Das Schweigen brechen: Katja Ebsteins späte Abrechnung mit der Schuld

In der Stimme von Katja Ebstein liegt heute eine Gelassenheit, die man nur nach einem langen Leben voller extremer Höhen und tiefster, verborgener Abgründe erlangt. Es ist die Ruhe einer Frau, die ihre eigene Geschichte nicht nur überlebt, sondern sie in Sinn und Engagement verwandelt hat. Die Öffentlichkeit kennt sie als Deutschlands „Wundermacherin“, die mit „Wunder gibt es immer wieder“ eine Hymne der Hoffnung auf die Bühne des Eurovision Song Contest zauberte. Sie ist die ungeschlagene ESC-Königin Deutschlands, die sich dreimal in den Top 3 platzierte, eine Ikone, die den Schlager hinter sich ließ, um eine kämpferische Theater- und Kabarettistin zu werden.

Doch hinter dem feurigen Haar und der makellosen Haltung verbarg sich jahrzehntelang eine Geschichte, die sie beinahe zerbrochen hätte. Eine Geschichte, die nicht von Ruhm, sondern von einer Schuld handelte, die so schwer wog, dass sie ihr inneres Fundament erschütterte. Jetzt, im reifen Alter von 80 Jahren, hat Katja Ebstein endlich über die Tragödie gesprochen, die sie beinahe zwei Leben kostete und deren Echo ihr Gewissen über Jahrzehnte hinweg prägte. Es ist ein Geständnis, das mehr über die Frau hinter der Legende verrät als jeder Chart-Erfolg.

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Ein Leben zwischen Ruinen und Rebellion

Katja Ebstein, die als Karin Ilse Witkiewicz 1945 in einem zerbombten Nachkriegsdeutschland in Niederschlesien geboren wurde, war von Anfang an ein Kind des Umbruchs. Ihre Familie, vertrieben und entwurzelt, fand in Berlin-Reinickendorf eine neue Heimat. Die Epensteinstraße, in der sie aufwuchs, lieferte später den Künstlernamen, unter dem sie zur Legende werden sollte: Ebstein.

Inmitten des politischen und seelischen Chaos der geteilten Stadt entwickelte die junge Katja eine ruhelose Neugier. Sie studierte Archäologie und Romanistik an der Freien Universität Berlin – ein stiller Weg, der weit entfernt schien vom späteren Scheinwerferlicht. Doch das vibrierende Berlin der 1960er Jahre, geprägt von der Studentenbewegung, Protestszenen und verrauchten Künstlerkneipen, weckte eine andere Seite in ihr. Sie begann, in Studentencafés zu singen. Ihre Stimme war nicht nur schön; sie war roh, ehrlich und trug die emotionale Wahrheit einer Generation, die nicht länger schweigen wollte.

Ihr musikalischer Durchbruch kam durch die Zusammenarbeit mit dem Komponisten Christian Bruhn, der das Potenzial ihrer Stimme erkannte und ihr das Lied „Wunder gibt es immer wieder“ auf den Leib schrieb. Als sie 1970 mit diesem Titel den deutschen Vorentscheid gewann, betrat sie einen Sturm, auf den sie nicht vorbereitet war. In Amsterdam belegte sie den dritten Platz – ein Triumph, der sich wie ein nationaler Sieg anfühlte. Über Nacht war sie ein Star, doch der Ruhm war eine fremde und beängstigende Last. „Ich hatte keine Ahnung, was da geschah“, gestand sie später. „Als ich von der Bühne ging, konnte ich nicht einmal eine Teetasse halten. Alles zitterte.“

Ihr Erfolg, gefestigt durch weitere ESC-Teilnahmen mit „Diese Welt“ (1971) und „Theater“ (1980), machte sie zur erfolgreichsten deutschen ESC-Künstlerin aller Zeiten. Doch diese glanzvolle Identität, die aus Bühnenlicht und Illusion gebaut war, begann, die stille, intellektuelle Karin Ilse Witkiewicz zu verschlingen. Die Welt wollte die Wundermacherin, nicht die Frau dahinter. Und Ebstein spürte den wachsenden Druck, die Erwartungen zu erfüllen, während ihre Seele nach tieferem Sinn suchte.

Die Nacht der schrecklichen Stille

Während ihre Karriere florierte, wurde ihr Privatleben zur Bühne für Herzschmerz und Suche. Die Ehe mit Christian Bruhn zerbrach 1976. Nur drei Jahre später fand sie in Klaus Überall, einem Regisseur und Autor, einen Partner, der nicht den Popstar, sondern die Künstlerin mit Gewissen in ihr sah. Klaus Überall drängte sie, das glatte Schlager-Image abzulegen und auf die Theaterbühne zu gehen. Unter seiner Regie feierte sie ihr Debüt in Professor Unrat – eine kreative Wiedergeburt, in der ihre politischen Instinkte und ihre poetische Tiefe endlich atmen konnten.

