Es gibt diese seltenen Momente in der Geschichte der deutschen Unterhaltung, in denen die Realität dramatischer ist als jedes Drehbuch. Der Tod von Götz George im Juni 2016 war ein solcher Moment – nicht wegen des Lärms, den er verursachte, sondern wegen der fast unheimlichen Stille, die ihn umgab. Während die Nation noch ahnungslos ihren Alltag lebte, Zeitungen über Belanglosigkeiten berichteten und Fans alte „Tatort“-Wiederholungen schauten, hatte sich einer der größten Schauspieler des Landes längst verabschiedet.
Er ging so, wie er seine besten Rollen spielte: Kompromisslos, präzise und ohne sich von irgendjemandem reinreden zu lassen. Kein Staatsakt, kein Blitzlichtgewitter am Friedhofstor, keine heuchlerischen Trauerreden von Kollegen, die ihn zu Lebzeiten kaum kannten. Nur der engste Kreis wusste Bescheid. Erst als die Vögel auf dem Friedhof schon wieder sangen und die Erde sich gesetzt hatte, erfuhr die Welt, dass ihr „Schimi“ nicht mehr war. Doch um zu verstehen, warum Götz George diesen Weg der extremen Isolation wählte, müssen wir hinter die Fassade blicken – hinter die graue M65-Feldjacke, die ihn zur Ikone machte, und hinein in die Seele eines Mannes, der zeit seines Lebens auf der Flucht vor der Vereinnahmung war.

Das goldene Gefängnis des Horst Schimanski
Um die Tragweite seiner letzten Entscheidung zu begreifen, müssen wir zurück ins Jahr 1981. Das deutsche Fernsehen war damals eine Welt aus gebügelten Anzügen und gepflegtem Hochdeutsch. Kommissare tranken Tee und klopften höflich an. Dann kam Götz George. Als Horst Schimanski trat er nicht einfach in diese Welt ein – er trat die Tür ein. Er fluchte, er aß Currywurst, er trank Dosenbier im Dienst. Das Wort „Scheiße“ zur besten Sendezeit im heiligen Sonntagabendprogramm war für konservative Kritiker der Untergang des Abendlandes, für Millionen Arbeiter im Ruhrgebiet und darüber hinaus jedoch eine Offenbarung.
George wurde zur kulturellen Instanz. Er war das Ventil für die Wut des kleinen Mannes, der Held, der sich nicht von oben herab behandeln ließ. Doch genau hier begann das Drama seines Lebens. Der gigantische Erfolg wurde zu einem goldenen Käfig. Die Öffentlichkeit wollte den rauen Kumpeltyp, den Mann zum Anfassen. Wenn George ein Restaurant betrat, erwarteten die Leute, dass er lautstark bestellt oder den Tisch umwirft. Sie sahen Schimanski, nicht den sensiblen, nachdenklichen Künstler Götz George.
Dieser ständige Zwang, eine Projektionsfläche zu sein, führte zu einer schleichenden Entfremdung. George war ein schauspielerisches Chamäleon von seltener Brillanz – ob als Serienmörder Fritz Haarmann in „Der Totmacher“ oder als Schwindler in der Satire „Schtonk!“. Er bewies, dass er alles spielen konnte: das Monster, den Clown, den Helden. Doch die Masse wollte immer nur den Mann in der Parka. Diese Diskrepanz zwischen dem eigenen künstlerischen Anspruch und der Erwartungshaltung des Publikums säte eine Bitterkeit in ihm, die über die Jahre wuchs wie ein Geschwür.
Der Schatten des Vaters und die stählerne Mutter
Doch der Druck kam nicht nur von außen. Wer Götz George verstehen will, muss seine Herkunft kennen. Er wurde nicht einfach großgezogen; er wurde dazu gedrillt, ein Denkmal zu werden. Seine Mutter, die Schauspielerin Berta Drews, war eine Frau aus Stahl. Nach dem Tod des Vaters, des Schauspielgenies Heinrich George, der in einem sowjetischen Speziallager starb, lastete ein monumentales Erbe auf den Schultern des jungen Götz. Er durfte kein Kind sein. Er musste den Namen George wieder ins Licht führen, den Vater rächen, ihn übertreffen.
Dieses familiäre Erbe war ein unsichtbares Korsett, das ihm kaum Luft zum Atmen ließ. Er spielte nicht nur für sich, er spielte gegen einen Geist an. Dieser innere Kampf trieb ihn zu Höchstleistungen, forderte aber einen brutalen Tribut. George entwickelte eine fast masochistische Arbeitsmoral, verausgabte sich körperlich und seelisch bis zur totalen Erschöpfung. Er fühlte sich oft als Werkzeug, benutzt von der Familie, der Branche, dem Publikum.

