Einige Momente im deutschen Fernsehen hallen so laut nach, dass sie das aktuelle Zeitgeschehen noch immer dominieren. Einer dieser Momente war zweifellos der angebliche „finale“ Abschied von Thomas Gottschalk von der großen TV-Bühne. Doch fernab der offiziellen Kameras, bei Oliver Pochers privatem Rückblick im Berliner Admiralspalast, sorgte ein anderer Titan des deutschen Fernsehens, Günther Jauch, für die wahre Schlagzeile des Abends. Jauch nutzte die Gelegenheit, um mit einer schonungslosen und zutiefst menschlichen Kritik an der deutschen Medien- und Öffentlichkeitsszene abzurechnen, die in ihrer Schärfe lange nachwirken wird. Im Zentrum seiner Wut: Die kalte Häme, die Thomas Gottschalk inmitten seines gesundheitlichen Kampfes entgegenschlug.

Der Abschied, der keiner sein soll

Die Spekulationen um Thomas Gottschalks Rückzug von der Fernsehwelt hatten die gesamte Republik in Atem gehalten. Nachdem der Showmaster vor der RTL-Sendung verkündet hatte, es sei sein endgültiger Auftritt auf der großen Fernsehbühne – auch wenn er sich nicht gänzlich aus der Öffentlichkeit zurückziehen wolle –, schien ein Kapitel der deutschen Unterhaltungsgeschichte geschlossen. Doch Günther Jauch, Gottschalks langjähriger Weggefährte und kongenialer Partner in Shows wie „Die wissen nicht, was passiert“, zeigte sich von dieser finalen Ankündigung wenig überzeugt.

Jauch gewährte tiefe Einblicke hinter die Kulissen der Gottschalk-Abschiedsshow. Die Nervosität im Produktionsteam sei enorm gewesen, die Frage „Machen wir das live oder zeichnen wir das auf?“ sei intensiv diskutiert worden. Doch inmitten des Trubels habe nur eine Person bemerkenswerte Gelassenheit gezeigt: Thomas Gottschalk selbst. „Der einzige, der das ziemlich locker genommen hat, das war Thomas an dem Abend“, berichtete der „Wer wird Millionär“-Moderator.

Als Oliver Pocher nachhakte, ob Jauch an den endgültigen TV-Rückzug seines Freundes glaube, lieferte dieser einen Satz, der sofort zur Überschrift hätte werden können: „Das sollte man ihm nie so ganz abnehmen“. Diese augenzwinkernde, aber klare Aussage deutet auf die tiefe Verbundenheit und die jahrelange Erfahrung mit Gottschalks oft theatralischen Ankündigungen hin. Doch die lockere Spekulation wich schnell einer bitteren Ernsthaftigkeit, als Jauch auf den eigentlichen und weitaus tragischeren Grund für Gottschalks reduzierte Präsenz und die öffentliche Kritik zu sprechen kam.

Die Gesundheit steht im Vordergrund: Eine Lektion in Empathie

Thomas Gottschalk ist an Krebs erkrankt. Diese Tatsache, die von dem Entertainer selbst bekannt gegeben wurde, hätte in der öffentlichen Wahrnehmung unmissverständlich an erster Stelle stehen müssen. Für Jauch war klar: „Doch aktuell stehe die Gesundheit im Vordergrund“.

Mit eindringlichen Worten rief Jauch dem Publikum die brutale Realität vor Augen, die mit dieser Diagnose einhergeht. Er betonte die große Distanz zwischen dem, was ein Betroffener durchmacht, und dem, was Außenstehende sich vorstellen können. „Die meisten von uns können eben nicht nachvollziehen, was so eine Krankheit für einen bedeutet, was auch die Ungewissheit bedeutet, wie das Ganze ausgeht und wie die nächsten Untersuchungen sind“, mahnte Jauch. Diese Worte waren nicht nur eine Verteidigung Gottschalks, sondern eine universelle Lektion in Empathie und Demut.

Jauch unterstrich die tückische und allgegenwärtige Gefahr der Krankheit. Krebs mache vor niemandem halt, auch nicht vor Ikonen des öffentlichen Lebens. Die Tatsache, dass es nun auch das „ewige Glückskind des deutschen Fernsehens getroffen hat“, sei ein schmerzhafter Beweis dafür, „dass es jeder kriegen kann“. Mit diesem Satz verwandelte Jauch Gottschalks persönliches Schicksal in ein allgemeines menschliches Drama, das die Öffentlichkeit zur Selbstreflexion zwingen sollte.

