Weihnachten ist traditionell die Zeit der Besinnung und der Familie. Doch abseits von Gänsebraten und Geschenken entstehen oft die tiefgründigsten Gespräche, wenn die Kinder erwachsen sind und die Weltlage keinen Raum mehr für Oberflächlichkeiten lässt. So erging es einer engagierten Bürgerin, die auf ihrem Kanal „warum.kritisch“ von einem bewegenden Austausch mit ihren beiden Söhnen am ersten Weihnachtstag berichtet. Die zentrale Frage ihres ältesten Sohnes – „Mutti, kann es sein, dass du aufgrund der 68er heute immer noch politisch so kritisch bist?“ – öffnete die Tür zu einer tiefgreifenden Analyse unserer heutigen Gesellschaft im Spiegel der Geschichte.

Die Sprecherin, geboren im Jahr 1955, gehört zu jener Generation, die den gesellschaftlichen Aufbruch der späten 1960er Jahre nicht nur miterlebt, sondern aktiv mitgeformt hat. Sie erinnert sich an eine Schulzeit auf dem Gymnasium, in der das Diskutieren, das Entkräften von Argumenten und das kritische Hinterfragen zum täglichen Handwerkszeug gehörten. Es war eine Zeit, in der das Elternhaus noch konservativ geprägt war, die Jugend aber lautstark gegen die verkrusteten Strukturen der Nachkriegszeit aufbegehrte. Die Ermordung von Benno Ohnesorg 1967 in Berlin, das Attentat auf Rudi Dutschke und die weltweiten Erschütterungen durch die Morde an Martin Luther King und Robert Kennedy bildeten den düsteren Hintergrund einer Politisierung, die bis heute nachwirkt.

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Besonders prägend war für sie die mangelnde Aufarbeitung der NS-Zeit in der jungen Bundesrepublik. Dass ehemalige NS-Größen und belastete Richter plötzlich wieder in Amt und Würden saßen, war für die damalige Studentenbewegung unerträglich. Die Forderung nach Transparenz und das Aufbrechen von blinder Autoritätsgläubigkeit wurden zu den Grundpfeilern ihrer Identität. Heute sieht sie mit großer Sorge, dass genau diese Werte – das Recht auf Kritik und das Hinterfragen von Regierungsmaßnahmen – unter einem massiven Druck stehen.

In ihrem emotionalen Plädoyer macht sie deutlich, wie unerträglich es für sie ist, wenn Kritik an der Regierung heute unter einen Generalverdacht gestellt wird. Sie verweist auf Expertenstimmen in den Medien, die behaupten, die heutige „neue Rechte“ bestünde aus jenen, die in den 68ern politisiert wurden. Für sie ist das eine gefährliche und unzulässige Vereinfachung. „Ich habe keine Ideologie, ich gehöre keiner Partei an – aber ich habe eine klare Haltung“, betont sie. Wer Macht missbrauche oder von der Bevölkerung blinden Gehorsam fordere, müsse kritisiert werden. Es sei der Kern der Demokratie, sich einzubringen und selbst zu denken. Dass kritische Bürger heute oft reflexartig als „Nazi“ oder „Rechts“ abgestempelt werden, empfindet sie als Armutszeugnis einer Gesellschaft, die offenbar wenig aus der Geschichte gelernt hat.

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Die Parallelen, die sie zieht, sind scharfzüngig und aktuell. Sie kritisiert die jüngsten Äußerungen aus dem politischen Berlin, wie etwa die Forderung nach Leistungskürzungen im Gesundheitssystem. Wenn Politiker behaupten, die Deutschen gingen zu oft zum Arzt, und gleichzeitig über die Einführung einer Praxisgebühr nachdenken, sieht sie darin lediglich eine Symptombekämpfung auf dem Rücken der Schwächsten. Das gesamte System bedürfe einer grundlegenden Strukturreform – weg von Fallpauschalen und einer unübersichtlichen Vielzahl an Krankenkassen. Dass Kritik an solchen sozialen Ungerechtigkeiten heute sofort in eine bestimmte politische Ecke gedrängt wird, bezeichnet sie als Populismus und einen Versuch, Debatten im Keim zu ersticken.

Ihr Rückblick reicht bis zum blutigen Niederschlag der Studentenbewegung auf dem Platz des himmlischen Friedens im Jahr 1989. Diese Ereignisse haben ihr gezeigt, wie zerbrechlich Freiheit ist und wie schnell Macht in Tyrannei umschlagen kann. Für sie bleibt die Abneigung gegen den Missbrauch von Macht das zentrale Motiv ihres Handelns. Wenn Regierungsvertreter heute sagen, Maßnahmen dürften nicht hinterfragt werden, schrillen bei ihr alle Alarmglocken.

68er-Bewegung – Wikipedia

Die Sprecherin schließt ihren Beitrag mit einem Appell an die Vernunft und das „klare Denken“. Sie sei froh über ihre Prägung durch die turbulenten Jahre der 68er, da sie ihr die Werkzeuge an die Hand gegeben haben, auch in stürmischen Zeiten standhaft zu bleiben. Ihr Video ist mehr als nur ein persönlicher Rückblick; es ist eine Mahnung, dass Demokratie kein statischer Zustand ist, sondern täglich durch kritisches Hinterfragen und aktives Einmischen verteidigt werden muss. In einer Zeit, in der der Raum für freien Diskurs gefühlt immer enger wird, ist ihre Stimme eine Erinnerung daran, dass der Geist der 68er – der Geist des Widerstands gegen Ungerechtigkeit – lebendiger ist denn je.