Aber bei dem würde ich das immer am   wenigsten denken.   Und wenn sie einen Mann lieb. Als sich   im März 2017 der Vorhang endgültig   senkte, war es still in München. Die   Stadt trug ihre schönste Tochter zu   Grabe, doch es gab keinen Aufschrei,   keine hysterischen Massen, wie sie einst   die Straßen säumten.

 

 Nur eine tiefe,   fast ehrfürchtige Stille lag über dem   weißen Sag, der mit Rosen bedeckt war.   Es war ein leiser Abschied für eine   Frau, deren Leben alles andere als leise   begann. Christine Kaufmann. Ein Name,   der einst wie ein Zauberspruch wirkte,   verblasste in den letzten Jahren zu   einer Erinnerung an eine längst   vergangene Era.

 

 Aber um diese Stille am   Ende wirklich zu verstehen, müssen wir   zurückblicken. Wir müssen zurück in eine   Zeit, als dieser Name nicht nur für eine   Schauspielerin stand, sondern für die   Hoffnung einer ganzen Nation.   Stellen Sie sich ein Deutschland vor,   das noch immer in den Trümmern des   Krieges lag.

 

 ein Land, das verzweifelt   nach Unschuld suchte, nachdem es so viel   Schuld auf sich geladen hatte. Und dann   im Jahr 1954   erschien sie auf der Leinwand. Ein Kind   mit Augen so groß und tief wie Ozeane,   mit einem Lächeln, das versprach, dass   alles wieder gut werden könnte. Als   Rosenrli weinte sie sich in die Herzen   von Millionen.

 

 Man sagte damals, ihre   Tränen hätten die Seele eines   verwundeten Landes gewaschen. Sie war   mehr als nur ein Kinderstar. Sie war das   kollektive Wunschkind der   Nachkriegszeit, ein Symbol für den   reinen Neuanfang.   Doch wie wurde aus diesem strahlenden   Symbol der Hoffnung eine Frau, die am   Ende ihres Lebens von Überlebenskampf   sprach? Wie konnte das Mädchen, das als   erste Deutsche einen Golden Globe gewann   und in Hollywood eine märchenhafte   Hochzeit mit dem Wstar Tony Curtis   feierte, alles verlieren, was ihr   wirklich wichtig war? Wir sahen die   glänzenden Magazincover, die strahlenden   Auftritte auf den roten Teppichen dieser   Welt. Was wir nicht sahen, war der lange   Schatten, den dieses grelle Rampenlicht   warf.   Hinter der perfekten Fassade der   schönsten Großmutter Deutschlands, wie   man sie später liebevoll nannte, verbarg   sich eine Tragödie, die sie   jahrzehntelang hinter einem tapferen   Lächeln versteckte. Es ist eine   Geschichte, die nicht von Ruhm erzählt,

 

  sondern von Verrat. Ein Verrat, der   nicht von Fremden kam. sondern von den   Menschen, die sie am meisten hätten   schützen sollen.   Wir sprechen heute nicht nur über   verblassten Glanz, wir sprechen über ein   Kind, dessen Jugend verkauft wurde, um   eine Familie zu ernähren. Wir sprechen   über eine junge Mutter, die in den   goldenen Käfigen von Hollywood gefangen   war und der man das kostbarste Namen,   was sie besaß, ihre eigenen Kinder.

 

 Ein   Vorgang, den sie erst viele Jahre   später, als die Wunden vernabbt aber   nicht geheilt waren, als eine legale   Entführung bezeichnen würde.   Heute in dieser Stunde wollen wir den   samten Vorhang beiseite ziehen, den   Christine Kaufmann Zeit ihres Lebens so   fest um sich gezogen hatte. Wir hören   nicht nur auf das, was sie sagte, als   die Kameras liefen.

 

 Wir hören auf die   leisen, brüchigen Töne zwischen den   Zeilen ihrer späten Bekenntnisse. Wir   fragen uns, was kostet es wirklich eine   Ikone zu sein? Und wenn der Preis die   eigene Seele ist, kann man sie jemals   wieder zurückkaufen? Begleiten Sie mich   auf eine Reise hinter die Kulissen eines   Lebens, das so öffentlich war und doch   so voller dunkler Geheimnisse steckte.

