Es sollte der strahlende Neuanfang einer liebgewonnenen Tradition werden. “Willkommen 2026” hieß das Motto, unter dem das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) in der Silvesternacht Millionen Zuschauer vor die Bildschirme locken wollte. Doch statt der gewohnten Bilder eines überquellenden Party-Meers vor dem Brandenburger Tor in Berlin, bot sich dem Publikum in diesem Jahr ein gänzlich anderes, fast schon beklemmendes Bild. Die Hansestadt Hamburg, die sich stolz als neuer Gastgeber der größten Silvesterparty Deutschlands präsentierte, erlebte eine Premiere, die wohl eher als “Flop des Jahres” in die TV-Geschichte eingehen wird.

Was war passiert? Und warum wirkte die “größte schwimmende Partybühne der Welt” in der Hamburger HafenCity über weite Strecken so verwaist wie ein Bahnsteig um drei Uhr morgens? Wir haben die Hintergründe recherchiert, die Reaktionen analysiert und zeigen auf, warum der Umzug von der Spree an die Elbe für das ZDF zum PR-Albtraum wurde.

Der erzwungene Umzug: Berlin spart, Hamburg zahlt

Um das Debakel zu verstehen, muss man einen Blick zurückwerfen. Jahrelang war das Brandenburger Tor die unangefochtene Kulisse für den Jahreswechsel im deutschen Fernsehen. Bis zu 65.000 Menschen drängten sich dort Jahr für Jahr, um bei freiem Eintritt und ausgelassener Stimmung ins neue Jahr zu feiern. Doch 2025 zog der Berliner Senat die Reißleine. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner machte unmissverständlich klar: Steuergelder für eine private Party-Veranstaltung? Nicht mit uns. Die öffentlichen Zuschüsse wurden gestrichen, der private Veranstalter in der Hauptstadt warf das Handtuch.

Hier witterte Hamburg seine Chance. Mit offenen Armen und einer Finanzspritze von rund 400.000 Euro lockte die Hansestadt die Produktion in den Norden. Bürgermeister Peter Tschentscher schwärmte im Vorfeld vom “Tor zur Welt” und der perfekten Kulisse der HafenCity. Doch die Realität am Silvesterabend holte die hochfliegenden Pläne brutal auf den Boden der Tatsachen zurück.

Gähnende Leere statt Menschenmassen

Schon kurz nach Beginn der Live-Übertragung um 20:15 Uhr machten sich die ersten Irritationen breit. Andrea Kiewel und Johannes B. Kerner, das routinierte Moderatoren-Duo, versuchten mit gewohnter Professionalität und überbordender Euphorie, Stimmung zu machen. “Hier steppt der Bär!”, wollte man den Zuschauern zu Hause suggerieren. Doch die Kamerawinkel erzählten – oder besser gesagt, verschwiegen – eine andere Geschichte. Immer wieder wurde eng auf die Bühne geschnitten, Weitwinkelaufnahmen der Zuschauermenge waren rar gesät. Und wenn sie kamen, offenbarten sie das Dilemma: Große Lücken im Publikum, viel nasser Asphalt und eine Stimmung, die eher an einen verregneten Sonntagnachmittag erinnerte als an die größte Party des Landes.

Die nackten Zahlen bestätigen diesen Eindruck. Während in Berlin früher Zehntausende kostenlos feierten, mussten die Hamburger für das Vergnügen bezahlen. Rund 30 Euro kostete ein Ticket. Geplant hatte der Veranstalter optimistisch mit 12.000 Besuchern. Doch bis zum Silvesterabend waren laut Berichten des “Hamburger Abendblatt” gerade einmal rund 9.000 Karten verkauft worden. Selbst eine kurzfristig eingerichtete Abendkasse konnte das Ruder nicht mehr herumreißen. Ein Viertel der Kapazität blieb ungenutzt – und das sah man.

„Tote Hose in Hamburg“: Das Netz lacht sich ins Fäustchen

Während Andrea Kiewel im pinken Outfit gegen den hanseatischen Nieselregen anmoderierte, liefen die sozialen Netzwerke heiß. Besonders auf der Plattform X (ehemals Twitter) sammelte sich der Spott der Fernsehnation. Der Hashtag #Willkommen2026 trendete, aber nicht aus Begeisterung.

“Warum ist da fast keiner vor Ort?”, fragte ein User ungläubig. Ein anderer kommentierte bissig: “Findet das in Hamburg unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt oder sind da überhaupt mehr als 250 Leute?” Die Diskrepanz zwischen der von den Moderatoren herbeigeredeten “Wahnsinns-Stimmung” und den tristen Bildern war für viele Zuschauer kaum zu ertragen. “Immer die gleichen zehn Zuschauer im Bild und tote Hose in Hamburg”, unkte ein weiterer Kritiker.

Besonders bitter waren die Berichte von Augenzeugen, die tatsächlich vor Ort waren. Ein Besucher schrieb live von der Veranstaltung: “Falls es im Fernsehen voll aussieht: Es ist absolut leer hier.” Diese Ehrlichkeit aus erster Hand entlarvte die inszenierte Fröhlichkeit der TV-Show gnadenlos. Das typische Hamburger “Schietwetter” tat sein Übriges. Grau, nass und windig präsentierte sich die HafenCity, was viele spontane Feierlustige wohl endgültig davon abhielt, sich noch auf den Weg zur Elbe zu machen.

