In der Welt des deutschen Rock ‘n’ Roll gibt es kaum eine Gestalt, die so unerschütterlich wirkt wie Peter Maffay. Seit über fünf Jahrzehnten steht er auf der Bühne, seine Stimme rau, seine Botschaften klar, sein Wille aus Stahl. Doch hinter der Fassade des Mannes, der „über sieben Brücken“ ging, verbirgt sich eine Seele, die mehr Narben trägt, als es das Rampenlicht vermuten lässt. Nun, im Alter von 76 Jahren, hat sich der Ausnahmekünstler dazu entschlossen, die Maske fallen zu lassen. Er spricht über das, was er jahrelang in sich verschlossen hielt: die tiefen Enttäuschungen durch Weggefährten und Kollegen, die ihn geprägt, herausgefordert und manchmal auch gebrochen haben.
Es ist keine Abrechnung aus Hass, sondern eine Reflexion aus der Weisheit des Alters. Maffay blickt zurück auf fünf Gesichter, die seine Karriere begleiteten und deren Taten oder Worte tiefe Spuren hinterließen. Es geht um die schmerzhafte Erkenntnis, dass Idole kleiner sein können, als man dachte, und dass Loyalität in der glitzernden Welt des Showgeschäfts ein rares Gut ist.
Nena: Die Kollision zweier Welten
Den Anfang macht eine Frau, die wie kaum eine andere für den Aufbruch der 80er Jahre steht: Nena. Maffay beschreibt die Begegnung mit ihr als einen Zusammenstoß der Kulturen. Während er sich mühsam als ernsthafter Rocker etabliert hatte, stürmte Nena mit einer Leichtigkeit und Naivität die Charts, die Maffay gleichermaßen bewunderte wie verabscheute. Bei einer Fernsehproduktion im Jahr 1983 trafen die Welten aufeinander. Nena, jung und wild, wollte „nicht alt werden“, während Maffay bereits den Wert von Beständigkeit und Tiefe verstanden hatte.
Für Maffay war Nena ein Spiegel seiner eigenen verlorenen Unbeschwertheit. Er empfand ihre Art oft als oberflächlich, doch im Rückblick erkennt er an, dass sie etwas besaß, das ihm fehlte: den unerschütterlichen Glauben, dass Musik allein die Welt verändern kann. Es war eine Enttäuschung über das Unverständnis füreinander, die erst Jahrzehnte später in einer sanften Versöhnung mündete.

Udo Lindenberg: Wenn der Stolz die Freundschaft spaltet
Besonders tief sitzt die Geschichte mit Udo Lindenberg. Die beiden gelten als die letzten Dinosaurier des deutschen Rock. In den 70er Jahren waren sie wie Brüder, verbrachten Nächte in Hamburger Bars und suchten gemeinsam nach dem Sinn im Lärm des Erfolgs. Lindenberg war das Chaos, Maffay die Struktur. Doch der Erfolg trieb einen Keil zwischen sie.
Ein einziger Satz in einem Interview reichte aus, um das Tischtuch zu zerschneiden: Lindenberg bezeichnete Maffays Rock ‘n’ Roll als „zu sauber“. Für den Perfektionisten Maffay war dies ein Schlag ins Gesicht. Es folgte jahrelanges Schweigen – ein Schweigen, das schwerer wog als jeder offene Streit. Erst viel später, in einem Backstage-Raum in Berlin, kam es zur Aussprache. Lindenberg gestand, dass Neid im Spiel war – Neid auf Maffays Fähigkeit, immer echt zu bleiben. Heute blicken sie mit Respekt aufeinander zurück, zwei alte Kämpen, die gelernt haben, dass sie einander als Korrektiv brauchten.
Herbert Grönemeyer: Das Schweigen der Giganten
Auf Platz drei findet sich Herbert Grönemeyer wieder. Maffay beschreibt ihn als den „Kollegen, der ihn vergaß“. In den 80ern galten beide als die intellektuellen Stimmen des Landes. Doch während Grönemeyer mit „Bochum“ zum Gesicht einer neuen, modernen Generation wurde, fühlte sich Maffay zunehmend an den Rand gedrängt. Die Presse stilisierte sie zu Rivalen: hier der Romantiker, dort der Denker.