„Typisch Deutsch“: Die Kultur des Niederreißens

Der wohl explosivste Teil von Jauchs Rede war seine harsche Kritik an der Art und Weise, wie die deutsche Öffentlichkeit und Teile der Medien mit Berühmtheiten umgehen, die vermeintlich Schwäche zeigen. Gottschalk war nach seinen Auftritten bei den Verleihungen des Bambis und der Romi-Preise, die als „desorientiert wirkend“ beschrieben wurden, massiver Kritik ausgesetzt. Für Jauch war dieser Mechanismus zutiefst traurig und symptomatisch für einen hässlichen nationalen Zug.

„Das ist typisch Deutsch, dass die Leute teilweise einfach auch hochgeschossen werden sollen, damit sie dann ein schöneres Ziel abgeben, um sie dann niederzuschreiben oder niederzumachen“, kritisierte Jauch. Dieser Mechanismus, der erst zur Vergötterung und dann zur genüsslichen Demontage führt, wurde von Jauch gnadenlos demaskiert. Er prangerte die perverse Freude an, die einige daran empfinden, Helden zu Fall zu bringen, und die Leichtigkeit, mit der komplexe, menschliche Situationen auf simple, negative Narrative reduziert werden. Es ist eine Kultur der Schadenfreude, die ihre Opfer benötigt, um sich selbst zu bestätigen – ein moralischer Missstand, der das gesamte mediale Ökosystem infiziert.

Jauch wies darauf hin, dass die Kritik nicht nur unfair, sondern angesichts der Umstände zutiefst unmenschlich sei. Ein Showmaster, der mit den körperlichen und mentalen Belastungen einer Krebserkrankung kämpft, sollte nicht wegen eines kurzen Moments der Unachtsamkeit oder Desorientierung an den Pranger gestellt werden. Das Publikum, so Jauchs unausgesprochene Botschaft, hat in diesem Fall seine moralische Kompassnadel verloren.

Die Unmoral der „Häme“, die nicht aufhört

Die Spitze von Jauchs emotionalem Plädoyer bildete die Verurteilung der anhaltenden „Häme“ – der boshaften, hämischen Kritik –, die selbst angesichts der schweren Krankheit Gottschalks nicht verstummen wollte. „Was ich bemerkenswert finde, ist, wenn Menschen wirklich sehr, sehr krank sind und das nach außen auch zugeben und man im Grunde auch nicht weiß, wie die ganze Geschichte ausgeht, dass diese Häme dann gar nicht aufhört“.

Diese anhaltende Boshaftigkeit, so Jauch, zeuge von einem Mangel an grundlegendem menschlichen Anstand. Es sei die schockierende Erkenntnis, dass selbst die größte Notlage eines Menschen nicht ausreicht, um die Schreibfedern der Kritiker und die Tasten der anonymen Hater zum Schweigen zu bringen. Es geht nicht mehr um journalistische Kritik oder faire Bewertung, sondern um eine aggressive Form der Entmenschlichung.

Jauch schloss mit einem eindringlichen, persönlichen Statement, das die absolute Abgrenzung von solchen Personen forderte. Die Menschen, die angesichts der Krankheit eines anderen noch immer boshaft und gehässig urteilen, sind für Jauch moralisch untragbar. Er stellte klar, dass er mit solchen Charakteren persönlich nichts zu tun haben möchte. Diese Aussage ist weniger eine Drohung als vielmehr eine Verzweiflungstat: Die klare Ansage eines Mannes, der die Messlatte des menschlichen Anstands hoch hält und die erschreckende Realität zur Kenntnis nehmen muss, dass weite Teile der Gesellschaft – oder zumindest der diskussionsfreudige Teil – diese Latte nicht mehr erreichen.

Günther Jauchs Auftritt bei Oliver Pocher war mehr als nur ein Beitrag zum Rückblick. Es war eine zutiefst menschliche und mutige Brandrede, die das Licht auf einen der dunkelsten Flecken der deutschen Medienkultur wirft: die kaltherzige Tendenz, Helden zu Fall zu bringen, selbst wenn sie bereits am Boden liegen und mit dem Schlimmsten kämpfen. Gottschalks Abschied mag nicht endgültig sein, aber Jauchs Urteil über die deutsche Häme ist es definitiv. Es bleibt zu hoffen, dass seine Worte nicht nur Schlagzeilen produzieren, sondern eine längst überfällige Debatte über Anstand, Empathie und die Grenzen der Kritik in Gang setzen. Die wahre Stärke zeigte an diesem Abend nicht der Entertainer, der womöglich bald zurückkehrt, sondern der Kollege, der ihn in seinem schwersten Kampf mit unerschütterlicher Menschlichkeit verteidigte.