Ein Line-up ohne Zugkraft?

Lag es nur am Wetter und den Ticketpreisen? Oder konnte auch das Programm nicht überzeugen? Dabei hatte das ZDF durchaus namhafte Künstler aufgefahren. Johannes Oerding, ein Lokalmatador, sollte die Hamburger Herzen erwärmen. Dazu gesellten sich Michael Patrick Kelly, Kerstin Ott, die britische Boygroup Blue und Party-Garanten wie Felix Jaehn und Das Bo. Eigentlich eine Mischung, die für Stimmung sorgen sollte.

Doch der Funke wollte einfach nicht überspringen. Die “schwimmende Bühne” vor dem Einkaufszentrum Westfield Hamburg-Überseequartier wirkte im Fernsehen zwar technisch imposant, schuf aber auch eine seltsame Distanz zum Publikum. Während am Brandenburger Tor die Stars quasi inmitten der Menge performten, wirkte die Inszenierung in Hamburg steril und distanziert. Die Energie verpuffte über dem Wasser der Elbe, anstatt die Menge mitzureißen.

Kerner verteidigt die Show – Kritik perlt ab

Moderator Johannes B. Kerner, Medien-Profi durch und durch, versuchte noch während der Berichterstattung und in Interviews, die Wogen zu glätten. Gegenüber dem “Hamburger Abendblatt” gab er sich kämpferisch und wies die Kritik zurück: “Dass es kritische Stimmen gibt, ist kein Hamburg-Phänomen. Schöne Grüße aus Berlin, kann ich da nur sagen.” Er argumentierte, dass Neues und Ungewohntes immer für Unsicherheit sorge.

Doch diese Verteidigungshaltung wirkt angesichts der Bilder fast ein wenig trotzig. Die “Aversion gegen Großveranstaltungen”, die Kerner ins Feld führte, scheint weniger das Problem zu sein als vielmehr das spezifische Konzept dieser Veranstaltung. Eintrittspreise für eine TV-Show-Kulisse bei schlechtem Wetter zu verlangen, während man in Berlin jahrelang “umsonst und draußen” gewohnt war, erwies sich als schwere strategische Fehleinschätzung.

Berlin feiert trotzdem – und billiger

Die Ironie der Geschichte: Auch in Berlin wurde gefeiert, wenn auch eine Nummer kleiner. Trotz der Absage der großen Show gab es am Brandenburger Tor eine DJ-Party und ein Feuerwerk, das von der ARD übertragen wurde. Und hier zeigte sich der Unterschied: Für die rund 20.000 verfügbaren Tickets, die kostenlos ausgegeben wurden, war die Nachfrage riesig. Die Menschen wollten feiern – nur eben nicht für 30 Euro im Hamburger Nieselregen, um als Statisten für eine Fernsehsendung zu dienen.

Das Feuerwerk in Hamburg, das um Mitternacht über der Elbe gezündet wurde, bildete den Abschluss eines durchwachsenen Abends. Zwar technisch einwandfrei, fiel es im direkten Vergleich zu den monumentalen Pyro-Shows der vergangenen Jahre in Berlin deutlich kleiner aus. “Vier Minuten und vorbei”, monierten einige Zuschauer. Auch hier fehlte der “Wumms”, den man von der größten Silvestershow des Landes erwartet hätte.

Fazit: Ein teures Missverständnis?

Was bleibt also von “Willkommen 2026”? Für das ZDF und die Stadt Hamburg ist die Bilanz ernüchternd. Der Versuch, die Hauptstadt-Atmosphäre eins zu eins in die Hansestadt zu verpflanzen und dabei auch noch zu monetarisieren, ist gescheitert. Die Zuschauer haben mit den Füßen abgestimmt – oder besser gesagt, indem sie zu Hause blieben.

Für das kommende Jahr werden sich die Verantwortlichen am Mainzer Lerchenberg und im Hamburger Rathaus einige unangenehme Fragen stellen müssen. Kann man dieses Konzept retten? Muss der Eintritt wieder fallen? Oder kehrt die Show am Ende doch reumütig nach Berlin zurück, sofern man sich dort finanziell einigen kann?

Eines hat dieser Silvesterabend deutlich gezeigt: Stimmung lässt sich nicht verordnen, und eine TV-Show braucht mehr als nur eine teure Bühne und bekannte Gesichter. Sie braucht Herz, Atmosphäre und ein Publikum, das wirklich Lust hat, dabei zu sein. In Hamburg hat das ZDF 2025/2026 leider ins Leere gesendet. Es bleibt abzuwarten, ob aus dem “Zuschauer-Flop” die richtigen Lehren für “Willkommen 2027” gezogen werden. Bis dahin bleibt den Hamburgern zumindest der Trost: Das nächste Silvester kommt bestimmt – und das Wetter kann eigentlich nur besser werden.