Es war einer dieser Fernsehabende, die man so schnell nicht vergisst – allerdings aus den völlig falschen Gründen. Wer geglaubt hat, die politische Debattenkultur in Deutschland hätte ihren Tiefpunkt bereits erreicht, wurde bei der jüngsten Ausgabe von Markus Lanz eines Besseren belehrt. Was Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) und Spiegel-Journalistin Melanie Amann dort ablieferten, glich weniger einer politischen Diskussion als vielmehr einer öffentlichen Selbstzerlegung.

Der „Kim Jong Günther“ Moment: Demokratie retten durch Verbote?

Daniel Günther, von Kritikern im Netz mittlerweile spöttisch als „Kim Jong Günther“ bezeichnet, schien an diesem Abend eine Mission zu haben: Die Deutungshoheit zurückzuerobern – koste es, was es wolle. Seine Rhetorik erinnerte dabei erschreckend wenig an einen christdemokratischen Landesvater und mehr an einen autoritären Erzieher.

Günther warnte eindringlich vor „Delegitimierern“ und der „Desavouierung“ staatlicher Institutionen. Doch was meint er damit konkret? Offenbar jede Form von Kritik, die nicht in das genehme Weltbild passt. In einer Wutrede, die manchen Zuschauern den Atem stocken ließ, wetterte er gegen soziale Medien und alternative Nachrichtenportale wie Nius. Sein Vorwurf: Diese Plattformen würden „faktenfreie“ Agitation betreiben und die Bevölkerung „infiltrieren“.

Der Gipfel der Ironie: Um die Demokratie zu schützen, forderte Günther indirekt mehr Kontrolle, Regulierung und das Eingreifen von „zivilgesellschaftlichen Organisationen“ (sprich: staatsnahen NGOs), um den freien Informationsfluss auf WhatsApp und Co. zu unterbinden. Es ist der klassische Orwell’sche Moment: Wir müssen die Freiheit einschränken, um sie zu retten. Dass selbst CDU-Abgeordnete laut Günther mittlerweile „solchen Quatsch“ lesen und teilen, scheint ihn nicht zum Nachdenken über die eigenen Inhalte zu bringen, sondern nur den Ruf nach Zensur zu verstärken.

Melanie Amann und die „russischen Geldkoffer“

Nicht weniger bizarr war der Auftritt von Melanie Amann (Funke Mediengruppe, ehemals Spiegel). Als selbsternannte Vertreterin der „Qualitätsmedien“ versuchte sie, der AfD und alternativen Medien eine direkte Steuerung durch den Kreml anzudichten. Dabei verstieg sie sich zu Aussagen, die selbst in der Runde für Irritationen sorgten.

In einem atemberaubenden Parforceritt der Fantasie sprach sie von einem „russischen Spion“ im Bundestag (gemeint war wohl der chinesische Spion Jian G., was in der Sendung korrigiert wurde) und halluzinierte von „russischen Geldkoffern“, die an Kandidaten verteilt würden. Fakten? Beweise? Fehlanzeige. Stattdessen gab es gefühlte Wahrheiten.

Besonders tief blicken ließ ihr Eingeständnis zur Medienkrise: Das Hauptproblem sei, dass man die Leute auf den „klassischen Kanälen“ nicht mehr erreiche. Anstatt sich zu fragen, ob dies vielleicht an der einseitigen Berichterstattung oder dem belehrenden Tonfall liegen könnte, flüchtete sie sich in die Opferrolle. Die Strategie ist klar: Wer die etablierten Narrative nicht kauft, muss manipuliert worden sein.

Der China-Experte und die Realitätsklatsche

Ein Lichtblick der Sendung war Adrian Geiges. Der Journalist und China-Experte ließ die Zensur-Fantasien von Günther und Amann nicht unwidersprochen stehen. Mit der trockenen Feststellung, er habe zehn Jahre in China gelebt und wisse, wie Zensur ende – nämlich damit, dass alles zensiert wird –, holte er die Runde kurzzeitig auf den Boden der Tatsachen zurück.

Geiges wies darauf hin, dass es in Deutschland bereits Gesetze gegen Falschbehauptungen gibt (Pressekodex, Presserat, Justiz) und kein Bedarf an einem neuen „Wahrheitsministerium“ besteht. Es war der Moment, in dem der Unterschied zwischen einem erfahrenen Korrespondenten und ideologiegetriebenen Akteuren schmerzhaft deutlich wurde.

Das juristische Nachspiel: Julian Reichelt kündigt Klage an

Doch der eigentliche Hammer folgte nach der Sendung. Julian Reichelt, der Kopf hinter dem von Günther attackierten Portal Nius, ließ die Angriffe nicht auf sich sitzen. In einer scharfen Replik bezeichnete er Günther als „Brandstifter im Kostüm eines Biedermanns“.

Die Vorwürfe wiegen schwer: Günther hatte behauptet, bei Nius stimme „in der Regel nichts“ und das Portal sei ein „Feind der Demokratie“. Für Reichelt sind dies falsche Tatsachenbehauptungen, die den Tatbestand der Verleumdung und Geschäftsschädigung erfüllen könnten. „Dafür werden wir ihn rechtlich zur Verantwortung ziehen“, kündigte Reichelt an. Ein amtierender Ministerpräsident, der wegen seiner Äußerungen in einer Talkshow verklagt wird – das könnte das politische Beben des Jahres werden.

Der „Müll des Tages“: Jette Nietzard will Nazis boxen

Als wäre das alles nicht schon absurd genug, lieferte der YouTuber Achtung Darius in seiner Analyse noch ein „Schmankerl“ zum Schluss: Jette Nietzard, eine grüne Nachwuchshoffnung, erklärte ihre Neujahrsvorsätze für 2026. Sie wolle nicht fit werden, um gut auszusehen, sondern um „Nazis wegzuboxen“ und weglaufenden Männern hinterherrennen zu können.

Während man über den Fitnesszustand und die Kampfkraft streiten kann, zeigt auch dieser Ausschnitt das bedenkliche Verhältnis zur Gewalt, das in Teilen des linken Spektrums mittlerweile salonfähig geworden ist.

Fazit: Ein Offenbarungseid

Die Sendung bei Markus Lanz war mehr als nur TV-Unterhaltung. Sie war ein Offenbarungseid. Sie zeigte einen Ministerpräsidenten, der die offene Debatte fürchtet wie der Teufel das Weihwasser, und Journalisten, die ihren Bedeutungsverlust mit Verschwörungstheorien kompensieren.

Wenn Politiker wie Daniel Günther glauben, sie könnten das Vertrauen der Bürger durch Verbote zurückgewinnen, irren sie gewaltig. Sie erreichen genau das Gegenteil: Sie treiben die Menschen scharenweise zu den Alternativen, die sie so vehement bekämpfen. Der juristische Gegenwind, der nun aufzieht, könnte erst der Anfang sein. Die Bürger lassen sich nicht mehr für dumm verkaufen – und das ist die eigentlich gute Nachricht dieses Abends.