Es ist der frühe Morgen des 7. November 1980 in Juárez, Mexiko. In einem schmucklosen Krankenzimmer, weit entfernt von den glitzernden Boulevards Hollywoods, herrscht eine schreiende Stille. Hier liegt ein Mann, dessen Name einst die Leuchtreklamen der ganzen Welt erhellte, regungslos in der Dämmerung. Als die Krankenschwestern den Raum betreten, finden sie keinen gefeierten Filmstar mehr, sondern die sterbliche Hülle eines Menschen, der seinen letzten Kampf verloren hat. Doch als sie seine Hand berühren, entdecken sie etwas, das er bis zum letzten Atemzug fest an seine Brust gepresst hielt. Es ist kein Autoschlüssel zu einem schnellen Porsche, kein millionenschwerer Vertrag und keine goldene Trophäe. Es ist ein simpler Gegenstand, der eine Geschichte erzählt, die niemand von dem rebellischen „King of Cool“ erwartet hätte.

Steve McQueen war für Millionen der Inbegriff von Männlichkeit. Sein stahlblauer Blick kannte keine Furcht. Er war der Held, der in „Gesprengte Ketten“ über Stacheldrahtzäune sprang und in „Bullitt“ die Gesetze der Physik herausforderte. Er war das Idol einer Generation, die sich nach Freiheit sehnte. Doch hinter diesem sorgfältig polierten Image verbarg sich eine dunkle Wahrheit. Der Mann, den alle für unverwundbar hielten, lebte in ständiger Angst. Jener unscheinbare Gegenstand in seiner Hand war der letzte Beweis für eine stille Suche nach Frieden, die die Öffentlichkeit nie sehen durfte.

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Um McQueen zu verstehen, muss man zurückblicken in eine Zeit, in der er die Sonne war, um die Hollywood kreiste. Besonders in Deutschland wurde er als Ikone verehrt. Sein legendärer Sprung über den Zaun in den bayerischen Alpen war mehr als ein Stunt; es war ein visuelles Versprechen, dass kein menschlicher Wille eingesperrt werden kann. Er definierte Coolness neu – nicht durch teure Anzüge, sondern durch Taten und Instinkt. Doch während die Welt ihn als Giganten feierte, stieg in seinem Inneren der Druck. Der Erfolg brachte ihm keine Sicherheit, sondern eine tiefe, nagende Paranoia.

Diese Angst war nicht unbegründet. Im August 1969 erschütterten die Morde der Manson-Familie die Welt. Was kaum jemand wusste: Auf der Todesliste von Charles Manson stand ganz oben der Name Steve McQueen. Nur durch eine Laune des Schicksals verpasste er die verhängnisvolle Party im Haus von Sharon Tate. Er überlebte, doch ein Teil von ihm starb in jener Nacht. Von diesem Tag an ging der King of Cool nirgendwohin ohne eine geladene Waffe. Er verbarrikadierte sich und misstraute jedem Schatten. Doch die Dämonen kamen auch von innen. Seine Kindheit war geprägt von Verlassenheit und Misshandlung. Er lernte früh: Vertraue niemandem. Der Ruhm war nur eine Rüstung, um das verängstigte Kind in ihm zu schützen.

Steve McQueen in Bullit (1968) Bild - Kaufen / Verkaufen

Trotz Reichtum und Ruhm blieb McQueen einsam. Er flüchtete in Exzesse, betäubte seine Sinne mit Kokain und Alkohol, um die Stimmen der Vergangenheit zum Schweigen zu bringen. Doch das Schicksal schrieb ein grausames Drehbuch. Ende der 70er Jahre begann der Mann aus Stahl zu husten. Die Diagnose im Dezember 1979 war ein Todesurteil: Pleuramesotheliom, ein aggressiver Krebs durch Asbest. Wahrscheinlich hatte er das Gift als junger Marine oder durch seine feuerfesten Rennanzüge eingeatmet. Die Ironie war bitter: Das, was ihn zum Helden gemacht hatte, brachte ihm nun den Tod. Die US-Medizin gab ihn auf, Hollywood wandte sich ab. In der Traumfabrik war kein Platz für sterbende Götter.

Doch McQueen, der ewige Kämpfer, weigerte sich, dieses Urteil zu akzeptieren. In seiner Verzweiflung floh er nach Mexiko, um sich umstrittenen Behandlungen zu unterziehen. Doch während sein Körper litt, geschah in seinem Inneren eine Verwandlung. Kurz vor seiner Abreise suchte er das Gespräch mit dem Evangelisten Billy Graham. Es war eine totale Kapitulation vor seinem eigenen Ego. In diesem intimen Moment fiel die Maske. Er gestand seine Leere und seinen Schmerz. Billy Graham schenkte ihm seine persönliche Bibel mit einer Widmung.

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Diese Bibel wurde sein ständiger Begleiter in den letzten Tagen in Juárez. Während die Welt über seinen Zustand spekulierte, suchte McQueen Antworten in den alten Versen. Er fand dort etwas, das Hollywood ihm nie geben konnte: Frieden. Die Paranoia wich einer Ruhe, die er seit seiner Kindheit nicht mehr gespürt hatte. Er hörte auf wegzulaufen.

Als die Ärzte am Morgen seines Todes das Zimmer betraten, bot sich ihnen ein Bild von tiefer Symbolik. Steve McQueen war gegangen, aber er hielt fest die Bibel von Billy Graham umschlungen. Sie lag aufgeschlagen auf seiner Brust. Dieser Anblick war sein letztes Statement. Er bewies, dass der wahre Sieg nicht darin besteht, der Schnellste zu sein, sondern Frieden mit sich selbst zu schließen. Sein „Great Escape“ war nicht der Ausbruch aus einem Lager, sondern der Ausbruch aus dem Gefängnis seiner eigenen Ängste. Er starb nicht als unnahbarer Star, sondern als ein Mann, der endlich nach Hause gefunden hatte. Wahre Stärke, so lehrt uns seine Geschichte, liegt darin, die eigene Verletzlichkeit anzunehmen.