 

  Um das wahre Ausmaß der späteren   Tragödien zu begreifen, müssen wir an   den Anfang zurückkehren in eine Zeit,   die für die kleine Christine alles   andere als ein Märchen war. Geboren   1945,   buchstäblich in den letzten Atemzügen   des Zweiten Weltkriegs, war ihr Staat   ins Leben gezeichnet von Flucht und   Entbehrung.

 

 Ihr Vater, ein ehemaliger   Offizier der Luftwaffe, fand sich in der   neuen zivilen Welt nicht zurecht. Die   Familie hungerte. Und genau hier beginnt   die erste große Ungerechtigkeit in   Christine Kaufmanns Leben.   Es war ihre Mutter Geneviev, eine Frau   von großer Schönheit und noch größerem   Ehrgeiz, die das Potenzial ihrer Tochter   erkannte.

 

 Nicht als Kind, das behütet   werden muss, sondern als Rettungsanker   für die ganze Familie. Christin war   gerade einmal 7 Jahre alt, als sie zum   ersten Mal vor einer Kamera stand. Doch   der wirkliche Wendepunkt, der Moment der   ihr Schicksal besiegelte, kam 1954 mit   dem Film Rosenräsli.   Über Nacht wurde das neunjährige Mädchen   zum größten Kinderstar Deutschlands.

 

 Die   Menschen sahen in ihr das   personifizierte Gute, ein blondes   Engelchen, das in einer harten Welt sein   Herz am rechten Fleck behielt. Die   Kinoseele waren überfüllt, die Kassen   klingelten. Doch während Deutschland   sein neues Idol feierte, begann für   Christine eine Zeit der unvorstellbaren   Härte.   Stellen Sie sich ein neunjähriges   Mädchen vor, das nicht draußen mit   Freunden spielen darf, weil es am   nächsten Tag perfekt aussehen muss.

 

 Ein   Kind, das bis spät in die Nacht Texte   auswendig lernt, die es kaum versteht,   wohlwissend, dass das Wohl der gesamten   Familie auf seinen schmalen Schultern   lastet. “Ich hatte keine Kindheit”,   sagte sie später einmal mit einer   erschütternden Nüchternheit. “Ich war   ein kleiner Erwachsener, der zufällig   aussah wie ein Kind.

 

”   Sie war die Hauptverdienerin. Von ihrer   Gage wurden die Miete bezahlt, das Essen   gekauft, die Schulden des Vaters   getilkt. Sie war ein Goldesel und   Goldesel dürfen nicht müde werden. Sie   dürfen nicht bocken, sie müssen   funktionieren. Ihre Mutter managete sie   mit eiserner Hand, trieb sie von einem   Filmset zum nächsten.

 

 “Einmal keine   Sorgen haben”, hieß einer ihrer Filme   damals. Welch bittere Ironie, denn   Sorgen waren ihr ständiger Begleiter.   Sorge nicht gut genug zu sein, die Sorge   die Erwartungen nicht zu erfüllen, die   Sorge, dass wenn sie aufhört zu lächeln   die ganze fragile Existenz ihrer Familie   zusammenbricht.   Diese frühen Jahre prägten ein Muster,   das sich wie ein roter Faden durch ihr   Leben ziehen sollte.

 

 Sie wurde definiert   durch das, was andere von ihr wollten,   nicht durch das, was sie selbst war. Sie   lernte früh, dass Liebe an Bedingungen   geknüpft war, an Leistung, an Erfolg, an   das perfekte Bild. Das kleine Mädchen,   das Millionen zu Tränen rührte, weinte   selbst oft heimlich in ihr Kissen,   erschöpft von einer Last, die kein Kind   jemals tragen sollte.

