender Stern am Schlagerhimmel, stellte sich im Gespräch mit „t-online“ demonstrativ vor seine Kollegin.

Für Weidner ist die Kritik Carpendales unverständlich, ja fast schon absurd. Er sieht in Helene Fischer nicht jemanden, der sich durch Nacktheit verkauft, sondern eine Pionierin, die den deutschen Schlager entstaubt und revolutioniert hat. „Sie hat den Schlager auf ein internationales Unterhaltungsniveau gehoben“, argumentiert Weidner leidenschaftlich.

Er verweist auf das, was Kritiker oft übersehen, wenn sie nur auf die kurzen Röcke schauen: die harte Arbeit. Disziplin, extremer Ehrgeiz und eine Professionalität, die man sonst eher von US-Superstars wie Beyoncé oder Taylor Swift kennt, seien die wahren Gründe für Helenes Erfolg. „Helene steht nicht zufällig da oben“, betont Weidner. Für ihn ist die Diskussion ein Sinnbild für einen Generationenkonflikt. Während Carpendale Tradition und eine gewisse bürgerliche Zurückhaltung einfordert, steht Weidner für den Wandel, für den Mut, Neues zu wagen. Sein süffisantes Argument: Auch Legenden müssten akzeptieren, dass sich die Zeiten ändern. Schließlich klinge sein eigener Stil auch nicht mehr wie im Jahr 1977. Ein kleiner, aber feiner Seitenhieb gegen den Altmeister.

Tradition vs. Moderne: Darf sich der Schlager neu erfinden?

Der Konflikt zwischen Carpendale und Fischer (bzw. ihren Verteidigern) rührt an eine Grundsatzfrage. Was darf Schlager heute sein? Jahrelang galt das Genre als bieder, als Musik für Schunkelrunden und heile Welt. Helene Fischer hat dieses Bild zertrümmert. Ihre Shows sind Events, Blockbuster-Inszenierungen mit Feuerwerk, Trapeznummern und ja, auch mit Erotik.

Diese „Atemlos“-Ära hat dem Schlager ein neues, jüngeres Publikum erschlossen. Doch für Traditionalisten wie Carpendale scheint dabei etwas auf der Strecke zu bleiben: die Essenz der Musik, die Intimität. Wenn Carpendale sagt, Schlager brauche keinen Sexappeal, meint er vielleicht auch, dass die Musik für sich selbst sprechen sollte, ohne von visuellen Reizen überlagert zu werden. Doch ist das in einer Zeit von Instagram, TikTok und YouTube überhaupt noch realistisch?

Die visuelle Komponente ist längst untrennbar mit der Musikindustrie verschmolzen. Helene Fischer hat das früher verstanden als viele andere. Ihre Inszenierung ist kein billiger Trick, sondern Teil eines Gesamtkunstwerks, das den Zuschauer für drei Stunden in eine andere Welt entführen soll.

Helene Fischers Reaktion: Die Königin bleibt cool

Und was sagt die Betroffene selbst? Wer nun eine schlammige Schlammschlacht oder tränenreiche Rechtfertigungen erwartet hat, kennt Helene Fischer schlecht. In einem Interview mit der niederländischen Zeitung „De Telegraaf“ reagierte die Sängerin auf die Vorwürfe – und zwar mit einer Ruhe und Kühle, die fast schon majestätisch wirkt.

Ihre Antwort auf die Kritik ist ein klares, unmissverständliches „Nein“. Sie werde ihre Show nicht ändern. Nicht für Kritiker, nicht für Legenden und schon gar nicht, weil jemand ihre Outfits zu gewagt findet. „Ich fühle mich stark, selbstbewusst und frei in meiner Kunst“, stellt sie klar. Für Helene ist die Freizügigkeit kein Marketing-Kalkül, um Plattenverkäufe anzukurbeln, sondern der Ausdruck ihres persönlichen und künstlerischen Weges.

Diese Reaktion zeigt eine gereifte Künstlerin, die sich ihrer Position voll bewusst ist. Sie muss sich nicht mehr erklären. Sie muss sich nicht entschuldigen. Sie ist an einem Punkt in ihrer Karriere, an dem sie die Regeln selbst diktiert. Die Aussage, sie fühle sich „frei“, ist dabei besonders wichtig. Sie signalisiert: Mein Körper, meine Bühne, meine Entscheidung. In einer Branche, die Frauen oft noch immer vorschreiben will, wie sie zu sein haben – sei es das brave Mädchen von nebenan oder der Vamp – ist Helenes Haltung ein starkes Statement der Emanzipation.

Das Urteil fällt das Publikum

Am Ende des Tages ist dieser Streit mehr als nur ein Geplänkel zwischen zwei Musikern. Er ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, die noch immer mit dem Bild der erfolgreichen, selbstbestimmten Frau hadert. Darf eine Mutter von über 40 Jahren sexy sein? Darf sie Haut zeigen, während sie Volksmusik singt? Die Antwort von Helene Fischer ist ein lautes Ja.

Zwischen der Kritik von Howard Carpendale und der Rückendeckung durch Max Weidner wird eines deutlich: Helene Fischer weiß genau, wer sie ist und wofür sie steht. Sie lässt sich nicht beirren, weder von Lobhudelei noch von Tadel. Ob ihre Outfits nun zu sexy sind oder genau richtig, entscheidet am Ende nicht die Feuilleton-Debatte und auch nicht Howard Carpendale in einem Podcast.

Es entscheidet das Publikum. Und wenn man in die ausverkauften Hallen blickt, in die leuchtenden Augen der Fans und den nicht enden wollenden Applaus hört, dann scheint das Urteil längst gefällt. Die Menschen wollen Helene – genau so, wie sie ist: stark, talentiert und ja, auch sexy. Der Schlager hat sich verändert, und Helene Fischer ist nicht nur Teil dieses Wandels, sie ist sein Motor. Howard Carpendale mag eine Legende der Vergangenheit und Gegenwart sein, aber die Zukunft schreibt Helene Fischer nach ihren eigenen Regeln.