Es sollte der TV-Abend der Superlative werden, ein Duell der Giganten, ein Quotenkampf, der die Nation vor den Bildschirmen fesseln würde. Auf der einen Seite: Der neue Glamour-König des ZDF, Giovanni Zarrella, der mit seiner festlichen Weihnachtsshow das Publikum in eine glitzernde Welt entführen wollte. Auf der anderen Seite: Die Institution RTL, die mit ihrem traditionellen Jahresrückblick „Menschen, Bilder, Emotionen 2025“ und Moderator Steffen Hallaschka die größten Momente des Jahres Revue passieren ließ. Alle Augen waren auf diesen direkten Schlagabtausch gerichtet. Man erwartete ein Kopf-an-Kopf-Rennen, einen spannungsgeladenen Wettstreit um die Primetime-Krone. Doch das, was am Donnerstagabend tatsächlich geschah, war weniger ein Zweikampf als eine regelrechte Demütigung – ausgelöst durch einen unscheinbaren, aber unaufhaltsamen Dritten. Das Ergebnis ist ein Quoten-Beben, das die gesamte deutsche Fernsehlandschaft aufschreckt und die Frage aufwirft, ob die Ära der großen, aufwendigen Entertainment-Shows unwiderruflich vorbei ist.

Der Abend vom 4. Dezember war minutiös geplant. ZDF und RTL zündeten ihre größten Geschütze, um die Gunst der Zuschauer zu gewinnen. Die „Große Weihnachtsshow mit Giovanni Zarrella“ im Zweiten bot, wie erwartet, eine Mischung aus Musik, prominenten Gästen und einer gehörigen Portion festlicher Stimmung. Zarrella, der als charmanter Entertainer das deutsche Publikum im Sturm erobert hat, lieferte ab und sicherte sich in diesem direkten Vergleich einen respektablen, wenn auch nicht überragenden, Sieg. Mit 2,9 Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von 13,3 Prozent holte er sich zwar den Spitzenplatz in der Primetime, schlug damit seinen Konkurrenten bei RTL, doch der wahre Triumph blieb ihm verwehrt. Es war der Sieg in einem Scharmützel, nicht aber der Erfolg in der Schlacht um die Gesamtquote.

Die Zahlen für den Konkurrenten RTL sind derweil ein Alarmzeichen, das in Köln für lange Gesichter sorgen dürfte. Der Jahresrückblick „Menschen, Bilder, Emotionen 2025“ gilt seit Jahrzehnten als fester Bestandteil des Sendekalenders. Er ist ein emotionaler Anker, eine Gelegenheit, innezuhalten und gemeinsam auf die Höhepunkte und Dramen der vergangenen zwölf Monate zurückzublicken. Doch trotz eines Aufgebots an Starpower, das eigentlich die Massen hätte mobilisieren müssen, brach das Format überraschend ein. Gäste wie Tennislegende Boris Becker, die grüne Spitzenpolitikerin Ricarda Lang und vor allem der aufsehenerregende Auftritt von Andrea Kiewel, die ohne ihren Verlobungsring auf dem Sofa Platz nahm und damit für reichlich Boulevard-Diskussionsstoff sorgte, reichten nicht aus. Die Show kam lediglich auf rund 1,7 Millionen Zuschauer und einen enttäuschenden Marktanteil von nur 9,6 Prozent. Ein bitteres Zeugnis für ein Format, das einst unantastbar schien. Die Gäste waren da, die Emotionen waren angerissen, die mediale Vorberichterstattung war gesichert – doch die Quote blieb aus. Es scheint, als habe die Magie des traditionellen Jahresrückblicks im modernen TV-Zeitalter einen Teil ihrer Zugkraft verloren, oder die Zuschauer haben genug von den immer gleichen Formel-Shows, egal wie prominent die Besetzung ist.

Das eigentliche Drama des Abends spielte sich jedoch abseits dieser beiden glamourösen Schlachtfelder ab. Während sich die gesamte Medienwelt auf das Duell Zarrella gegen Hallaschka konzentrierte, vollzog sich im Ersten ein stiller, aber monumentaler Siegeszug, der das gesamte Quoten-Ranking pulverisierte. Der wahre, unangefochtene Überraschungssieger des Abends kam nicht aus dem Showbusiness, sondern aus der wohl solidesten und zuverlässigsten Säule des deutschen Fernsehens: dem ARD-Krimi.

Mit atemberaubenden 6,3 Millionen Zuschauern und damit mehr als doppelt so vielen wie das ZDF- oder RTL-Format, triumphierte „Der Zürich-Krimi: Borchert und der Schlüssel zum Mord“. Diese Zahl ist nicht nur ein Tagessieg; sie ist ein Manifest der Macht des klassischen, gut gemachten TV-Thrillers. Der Krimi, in dem Christian Kohlund in der Rolle des unkonventionellen Rechtsanwalts Thomas Borchert ermittelt, bewies einmal mehr, dass Beständigkeit, Qualität und eine tief verwurzelte Markentreue der Zuschauer jeden noch so glitzernden Event-Charakter schlagen können.

