Es gibt Wahrheiten, die so lange im   Schatten verborgen liegen, dass sie fast   vergessen scheinen, bis zu dem einen   Moment, in dem das Schweigen bricht. Für   Mary Rose, eine Frau, die für   Deutschland mehr war als nur eine   Sängerin, sie war das Gesicht des   Aufschwungs, dauerte dieser Moment ein   ganzes Leben.

 

  Wir dachten, wir wüssten alles über sie.   Wir kannten die strahlende Siegerin des   Grand Prix Vorentscheids, den Pariser   Chansonstar, das unschuldige   Fräuleinwunder der 60er Jahre. Wir sahen   sie lächeln, als die Nation ihr zusah   und wir sahen zu, wie die   Boulevardpresse sie später als die   betrogene Ehefrau vorführte.

 

 Wir   dachten, wir hätten ihre Geschichte   verstanden.   Wir lagen falsch.   Im Alter von 76 Jahren, als die   Scheinwerfer längst gedimmt waren, tat   Mary Rose das, was niemand mehr erwartet   hatte. In einer stillen, fast schon   feierlichen Beichte öffnete sie das Buch   ihres Lebens ein letztes Mal und sie   nannte die Namen.

 

 Nicht viele, aber   jeder einzelne Name war ein Brandma auf   ihrer Seele. Es waren die wenigen   Menschen und die mächtigen Systeme,   denen sie, wie sie unmissverständlich   klarstellte, niemals vergeben würde.   Diese Enthüllung war kein Schrei nach   Rache. Es war ein Akt sei Befreiung, ein   Moment, der ein ganzes Leben in ein   neues Licht rückte.

 

  Wer waren diese wenigen, die eine solche   Macht über sie hatten? Wie konnte eine   Künstlerin von internationalem Format,   ein Star, der in Paris ebenso gefeiert   wurde wie in Berlin, in eine solche   Spirale der Zerstörung geraten? Und was   sagt es über eine Industrie aus, die   ihre größten Talente oft erst dann als   Menschen sieht, wenn sie am Boden   liegen?   Um das zu verstehen, müssen wir die   glänzende Fassade des deutschen   Wirtschaftswunders durchbrechen.

 

 Wir   müssen zurückblicken nicht nur auf den   glamurösen Aufstieg der 70er Jahre,   sondern bis in die Kagen Hotelzimmer der   50er, wo ein neunjähriges Mädchen   bereits lernte, für den Applaus der   Erwachsenen zu funktionieren.   Die Geschichte von Mary Rose ist nicht   die, die wir zu kennen glaubten. Es ist   nicht die Geschichte eines gefallenen   Schlagerstars.

 

 ist die Chronik einer   jahrzehntelangen Ausbeutung, die im   Kinderzimmer begann und in einer   desaströsen Ehe gipfelte. Und es ist die   Geschichte einer Frau, die am Ende die   einzige Waffe einsetzte, die ihr noch   blieb. Die unumstößliche Wahrheit. Dies   ist ihre endgültige Abrechnung.   Der Aufstieg von Mary Rose war kein   kometenhafter Zufall.

 

 Er war das   Ergebnis einer lebenslang unerbittlichen   Dressur. Um ihren späteren Erfolg und   ihre Fallhöhe zu verstehen, müssen wir   ganz an den Anfang blicken ins Jahr   1958.   Hier auf der Bühne eines kleinen Hotels   sehen wir kein junges Fräulein. Wir   sehen ein neunjähriges Kind namens   Rosemarie Schwab.   Sie war ein Kinderstar der   Nachkriegszeit.

 

 Eine Zeit, in der Talent   oft gleichbedeutend mit Gehorsam war.   Während andere Kinder zur Schule gingen   oder mit Freunden spielten, verbrachte   die junge Rosemaryie ihre Kindheit in   den rauchigen Seelen von Hotels und auf   regionalen Bühnen. Sie lernte früh zu   funktionieren, zu lächeln, wenn es   verlangt wurde und die Erwartungen der   Erwachsenen zu erfüllen.

 

 Es war ein   Leben ohne echte Kindheit, ein ständiges   Unterwegs sein, eine frühe Lektion in   Selbstverleugnung. Die Industrie sah in   ihr niedliches Produkt und ihre Familie   sah eine Einnahmequelle. Diese frühe   Prägung, dieser unbewusste Vertrag, dass   ihre Existenzberechtigung an Applaus und   Wohlverhalten geknüpft war, legte ein   gefährliches Fundament für ihr gesamtes   späteres Leben.

