Es ist ein Szenario, das in den Parteizentralen von Berlin bis Magdeburg für Schnappatmung sorgen dürfte. Die politische Landschaft in Sachsen-Anhalt steht nicht nur vor einem Wandel, sie steht vor einer kompletten Eruption. Vor der majestätischen Kulisse des Naumburger Doms, einem Symbol für Beständigkeit und Geschichte, zeichnet sich in der aktuellen Stimmungslage der Wähler ein Bild ab, das an Dramatik kaum zu überbieten ist. Eine neue Umfrage des Meinungsforschungsinstituts INSA lässt die Alarmglocken schrillen und zeigt: Wenn an diesem Sonntag Landtagswahl wäre, bliebe in Sachsen-Anhalt kein Stein auf dem anderen.

Der blaue Riese: AfD enteilt der Konkurrenz

Die Nachricht schlägt ein wie eine Bombe: Die Alternative für Deutschland (AfD) erreicht in der aktuellen Sonntagsfrage einen historischen Höchstwert von 40 Prozent. Damit ist sie nicht nur die stärkste politische Kraft im Land, sondern dominiert das Feld mit einer Dominanz, die in der jüngeren deutschen Parteiengeschichte ihresgleichen sucht. Ein Vorsprung von 14 Prozentpunkten auf die zweitplatzierte CDU spricht eine deutliche Sprache. Zum Vergleich: Noch im Vorjahr lieferten sich beide Parteien ein Kopf-an-Kopf-Rennen, doch dieser knappe Vorsprung der Christdemokraten ist nicht nur aufgebraucht, er wurde förmlich pulverisiert.

Für die AfD ist dies ein Triumphzug ohnegleichen. Ein Zuwachs von fast 20 Prozentpunkten im Vergleich zur letzten Landtagswahl 2021, als die Partei noch bei rund 21 Prozent lag, zeugt von einer massiven Wählerwanderung und einer tiefgreifenden Unzufriedenheit mit der etablierten Politik. Die Partei hat es geschafft, sich als das dominierende Sammelbecken für Protest und konservative Alternativen zu etablieren, und lässt die politische Konkurrenz weit hinter sich im Staub zurück.

Die CDU im freien Fall: Vom Dominator zum Verfolger

Für die CDU unter Ministerpräsident Reiner Haseloff ist diese Umfrage ein Desaster. Mit aktuell 26 Prozent ist die Union zwar noch zweitstärkste Kraft, doch der Abstand zur Spitze ist demütigend groß. Erinnern wir uns zurück: Bei der Landtagswahl 2021 konnte die CDU noch triumphieren und die politische Landschaft klar dominieren. Doch von dieser Stärke ist wenig geblieben. Ein Minus von 11 Prozentpunkten im Vergleich zum Wahlergebnis von 2021 ist mehr als nur ein Dämpfer; es ist ein Zeichen für einen massiven Vertrauensverlust.

Die Strategie der Mitte, die Abgrenzung nach rechts und die Regierungsarbeit in der aktuellen Koalition scheinen beim Wähler nicht mehr zu verfangen. Die Union befindet sich in einer Zwickmühle: Einerseits verliert sie bürgerliche Wähler, andererseits gelingt es ihr nicht, die abgewanderten Wähler zurückzugewinnen. In den Parteizentralen dürfte nun die Analyse auf Hochtouren laufen, denn wenn sich dieser Trend verfestigt, steht die CDU in ihrem einstigen Stammland vor existenziellen strategischen Fragen.

Das Debakel der Ampel-Parteien: Existenzangst pur

Noch dramatischer sieht es für die Partner der Bundesregierung aus. Die Grünen und die FDP stehen in Sachsen-Anhalt vor dem politischen Aus. Beide Parteien kommen in der aktuellen Umfrage nur noch auf jeweils 3 Prozent. Das bedeutet: Sie würden den Einzug in den Landtag verpassen. Für die FDP, die aktuell noch Teil der Landesregierung in Magdeburg ist, wäre dies der Rauswurf aus der Machtzentrale. Ein Verlust von 3 Prozentpunkten und der Absturz in die Bedeutungslosigkeit der “Sonstigen” ist eine bittere Pille für die Liberalen.

Auch die Grünen, die schon immer einen schweren Stand im Osten hatten, verharren auf einem mikroskopischen Niveau. Die Themen der Ökopartei scheinen an den Sorgen und Nöten der Menschen in Sachsen-Anhalt völlig vorbeizugehen. Mit diesen Werten ist keine Staatspolitik zu machen, und die Träume von einer Regierungsbeteiligung zerplatzen wie Seifenblasen. Es ist ein vernichtendes Urteil der Wähler über die Politik der Ampel im Bund, das nun gnadenlos auf die Landesebene durchschlägt.