Die Brisanz dieses Sieges wird noch deutlicher, wenn man die Begleitumstände betrachtet. Es war die erste neue Folge der beliebten Kriminalfilmreihe nach einer Wartezeit von fast einem Jahr . Diese lange Pause scheint die Sehnsucht der Fans nur noch gesteigert zu haben. Das Publikum hat seine Treue bewiesen und strömte in Massen zurück, um seinen Lieblingsanwalt in Aktion zu sehen. Während Zarrella und Hallaschka darum kämpften, die Aufmerksamkeit des flüchtigen Event-Zuschauers zu gewinnen, setzte der Zürich-Krimi auf die loyale Stammkundschaft – und gewann haushoch. Das ARD-Format vereinte mit seiner Reichweite fast so viele Menschen vor dem Fernseher, wie die Sendungen von ZDF und RTL zusammen erreichten. Dieses Missverhältnis ist schockierend und spricht Bände über die tatsächlichen Präferenzen der deutschen Fernsehkonsumenten.

Der Sieg des Krimis über die Event-Show ist mehr als nur eine Randnotiz in den Quotenstatistiken; er ist ein Fingerzeig. Er deutet darauf hin, dass das deutsche Publikum in unsicheren Zeiten und inmitten eines überbordenden Unterhaltungsangebots – von Streaming-Diensten bis hin zu Social Media – vor allem eines sucht: verlässliche Qualität und eine vertraute Erzählstruktur. Die aufwendigen, oft austauschbaren Shows der Privatsender und auch die Event-Formate der Öffentlich-Rechtlichen müssen hart dafür arbeiten, um kurzfristig Emotionen zu erzeugen. Der Krimi hingegen bietet ein Ritual, eine wohltuende Routine, die seit Jahrzehnten funktioniert. Man weiß, was man bekommt: einen soliden Fall, vertraute Gesichter und ein spannendes Ende.

Für die Sender, insbesondere RTL, wirft das Ergebnis existenzielle Fragen auf. „Menschen, Bilder, Emotionen“ kämpft mit einer Identitätskrise. Ist die Formel, die in den 90er-Jahren funktionierte, noch zeitgemäß? Kann eine Retrospektive des Jahres gegen die Unmittelbarkeit von Social Media und die kontinuierliche Nachrichtenflut bestehen? Die niedrige Quote legt nahe, dass der Mehrwert des linearen Jahresrückblicks schwindet, wenn er nicht wirklich außergewöhnlich ist. Und selbst die Einbeziehung von Boulevard-Details wie Kiewels fehlendem Ring konnte die Abwärtsspirale nicht stoppen.

Giovanni Zarrella kann derweil erleichtert aufatmen, dass er das direkte Duell gegen RTL für sich entscheiden konnte. Doch auch für das ZDF muss die Erkenntnis schmerzhaft sein, dass selbst eine große, festliche Show mit enormem Aufwand gegen ein etabliertes, aber unaufgeregtes Genre chancenlos ist. Das Quoten-Orakel spricht eine klare Sprache: Die wahre Macht in der deutschen Primetime liegt im narrativen Format, in den Serien und Filmen, die eine tiefe emotionale Bindung zum Zuschauer aufgebaut haben.

Der Donnerstagabend vom 4. Dezember 2025 wird damit in die TV-Geschichte eingehen – nicht als das große Show-Duell, das es sein sollte, sondern als der Tag, an dem ein routinierter Anwalts-Ermittler aus Zürich allen vermeintlichen Primetime-Königen eine Lektion in Demut erteilte. Der Zürich-Krimi hat bewiesen, dass die größten Geschichten oft die sind, die am leisesten erzählt werden, und die loyalsten Zuschauer die, die nicht auf das Spektakel warten, sondern auf die nächste Folge ihrer liebgewonnenen Heldin oder ihres Helden. Die Event-Macher der Republik müssen sich warm anziehen. Der wahre Quoten-Thron gehört dem Krimi. Dieses Ergebnis ist ein Aufruf zum Umdenken und eine Bestätigung dafür, dass in der Welt des Fernsehens nicht immer der größte Lärm den größten Applaus erntet. Die Macht der Gewohnheit und die Liebe zu Christian Kohlunds Thomas Borchert sind stärker als jede Weihnachtsshow und jeder Jahresrückblick zusammen. Ein historischer Abend, dessen Echo die Programmdirektionen noch lange beschäftigen wird.