Minsk 12. März 1947 Militärtribunal der Sowjetunion Saal 4. Der Stuhl ist am Boden festgeschraubt, das Holz abgewetzt von Hunderten, die hier vor ihm saßen. Der Mann darauf trägt keinen grauen Kittel mehr, nur ein Hemd, das einmal weiß war und Hände, die auf den Knien liegen wie tote Vögel. Die Protokollantin in der Ecke hebt den Blick nicht.
Ihre Finger liegen auf den Tasten, bereit jedes Wort mitzuschreiben. Sie hat gelernt, nicht hinzusehen. Es ist einfacher. So. Name? Fragt der Vorsitzende. Werner Brand, Unteroffizier, dritte Kompanie, Polizeibataillon 118. Ein Raunen im Saal, Polizeibataillon 118. Dieser Name steht in den Akten neben Orten, die es nicht mehr gibt, neben Zahlen, die zu groß sind, um sie zu begreifen und zu klein, um sie zu vergeben.
Ihnen wird vorgeworfen, ließ der Staatsanwalt, an Massenerschießungen teilgenommen zu haben. Mindestens 12 dokumentierte Einsätze. Geschätzte Opferzahl über 3000 Menschen. Brand hebt den Blick. Seine Augen sind grau wie Asche. “Ja”, sagt er. Das stimmt. Stille. Die Protokollantin hält inne. Nur eine Sekunde, dann tippt sie weiter.
Der Staatsanwalt blättert, irritiert. Sie gestehen? Ich gestehe, was ich getan habe. Bis zum 14. August 1943. Und danach brannt sie zum Fenster. Draußen liegt noch Winter. Danach, sagt [musik] er, habe ich aufgehört, Befehle zu befolgen. Der Vorsitzende beugt sich vor. Was soll das heißen? In diesem Moment öffnet sich die Tür.
Ein Offizier tritt ein, flüstert dem Richter etwas zu. Der Richter wird bleich. Wie viele? Fragt er. 200, antwortet der Offizier. Sie warten draußen. Sie wollen aussagen für ihn. zweiundert Menschen, die laut Akten tot sein sollten und ein Mann, der sie eigentlich erschossen haben sollte. [musik] Das ist die Geschichte von Werner Brand, einem Täter, der zum Retter wurde und einem Menschen, der zu spät verstand, was Mensch sein bedeutet.
Werner Brand wurde 1910 in Erford geboren. Sein Vater war Beamter bei der Stadtverwaltung, seine Mutter Tochter eines Lehrers, eine Familie, die an Ordnung glaubte, wie andere an Gott. Werner war ein guter Schüler, nicht brillant, aber zuverlässig. Er wurde Buchhalter in einer Textilfabrik, heiratete eine Frau namens Gertrud, bekam eine Tochter, die sie Else nannten.
Er trat 1937 in die Partei ein, nicht aus Überzeugung, aus Vorsicht. “Man weiß nie”, sagte er zu Gertrud, “besser dabei sein als auffallen.” 1941 kam der Einberufungsbefehl nicht zur Wehrmacht, zu einem Polizeibataillon. Sicherungsdienst im Osten stand im Schreiben. Es klang harmlos, nichts war harmlos.
Im September 1941 stand Werner [musik] zum ersten Mal an einer Grube. Ein Dorf in der Ukraine, dessen Namen er später vergessen wollte. Frauen, alte, Kinder wurden in Reihen aufgestellt. Der Befehl war klar. Werner schoss nicht. Er zählte. Das war seine Aufgabe. Der Buchhalter führte Buch: Munitionsverbrauch, Kopfzahlen, Zeitaufwand.
Er saß am Rand mit einem Klemmbrett und notierte, wie viele Menschen starben. Nachts trank er, bis er nichts mehr fühlte. Tagsüber funktionierte er, weil Funktionieren weniger weh tat als Denken. Im Frühjahr 1942 wurde er befördert, Unteroffizier. Jetzt mußte er nicht mehr nur zählen, jetzt mußte er Männer führen, die schossen. “Du bist kein Mörder”, sagte ihm ein Kamerad einmal, ein Theologiestudent aus Tübingen, der nachts weinte und morgens trotzdem in Reihe stand.

