Kerstin Ott ist eine Frau, die wie kaum eine zweite für Authentizität in der deutschen Musiklandschaft steht. Mit ihrem Hit „Die immer lacht“ katapultierte sie sich 2016 aus dem Nichts in die Herzen von Millionen Menschen. Doch während das Land zu ihrem Remix tanzte, trug die Sängerin eine Last mit sich herum, die erst jetzt, im Alter von 43 Jahren, vollständig ans Licht kommt. In einem hochemotionalen Rückblick bricht sie ihr Schweigen über die Jahre der Selbstverleugnung, die inneren Kämpfe um ihre Identität und ein Geständnis, das ihren Weg in ein völlig neues Licht rückt: Man kann Liebe nicht spielen.

Um die Tiefe dieses Geständnisses zu verstehen, muss man zurückblicken in eine Kindheit, die von Instabilität und der Suche nach Zugehörigkeit geprägt war. 1982 in Berlin geboren, verbrachte Kerstin Teile ihrer frühen Jahre in einer Pflegefamilie, bevor sie in Norddeutschland adoptiert wurde. Dieses Gefühl des „Dazwischen-Stehens“ hinterließ tiefe Spuren. Schon früh spürte sie, dass sie anders war als die anderen Kinder – nachdenklicher, sensibler und mit einem Herzen, das nicht den gängigen Erwartungen entsprach. Während ihre Freundinnen über Jungs schwärmten, blieb Kerstin schweigend zurück. Sie fühlte eine Wahrheit in sich, für die sie damals noch keine Worte hatte und die sie aus Angst vor Ablehnung tief in sich verschloss.

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Die Musik wurde ihr erster sicherer Hafen. Bereits im Chor von Rolf Zuckowski erlebte sie die Freiheit, Gefühle ohne Rechtfertigung ausdrücken zu dürfen. Doch im Alltag blieb der Druck, sich anzupassen, enorm. Als junge Frau versuchte sie das Unmögliche: Sie versuchte, „normal“ zu sein. Sie ging eine Beziehung mit einem jungen Mann ein, die vier Monate dauerte. Heute bezeichnet sie diese Zeit als einen der wichtigsten Spiegel ihres Lebens. In diesen vier Monaten begriff sie schmerzhaft, dass sie eine Rolle spielte, die sie innerlich zerriss. „Ich habe mich damals mehr verletzt als ihn“, gestand sie später. Es war der klägliche Versuch, gesellschaftliche Normen zu erfüllen, nur um festzustellen, dass ihr Herz einen anderen Weg gehen musste.

Dieser innere Widerspruch floss Jahre später in den Song ein, der alles verändern sollte. „Die immer lacht“ war ursprünglich für eine Freundin geschrieben, die ihre Traurigkeit hinter einer fröhlichen Maske verbarg. Doch in Wahrheit beschrieb Kerstin damit auch ihre eigene Geschichte. Das Lächeln war oft ein Schutzschild, um keine Fragen beantworten zu müssen, auf die sie selbst noch keine Antwort geben wollte. Als der Song 2016 durch den Remix von Stereoact zum Mega-Hit wurde, stand plötzlich eine Frau im Rampenlicht, die ihr Leben lang versucht hatte, unsichtbar zu bleiben.

Kerstin Ott: Emotionale Worte an ihre Fans - Schlager.de

Der Erfolg brachte jedoch nicht nur Applaus. Kerstin entsprach nicht dem klassischen Bild eines Schlagerstars. Kein Glitzer, keine langen Haare, keine künstliche Perfektion. Sie blieb ihrem bodenständigen Stil treu, was sie zur Zielscheibe für Hass und Kritik machte. Besonders als sie ihre Homosexualität öffentlich machte, füllten sich die Kommentarfelder mit Beleidigungen. Man warf ihr vor, nicht weiblich genug zu sein oder ihre Sexualität als PR-Gag zu nutzen. Doch genau dieser Gegenwind machte sie stärker. Sie wehrte sich, stand zu sich selbst und wurde so, fast gegen ihren Willen, zu einem Vorbild für eine ganze Generation von Menschen, die sich ebenfalls am Rand der Gesellschaft fühlten.

Eine entscheidende Wende in ihrem Leben war die Begegnung mit ihrer heutigen Frau Carolina. Fernab der Glamourwelt der Musikbranche fand Kerstin in Carolina einen Menschen, bei dem sie nicht mehr kämpfen musste. Carolina brachte nicht nur Stabilität, sondern auch zwei Kinder in die Beziehung. Aus der einst einsamen Sucherin wurde eine Patchwork-Mutter, eine Rolle, die Kerstin mit viel Respekt und Liebe ausfüllt. Carolina war es auch, die ihr die Geduld und den Raum gab, die alten Wunden zu heilen. Sie lehrte Kerstin, dass Authentizität nicht im Schmerz liegt, sondern in der Wahrheit.

Kerstin Ott: Das ist ihre schöne Frau

Mit 43 Jahren ist Kerstin Ott nun an einem Punkt angekommen, an dem sie keine Masken mehr braucht. Ihr Geständnis über die gescheiterten Versuche ihrer Jugend ist kein Akt der Reue, sondern ein Akt der Befreiung. Es ist das endgültige Ablegen einer Last, die sie seit ihrem 15. Lebensjahr getragen hat. Sie hat verstanden, dass ihr Herz anders liebt und dass dies nicht nur in Ordnung ist, sondern ihre größte Stärke darstellt. Heute sind ihre Songs leiser, intimer und kraftvoller zugleich, weil sie nicht mehr von einer Leidenden, sondern von einer Befreiten erzählen.

Kerstin Ott plant nun, ihre Erfahrungen in einem Buch festzuhalten. Es soll kein typisches Promi-Buch werden, sondern eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Erwachsenwerden als Außenseiterin, dem Ringen um Identität und der Suche nach einer Liebe, die echt ist. Sie möchte der jungen 15-jährigen Kerstin, die damals keine Stimme hatte, heute eine geben. Ihr Weg zeigt uns allen eine universelle Wahrheit: Es ist nie zu spät, zu erkennen, wer man wirklich ist, und Frieden mit der eigenen Geschichte zu schließen. Ein ehrliches Herz ist am Ende stärker als jede Rolle, die die Welt uns aufzwingen will. Kerstin Ott lacht heute nicht mehr, um sich zu verstecken, sondern weil sie endlich allen Grund dazu hat.