Die Linke und das Phänomen BSW: Neuordnung im linken Lager

Während die bürgerliche Mitte blutet, gibt es Bewegung am linken Rand des Spektrums. Die Linke, einst die führende Kraft im Osten, erlebt eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Nach einem Absturz auf 4 Prozent in Umfragen von 2023 hat sich die Partei wieder auf 11 Prozent berappelt und belegt damit Platz 3. Sie profitiert offenbar von der Schwäche der SPD und der Grünen, kann aber an alte Glanzzeiten nicht anknüpfen.

Besonders spannend ist der Blick auf das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Die neu gegründete Partei schafft es aus dem Stand auf 6 Prozent und zieht damit gleichauf mit der SPD. Das ist ein beachtlicher Einstand für eine politische Kraft, die noch keine lange Organisationsgeschichte vorzuweisen hat. Das BSW scheint genau in die Lücke zu stoßen, die von enttäuschten Linken-Wählern und unzufriedenen Sozialdemokraten hinterlassen wurde. Mit 6 Prozent wäre das BSW sicher im Landtag vertreten und könnte sofort zu einem Zünglein an der Waage werden – oder zumindest die Koalitionsarithmetik noch komplizierter machen.

Die SPD: Stagnation im Jammertal

Für die Sozialdemokraten gibt es wenig Grund zur Freude. Mit 6 Prozent dümpelt die Kanzlerpartei auf einem historischen Tiefstand dahin, gleichauf mit dem Neuling BSW. Von einer Volkspartei ist in diesen Zahlen nichts mehr zu spüren. Die SPD ist in Sachsen-Anhalt zu einer Kleinpartei geschrumpft, die kaum noch Gestaltungsmacht beanspruchen kann. Dass sie nun sogar von einer Wagenknecht-Partei eingeholt wird, ist eine politische Demütigung besonderer Art.

Koalitionschaos vorprogrammiert

Wirft man einen Blick auf die möglichen Regierungskonstellationen, so gleicht das Ergebnis einem politischen Schachmatt für die Etablierten. Die aktuelle “Deutschland-Koalition” aus CDU, SPD und FDP hat keine Mehrheit mehr. Da die FDP aus dem Landtag fliegen würde und die SPD nur noch 6 Prozent beisteuert, reichen die 26 Prozent der CDU bei weitem nicht aus, um eine stabile Regierung zu bilden.

Mit einer AfD bei 40 Prozent wird die Regierungsbildung zu einem mathematischen und politischen Albtraum für alle anderen Parteien. Da alle anderen Fraktionen eine Zusammenarbeit mit der AfD kategorisch ausschließen, bliebe rein rechnerisch nur ein breites Bündnis aller übrigen Parteien (“Allparteienkoalition gegen Rechts”), um überhaupt eine Mehrheit gegen die AfD zu organisieren. Doch wie stabil wäre ein Bündnis, das von der CDU bis zur Linken und dem BSW reichen müsste? Solche Konstellationen sind oft instabil und treiben die Wähler, die sich eine klare Kante wünschen, nur noch weiter in die Arme der Protestparteien.

Fazit: Ein Weckruf, der nicht überhört werden darf

Diese Umfrage ist mehr als nur eine Momentaufnahme; sie ist ein Symptom einer tiefen Entfremdung zwischen Regierenden und Regierten. Die Menschen in Sachsen-Anhalt senden ein klares Signal: “Weiter so” ist keine Option mehr. Die Themen Migration, Energiepreise, Inflation und der generelle Unmut über die Berliner Politik schlagen voll auf die Landesebene durch.

Der Naumburger Dom mag seit Jahrhunderten fest stehen, doch die politischen Festungen in Sachsen-Anhalt bröckeln gewaltig. Die etablierten Parteien müssen sich fragen, ob sie ihre Strategien, ihre Kommunikation und ihre Inhalte radikal überdenken müssen. Denn wenn diese Umfragewerte am Wahltag Realität werden, dann erleben wir nicht nur einen Regierungswechsel, sondern einen Systemschock, der die politische Kultur der Bundesrepublik nachhaltig verändern wird.

Für die Bürger bleibt es spannend. Werden die Parteien die Zeichen der Zeit erkennen? Oder steuern wir auf eine Unregierbarkeit zu, in der die stärkste Kraft ignoriert wird, während sich der Rest zu immer abenteuerlicheren Bündnissen zusammenraufen muss? Eines ist sicher: Der Wahlkampf in Sachsen-Anhalt, wann immer er auch stattfinden mag, wird einer der härtesten und bedeutendsten in der Geschichte dieses Bundeslandes werden.

Die Botschaft aus Magdeburg ist laut und deutlich: Die Karten werden neu gemischt, und das Blatt hat sich gewendet. Für CDU, SPD, Grüne und FDP geht es jetzt nicht mehr nur um Prozentpunkte, es geht um das politische Überleben im Osten. Die AfD hingegen sieht sich auf dem Weg zur Volkspartei neuen Typs im Osten, beflügelt von einer Wählerbasis, die ihr trotz – oder gerade wegen – der ständigen Kritik treu bleibt und wächst. Es bleiben turbulente Zeiten in Sachsen-Anhalt.