“Du bist nur ein Werkzeug.” Werner sagte nichts, aber in dieser Nacht schrieb er einen Brief an Gertrud, in dem kein einziges wahres Wort stand. Und zum ersten Mal fragte er sich, ob ein Mensch, der sich selbst belügt, überhaupt noch ein Mensch ist. Im Herbst 1942 kam das Bataillon nach Weißrussland, Partisanengebiet hieß es.
Banditen müssten ausgeräuchert werden. Was das bedeutete, wuß Werner inzwischen. Dörfer brannten, Menschen verschwanden, die Gruben wurden größer und Werner zählte weiter wie eine Maschine, die vergessen hat, dass sie einmal ein Herz hatte. Bis zum 14. August 1943. Das Dorf hieß Krasnibor, rotes Waldstück, ein Name wie hunderte andere.
240 Einwohner laut der letzten sowjetischen Zählung. Am 14. August 1943 standen 213 von ihnen auf einer Lichtung am Waldrand. Der Rest war geflohen, versteckt oder schon vorher an Krankheit und Hunger gestorben. Der Befehl kam von SS Sturmbahnführer Erich Kolbe. Ein Mann mit einem Gesicht wie aus Papier, blass, ausdruckslos, funktional. Partisanenunterstützung, sagte Kolbe, als wäre das ein Satz, der alles erklärt.
Kollektivbestrafung, [musik] Dorf wird liquidiert, vollständig. Die Menschen standen in Gruppen. Mütter hielten Kinder fest. Alte stützten sich auf Stöcke. Ein Mädchen, vielleicht sieben, hielt eine Stoffpuppe und schaute Werner an, als könnte er ihr erklären, warum der Himmel blau ist und die Welt so ist, wie sie ist. Werner stand vor seinen Männern, zwölf Gewehre, zwölf Gesichter, die gelernt hatten, nicht hinzusehen.
“Erste Gruppe anlegen”, sagte Kolbe. Die Gewehre hoben sich. Das Mädchen mit der Puppe lächelte. [musik] Nicht aus Freude, aus Verwirrung, als wäre das alles ein Spiel, dessen Regeln sie nicht verstand. Und in diesem Moment brach etwas in Werner. Es war kein heroischer Moment, kein Licht vom Himmel, keine Stimme.
Es war nur eine Frage, die plötzlich so laut in seinem Kopf war, dass sie alles andere übertönte. Was erzähle ich Else? Seine Tochter war jetzt fünf. Sie hatte dieselben Augen wie dieses Mädchen. Werner drehte sich um. Halt”, sagte er. Die Männer erstarrten. Kolbe blickte auf, mehr irritiert als wütend. “Was? Ich führe das nicht aus.
” Kolbe lachte. Ein kurzes, trockenes Geräusch. “Unter, Offizier, das ist ein Befehl. Führen Sie ihn aus oder?” “Nein?” Das Wort hing in der Luft wie ein Stein, der nicht fallen will. Kolbe zog seine Pistole. Werner war schneller. Der Schuss halte durch den Wald. Kolbe sackte zusammen, die Hand noch an der eigenen Waffe.
Tot, bevor er verstand, was passiert war. Dann brach das Chaos aus. Ein Soldat, gefreiter Metzger, ein Fleischer Geselle aus Kassel, riss sein Gewehr hoch und zielte auf Werner. “Du Schwein!”, brüllte er. Du verdammter. Ein anderer schlug Metzgas Lauf zur Seite. Bist du irre? Wenn wir zurückgehen, sind wir Zeugen.
Glaubst du, die lassen uns leben? Stimmen schrien durcheinander. Ein Mann fiel auf die Knie und betete. Ein anderer rannte einfach los Richtung Wald, ohne auf irgendjemanden zu warten. Werner hob sein eigenes Gewehr nicht. Er legte es auf den Boden. “Ihr habt eine Wahl”, sagte er. Seine Stimme war ruhig, obwohl sein Herz hämmerte.
“Ihr geht zurück, dann müsst ihr erklären, warum Kolbe tot ist und ihr nicht. Oder ihr kommt mit mir in den Wald und wir schauen, wer diesen Krieg überlebt. Metzger spuckte auf den Boden. Ich gehe zurück. Die glauben mir. Dir? Ein anderer Soldat lachte bitter. Du hast daneben gestanden. Wir alle haben daneben gestanden.
