Königsberg, die alte Hauptstadt Ostpreußens, galt als uneinnehmbar. Sieh Jahre Geschichte, mächtige Befestigungsanlagen, zwölf fors in einem Ring um die Stadt. Doch im April 1945 dauerte die entscheidende Schlacht nur vier Tage. Was führte zum schnellen Fall dieser Festung? Die Antwort liegt in einer Kombination aus veralteten Befestigungen erdrückender sowjetischer Überlegenheit und fatalen Entscheidungen der deutschen Führung.

 Königsberg wurde bereits im 17. Jahrhundert als Festung ausgebaut. Nach der Gründung des deutschen Kaiserreichs 1871 entstand ein neuer Festungsgürtel. Zwischen 1872 und 1890 errichteten die preußischen Militärbaumeister 12 massive Fors und vier Zwischenwerke in einem 43 km langen Ring um die Stadt. Der durchschnittliche Abstand zwischen den Fors betrug etwa 5 km.

 Diese Anlagen basierten auf dem sogenannten bilchen Einheitsfor einer standardisierten Bauweise jener Zeit. Doch genau hier lag das erste Problem. Diese Fors waren für die Artillerie des 19. Jahrhunderts konzipiert worden. Gegen moderne Waffen, gegen schwere sowjetische Artillerie und Fliegerbomben boten die Ziegelkasematten keinen ausreichenden Schutz mehr.

 Nach dem ersten Weltkrieg hatte man in der Weimara Republik die militärische Bedeutung der Festungsanlagen aufgegeben. Die alten Wallanlagen wurden geschleift und in einen Grüngürtel mit Parks umgewandelt. Erst im Dezember 1944, als die rote Armee bereits vor den Toren stand, begann man hastig mit dem Wiederausbau der Verteidigungsanlagen.

Der Fortgürtel wurde zur Hauptkampflinie erklärt. Es war zu spät. Um die Dramatik der Situation zu verstehen, muß man die Ereignisse der Monate zuvor betrachten. Ende Januar 1945 war Königsberg von sowjetischen Truppen großteils umschlossen worden. Die Landverbindung über das Sammland zum Hafen Pillau war noch offen.

 Dieser schmale Korridor war die einzige Verbindung nach Westen, die letzte Hoffnung für hunderttausende Zivilisten und Soldaten. Die Stadt war durch zwei britische Luftangriffe im August 1944 bereits schwer getroffen worden. In den Nächten vom 26. 27. August sowie vom 29. 30. August warfen britische Bomber 480 Tonnen Brandbomben und Sprengbomben auf die Stadt.

 Der Königsberger Dom, das Schloss, sämtliche Kirchen der Innenstadt wurden zerstört. Über 200.000 Einwohner wurden obdachlos. Der historische Stadtkern, Altstadt, Löbenicht und Kneiphof lag in Trümmern. In dieser bereits verwüsteten Stadt befanden sich zu Beginn des Jahres 1945 noch etwa 2000 Zivilisten, darunter 40.000 bis 50.

000 Einwohner sowie 140 bis 150.000 Flüchtlinge aus den umliegenden Gebieten. Sie alle saßen in der Falle. Am 27. Januar 1945 wurde General Otto Lasch zum Festungskommandanten von Königsberg ernannt. Lasch war ein erfahrener Offizier geboren 1893 in Ples Oberschlesien. Er hatte im ersten Weltkrieg gedient, später bei der Polizei, und war 1935 zur Wehrmacht übergetreten.

 Im Sommer 1941 hatte er bei der Eroberung Rigas eine führende Rolle gespielt. Er galt als einer der fähigsten Generale in Ostpreußen. Lasch übernahm das Kommando über eine zusammengewürfelte Truppe. Nach deutscher Einschätzung verfügte er zur Verteidigung der Stadt über vier Divisionen, sieben Volkssturmbataillone und einige Alarmeinheiten.

 Die Gesamtbesatzung zählte Anfang April etwa 48 000 Mann. Die Kampfstärke war deutlich geringer. Die Einheiten waren ausgeblutet, die Munition knapp. die Moral erschüttert. Lasch erkannte sofort die Aussichtslosigkeit der Lage. Er bezweifelte, ob die Garnison länger als eine Woche durchhalten könnte. Dennoch machte er sich energisch an die Arbeit.

Er reorganisierte die Verteidigung, verstärkte die Stellungen, bereitete seine Truppen auf den kommenden Sturm vor. Doch ihm fehlten die Mittel für eine wirksame Abwehr. Über der militärischen Führung stand Gauleiter Erich Koch. Er war seit 1928 Gauleiter der NSDAP in der Provinz und seit 1933 Oberpräsident.