Das Trauma im blutroten Meer
Ein Schlüsselmoment, der sein Verhältnis zur Vergänglichkeit und zur Öffentlichkeit radikal veränderte, ereignete sich 1996 vor Sardinien. Es sollte ein friedlicher Tag in seinem privaten Paradies sein. Doch beim Schwimmen wurde George von einem deutschen Touristenboot überfahren. Die Schiffsschraube zerfetzte sein Knie, das Wasser färbte sich augenblicklich dunkelrot. In diesem Moment gab es keinen Regisseur, der „Schnitt“ rief. Es gab kein Stunt-Double. Er war allein, schwer verletzt, dem Ertrinken nahe.
Mit übermenschlicher Willenskraft schleppte er sich an den Strand. Die Ärzte prophezeiten, er würde nie wieder richtig laufen können. George, stur wie er war, trainierte sich unter Qualen zurück ins Leben. Doch die seelische Wunde blieb. Er sah, wie die Boulevardpresse selbst diesen Überlebenskampf zur Schlagzeile degradierte. Niemand fragte nach dem Menschen, alle gierten nur nach der Story. Diese Erfahrung lehrte ihn: Wenn es hart auf hart kommt, bist du allein. Die Öffentlichkeit ist kein Freund, sie ist ein Zuschauer, der auf Blut wartet.
Der öffentliche Verrat bei „Wetten, dass..?“
Die endgültige Bruchlinie zwischen George und dem Publikum entstand jedoch an einem Samstagabend im Oktober 1998. Bei „Wetten, dass..?“ wollte er seinen Film „Solo für Klarinette“ vorstellen – ein düsteres Psychodrama. Er kam als ernsthafter Künstler. Doch er traf auf Thomas Gottschalk und eine Atmosphäre der seichten Heiterkeit. George verweigerte sich dem Smalltalk, wollte nicht der Pausenclown sein.
Was dann geschah, war eine Hinrichtung zur besten Sendezeit. Das Publikum, das ihn jahrelang verehrt hatte, wendete sich innerhalb von Minuten gegen ihn. Es hagelte Pfiffe und Buhrufe. Der gefeierte Volksheld wurde zur arroganten Diva abgestempelt. Für George war dies mehr als ein missglückter Auftritt; es war ein Verrat. Er fühlte sich unverstanden und gedemütigt von genau den Menschen, für die er sich jahrzehntelang aufgeopfert hatte. Dieser Abend bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen: Sie lieben dich nur, solange du die Rolle spielst, die sie für dich geschrieben haben. Wagst du es, echt zu sein, lassen sie dich fallen.

Der letzte Exorzismus und das Schweigen
Im Herbst seines Lebens, 2013, wagte er dann den vielleicht mutigsten Schritt seiner Karriere. Im Dokudrama „George“ schlüpfte er in die Haut seines Vaters. Es war ein öffentlicher Exorzismus. Er zeigte das Leiden Heinrich Georges, aber auch die Wunde des verlassenen Sohnes. Nach diesem Film wirkte Götz George befreit. Er hatte seinen Frieden gemacht, mit dem Vater, mit der Vergangenheit.
Doch das Schicksal ist ein grausamer Drehbuchautor. Kurz darauf erhielt er die Krebsdiagnose. Und hier zeigte sich die wahre Größe dieses Mannes. Er wusste, was passieren würde, wenn dies an die Öffentlichkeit käme: Mitleid, Paparazzi am Krankenbett, scheinheilige Genesungswünsche. George entschied sich für die absolute Kontrolle. Er verbot seinem Umfeld jedes Wort. Er lehnte lebensverlängernde Maßnahmen ab, die ihn nur zum Patienten gemacht hätten.
Er wollte als der kraftvolle Mann in Erinnerung bleiben, nicht als gebrochenes Wrack. Gemeinsam mit seiner Frau Marika zog er sich zurück. Er inszenierte seinen Abgang so präzise wie seine Filme. Es war sein letzter Akt der Rebellion, ein stummer Schrei nach Würde.
Ein Vermächtnis der Würde
Götz Georges Geschichte ist eine Mahnung an uns alle. Sie hält uns den Spiegel vor: Wie gehen wir mit unseren Ikonen um? Sehen wir den Menschen oder nur das Produkt? George verweigerte dem Tod die Öffentlichkeit und holte sich so die Hoheit über sein Leben zurück, die ihm die Industrie so oft genommen hatte.
Sein stiller Tod war kein trauriges Verlöschen, sondern ein kraftvolles Statement. Wahre Stärke zeigt sich nicht im Applaus, sondern in der Fähigkeit, seinen eigenen Weg zu gehen, auch wenn dieser Weg in die Einsamkeit führt. Er hat seine letzte Szene ohne Publikum gespielt, nur für sich selbst. Und vielleicht war genau das sein größter Triumph. Er hinterlässt uns nicht nur Filme, sondern die Lektion, dass Würde unverhandelbar ist.
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