Die politische Landschaft in Deutschland im Jahr 2026 gleicht weniger einem geordneten System als vielmehr einem rauchenden Trümmerfeld. In einer Zeit, in der sich viele Bürger zunehmend politisch heimatlos fühlen, treten zwei prominente Stimmen hervor, deren Analysen unterschiedlicher kaum sein könnten und doch im Kern dasselbe Problem beschreiben: Eine tiefe Entfremdung zwischen der politischen Elite und der Lebensrealität der Menschen. Auf der einen Seite steht Manfred Güllner, der 84-jährige Gründer des Meinungsforschungsinstituts Forsa, ein Mann, der seit über fünf Jahrzehnten das Parteibuch der SPD trägt. Auf der anderen Seite der streitbare Schriftsteller und Journalist Matthias Matussek, ehemaliger Kulturchef des „Spiegel“. Beide rechnen gnadenlos ab – mit ihrer Partei, ihrer Ideologie und dem aktuellen Zustand der Debattenkultur.

Manfred Güllner: Die SPD als Reformbremse mit Sektencharakter

Wenn ein Urgestein wie Manfred Güllner das Wort ergreift, sollte man genau hinhören. Er wirft seiner eigenen Partei, der SPD, vor, sich in eine Art Sekte verwandelt zu haben. Güllner diagnostiziert einen massiven Kontaktverlust zur Realität. In seinen Augen wird die SPD von der breiten Bevölkerung nicht mehr als gestaltende Kraft wahrgenommen, sondern als reine Blockierer-Partei. Ob beim Bürgergeld oder der Rente – überall dort, wo dringende Strukturreformen notwendig wären, fungiere die SPD als Bremse.

Besonders schmerzhaft für die Genossen ist Güllners statistischer Beleg: Mit reiner Umverteilungspolitik hat die SPD historisch gesehen noch nie eine Wahl gewonnen. Dennoch verbeißt sich die Partei in kleinteilige moralische Selbstvergewisserungen und Rentenhaltelinien, während die großen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen wie ein Orkan über das Land fegen. Was Güllner beschreibt, ist das Bild einer Partei, die sich im Kleinklein der Gerechtigkeitssymbole verliert, während sie den Blick für das große Ganze und die Sorgen der arbeitenden Mitte längst eingebüßt hat.

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Matthias Matussek: Der moralische Bankrott der Linken

Szenenwechsel zu Matthias Matussek. In einem tiefgreifenden Gespräch mit dem Publizisten Alexander Wallasch zeichnet Matussek ein noch düstereres Bild. Für ihn hat die Linke in Deutschland jede moralische Legitimation verspielt. Seine These ist radikal: Die heutige Realität sei im Kern konservativ, ja sogar rechts, und die einzige Kraft, die noch ein echtes Rettungsprogramm anbiete, sei die AfD. Matussek sieht eine „links verseuchte“ Gesellschaftsstruktur, die von Brüssel über den journalistischen Mainstream bis hin zu den Kirchen und der Kunstszene reicht.

Sein Vorwurf wiegt schwer: Alles, was früher einmal rebellisch, frei und unangepasst war, komme heute „amtlich korrekt“ und belehrend daher. Matussek beschreibt diesen Zustand weniger als sachliche politische Analyse, sondern als eine Art kulturelle Scheidung mit Rosenkrieg. Er beklagt die Verengung von Debattenräumen, die Ausladung kritischer Geister und das Phänomen der Kontaktschuld, das wie ein Schatten über jedem freien Diskurs liege. Für ihn ist das heutige Establishment links-grün, moralisierend und zutiefst administrativ.

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Vom antiautoritären Geist zur Regelwut: Reiner Langhans und Johnny Rotten

Interessanterweise zieht Matussek zur Untermauerung seiner Thesen zwei Ikonen der Rebellion heran: Reiner Langhans, das Gesicht der 68er-Bewegung, und Johnny Rotten, den Frontmann der Sex Pistols. Langhans, ein jahrzehntelanger Freund Matusseks, sieht einen fundamentalen Bruch. Das „alte Links“ war antiautoritär, staatskritisch und misstraute jeder Form von Macht. Das „neue Links“ hingegen sei regelverliebt, moralinsauer und klammere sich so sehr an die Macht, dass man sogar bereit sei, mit der CDU eine Zweckgemeinschaft einzugehen – ein Bündnis, das für die alte Linke undenkbar gewesen wäre.

Dazu passt das Zitat von Punk-Legende Johnny Rotten, der sinngemäß feststellte, dass er es kaum glauben könne, dass heute die Konservativen die neue Avantgarde seien. Der Grund ist simpel: Punk war immer gegen das Establishment. Wenn das Establishment heute grün-links ist, dann wird die konservative oder gar rechte Haltung automatisch zur neuen Rebellion. Es ist eine verkehrte Welt, in der die einstige Gegenkultur zur staatstragenden Moralpolizei geworden ist.

Johnny Rotten – Wikipedia

Das Vakuum der Mitte: 60 Prozent ohne Heimat

Inmitten dieser harten Fronten wirft Alexander Wallasch eine entscheidende Zahl in den Raum: Rund 70 bis 75 Prozent der Deutschen wählen nicht die AfD. Doch diese Menschen sind nicht automatisch glücklich mit dem links-grünen Kurs. Es entsteht ein gewaltiges Kompetenzvakuum. Weder die zerstrittene SPD noch die belehrenden Grünen oder eine konturlose CDU bieten diesen Menschen eine echte politische Heimat.

Die Masse der Bürger sitzt zwischen den Stühlen. Sie erleben keinen klassischen „Rechtsruck“ aus Überzeugung, sondern eine Fluchtbewegung aus Mangel an Alternativen. Die AfD besetzt hier eine Marktlücke, die durch das Versagen der anderen Parteien erst entstanden ist. Ob sie die Probleme lösen kann, steht auf einem völlig anderen Blatt, doch sie profitiert davon, dass die politische Elite keine Antworten mehr liefert, die bei den Menschen ankommen.

Fazit: Die Realität lässt sich nicht belehren

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass die Realität weder links noch rechts ist. Sie ist schlichtweg unbeindruckt von moralischen Appellen und ideologischen Grabenkämpfen. Die Menschen fragen sich: Wer kann es? Wer liefert Ergebnisse? Wer hört auf, mich für dumm zu verkaufen? Solange der politische Raum zwischen Güllners SPD-Kritik und Matusseks Rechts-Abrechnung leer bleibt, wird die Verbitterung im Land weiter wachsen.

Wahre politische Reife bedeutet nicht, sich ein schlechtes Angebot als moralisch wertvoll verkaufen zu lassen. Es bedeutet, kritisch zu bleiben und einzufordern, dass Politik wieder als Dienst am Bürger und nicht als Erziehungsmaßnahme verstanden wird. Die Leere in der Mitte wächst, und die Realität wird uns früher oder später einholen – ganz ohne Parteibuch, aber mit voller Wucht.