Die brauchen keine Wahrheit. Die brauchen einen Schuldigen. Stille. Eine Ewigkeit lang. Dann ließ der erste Mann sein Gewehr sinken. Feldwebel Rudi Hauser aus München. Er sagte nichts. Er ging nur zu Werner und stellte sich neben ihn. Ein zweiter folgte, ein dritter, ein vierter. Am Ende blieben vier bei Werner, nicht aus Moral, aus Angst, weil sie wussten, zurück bedeutet Verhör.
Verhör bedeutet [musik] Geständnis. Geständnis bedeutet Tod. Die anderen flohen in Richtung der deutschen Linien. Metzger war der letzte, der ging. “Ihr seid alle tot”, sagte er. “Ihr wisst das, oder?” Werner drehte sich zu den Dorfbewohnern um. 213 Augenpaare starrten ihn an. Angst, Verwirrung, ein Funken Hoffnung, der fast schmerzhafter war als die Angst.
“Ich weiß nicht, [musik] ob wir überleben”, sagte er auf russisch, dass er in diesen zwei Jahren gelernt hatte. “Aber hier sterbt ihr sicher. Kommt!” Das Mädchen mit der Puppe machte den ersten Schritt. Die Pripia Zümpfe waren ein Ort, den selbst der Krieg miet. Endloses Wasser unter trügerischem Gras. Inseln, die heute fest waren und morgen verschwanden.
Nebel, der aus dem Boden stieg wie der Atem eines schlafenden Tieres. Mücken, die mehr Blut forderten als die Front. Werner führte den Zug hinein, weil es der einzige Ort war, an den ihnen niemand folgen würde. Zivilisten, vier deutsche Soldaten. Kein Plan, keine Vorräte, keine Hoffnung. Nur die Alternative, die hinter ihnen lag. Die ersten Tage waren die schlimmsten.
Ein alter Mann brach zusammen und konnte nicht [musik] mehr aufstehen. Man wollte ihn tragen, aber Werner schüttelte den Kopf. Wenn wir jeden tragen, kommen wir nie an. Wohin? Fragte eine Frau, die Mutter des Mädchens mit der Puppe. Ihr Name war Vera. Werner sah sie an. Er hatte keine Antwort. Weg von hier, sagte er schließlich.

Das muß reichen. Der alte Mann starb in der zweiten Nacht. Man legte ihn an einen Baum, sprach ein Gebet, ging weiter. Am vierten Tag fanden sie die erste Insel, groß genug für alle. Ein paar verkrüppelte Birken, mosiger Boden, der nicht sofort versank. “Hier”, sagte Werner. Rudi Hauser, der Münchner war der erste, der [musik] verstand.
Er war vor dem Krieg Zimmermann gewesen. “Dir brauchen Plattformen”, sagte er, “sonst ertrinken wir im Schlaf.” Sie bauten mit Ä, mit Händen, mit allem, was sie fanden. Die Dorfbewohner, die Werner zuerst angesehen [musik] hatten, wie einen Wahnsinnigen oder eine Falle, begannen zu helfen. Irina, eine ältere Frau, die früher im Krankenhaus von Minsk gearbeitet hatte, sortierte Kräuter, die sie kannte.
Pjotter, ein Bauer, zeigte, wie man Schilf so flocht, dass es Wasser abhielt. Vera organisierte die Kinder, damit sie nicht in die falschen Wasserlöcher traten. Und das Mädchen mit der Puppe, sie hieß Anja, folgte Werner überall hin, als wäre er die einzige feste Sache in einer Welt aus Schlamm. In der zweiten Woche kam der erste Angriff.
Nicht von Deutschen, von Partisanen. Sie tauchten aus dem Nebel auf wie Geister. Zehn Männer in Lumpen mit sowjetischen Gewehren und Gesichtern, die vergessen hatten, wie Vertrauen aussieht. [musik] Ihr Anführer hieß Alexei Verschinen. Er war vor dem Krieg Lehrer gewesen, jetzt war er etwas anderes. Deutsche er spuckte [musik] das Wort aus.