 Er hatte Ostpreußen zu einer Hochburg des Nationalsozialismus gemacht. Koch war ein Fanatiker. Mit Durchhalteparolen verhinderte er eine geordnete Evakuierung. “Die Trümmer unserer Heimat sollen uns begraben”, verkündete er. Er verbot Fluchtvorbereitungen und drohte mit Bestrafung. Erst als die rote Armee unmittelbar vor den Toren stand, gestattete er die Evakuierung.

 Für viele war es bereits zu spät. Koch selbst verließ Königsberg am 28. Januar. Während er die Bevölkerung zum Ausharren aufforderte, setzte er sich auf die frische Nährung ab. Mit seinen Flugzeugen flog er immer wieder kurz in Königsberg ein, um Präsenz vorzutäuschen. Hitler erklärte Königsberg zur Festung. Diese Bezeichnung war Teil seiner späten Kriegsstrategie.

Festungen sollten bis zum letzten Mann verteidigt werden, um sowjetische Kräfte zu binden. Eine Kapitulation war verboten. Der Befehl lautete: Verteidigung bis zum äußersten. Für die Zivilbevölkerung bedeutete dies unvorstellbares Leid. Auf der anderen Seite bereitete sich Marshall Alexander Wassilwski methodisch auf den Sturm vor.

Wasilwski hatte im Februar 1945 das Kommando über die dritte weißrussische Front übernommen, nachdem sein Vorgänger Ivan Cherjachowski bei Mehlsack tödlich verwundet worden war. Wasilwski setzte die Offensive nicht unmittelbar fort. Er wartete auf Verstärkungen, während südlich der Kessel von Heiligen Beil zerschlagen wurde.

 Ende März war diese Operation abgeschlossen. Nun zog er seine Kerntruppen zur Eroberung von Königsberg zusammen. Die Zahlen waren erschreckend. Für die Eroberung der Stadt, die sich bereits drei Monate gehalten hatte, wurde ein Drittel der gesamten sowjetischen Luftwaffe zusammengezogen. 2400 Flugzeuge standen bereit. Am Hauptangriff nahmen drei Armeen mit einer Stärke von 106000 Mannteil.

Insgesamt verfügten die sowjetischen Truppen über 250 000 Soldaten, 5200 Geschütze und 538 Panzer. Dem standen auf deutscher Seite etwazeta Soldaten gegenüber, viertaus Geschütze, 108 Panzer und 170 Flugzeuge. Das Kräfteverhältnis war erdrückend. zu ein bei den Soldaten, 13: bei den Geschützen, 5: Panzern 14: Flugzeugen.

 Im März hatten die Sowjets begonnen, Material in die Ausgangsstellungen zu verlegen. Die Deutschen konnten nur zusehen. Ein Mangel an Artilleriemunition machte es unmöglich, die Aufmarschbewegungen zu stören. Mitte Februar geschah etwas Unerwartetes. Die zur Heeresgruppe nordbenannten deutschen Truppen starteten am 19.

 Februar das Unternehmen Westwind, um die Verbindung nach Königsberg wiederherzustellen. Die rote Armee wurde völlig überrascht. Binnen drei Tagen erreichten die deutschen Truppen ihr Operationsziel. Einheiten der sowjetischen 39. Armee wurden eingeschlossen und zerschlagen. Durch diese letzte größere Operation der Wehrmacht in Ostpreußen konnte Königsberg etwa 8 Wochen länger gehalten werden.

 Der schmale Korridor nach Pillau wurde wieder geöffnet. Zehntausende Zivilisten und Verwundete konnten evakuiert werden, doch der Preis war hoch. Die für den Durchbruch eingesetzten Verbände waren nun selbst geschwächt. Die kampfkräftigsten Divisionen, die erste und die fünfte Panzerdivision, wurden auf der Sammlandfront gebraucht und aus Königsberg abgezogen.

 Lasch hatte diese Divisionen mühsam wieder aufgebaut. Ihr Verlust nahm ihm alle Hoffnungen auf ein Halten der Stadt. Am 6. April 1945 begann der Generalangriff. Das Frühlingswetter mit wolkenlosem Himmel begünstigte die Sowjets. Ihre Luftwaffe konnte ohne Einschränkung operieren. Um 5 Uhr morgens eröffnete die Artillerie das Feuer.