 

 Es war eine   Kindheit im goldenen Käfig, dessen   Gitterstäbe aus den Erwartungen einer   ganzen Nation und den finanziellen Nöten   ihrer eigenen Eltern geschmiedet waren.   Und genau dieses verletzliche nach   echter Liebe hungernde Mädchen war es,   das nur wenige Jahre später einem Mann   begegnen sollte, der ihr die Welt   versprach, ihr aber letztendlich fast   alles nehmen würde.

 

  Mit 16 Jahren hatte Christine Kaufmann   bereits ein Leben gelebt, von dem andere   nur träumen konnten. Doch Europa wurde   ihr zu klein. Der Ruf von Hollywood,   diesem glitzernden Versprechen von   ewigem Ruhm, war unwiderstehlich und   tatsächlich schien Amerika nur auf sie   gewartet zu haben. Als sie 1961   als erste Deutsche überhaupt einen   Golden Globe als beste   Nachwuchsdarstellerin gewann, lag ihr   die Welt zu Füßen.

 

 Sie war nicht mehr   nur das süße Rosenresli, sie war eine   internationale Schönheit, eine   ernstzunehmende Schauspielerin.   Wann kam das Jahr 1962? Argentinien, das   Filmset des Epos Taras Bulba. Dort traf   sie ihn Tony Curtis. Er war einer der   größten Stars seiner Zeit. Ein Mann mit   einem Lächeln, das Gletscher zum   Schmelzen bringen konnte und blauen   Augen, in denen man sich verlieren   wollte.

 

 Er war 37 auf dem Höhepunkt   seiner Karriere verheiratet mit der   Hollywood Legende Janet Lee. Christin   war gerade 17 unschuldig, bildschön und   völlig überwältigt.   Für die Presse war es die   Liebesgeschichte des Jahrhunderts. Der   amerikanische Superstar verlässt seine   Frau für das deutsche Fräuleinwunder. Es   war ein Skandal, aber ein romantischer.

 

  Als sie ein Jahr später heirateten,   wirkte alles wie im Märchen. Christine   trug ein weißes Kleid. Sie strahlte. Sie   glaubte endlich angekommen zu sein.   Endlich jemand, der sie liebte. Nicht   weil sie die Familie ernährte, sondern   einfach nur um ihrer Selbstwillen.   Doch was wie ein Traum begann, trug   bereits die Keime des Albtraums in sich.

 

  Tony Curtis war kein Märchenprinz. Er   war ein Mann mit tiefen Unsicherheiten,   geplagt von Drogensucht und einem   unstillbaren Bedürfnis nach Bestätigung.   Für ihn war Christine die ultimative   Trophäe. Jung, europäisch,   intellektuell, ein perfektes Accessoire   für sein Ego.   Die junge Christine ahnte nicht, dass   sie mit dem Ja Wort ihre Freiheit nicht   gewann, sondern endgültig aufgab.

 

 Sie   tauschte die kontrollierende Hand ihrer   Mutter gegen den goldenen Käfig eines   eifersüchtigen Ehemannes. Hollywood, das   sie mit offenen Armen empfangen hatte,   wurde bald zu einem Ort der Einsamkeit.   Sie war umgeben von Luxus, lebte in   Willen mit Swimmingpools, aber sie war   isoliert.

 

 Sie sprach die Sprache noch   nicht perfekt, verstand die brutalen   Spielregeln der Traumfabrik nicht.   Während Tony Curtis von Party zu Party   eilte, von einem Filmset zum nächsten   jettete, saß Christine oft allein zu   Hause. Sie war schwanger, erst mit   Alexandra, dann mit Allegra. Die   Mutterrolle erfüllte sie mit einer   Liebe, die sie selbst nie erfahren   hatte.

 

 Doch gleichzeitig spürte sie, wie   ihre eigene Identität, ihre Karriere,   ihre Träume langsam verblassten,   erdrückt von der übermächtigen Präsenz   ihres Mannes. Der amerikanische Traum   begann Risse zu bekommen. Feine   Haarrisse, die bald zu tiefen Schluchten   werden sollten, groß genug, um ihr   ganzes Glück darin zu verschlingen. Sie   war auf dem Gipfel der Welt angekommen,   nur um festzustellen, dass die Luft dort   oben so dünn war, dass man kaum atmen   konnte.