 

  Die erste große Transformation kam 1970.   Aus Rosemary Schwab war längst Mary Rose   geworden mit dem Titel Arizona Man,   produziert von Giorgio Moroda, dem Mann,   der später die Discowelt definieren   sollte, traf sie den Nerv der Zeit. Es   war ein revolutionärer Sound für   deutsche Verhältnisse. Modern,   international, ein Hauch von Aufbruch.

 

  Über Nacht wurde sie zum Star der ZDF   Hitparade und zur Stimme einer neuen   optimistischen Generation.   Von da an war sie allgegenwärtig. Am   Anfang war die Liebe einmal um die Welt.   Ihre Lieder wurden zu Eckpfeilern der   deutschen Samstagabendunterhaltung.   Sie war das perfekte Gesicht für das   Wirtschaftswunder.

 

 Jung, markelos,   talentiert und doch bescheiden. Das   Publikum schuf sich ein Idealbild, den   Engel von Bingen, die perfekte   Schwiegertochter der Nation.   Doch hier kommt der entscheidende   Wendepunkt, der Teil ihrer Geschichte,   der oft übersehen wird und ihre spätere   Tragödie erst verständlich macht.   Während Mary Rose in Deutschland die   unschuldige Schlagerprinzessin gab,   baute sie sich eine zweite völlig andere   Karriere auf in Frankreich.

 

  Unter dem leicht veränderten Namen Mary   Rose wurde sie in Paris zu einem   gefeierten Chanonstar. Sie lebte in der   Stadt des Lichts, nahm Platten in   fließendem Französisch auf und arbeitete   mit Größen wie Joeine. Dies war nicht   die deutsche Mary Rose, dies war eine   elegante, erwachsene, intellektuelle   Künstlerin.

 

 Sie sang anspruchsvolle   Chanons, trat in legendären Hallen wie   dem Olympia auf und genoss den Respekt   der französischen Kulturszene.   Sie hatte geschafft, was nur wenige   deutsche Künstler erreichten. Sie hatte   eine internationale Fluchtrute, einen   Ort, an dem sie nicht der Engel von   Bingen, sondern einfach eine Künstlerin   sein konnte.

 

 Sie hatte ein Leben in   Paris, eine weltvoller Raffinesse und   künstlerischer Freiheit.   Im Jahr 1972   erreichte sie dann den Gipfel beider   Welten. In Deutschland trat sie beim   Grand Prix Eurovision in Edinburg an.   Ihr Lied, “Nur die Liebe lässt uns   leben, wurde zur Hymne und sie zur   moralischen Siegerin Europas”. Sie holte   einen triumphalen dritten Platz und war   nun endgültig die unantastbare Ikone   Deutschlands.

 

  Sie stand nun auf einem doppelten Olymp.   In Deutschland war sie das Symbol der   heilen Welt. In Frankreich die   anspruchsvolle Chansonnière. Sie hatte   alles. Sie hatte die Wahl.   Und genau hier liegt der Kern des   späteren Dramas. Warum? So muss man   fragen, kehrt eine Frau, die die   künstlerische Freiheit von Paris geht,   freiwillig zurück in die Enge der   deutschen Schlagerszene? Warum bindet   sich eine Künstlerin von solchem   internationalen Format an einen Mann wie   Werner Böhm, der das genaue Gegenteil   von Kultiviertheit darstellte?   Vielleicht war der Druck, diese beiden   perfekten, aber widersprüchlichen Leben   aufrecht zuerhalten, zu groß. Vielleicht   war die Sehnsucht nach einem normalen   Leben, nach einem Ausbruch aus dieser   totalen Kontrolle so überwältigend, dass   sie die zerstörerische Natur dieser   Rebellion nicht erkannte. Paris war ihre   Chance auf Freiheit. Doch die Fesseln   ihrer deutschen Kindheit, die sie   gelehrt hatten, Erwartungen zu erfüllen,

 

  zogen sie zurück. Sie traf eine   Entscheidung, die ohne dass sie es ahnte   direkt in die größte Katastrophe ihres   Lebens führen würde.   Auf dem Gipfel ihrer internationalen   Karriere mit einer Wohnung in Paris und   den Bühnen Deutschlands zu ihren Füßen   traf Mary Rose die verhängnisvollste   Entscheidung ihres Lebens.

 

 Sie kehrte   der kultivierten Welt der französischen   Chansons den Rücken und stürzte sich in   eine Beziehung, die niemand verstand.   1981   heiratete sie Werner Böhm, besser   bekannt als seine laute polternde   Kunstfigur Gottlieb Wendehals.   Er war das genaue Gegenteil von allem,   wofür sie stand. War sie die elegante   Chansonnier, war er die derbe   Stimmungskanone.