Doch gerade als Katja Ebstein diese kreative Ruhe fand, schlug das Schicksal mit einer Grausamkeit zu, die ihr Leben traumatisch prägen sollte. Es geschah in einer kalten Nacht während einer Tournee, eine kleine, scheinbar harmlose Entscheidung, die beinahe zur Katastrophe führte.

Nach einem späten Auftritt auf der Insel Rügen fuhren Katja, ihr Mann Klaus und ein enger Freund zurück nach Berlin. Es war fast Mitternacht, die Müdigkeit drückte schwer auf alle. Bei einem Rasthof entschieden sie, die lange 300 Kilometer weite Fahrt fortzusetzen. Katja, immer hilfsbereit, bot an, das Steuer zu übernehmen. „Ich fühlte mich eigentlich ganz fit“, erinnerte sie sich später. Doch sie ignorierte die leise Stimme der Erschöpfung in ihrem Kopf, jene innere Stimme, die sie hätte warnen müssen.

Wenige Minuten nach der Weiterfahrt ereignete sich der Schreckensmoment. „Es war, als hätte ich einen Schlag auf den Kopf bekommen“, berichtete sie. „Plötzlich war alles weg. Ich war einfach fort.“ Das Auto geriet ins Schlingern, streifte einen vorbeifahrenden Lastwagen. Schreie füllten den Wagen, der LKW-Fahrer riss das Steuer herum. Nur um Sekunden wurde eine tödliche Kollision vermieden. Als das Fahrzeug auf dem Standstreifen zum Stillstand kam, herrschte eine lähmende Stille, die nur blieb, wenn der Tod knapp vorbeigegangen ist.

Niemand wurde körperlich verletzt, aber die psychische Narbe war unheilbar. „Es hat mich innerlich zerstört“, gestand Ebstein Jahre später. „Der Gedanke, dass ich zwei Menschen auf dem Gewissen hätte haben können. Ich konnte mir das lange nicht verzeihen.“ Dieses Gefühl der Schuld, der tiefen Verantwortungslosigkeit in einem Moment der Unachtsamkeit, wurde zu einem unentrinnbaren Mahnmal in ihrer Seele.

Datei:2016 Katja Ebstein - by 2eight - 8SC5122.jpg – Wikipedia

Vom Schmerz zur politischen Tatkraft

Dieser fast tödliche Fehler, dieses private Scheitern, wurde zur Triebfeder für Katja Ebsteins spätere, unerschütterliche Haltung. Das Schuldgefühl zerstörte nicht ihre Karriere, es kanalisierte sie. Sie konnte nicht mehr nur leichte Unterhaltung bieten, nicht mehr nur für Applaus singen. Ihr Gewissen, genährt durch die traumatische Erinnerung, verlangte nach Sinnhaftigkeit.

Unter der Ägide von Klaus Überall fand sie diesen Weg in der Kunst. Sie trat in Musicals auf, spielte Brecht und vertonte Heinrich Heine, um literarische und politische Verse in die Charts zu bringen. Ihre Kunst wurde zum Spiegel moralischer Konflikte. Sie war nicht länger eine Sängerin, die schauspielerte; sie war eine Künstlerin, die Schmerz, Reue und Ironie verstand und sie in eine neue Sprache goss.

Ihr politisches Engagement war keine PR-Geste, sondern instinktiv. Schon in den 1970er Jahren unterstützte sie Willy Brandts Wahlkampf, marschierte für den Frieden und schloss sich in den 1980ern der westdeutschen Friedensbewegung an. Sie sprach sich gegen Krieg und Ungleichheit aus, lange bevor es populär wurde. Die Tragödie auf Rügen hatte ihren moralischen Kompass justiert: Wenn das eigene Leben so zerbrechlich war und der Tod so plötzlich zuschlagen konnte, musste die verbleibende Zeit für das Gute genutzt werden. Jede Stiftung, jeder Protest, jedes Kind, dem sie später half, trug in sich ein Flüstern der Erlösung.