 

  Hollywood in den 60er Jahren war ein Ort   des Exzesses, eine glitzernde Blase, die   weit entfernt von der Realität schwebte   und mittendrin saß Christine Kaufmann   gefangen in einer Rolle, für die es kein   Drehbuch gab. Nach außen hin war sie   Miss Tony Curtis, die strahlende   Gastgeberin, die perfekte Mutter, die   beneidenswerte Ehefrau eines Superstars.

 

  Doch wenn die Gäste gegangen waren und   die Lichter in der Villa am Benedikt   Canyon erloschen, blieb nur eine   erdrückende Stille.   Tony Curtis liebte sie zweifellos, aber   es war eine besitzergreifende,   erstickende Liebe. Er wollte sie ganz   für sich allein haben. Er war krankhaft   eifersüchtig.

 

 Jede Filmrolle, die ihr   angeboten wurde, musste erst durch seine   Zensur. Oft lehnte er für sie ab, ohne   dass sie es überhaupt wusste. Er wollte   keine Schauspielerin als Frau. Er wollte   eine Bewunderin, die immer verfügbar   war, wenn er von seinen Dreharbeiten   nach Hause kam.   Stellen Sie sich diese junge Frau vor,   kaum 20 Jahre alt, weit weg von ihrer   Heimat, Ihrer Sprache, ihrer Kultur.

 

 Sie   saß in einem riesigen Haus, umgeben von   Dienstboten, aber ohne wirkliche   Freunde. Ihre Vertrauten waren ihre   kleinen Töchter Alexandra und Allegra.   In ihnen fand sie den Trost und die   bedingungslose Liebe, die ihr Mann nicht   geben konnte. Sie verbrachte Stunden   damit, mit ihnen zu spielen, ihnen   deutsche Lieder vorzusingen, ihnen eine   Welt zu erschaffen, die sicher und   geborgen war.

 

  Doch Tony Curtis lebte in einer anderen   Welt. Seine Drogensucht wurde schlimmer,   seine Stimmungswechsel unberechenbarer.   Es gab Tage, da war er der charmanteste   Mann der Welt. Und dann wieder   verwandelte er sich in einen Tyrannen,   der tobte und schrie. Christine lernte   auf Eierschalen zu gehen.

 

 Sie lernte   ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu   unterdrücken, um den Frieden zu wahren.   Sie begann zu schreiben, nicht für die   Öffentlichkeit, sondern um nicht   verrückt zu werden. Ihre Tagebücher aus   dieser Zeit sind Zeugnisse einer tiefen   Verzweiflung versteckt hinter der   Fassade des Glücks.   Sie spürte, wie sie langsam verschwand.

 

  Das strahlende Mädchen, das einst einen   Golden Globe gewonnen hatte, war nur   noch ein Schatten ihrer Selbst. Sie war   zur Statistin im Film ihres eigenen   Lebens geworden und während sie   versuchte die perfekte Ehefrau zu   spielen, ahnte sie nicht, dass das   Drehbuch für den nächsten grausamsten   Akt ihres Lebens bereits geschrieben   wurde.

 

 Ein Akt, in dem sie nicht nur   ihre Rolle als Ehefrau verlieren würde,   sondern auch das einzige, was ihr noch   Kraft gab, ihre Kinder.   Das Jahr 1965 markierte nicht nur das   Ende einer Ehe, es war der Beginn einer   Tragödie, die Christine Kaufmanns Herz   für immer brechen sollte. Sie verließ   Tony Curis. Es war ein Akt der   Befreiung, ein Versuch, ihre verlorene   Identität wiederzufinden.

 

 Sie kehrte   nach Deutschland zurück, im Gepäck kaum   mehr als ihre Kleider und ihre beiden   geliebten Töchter Alexandra und Allegra.   Sie war naiv, vielleicht sie glaubte an   das Gute, glaubte, dass sie und Tony   vernünftige Erwachsene sein könnten, die   sich die Erziehung ihrer Kinder   friedlich teilen.

