Es ist still geworden in den Gassen von Saint-Tropez. Der Wind, der sonst das fröhliche Lachen der Touristen durch die Gassen trägt, scheint heute eine Melodie der Melancholie zu summen. Eine Ära ist zu Ende gegangen. Am 28. Dezember 2025, kurz vor dem Jahreswechsel, schloss eine der faszinierendsten, aber auch umstrittensten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts für immer ihre Augen: Brigitte Bardot. Sie starb im Alter von 91 Jahren in ihrer legendären Villa “La Madrague”, jenem Rückzugsort, der so untrennbar mit ihrem Mythos verbunden ist wie ihre blonden Haare und der Schmollmund, der einst die Welt betörte.

Ihr Tod markiert nicht nur das Ende eines Lebens, sondern den endgültigen Abschluss eines Kapitels der Kulturgeschichte. BB, wie sie die Welt nannte, war nie einfach nur eine Schauspielerin. Sie war ein Naturereignis. Doch wer war die Frau hinter den Initialen wirklich? Ein Blick auf ihr Leben enthüllt eine Tragödie, die sich hinter dem strahlenden Glanz des Ruhms verbarg.

Eine Kindheit in Kälte und Disziplin

Um das Phänomen Bardot zu verstehen, muss man zurückblicken in das Paris des Jahres 1934. Geboren am 28. September in ein gutbürgerliches, streng katholisches Elternhaus, war ihr Start ins Leben alles andere als frei. Ihr Vater, ein industrieller Ingenieur, regierte mit eiserner Hand. Es war eine Welt, in der Gefühle hinter dicken Vorhängen aus Samt und Moral versteckt wurden. Ein Schlüsselerlebnis, das Bardot noch im hohen Alter verfolgte, war der Bruch einer wertvollen chinesischen Vase. Die Strafe war nicht nur körperlich, sondern psychisch verheerend: Sie und ihre Schwester wurden wie Fremde behandelt, gezwungen, ihre eigenen Eltern mit “Sie” anzusprechen.

Diese emotionale Kälte trieb sie in die Arme der Kunst. Im Ballett, unter der strengen Aufsicht des russischen Choreografen Boris Kniaseff, fand sie ein Ventil. Die Disziplin formte nicht nur ihren Körper, sondern schuf jene einzigartige Haltung, jenen wiegenden Gang, der später Männern den Atem rauben sollte. Das Ballett gab ihr die Kontrolle zurück, die ihr zu Hause genommen wurde.

Die Erschaffung der “BB”

1949, mit gerade einmal 15 Jahren, zierte sie das Cover der “Elle”. Es war der Moment, der alles veränderte. Roger Vadim, ein junger Regisseur mit dem Blick für das Besondere, erkannte sofort das explosive Potenzial in ihr. Er sah die Mischung aus kindlicher Unschuld und einer fast aggressiven Sinnlichkeit. Er wurde ihr Pygmalion, ihr erster Ehemann und der Architekt ihres Weltruhms.

1956 explodierte die Bombe: “Und immer lockt das Weib” (Et Dieu… créa la femme). Als Juliette Hardy tanzte sie barfuß auf Tischen und fegte die verstaubte Moral der Nachkriegszeit mit einem einzigen Hüftschwung beiseite. Sie war keine brave Hausfrau, keine distanzierte Diva – sie war pure, ungebändigte Sexualität. Der Vatikan war entsetzt, die Männer verfallen, und die Frauen hin- und hergerissen zwischen Neid und Bewunderung. Brigitte Bardot war zum globalen Sexsymbol avanciert.

Doch sie war mehr als nur Körper. In den 60er Jahren bewies sie in Henri-Georges Clouzots “Die Wahrheit” (La Vérité) und Jean-Luc Godards “Die Verachtung” (Le Mépris) schauspielerische Tiefe. Sie zeigte eine Melancholie und Verletzlichkeit, die Kritiker verstummen ließ. Auch musikalisch hinterließ sie Spuren, besonders an der Seite von Serge Gainsbourg. Ihre Zusammenarbeit, aufgeladen mit Erotik und Skandalen, brachte Hymnen wie “Bonnie and Clyde” hervor. Es war Bardot, für die Gainsbourg ursprünglich das stöhnende “Je t’aime… moi non plus” schrieb – eine Aufnahme, die so heiß war, dass sie jahrelang unter Verschluss blieb.

Liebe als Schlachtfeld

So strahlend ihr öffentliches Bild war, so düster sah es in ihrer Seele aus. Ihr Privatleben war kein ruhiger Fluss, sondern ein reißender Strom, der alles mit sich riss. Die Männer kamen und gingen, oft unter dem grellen Blitzlicht der Paparazzi. Nach Vadim kam Jean-Louis Trintignant, dann Jacques Charrier. Die Ehe mit Charrier brachte ihr einziges Kind hervor, Nicolas-Jacques. Doch statt Mutterglück empfand Bardot nur Abscheu.