Hier mit unseren Leuten. Werner trat vor, [musik] die Hände gehoben. Ich bin kein Gefangener dieser Menschen, sagte er. Ich habe sie. Ein Gewehrkolben traf ihn ins Gesicht. Er ging zu [musik] Boden, schmeckte Blut. “Du hast gar nichts”, sagte Werschinen. “Du bist ein Faschist. Und die hier sind entweder Kollaborateure oder Geiseln.
Vera trat zwischen sie. Er hat uns das Leben gerettet. Lüge. Kein Deutscher rettet uns. Er hat seinen eigenen Offizier erschossen, sagte Vera. Vor unseren Augen, damit wir leben. Wer schienen zögerte nicht, weil er glaubte, [musik] weil er unsicher war. Beweist es, sagte er. Das war der Moment, in dem die 213 [musik] Menschen, Frauen, Kinder, Alte, aufstanden und sich zwischen Werner und die Partisanengewehre stellten.
Niemand sprach, niemand drohte. Sie standen nur da als Mauer aus Fleisch und Knochen und sagten ohne Worte: “Wenn ihr [musik] ihn tötet, tötet ihr uns zuerst.” Anja nahm Wernas blutige Hand. Werschien sah das alles und zum ersten Mal seit langer Zeit sah er etwas, dass er nicht einordnen konnte. “Ich komme wieder”, sagte er.
“Und wenn [musik] das eine Lüge ist?” Er ging, seine Männer folgten. Werner spuckte Blut [musik] aus und setzte sich auf. Danke”, sagte er auf Russisch. Vera schüttelte den Kopf. “Vi sind quit. Noch nicht mal. Du hast uns das Leben geschenkt. Wir haben dir nur Zeit gekauft.” In dieser Nacht, als Werner am Feuer saß und seine gebrochene Nase abtastete, [musik] kam Rudi zu ihm.
“Glaubst du, wir schaffen das?”, fragte der Münchner. Werner starrte in die [musik] Flammen. “Nein”, sagte er ehrlich, “aber ich glaube, das ist nicht [musik] mehr der Punkt.” Der Herbst kam und mit ihm der Hunger. Die Sympfe gaben wenig, Fische, wenn man Glück hatte. Wurzeln, [musik] die bitter schmeckten, aber den Magen füllten.
Manchmal ein Vogel, wenn einer der Männer gut zielte. nie genug für so viele. Werner führte Buch, alte Gewohnheit, die jetzt einen neuen Zweck hatte. Jede Ration wurde geteilt, jeder Bissen gezählt. Es gab keine Privilegien. Werner aß, was [musik] alle aßen, seine Männer auch. Trotzdem starben Menschen, Alte [musik] zuerst, dann die schwächsten.
Krankheiten, gegen die es keine Medizin gab. Unterkühlung, Erschöpfung, stille Tode in der Nacht, die man erst am Morgen bemerkte. Werner zählte wieder. Nicht Munition, Menschen. Am 1. Oktober 207, am 15. Oktober 203. Am 1. November 200. Jeden Namen schrieb er auf ein Stück Birkenrinde, nicht als Akte, als Zeugnis.
Werschinen kam zurück, wie versprochen, aber nicht zum Töten. “Ich habe nachgefragt”, sagte er. Seine Stimme war anders, weniger Stacheldraht. Es gibt Gerüchte. von einem deutschen Soldaten, der einen SSOffizier erschossen hat und von Dorfbewohnern, die verschwunden sind, bevor man sie ermorden konnte. Dann glaubst du mir? Werschinin schüttelte den Kopf.
Ich glaube niemandem, aber ich sehe, dass du hier bist, dass diese Menschen dich beschützen und dass du sie nicht ausgeliefert hast, obwohl du es hättest tun können.” Er warf einen Sack vor Werners Füße, Brot, getrocknetes Fleisch, Salz. Ich helfe nicht den Deutschen, sagte Werschinin. Ich helfe den Menschen.
Und diese Menschen haben entschieden, dir zu vertrauen. Also, er zuckte mit den Schultern. Ich komme wieder. Er kam wieder. Einmal im Monat, manchmal öfter. Er brachte Essen, wenn er welches hatte, Informationen über Patrouillen und einmal im tiefsten Winter einen Arzt, einen jüdischen Chirurgen, der irgendwo in den Wäldern überlebt hatte und mehrere Kinder durchbrachte, die sonst an Lungenentzündung gestorben wären.