 

 Doch sie hatte die   Rechnung ohne den verletzten Stolz eines   Hollywood Giganten gemacht.   Was dann geschah, klingt wie das   Drehbuch eines düsteren Thrillers, war   aber bittere Realität. Es begann   harmlos. Tony Curtis bat darum, die   Kinder für einen Urlaub zu sich in die   USA zu holen. Christine im Glauben an   eine faire Elternschaft stimmte zu.

 

 Sie   setzte ihre kleinen Mädchen in das   Flugzeug, winkte ihnen zum Abschied im   festen Glauben, sie in wenigen Wochen   wieder in die Arme schließen zu können.   Sie ahnte nicht, dass dieser Abschied   für fast ein Jahrzehnt sein würde.   Kaum waren die Kinder auf amerikanischem   Boden, schnappte die Falle zu.

 

 Tony   Curtis, der Mann, den die Welt als   charmanten Komödianten liebte, zeigte   sein rücksichtslosestes Gesicht. Er   behielt die Kinder einfach dort. Er   nutzte seine immense finanzielle Macht,   seinen Einfluss und die besten Anwälte,   die man für Geld kaufen konnte, um das   Sorgerecht zu beantragen.   Christine saß in Deutschland und war wie   gelehmt.

 

 Stellen Sie sich ihre   Verzweiflung vor. Sie war eine junge   Frau, Anfang 20, allein ohne großes   Vermögen, die plötzlich gegen eine   Übermacht kämpfen musste. Es war ein   Kampf von David gegen Goliat, nur dass   David dieses Mal keine Steinschleuder   hatte. Die amerikanischen Gerichte   entschieden zugunsten des reichen   etablierten Vaters.

 

 Man argumentierte,   er könne den Kindern ein besseres,   stabileres Leben bieten, ein Leben im   Luxus, das ihre arbeitende Mutter in   Deutschland ihnen angeblich nicht geben   konnte.   Jahre später, als die Wunden vernbt,   aber noch immer spürbar waren, nannte   Christine Kaufmann diesen Vorgang eine   legale Entführung.

 

 Es war ein Begriff,   der die ganze Ohnmacht ausdrückte, die   sie empfunden haben mus. Sie hatte nicht   die Mittel für einen jahrelangen   Rechtsstreit über zwei Kontinente   hinweg. Sie wurde gezwungen, sich zu   fügen, um ihre Kinder nicht noch mehr zu   traumatisieren.   10 Jahre. Lassen Sie diese Zahl einen   Moment auf sich wirken.

 

 10 Jahre, das   ist eine halbe Ewigkeit im Leben eines   Kindes. Christine verpasste die   Einschulung, die ersten Teenagerlieben,   die kleinen und großen Dramen des   Erwachsenwerdens. Sie sah ihre Töchter   nur selten oft unter den wachsamen Augen   von Kindermädchen oder Anwälten. Sie   wurde zur Besucherin im Leben ihrer   eigenen Kinder eine Tante aus dem fernen   Deutschland, die ab und zu Geschenke   brachte.

 

  Die Entfremdung war grausam. Tony Curtis   tat wenig, um das Bild der Mutter bei   den Kindern lebendig zu halten. Christin   musste miterleben, wie ihre Töchter in   einer Welt aufwuchsen, die ihr fremd   war, wie sie ihre Muttersprache   verlernten, wie sie amerikanisiert   wurden.

 

 Jedes Telefonat war ein Stich   ins Herz, jedes Foto, das sie erhielt,   eine schmerzhafte Erinnerung an das, was   sie verlor.   Sie arbeitete wie besessen in dieser   Zeit, nahm jede Rolle an, egal wie   klein, nur um genug Geld zu verdienen,   für die teuren Flüge nach Los Angeles,   für die kurzen kostbaren Stunden mit   ihren Mädchen.

 

 Sie lächelte für die   Kameras, spielte die glückliche   Rückkehrerin, doch innerlich verblutete   sie. Diese 10 Jahre rissen eine Lücke in   ihr Leben, die nie wieder ganz   geschlossen werden konnte. Es war der   höchste Preis, den eine Mutter für ihre   Freiheit zahlen konnte. Und obwohl sie   ihre Töchter später, als diese erwachsen   waren, wiederfand und eine tiefe   Freundschaft zu ihnen aufbaute, blieben   die Narben dieser verlorenen Jahre für   immer.