In den 1990er Jahren, als der Mainstream die Nostalgie des Schlagers feierte, widerstand Ebstein der Versuchung der bequemen Rückkehr. Sie blieb ihrer Linie treu, Kunst als moralische Reflexion zu verstehen, und etablierte sich als die „Grand Dame des Gewissens“. Ihr Leitsatz: „Kunst muss etwas zu sagen haben, sonst ist sie nur Dekoration.“

Der letzte Vorhang und die Stiftung als Anker

Im Jahr 2008 musste Katja Ebstein den schwersten Verlust ihres Lebens hinnehmen. Klaus Überall, ihr Anker, ihr Spiegel, ihr Mitstreiter, starb nach Monaten des Kampfes an Krebs. Für eine Frau, die ihr Leben lang über Wunder gesungen hatte, blieb das größte Wunder, das sie sich erbat, verwehrt. Nach seinem Tod zog sie sich vollständig von der Bühne zurück. Das gemeinsame Haus bei München versank in tiefer Stille, die Trauer war überwältigend. „Wenn man jemanden verliert, der das eigene Leben definiert hat“, sagte sie in dieser Zeit, „verliert man nicht nur Liebe, man verliert die Richtung.“

Doch Katja Ebstein ist eine Überlebende, nicht nur des Krieges und des Ruhms, sondern auch des tiefsten Schmerzes. Aus der Dunkelheit heraus fand sie einen bemerkenswerten Weg, ihren Schmerz in Sinn zu verwandeln. Die bereits 2004 ins Leben gerufene, aber erst nach Klaus’ Tod wirklich aktivierte Katja Ebsteinstiftung, wurde ihr neues Lebenswerk. Ihr Ziel war klar: Kinderarmut bekämpfen, Bildung fördern und Heilung dorthin bringen, wo sie am dringendsten gebraucht wurde.

Das Projekt „Tanzen baut Brücken, Tanzen heilt“, inspiriert durch ihre Teilnahme bei Let’s Dance, manifestierte ihren Glauben, dass Rhythmus und menschliche Verbindung gebrochene Seelen heilen können. Es wurde ihre Art, Klaus Überalls kreative Energie lebendig zu halten und sie in etwas zu verwandeln, das über die Trauer hinausreichte. Sie unterstützte Projekte in Peru und in Mali, stets getreu dem Prinzip der „Hilfe zur Selbsthilfe“. „Ich weiß, wie es ist, bei Null anzufangen“, sagte sie einmal in Anspielung auf ihre eigene Kindheit als Flüchtlingskind. „Man vergisst nie, wie es sich anfühlt, keine Sicherheit, keine Zukunft zu haben.“\

Katja Ebstein im MM-Interview

Erlösung in der Gelassenheit

Selbst in ihren späten 70ern und 80ern weigerte sich Katja Ebstein, als bloße Erinnerung zu existieren. Sie nutzte ihre Stimme weiterhin, um herauszufordern, sei es in literarischen Programmen in kleinen Theatern oder als engagierte Sozialaktivistin, die sich 2024 mit dem Lied „Song nicht mit uns“ klar gegen den Aufstieg der rechten AfD positionierte. 2008 erhielt sie für ihre moralische Wirkung das Bundesverdienstkreuz, eine seltene Ehre, die nicht nur ihre Kunst, sondern ihre Integrität würdigte.

In ihrem stillen Zuhause in Oberbayern, oder auf ihrer geliebten Insel Amrum, hat Katja Ebstein heute den Frieden gefunden, den sie auf der turbulenten Bühne des Ruhms vergeblich suchte. Mit 80 Jahren ist der Applaus dem Rauschen des Meeres gewichen. Die Augen, die 1970 auf der Eurovision-Bühne noch nervös blickten, sind weicher geworden, aber ihre Haltung ist ungebrochen.

Und nun, nach Jahrzehnten des Schweigens, hat sie endlich über den Moment der tiefsten Scham gesprochen, die Nacht auf Rügen. Ihre Worte in späten Interviews kommen ohne Rechtfertigung, schlicht und schonungslos: „Ich war unachtsam. Ich dachte, ich könnte alles kontrollieren – meine Karriere, meinen Körper, mein Schicksal. Aber in diesem Augenblick wurde mir klar, wie zerbrechlich wir sind.“ Es war kein öffentliches Geständnis aus Mitleid, sondern eine private Abrechnung.

Vergebung, sagte sie, habe ein halbes Leben gedauert. Dieses späte Geständnis offenbart die menschliche Tragödie hinter der „Wundermacherin“: Hinter Erfolg und Engagement stand immer eine Frau, getrieben von Schuld, Mitgefühl und dem unbändigen Bedürfnis, ihrem Leben einen Sinn zu geben, der die Unachtsamkeit jener Nacht heilen sollte. Der Unfall definierte sie nicht, aber er formte ihr Gewissen. Katja Ebstein hat gelernt, dass Schuld zerstören oder zu tiefem Mitgefühl lehren kann. Ihre Geschichte ist die eines Überlebens, das erst durch die Annahme der eigenen menschlichen Fehler wahrhaftig und heilsam wurde.