Aber Werschinin brachte auch etwas anderes, Aufgaben. Die Deutschen haben eine Versorgungsroute, sagte er im Dezember 1943. Drei Lastwagen, jede Woche, Munition, Verplegung. Wenn wir sie nehmen, überleben mehr von uns. Von euch. Werner verstand. Ihr wollt, dass ich euch helfe. Du kennst sie. Du weißt, wie sie denken.
Du weißt, wo sie schwach sind. Das war der Moment, vor dem Werner sich gefürchtet hatte. Der Moment, in dem die Grenze zwischen Retter und Kämpfer verschwamm. Er dachte an Else, an Gertrud, an das Versprechen, das er sich selbst gegeben hatte, keine Tötungen mehr. Und er dachte an die 200 Menschen, die ihn anschauten und darauf warteten, dass er eine Entscheidung traf.
“Ich zeige euch die Route”, sagte er. Aber ich schieße nicht. Werschinen nickte. Das reicht. In dieser Nacht kam Vera zu ihm. “Du hast dich dafür”, sagte sie. Es war keine Frage. Werner starrte auf seine Hände. “Ich habe zwei Jahre lang Menschen in den Tod geschickt. Jetzt schicke ich Menschen in den Kampf, um andere zu retten.
Was ist der Unterschied? Vera setzte sich neben ihn. Sie roch nach Moos und Rauch. “Du fragst”, sagte sie leise. “Die anderen haben nie gefragt. Das ist alles.” Der Überfall funktionierte. drei Lastwagen, genug Vorräte für zwei Monate. Tote auf der Straße, die Werner nicht sehen wollte und die er trotzdem in seinem Kopf mitzählte, weil er wusste, irgendwann würde er auch dafür bezahlen müssen.
Im Februar 1944 wusste die deutsche Führung, dass etwas nicht stimmte. Zu viele Überfälle in einem Sektor, der als befriedet galt. Zu viele Berichte über einen Deutschen, der mit Partisanen zusammenarbeitete. Zu viele Gerüchte, die durch die Dörfer sickerten wie Gift. Ein [musik] SSDführer wurde geschickt, um das Problem zu lösen.
Sein Name war Victor Lenz. Lenz war nicht wie Kolbe. Er war klüger, geduldiger, grausamer. Ein Mann, der verstand, dass man Menschen nicht nur mit Gewehren jagt. Er fing mit Gerüchten an. Dorfbewohner wurden verhört, nicht gefoltert, noch nicht, nur befragt, höflich, mit Tee und falschen Lächeln. Dann kam die Folter, dann die Geiselnen.
Im März 1944 brannte ein Dorf am Rand des Sumpfgebietes. Menschen starben, weil irgendjemand behauptet hatte, er hätte den deutschen Verräter im Wald gesehen. Werner erfuhr davon durch Werschinen. Er saß lange still, die Nachricht wie ein Stein in seinem Magen. “Das ist meine Schuld”, sagte er. Nein, sagte Werschienen, das ist ihre Schuld.
Aber sie versuchen dich zu brechen. Sie wollen, dass du rauskommst, dich stellst, damit es aufhört. Und wenn ich das tue? Werchinen lachte, aber es war kein fröhliches Lachen. Dann sterben die 200 hier auch und alle, die ihnen geholfen haben. Du kannst nicht verhandeln mit Leuten, die keine Menschen mehr sind.
Werner wusste, dass er recht hatte, aber das Wissen machte es nicht leichter. Lenz kam näher. Im April führte eine Patrouille einen Suchhund bis an den Rand des sicheren Gebietes. Rudi erschoss den Hund. Der Hundeführer entkam. Im Mai [musik] kreiste ein kleines Aufklärungsflugzeug über dem Sumpf. Nicht lange, nicht tief, aber lange genug, um Spuren zu finden, die man nicht hätte hinterlassen dürfen.