 

 Sie waren das unsichtbare Gepäck,   das Christine Kaufmann bis zu ihrem   letzten Atemzug mit sich trug.   Man sagt, Zeit heilt alle Wunden. Doch   für Christine Kaufmann war es nicht die   Zeit allein, sondern der Mut, sich der   eigenen Wahrheit zu stellen. Mit 40   Jahren stand sie vor den Trümmern ihres   amerikanischen Traums.

 Sie war zurück in   Deutschland, geschieden, ohne festes   Einkommen und weit weg von ihren   Kindern. Viele wären an diesem Punkt   zerbrochen, doch Christine Kaufmann tat   etwas Unerwartetes. Sie erfand sich neu.   Sie erkannte, dass ihre Schönheit, die   ihr einst Fluch und Segen zugleich war,   ihr mächtigstes Kapital blieb.

 

 Aber   dieses Mal würde sie die Regeln selbst   bestimmen. Sie wurde zur Geschäftsfrau,   zur Pionierin der Natural Beauty   Bewegung, lange bevor es ein Trend war.   Mit ihrer eigenen Kosmetiklinie CHK   schuf sie sich nicht nur eine   finanzielle Unabhängigkeit, sondern auch   eine Plattform. Sie verkaufte nicht nur   Cremes, sie verkaufte eine Philosophie,   die Philosophie der Selbstliebe und der   inneren Stärke.

 

  Doch der wahre Akt der Befreiung geschah   nicht im Geschäftsleben, sondern auf dem   Papier. Christine begann zu schreiben   Buch für Buch, Bestzeller für   Bestseller. In Werken wie Christine   Kaufmann und ich, oder Verführung zur   Lebenslust öffnete sie sich auf eine   Weise, die entwaffnend ehrlich war.

 

 Sie   schrieb nicht mit Groll, sondern mit   einer tiefen, reflektierten Weisheit.   Sie klagte nicht laut an, sie erzählte   einfach ihre Geschichte.   In diesen Büchern brach sie ihr   Schweigen über die verlorenen Jahre. Sie   schrieb über den Schmerz der Mutter, die   ihre Kinder nicht aufwachsen sah. Sie   schrieb über die Einsamkeit in   Hollywood, über den Druck, immer perfekt   sein zu müssen.

 

 Es war eine   therapeutische Aufarbeitung, eine   öffentliche Beichte, die Millionen von   Frauen berührte. Sie zeigte sich   verletzlich, gab Fehler zu, sprach über   ihre Naivität in jungen Jahren und   darüber, wie sie lernte, sich selbst zu   vergeben.   Und das Wunder geschah. Ihre Töchter,   inzwischen erwachsene Frauen, begannen   zu verstehen.

 

 Sie lasen die Worte ihrer   Mutter und sahen hinter die Kulissen des   Dramas, dass ihre Kindheit überschattet   hatte. Es begann ein langsamer,   vorsichtiger Prozess der Annäherung.   Christine kämpfte nicht mehr um das   Sorgerecht, sie kämpfte um ihre Herzen   und sie gewann. Die Beziehung zu   Alexandra und Allegra wandelte sich von   einer distanzierten Verwandtschaft zu   einer tiefen, innigen   Frauenfreundschaft.

 

 Sie wurden   vertraute, Verbündete.   Diese späten Jahre waren vielleicht die   erfülltesten in Christine Kaufmanns   Leben. Sie war nicht mehr das Opfer der   Umstände, sie war die Autorin ihrer   eigenen Geschichte. Sie stand wieder im   Rampenlicht, aber dieses Mal zu ihren   eigenen Bedingungen. Sie sprach in   Talkshows nicht über ihren berühmten   Ex-Mann, sondern über das Älter werden   in Würde, über Gesundheit, über die   Kunst, glücklich zu sein trotz allem.