Was Maffay am meisten schmerzte, war nicht Kritik, sondern die Distanz. Er hatte das Gefühl, Grönemeyer schämte sich für die „einfachen Worte“ und die großen Melodien des Rockers. Bei Veranstaltungen ging man aneinander vorbei, ein freundliches, aber kühles Nicken war alles, was blieb. Die Einsamkeit unter den Scheinwerfern wuchs. Erst ein spätes Lob Grönemeyers auf einer Bühne in Essen ließ Maffay erkennen, dass die gegenseitige Wahrnehmung doch tiefer war, als das jahrelange Schweigen vermuten ließ.

Julia Neigel: Die Frau, die den Kontrollverlust lehrte
Mit Julia Neigel verbindet Maffay eine explosive Geschichte. Ende der 80er Jahre war er von ihrer ungezähmten Energie fasziniert. Er förderte sie, nahm sie mit auf Tour, sah in ihr eine kleine Schwester. Doch Neigel war nicht bereit, sich dem strengen Regiment des Perfektionisten Maffay unterzuordnen. Sie forderte ihn heraus, kritisierte seinen Kontrollwahn und hielt ihm den Spiegel vor: „Kunst kann man nicht beherrschen.“
Dieser Satz traf Maffay ins Mark. Er verachtete sie damals für ihre Direktheit und bewunderte sie gleichzeitig für ihren Mut. Die Zusammenarbeit endete abrupt in eisiger Stille. Erst Jahre später konnte Maffay zugeben, dass sie recht hatte. Julia Neigel war diejenige, die ihm klarmachte, dass man verlieren kann, wenn man niemals loslässt.
Leslie Mandoki: Der Verrat des Bruders
Die schmerzhafteste aller Enttäuschungen betrifft Leslie Mandoki. Er war nicht nur ein Kollege, sondern ein „Bruder im Geiste“. Beide stammten aus dem Osten, beide waren Träumer, beide suchten in der Musik nach Freiheit. Gemeinsam wollten sie Großes schaffen, doch am Ende scheiterten sie an den profanen Dingen: Geld, Rechte, Macht.
Hinter verschlossenen Türen zerbrach das Vertrauen. Mandoki warf Maffay vor, kein Rebell mehr zu sein, sondern ein Unternehmer. Maffay konterte, Mandoki sei kein Freund mehr, sondern ein Manager. Es war ein Bruch, von dem sich die Freundschaft nie wieder erholte. Maffay gesteht heute ein, dass beide wohl zu stolz waren, um nachzugeben. Obwohl er Mandoki für den Verrat an ihrer gemeinsamen Vision lange grollte, bleibt am Ende ein Gefühl der Wehmut. „Freunde kann man nicht hassen“, sagt Maffay heute leise.
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Ein leiser Akkord zum Abschied
Heute, mit 76 Jahren, sitzt Peter Maffay in seinem Haus in Bayern und hört dem Regen zu. Die Wut ist verraucht, die Enttäuschungen sind zu Lektionen geworden. Er hat erkannt, dass diese fünf Stars ihm oft nur das spiegelten, was er an sich selbst nicht sehen wollte. Seine Stimme ist weicher geworden, sein Herz schlägt ruhiger.
Maffay ist kein Held der unfehlbaren Sorte. Er ist ein Mann, der gelernt hat, dass wahre Stärke darin liegt, Schwäche zuzugeben und zu vergeben. Wenn er heute „Über sieben Brücken musst du gehen“ singt, dann tut er das mit einer Tiefe, die nur jemand erreichen kann, der die Abgründe der menschlichen Beziehungen selbst durchschritten hat. Die Bühne mag leerer werden, doch der Akkord der Wahrheit klingt in ihm lauter denn je.
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