Man musste umziehen, tiefer, kälter in ein Gebiet, das selbst Werschinen nicht kannte. Im Juni starb einer von Werners Männern, Otto Brenner, ein Bauernsohn aus Brandenburg, der nie viel gesagt hatte, aber immer da war, wenn man ihn brauchte. Eine verirrte Kugel bei einem Schamützel. Er starb in Wernas Armen. Sag meiner Mutter, flüsterte er, dass ich am Ende was Richtiges gemacht habe.
Werner versprach es, obwohl er wusste, dass er Ottos Mutter nie finden würde. Im Juli kam der Verrat. Einer der Geretteten, ein junger Mann namens Grischar, der schon immer ein wenig abseits gestanden hatte, verschwand in der Nacht. Mit ihm verschwand auch etwas anderes, wissen. Drei Tage später griff Lenz an.
Die Deutschen kamen mit 50 Mann aus drei Richtungen. Sie hatten Koordinaten, sie hatten Karten. Was sie nicht hatten, Werner. Weil Werner in derselben Nacht, in der Grishacher verschwand, bereits den Befehl zum Umzug gegeben hatte, nicht weil er den Verrat geahnt hatte, sondern weil eine Stimme in ihm, die Stimme des Buchhalters, der einmal gelernt hatte, Risiken zu berechnen, gesagt hatte: “Wir sind zu lange an einem Ort.
” Als die Deutschen das leere Lager fanden, nur Spuren und kalte Feuerstellen, schickte Lensz eine Nachricht über Funk, die Verschinen abfing. Ich werde ihn finden und wenn ich jeden Baum in diesem verdammten Sumpf fällen muss. Werner las die Nachricht und legte sie weg. Dann sagte er zu niemandem, wirst du sehr viele Bäume fällen müssen.
Der Winter 19445 war der härteste. Die Temperaturen fielen auf -30, die Sympfe froren zu ersten Mal seit Jahren und verwandelten das Labyrinth, das sie geschützt hatte, in offenes Gelände. Werner musste entscheiden, bleiben und irgendwann gefunden werden oder ziehen und vielleicht sofort sterben. Er wählte Bewegung.
Wir gehen nach Osten, sagte er, zur Front. Werschinen hielt ihn für verrückt. Die Front ist weit mit Kindern, Alten, im Winter. Die Front bewegt sich auf uns zu, sagte Werner. Jeder Tag bringt die rote Armee näher. Wenn wir uns auf halbem Weg treffen, dann erschießen sie dich und fragen später. Vielleicht, [musik] sagte Werner, aber diese Menschen haben nur eine Chance, wenn wir nicht warten.
Der Marsch begann am 2. Januar 1945. 200 Menschen, alles was übrig war. Sie bewegten sich nachts, versteckten sich tags. Die Kälte schnitt durch Kleidung wie Messer. Kinder weinen lautlos, [musik] weil selbst Weinen Energie kostete. Am zwölft. Tag fanden sie eine verlassene Kolose, ein paar Gebäude, halb eingestürzt, aber mit Dächern.
Sie blieben drei Tage, wärmten sich, sammelten Kraft. Am 15. Tag holte Lenz sie ein. nicht eher persönlich, aber eine seiner Einheiten, 20 Mann, die ihren Spuren gefolgt waren. Das Gefecht dauerte eine halbe Stunde. Werner schoss zum ersten Mal seit Kolbe, zum ersten Mal mit vollem Wissen, was er tat. Zwei Deutsche fielen.
Werner sah ihre Gesichter, jung, verängstigt. Er hatte keine Zeit darüber nachzudenken. Rudi Hauser starb an diesem Tag, eine Kugel in der Brust. Er hatte Zeit für zwei Worte. Weiter, geh. Werner ging. Sie erreichten die sowjetischen Linien am 28. Januar 1945. 200 Menschen, alles was übrig war, aber lebendig. Die sowjetischen Soldaten, die sie fanden, wußten nicht, was sie damit machen sollten.
Eine Frau erklärte auf Russisch, wer sie waren, woher sie kamen. Dann zeigte sie auf Werner. “Er”, sagte sie, “der Deutsche. Er hat uns geführt. Ohne ihn wären wir alle tot.” Der sowjetische Offizier, ein müder Hauptmann mit schlamm bespritzter Uniform, sah Werner an. Ein Deutscher, sagte er, der Russen rettet. Ja, sagte Werner. Der Hauptmann dachte lange nach.