 

  Sie hatte den goldenen Käfig endgültig   verlassen und sich ein eigenes Haus   gebaut, nicht aus Stein, sondern aus   Worten und Taten. Sie zeigte der Welt,   dass man auch nach den tiefsten   Abstürzen wieder fliegen kann.   Vielleicht nicht mehr so hoch wie ein   junger Adler, aber mit der ruhigen Kraft   eines Phönix, der weiß, wie heiß das   Feuer brennt.

 

 Ihre Auferstehung war   leise, aber sie war nachhaltig. Sie   hatte ihre Stimme wiedergefunden und   dieses Mal hörte die Welt ihr nicht nur   zu, weil sie schön war, sondern weil sie   etwas zu sagen hatte.   Wenn wir heute auf das Leben von   Christine Kaufmann zurückblicken, bleibt   eine Frage, die wie ein Echo nachhalt.   War ihre außergewöhnliche Schönheit ein   Geschenk des Himmels oder doch ein gut   getarnter Fluch? Sie öffnete ihr Türen,   die anderen für immer verschlossen   blieben.

 

 Sie brachte ihr Ruhm, Reichtum   und die Liebe von Millionen. Doch   derselbe Schlüssel, der diese Türen   öffnete, sperrte sie auch ein.   Eingesperrt in die Erwartungen anderer,   reduziert auf ein hübsches Gesicht, eine   Trophäe, ein Objekt der Begierde.   Am Ende ihres Lebens besaß Christine   Kaufmann keine großen Reichtümer mehr.   Das Geld, das sie als Kind verdiente,   war längst ausgegeben.

 

 Die Millionen aus   ihrer Hollywoodzeit waren im Sand der   kalifornischen Wüste verronnen. Sie   lebte bescheiden, arbeitete bis zuletzt,   schrie Bücher, trat im Fernsehen auf.   Manche nannten es einen sozialen   Abstieg, doch vielleicht war es ihr   größter Sieg, denn sie war frei.   Sie starb, wie sie gelebt hatte,   kämpferisch, aber mit einer großen   inneren Ruhe, Leukämie.

 

 Die Diagnose kam   schnell, der Abschied noch schneller.   Sie hatte keine Zeit mehr für lange   Abschiedsbriefe, aber ihr ganzes Leben   war bereits einziger langer Brief an die   Welt gewesen. Ein Brief, der uns lehrt,   dass der Glanz des Ruhs oft nur eine   optische Täuschung ist.   Was bleibt also von der schönsten   Großmutter Deutschlands? Es sind nicht   die Filme, so bezaubernd sie auch waren.

  Es sind nicht die Schlagzeilen, so   skandalös sie auch klangen. Es ist die   Geschichte einer Frau, die sich   weigerte, ein Opfer zu bleiben. Eine   Frau, die alles verlor, ihre Kindheit,   ihre Ehe, ihre Kinder und doch die Kraft   fand, sich wieder und wieder neu zu   erfinden.   Ihr wahres Vermächtnis liegt nicht auf   Zelluloid, sondern in den Herzen ihrer   Töchter und Enkelkinder, die an ihrem   Sterbebett saßen und ihre Hand hielten.

 

  Es liegt in den Büchern, die vielen   Frauen Mut machten, ihren eigenen Weg zu   gehen. Christine Kaufmann hat uns   gezeigt, dass Schönheit vergänglich ist,   aber würde und innere Stärke bleiben.   Vielleicht hat sie am Ende doch noch   ihren Frieden gefunden. Nicht im grellen   Scheinwerferlicht, sondern in der Stille   des Verstehens.

 

 Und wenn wir heute Abend   an sie denken, dann lassen sie uns nicht   das traurige Rosenrestli sehen oder die   verlassene Hollywood Diva. Sehen wir die   Frau, die sie am Ende war. klug,   verletzlich und endlich endlich bei sich   selbst angekommen. Ein gefallener Engel,   der lernte mit gebrochenen Flügeln zu   gehen und dabei mehr Würde ausstrahlte,   als sie es im Flug je gekonnt hätte. M.