In einer Ehrlichkeit, die an Grausamkeit grenzte, bezeichnete sie ihre Schwangerschaft später als das Austragen eines “Tumors”. Sie gestand öffentlich, keinen Mutterinstinkt zu haben. Nach der Scheidung verlor sie das Sorgerecht, und ihr Sohn wuchs fernab von ihr auf. Die Wunde vertiefte sich, als sie 1996 in ihren Memoiren erneut über ihn herzog, was zu einer Klage ihres eigenen Sohnes führte. Erst in ihren letzten Lebensjahren, als Nicolas mit Enkeln und Urenkeln nach Saint-Tropez reiste, gab es eine fragile Versöhnung – ein spätes Licht in der Dunkelheit.

Die Suche nach Liebe trieb sie weiter. Die Ehe mit dem deutschen Playboy Gunter Sachs war der Inbegriff des Jetset-Lebens. Wer könnte die Geste vergessen, als er tausende rote Rosen aus einem Hubschrauber über “La Madrague” regnen ließ? Es war ein Leben wie im Film, doch der goldene Käfig konnte die freiheitsliebende Bardot nicht halten. Erst 1992 fand sie in Bernard d’Ormale, einem politischen Berater, die Beständigkeit, die sie ihr Leben lang gesucht hatte. Er blieb bis zu ihrem letzten Atemzug an ihrer Seite.

Vom Engel zum Dämon: Der tiefe Fall

Während sie sich nach ihrem Rückzug aus dem Filmgeschäft 1973 als radikale Tierschützerin neu erfand und mit ihrer Stiftung Gutes tat, begann ihr menschliches Erbe zu bröckeln. Die Frau, die einst für Freiheit stand, wurde im Alter zur Stimme der Intoleranz. Ihre Nähe zum Front National und ihre Ehe mit d’Ormale zogen sie tief in rechte Kreise.

Zwischen 1997 und 2008 wurde sie sechsmal wegen Aufstachelung zum Rassenhass verurteilt. Ihre Tiraden gegen Muslime, ihre Angriffe auf die multikulturelle Gesellschaft Frankreichs und ihre rassistischen Beleidigungen gegenüber den Bewohnern von La Réunion (“Barbaren”) ließen viele ihrer einstigen Bewunderer erschaudern. Sie hatte die Mauern der sexuellen Moral eingerissen, nur um im Alter Mauern aus Fremdenfeindlichkeit zu errichten. Es ist die Tragik ihres Lebens, dass die einstige Ikone der Liebe zur Ikone der Spaltung wurde.

Ein Abschied unter dem Himmel der Côte d’Azur

Nun, da sie gegangen ist, bleiben die Erinnerungen und die Widersprüche. Die “Fondation Brigitte Bardot” verkündete ihren Tod mit tiefer Trauer. Ihr Körper, einst das begehrteste “Kunstwerk der Natur”, war nach mehreren gesundheitlichen Krisen im Jahr 2025 erschöpft.

Saint-Tropez bereitet sich in diesen Tagen auf einen Abschied vor, der einer Königin würdig ist. Die Beisetzung ist für den 7. Januar 2026 geplant. Die Welt wird noch einmal auf das kleine Fischerdorf blicken, das sie weltberühmt machte. Die Trauerfeier soll in der Kirche Notre-Dame de l’Assomption stattfinden. Da der Andrang der Fans erwartet wird, planen die Behörden, die Zeremonie auf gigantischen Bildschirmen am Hafen zu übertragen. Tausende werden kommen, um Blumen niederzulegen und einem Mythos “Adieu” zu sagen.

Entgegen ihrem ursprünglichen, oft geäußerten Wunsch, im Garten ihrer Villa beerdigt zu werden, wird sie ihre letzte Ruhe voraussichtlich auf dem Friedhof am Meer (Cimetière marin) finden, an der Seite ihrer Eltern. Dort, wo die Wellen des azurblauen Mittelmeers gegen die Felsen schlagen, endet die physische Reise der Brigitte Bardot.

Was bleibt, ist ein Erbe, das so komplex ist wie das Leben selbst. Sie war Täterin und Opfer, Göttin und Monster, Visionärin und Reaktionärin. Brigitte Bardot hat die Welt verändert, und die Welt hat sie gezeichnet. In den kommenden Tagen, wenn die Glocken von Saint-Tropez läuten, werden wir nicht nur um die Schauspielerin trauern, sondern über das Rätsel Mensch nachdenken, das sie so vollkommen verkörperte.

Ruhe in Frieden, BB. Dein Tanz ist vorbei, aber das Echo deiner Schritte wird noch lange hallen.