Ich sollte dich erschießen lassen sagte er. Aber ich habe heute schon genug Tote gesehen. Er winkte. Nehmt ihn mit. Verhör später. Werner ließ sich festnehmen ohne Widerstand. Anja, das Mädchen mit der Puppe, das jetzt neun war und aussah wie vierzig, weinte, als sie ihn abführten. “Du kommst zurück”, sagte sie.
Es war halbfrage, halb Befehl. Werner lächelte zum ersten Mal seit sehr langer Zeit. “Ich versuche es.” Das sowjetische Gefängnis in Minsk war nicht gebaut, um Menschen zu halten. Es war gebaut, um Menschen zu brechen. Das Licht brannte Tag und Nacht. Schlaf war ein Privileg, das willkürlich entzogen wurde.
Zeit bewegte sich in Schleifen. Werner saß drei Monate in einer Zelle, die kleiner war als das Loch, in dem er in den Sümpfen gelebt hatte. Die Verhöre waren lang, manchmal höflich. meistens nicht. “Sie waren Mitglied eines Polizeibataillons,” sagte der Vernehmungsoffizier, ein Mann mit der Geduld eines Urmachers. Sie haben an Massenerschießungen teilgenommen.
Ja, sie geben es zu. “Ja, warum?” Werner schloss die Augen. “Weil es wahr ist. Und dann plötzlich ein Wunder, plötzlich ein Gewissen. Kein Wunder sagte Werner, nur ein Gesicht, ein Kind, das mich angesehen hat, bevor es sterben sollte. Der Vernehmungsoffizier notierte etwas. Sie wollen, daß wir ihnen glauben, dass ein Deutscher, ein Teilnehmer an Massenmorden plötzlich entschieden hat, Menschen zu retten, ohne Hintergedanken, ohne Belohnung.
“Ich will gar nichts”, sagte Werner. “Ich erzähle nur, was passiert ist. Ob sie es glauben, ist ihre Sache. Und die zwei Menschen, die aussagen wollen, sind die auch Teil ihrer Lüge? Werner hob den Blick. Die sind der einzige Beweis, den ich habe. Fragen Sie sie. Sie fragten. 200 Menschen wurden einzeln vernommen.
Ihre Geschichten stimmten überein. [musik] Nicht in jedem Detail, aber in der Essenz. Vera sagte, er hat mehr geweint als wir, heimlich, nachts, wenn er dachte, wir sehen es nicht. Irina sagte, er hat sich selbst bestraft jeden Tag für das, was er vorher getan hat. Anja sagte, er ist kein guter Mensch, aber er hat versucht einer zu werden.
Das ist mehr als die meisten tun. Der Vernehmungsoffizier las die Protokolle. Zweimal, dreimal, dann ging er zu seinem Vorgesetzten. “Ich weiß nicht, was wir mit ihm machen sollen”, gab er zu. “Er ist schuldig, aber er ist auch etwas anderes.” Der Vorgesetzte, ein Oberst, der im Krieg Dinge gesehen hatte, die er nie erzählte, sah die Akten durch.
Ein Prozess, sagte er. Öffentlich soll das Gericht entscheiden. [musik] Minsk, 12. März 1947, 2 Jahre nach Kriegsende. Der Saal war voll, nicht mit Schaulustigen, mit Zeugen. 200 Menschen, die gekommen waren, um für einen Deutschen auszusagen. Der Staatsanwalt tat seine Pflicht. Der Angeklagte hat zugegeben, an mindestens zwölf Massenerschießungen beteiligt gewesen zu sein.
Er hat zugegeben, Menschen in den Tod geführt zu haben. Er war Teil einer mörderischen Maschine. Und jetzt will man ihn dafür loben, dass er 200 von uns gerettet hat. Der Verteidiger, ein junger Anwalt, der den Fall übernommen hatte, weil niemand sonst wollte, antwortete. Der Angeklagte leugnet seine Schuld nicht.
Er hat nie versucht, seine Vergangenheit zu verstecken. Aber die Frage, die dieses Gericht beantworten muss, ist eine andere. Was passiert, wenn ein Mensch, selbst ein schuldiger Mensch, entscheidet, gegen das Böse aufzustehen? Bestrafen wir auch das? Oder erkennen wir an, daß Reue Taten erfordert? Der vorsitzende Richter, ein alter Mann, der vor dem Krieg Philosophieprofessor gewesen war, ließ Zeugen sprechen.