 Tausende Geschütze hämmerten auf die deutschen Stellungen, dann griffen die Sturmtruppen an. Den Hauptangriff gegen die nordwestliche Festungsfront führte die 43. Armee unter Generalleutnant Afanassi Beloborodov. Von Süden stieß die elfte Gardearmee unter General Kusma Galitzki vor. Die 39. Armee unter Generalleutenant Ludnikow griff aus dem Sammland an, um die Verbindung nach Pillau zu unterbrechen.

 Am Abend des ersten Angriffstages gelang es der 39. Armee, die Eisenbahnlinie Königsberg nach Pelau zu unterbrechen. Die Stadt war nun vollständig abgeschnitten. Die 43. Armee drang zuerst in die Stadtrandgebiete ein. Im Süden stießen die sowjetischen Truppen bis zu den Vororten Prappeln und Ponnard vor. Der erste Tag hatte gemischte Ergebnisse.

 Die sowjetischen Fortschritte waren nicht so gut wie erwartet. Ford Nummer 5, das als stärkste Befestigung des gesamten Königsberger Gürtels galt, leistete hartnäckigen Widerstand. Die sowjetischen Kommande entschieden sich, es zu umgehen und die Nachhut mit der Eroberung zu beauftragen. Am zweiten Tag, dem 7.

 April, stieß die Rote Armee über Ponrad auf den Pregel vor. Die Eisenbahnbrücke wurde am Abend gesprengt. Im Norden erweiterten die Sowjets den Einbruchsraum bis zu den Hufen und Juditten gehobenen Wohnvierteln der Stadt. Nach zwei Tagen schwerer Kämpfe war die Garnison vom Sammland abgeschnitten. General Lasch beantragte die fünfte Panzerdivision von Westen her zum Entsatz einzusetzen.

General Friedrich Wilhelm Müller, der Oberbefehlshaber der vierten Armee, stimmte zunächst zu, nahm die Zusage aber am nächsten Tag wieder zurück. Lasch beantragte auch die Genehmigung zum Ausbruch der Stadtbesatzung nach Westen. Die Zivilbevölkerung sollte mitgenommen werden. Doch Müller untersagte den Ausbruch.

 Königsberg sollte gehalten werden, kostte es was es wolle. Am 8. April gelang der roten Armee die Bildung eines Brückenkopfes bei Kosse. Die von Norden und Süden vorstoßenden Verbände vereinigten sich. Die an der Ost und Nordfront stehenden deutschen Teile mussten auf den Stadtrand zurückgenommen werden. In der Nacht zum 9.

 April versuchten deutsche Truppen einen Ausbruch nach Westen. Die Zivilbevölkerung hatte den Befehl erhalten, sich eine halbe Stunde nach Mitternacht auf der Ausfallstraße nach Westen zu sammeln. Der Entsatzangriff sollte um 23 Uhr beginnen. Der Angriff gelang zunächst, blieb dann jedoch stecken. Sowjetisches Artilleriefeuer sperrte die Straße.

 Der Führer des Ausbruchs, Generalmajor Erich Sudau, fiel. Auch Gauleiter Stellvertreter Ferdinand Großherr wurde getötet. Zivilisten und Soldaten flüchteten führerlos in die Stadt zurück. Am Morgen des 9. April versuchten die deutschen Truppen erneut sich nach Westen durchzuschlagen. Die 43. Armee verhinderte den Ausbruch.

 Der Angriff der deutschen fünften Panzerdivision von außen scheiterte ebenfalls. Um die Mittagszeit des 9. April waren nur noch wenige Stadtteile in deutscher Hand. Sackheim, Rossgarten, Tragheim, das Schlossgebiet und Steindamm. Die Munition war erschöpft. Die Telefon und Funkverbindungen waren zusammengebrochen.

 Für die vielen Verwundeten gab es keine Versorgung mehr. Weiße Fahnen erschienen an den Häusern. Die Zivilbevölkerung wollte nicht, dass die Kämpfe weitergingen. Sowjetische Soldaten standen bereits auf dem Paradeplatz, unter dem sich Laschs Bunker befand. General Lasch erkannte, daß weiterer Widerstand nur noch sinnlose Opfer fordern würde.

Etwaffztausend deutsche Soldaten waren bereits gefallen oder verwundet worden. Die Stadt lag in Trümmern. Am Abend des 9. April entsandte er Parlamentäre zu den sowjetischen Linien. Um 18 Uhr unterbreitete er das Angebot zur bedingungslosen Kapitulation. Um 1 Uhr nachts am 10. April ging Lasch in Gefangenschaft.