 

 War sie die markelose   Ikone, war er das personifizierte Chaos.   Für die Öffentlichkeit war es ein   Schock. Für Mary Rose war es vielleicht   ein verzweifelter Akt der Rebellion, ein   Ausbruchsversuch aus dem goldenen Käfig   der Perfektion, den die Industrie seit   ihrem neunten Lebensjahr um sie herum   gebaut hatte.

 

 Sie wollte vielleicht   nicht länger die kontrollierte   Marionette sein, sondern etwas echtes,   rohes, unvorhersehbares fühlen. Sie   bekam es, aber es sollte sie fast   vernichten.   Hier beginnt der psychologische Abgrund,   der oft als Koabhängigkeit bezeichnet   wird, die emotionale Lituok. Um zu   verstehen, warum eine intelligente,   erfolgreiche Weltbürgerin bei einem Mann   blieb, der sie ruinierte, müssen wir auf   das neunjährige Mädchen im Hotelzimmer   zurückblicken.

 

 Man hatte sie darauf   konditioniert, zu funktionieren, zu   gefallen und Probleme zu reparieren, um   Liebe und Anerkennung zu verdienen.   Werner Böhm war kein Partner, er war ein   Projekt, ein Mann, von dem sie glaubte,   sie könne ihn retten. Sie verwechselte   seine Schwäche mit Bedürftigkeit und   ihre eigene Aufopferung mit Liebe.

 

 Sie   war von der professionellen   Problemlöserin der Industrie zur   privaten Retterin eines Mannes geworden,   der nicht gerettet werden wollte.   Die Realität dieser Ehe war ein   Albtraum, der im krassen Gegensatz zu   den Schlagzeilen über ihr angebliches   Glück stand. Werner Bümm war   spielsüchtig.

 

 Er war ein Fass ohne   Boden. Während Mary Rose auf der Bühne   stand und Lieder über die heile Welt   sang, verzockte er im Hintergrund die   Millionen, die sie verdiente. Es war   kein langsames Versickern von Geld, es   war ein Sturzbach ins Nichts.   Der wahre Horror lag jedoch nicht nur im   Verlust des Geldes, sondern in den   Verträgen.

 

 Mary Rose, die gelernt hatte   zu vertrauen und zu helfen, unterschrieb   Bürgschaften. Sie machte sich juristisch   haftbar für Schulden, die nicht ihre   waren. Es war ein Akt der   Selbstauslöschung, getarn als eelicher   Beistand. Sie war nun nicht mehr nur   emotional, sondern auch existenziell an   sein Schicksal gekettet.   Gleichzeitig begann die Boulevardpresse   allen voran, die Bildzeitung ihre Rolle   zu spielen.

 

 Sie waren nicht länger nur   Beobachter, sie wurden zu Akteuren. Sie   witterten die größte Story der deutschen   Showbranche, der Engel und der Teufel.   Sie schufen ein öffentliches Schauspiel.   Jede Träne von Maryjeder Fehltritt von   Werner wurde zur Schlagzeile. Die Presse   bot ihr keinen Schutz. Sie warf Öl ins   Feuer.

 

 Sie machten aus ihrem privaten   Martyrium ein öffentliches Spektakel.   Das Leben von Mary Rose spaltete sich   nun in zwei unvereinbare Hälften. Da war   die öffentliche Figur, die perfekt   lächelnd im Fernsehen auftrat. Und da   war die private Frau, die nachts weinend   die Kontuszüge prüfte und versuchte den   nächsten Skandal ihres Mannes zu   verhindern. Sie war isoliert.

 

 Ihre   Freunde aus Paris verstanden nicht, was   sie tat. Ihre Kollegen sahen zu, wie sie   sich selbst demontierte.   Der Druck, dieses Lügengebäude aufrecht   zu erhalten, war unmenschlich. Die   Sängerin, die einst die künstlerische   Freiheit von Paris geatmette, war nun   die Gefangene eines einzigen Mannes und   einer Industrie, die sie als Produkt,   aber nicht als Mensch schützte.

 

 Die   dunkle Seite des Ruhms war kein   abstrakter Druck mehr. Sie hatte einen   Namen Werner Böhm und er zog sie mit   sich in den Abgrund.   Der endgültige Zusammenbruch war kein   stiller Verfall. Er war ein öffentliches   Spektakel, das im Jahr 1984   seinen zynischen Höhepunkt erreichte.   Ausgerechnet in dem Moment, als Mary   Rose Deutschland ein zweites Mal beim   Grand Prix Eurovision de La Chanson   vertrat, explodierte der private Skandal   in den Schlagzeilen.