Viele weinten, einige schrien. Eine alte Frau ging zu Werner, nahm seine Hand und sagte: “Mein Enkel lebt wegen dir. Ich vergebe dir nicht alles, aber ich sage die Wahrheit.” Werner weinte. Das Urteil kam nach drei Tagen Beratung. Der Angeklagte Werner Brand, las der Richter, wird schuldig gesprochen. Der Teilnahme an Verbrechen gegen die Menschlichkeit, während seiner Zeit im Polizeibataillon 118.
Stille im [musik] Saal. Jedoch erkennt das Gericht an, dass der Angeklagte ab dem 14. August 1943 unter Einsatz seines eigenen Lebens 200 Menschen vor dem sicheren Tod bewahrt [musik] hat. Der Richter sah Werner an. Die Strafe für ihre früheren Taten wäre der Tod. Das Gericht mildert diese Strafe auf 25 Jahre Arbeitslager mit der Empfehlung, nach 10 Jahren eine vorzeitige Entlassung zu prüfen.
25 Jahre oder zehn mit Glück. Werner nickte. Er hatte nichts anderes erwartet. Als man ihn abführte, standen 200 Menschen auf. nicht im Protest, [musik] in Respekt. Anja rief: “Wir vergessen dich nicht.” Werner drehte sich nicht um, weil er wusste, vergessen war nicht das Problem. Erinnern war die Strafe. Werner Brand verbrachte 12 Jahre in Gulak, nicht zehn.
Die vorzeitige Entlassung wurde zweimal abgelehnt. Er arbeitete in Minen, in Wäldern, in Fabriten. [musik] Er überlebte, wie er es in den Sympfen gelernt hatte. Einen Tag nach dem anderen. 1959 wurde er entlassen, gebrochen. Ein Mann, der mehr Vergangenheit hatte, als irgendein Mensch tragen sollte. Er kehrte nicht nach Deutschland zurück.
Gertrud hatte ihn 1946 für Tod erklären lassen und wieder geheiratet. Else war inzwischen eine erwachsene Frau mit eigenen Kindern. Werner schrieb ihr einen Brief, aber er schickte ihn nie ab. Stattdessen ging er nach Weißrussland in ein kleines Dorf nahe der Stelle, an der Krasnibor einmal gestanden hatte. Dort lebte Vera.
“Du bist gekommen”, sagte sie, als er vor ihrer Tür stand. Ich wußte nicht, wohin sonst. Sie nahm ihn auf, nicht als Mann, als das, was er war. Ein Mensch, der einen Platz brauchte, um zu enden. Anja kam zu Besuch mit ihrem Mann und einem Kind. “Du hast uns das Leben geschenkt”, sagte sie.
“Das Mindeste ist, dass ich dir die Wahrheit sage, [musik] wenn man über dich lügt.” Werner Brand starb 1968 an einem Herzinfarkt. Er war 58 Jahre alt und fühlte sich wie 100. In seiner Hinterlassenschaft fand man eine Liste. 213 Namen. Jeder Name in akkurat Handschrift. Jeder mit einem Geburtsdatum, wenn bekannt, und einem Vermerk überlebt oder ein Todesdatum mit Ort.
13 Kreuze, 200 überlebt. Am Ende der Liste stand ein Satz: “Ich konnte nicht alle retten, aber ich habe aufgehört, sie zu zählen wie Dinge. Ich habe angefangen, sie zu zählen wie Menschen.” Auf seinem Grab steht kein Kreuz und kein Sowjetstern, nur ein Stein mit zwei Zeilen, die Vera ausgesucht hat. Er kam als Täter, er ging als einer, der nicht mehr wegsah.
Und manchmal, sagt man, kommen noch heute Menschen zu diesem Stein. Menschen, deren Großeltern einmal in einer Grube standen und die heute leben, weil ein Mann in einem unmöglichen Moment eine unmögliche Entscheidung traf. Nicht weil er ein Held war, sondern weil er aufgehört hat, keiner zu sein.
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