 Die Festung Königsberg hatte kapituliert. Hitler tobte. Er ließ Lasch in Abwesenheit zum Tode verurteilen. Die Familie des Generals wurde in Sippenhaft genommen. Seine Frau und seine Töchter wurden in Berlin und Dänemark verhaftet. Erst mit Kriegsende wurden sie freigelassen. Gauleiter Koch informierte Hitler per Telegramm über die Kapitulation und bezeichnete Lasch als Feigling.

 Dabei war Koch selbst längst nicht mehr in Königsberg. Ende April setzte er sich mit einem Eisbrecher über die Ostsee nach Flensburg ab, während die Bevölkerung ihrem Schicksal überlassen blieb. Die sowjetischen Verluste waren vergleichsweise gering. Etwa 3700 Rotarmisten fielen bei der Eroberung. Auf deutscher Seite wurden nach sowjetischen Angaben etwa 42 000 Soldaten getötet und 92 000 gefangen genommen.

 Verlässliche Zahlen zu den Opfern unter der Zivilbevölkerung existieren nicht. Die Eroberung Königsbergs wurde in Moskau mit einem Artilleriesalut gefeiert. Eine eigene Medaille wurde geschaffen. 98 Militäreinheiten erhielten Ehrennamen. Die Frage, warum Königsberg in nur vier Tagen fiel, lässt sich nicht mit einem einzigen Faktor beantworten.

 Es war das Zusammenspiel mehrerer Ursachen. Erstens waren die Befestigungsanlagen veraltet. Die Force aus dem 19. Jahrhundert boten gegen moderne Waffen keinen ausreichenden Schutz. Die Ziegelkasematten konnten schwere Artillerie und Fliegerbomben nicht standhalten. Zweitens war die sowjetische Überlegenheit erdrückend.

 5: Soldaten, 14: bei den Flugzeugen. Gegen diese Übermacht hatte die erschöpfte deutsche Garnison keine Chance. Drittens wurden der Verteidigung entscheidende Kräfte entzogen. Die kampfkräftigsten Divisionen waren abgezogen worden. Der Mangel an Munition und Treibstoff lämte jeden Widerstand.

 Viertens war die Stadt bereits durch die Luftangriffe des Vorjahres schwer beschädigt. Die Infrastruktur war zerstört, die Versorgung zusammengebrochen. Fünftens verhinderten politische Entscheidungen sinnvolle militärische Maßnahmen. Der Befehl bis zum letzten Mann zu kämpfen, das Verbot des Ausbruchs, die verweigerte Evakuierung, all dies kostete Menschenleben, ohne die Niederlage zu verhindern.

 General Lasch selbst schrieb später: “Königsberg fiel durch die Überlegenheit der russischen Streitkräfte. Die Munition und Versorgungsgüter wurden durch russisches Feuer zerstört. Es gab keine Möglichkeit mehr, die vielen Verwundeten zu versorgen. Nach dem Krieg wurde das nördliche Ostpreußen von der Sowjetunion annektiert.

 Die Stadt wurde in Kaliningrad umbenannt. Die verbliebene deutsche Bevölkerung wurde bis 1948 zwangsweise umgesiedelt. Von der Einnahme der Stadt bis zur vollständigen Aussiedlung starben in Königsberg mehr als 100000 Deutsche, etwa 75% an Hunger, 15% durch Gewalt, die übrigen an Krankheiten und Entkräftung. General Lasch verbrachte 10 Jahre in sowjetischer Kriegsgefangenschaft.

1948 wurde er zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt und nach Vuta in der Arktis verbracht. Erst Anfang Oktober 195, nach den Verhandlungen zwischen Bundeskanzler Adenauer und dem sowjetischen Generalsekretär Kruschtow wurde er mit den letzten deutschen Kriegsgefangenen freigelassen. 1958 veröffentlichte Lasch seine Erinnerungen unter dem Titel So viel Königsberg.

 Es ist bis heute eine der wichtigsten Quellen für die letzten Tage der ostpreußischen Hauptstadt. 191 starb er in Bonbad Godberg. Gauleiter Koch wurde 1949 verhaftet und an Polen ausgeliefert. 1959 wurde er zum Tode verurteilt, das Urteil aber in lebenslange Haft umgewandelt. Bis zuletzt blieb er ohne Reue.

 1986 starb er im Gefängnis von Bchevo, dem ehemaligen Wartenburg in Ostpreußen. Der Bunker, in dem Lasch kapitulierte, ist heute ein Museum in Kaliningrad. Die alten preußischen Fors verfallen langsam. Sie sind stumme Zeugen einer Schlacht, die in nur vier Tagen siehundert Jahre Geschichte beendete.