 

  Die Boulevardpresse, angeführt von der   Bildzeitung, hatte ihr neues   Lieblingsthema gefunden. Mary Rose war   nicht länger die strahlende Ikone oder   die elegante Pariserin. Sie war jetzt   die betrogene Ehefrau. Was täglich   musste sie Fotos von Werner Böhm mit   seiner neuen Geliebten jener besagten   Natalie auf den Titelseiten ertragen.

 

 Es   war eine öffentliche Demütigung, eine   Hinrichtung ihres markellosen Rufs.   Inmitten dieses medialen Infernus,   während ihr Name zum Synonym für die   gedemütigte wurde, reiste sie nach   Luxemburg zum Grand Prix und sie trat   mit einem Lied auf, das in diesem   Kontext eine fast schon unheimliche   Bedeutung bekam, aufrechtgehen.

 

  Wir müssen diesen Moment verstehen. Dies   war kein gewöhnlicher Schlager. Es war   ein Manifest. Vor einem Millionen   Publikum in ganz Europa, das nichts von   den schmutzigen Details ihres   Privatlebens wusste, stand diese Frau im   Rampenlicht. Die Kameras zoomten auf ihr   Gesicht, das noch immer professionell   lächelte. Und sie sang.

 

 Sie sang Sätze   wie: “Eines Tages wird die Liebe über   diesen Schmerz siegen und ich werde   aufrecht gehen.”   Es war eine surreale Szene. Während   Deutschland in der Bildzeitung die   neuesten Details über die Affären ihres   Mannes las, sang Mary Rot live im   Fernsehen ihre Antwort. Es war eine   Trotzreaktion, eine Durchhalteparole,   die sie nicht an das Publikum, sondern   an sich selbst richtete.

 

 Sie verwandelte   ihre private Hölle in 3 Minuten   öffentliche Kunst. Sie sang buchstäblich   um ihr Leben, um ihre Würde. Sie wusste,   wenn sie jetzt zusammenbrach, würde die   Presse sie zerfleischen. Aufrechtgehen   war keine künstlerische Wahl. Es war die   einzige Option, die ihr noch blieb.   Doch der Applaus des Grand Prix konnte   die Realität nicht aufhalten.

  Unmittelbar nach diesem Auftritt brach   die finanzielle Katastrophe über sie   herein. Die Spielschulden von Werner   Böhm waren auf eine astronomische Summe   angewachsen. Schätzungen sprachen von   bis zu 5 Millionen Mark. Da sie für ihn   gebürgt hatte, war es nun ihr Ruin.   Gerichtsvollzieher gingen in ihrem Haus   ein und aus.

 

 Das Vermögen, dass sie sich   seit ihrem neunten Lebensjahr aufgebaut   hatte, die Früchte ihrer internationalen   Karriere, alles war weg. Es war der   ultimative Verrat. Er hatte ihr nicht   nur ihr Herz gebrochen und ihren Ruf   beschädigt, er hatte ihr auch ihre   Existenzgrundlage genommen.   Im Jahr 1986   auf dem absoluten Tiefpunkt dieses Chaos   brachte sie ihren Sohn Julian zur Welt.

 

  Ein Funkenhoffnung in der totalen   Finsternis. Doch es reichte nicht, um   die Ehe zu retten. 1989   wurde die Scheidung vollzogen.   Mary Rose stand vor dem Nichts. Sie war   40 Jahre alt, eine alleinerziehende   Mutter bankrott und in der Branche als   Skandalfall gebranntmarkt. Die   Industrie, die sie als Kind aufgebaut   und als Star gefeiert hatte, wollte mit   einer Frau, die so öffentlich gefallen   war, nichts mehr zu tun haben.

 

 Der Engel   war gestürzt. Das Pariser Chanson war   verklungen. Übrig blieb eine Frau, die   nun lernen musste, tatsächlich aufrecht   zu gehen, ohne Bühne und ohne Applaus.   Nach der Scheidung 1989   begann der längste und härteste Akt im   Leben der Mary Rose. Es war ein stiller   Kampf, der über 20 Jahre dauern sollte,   weit entfernt von den Kameras der großen   Samstagabendshows.

 

 Sie war nicht nur   emotional am Boden, sie war finanziell   ruiniert. Die Schulden ihres Ex-Mannes,   jene 5 Millionen Mark, waren nun ihre.   Hier hätte die Geschichte enden können   mit einer vergessenen Ikone im   Privatinsolvenzverfahren.   Doch Mary Rose traf eine Entscheidung.   Sie würde aufrecht gehen, nicht nur als   Liedzeile, sondern als Lebensprogramm.

 

  Sie begann zu arbeiten, unermüdlich wie   eine Besessene. Sie nahm Jobs an, die   eine Künstlerin ihres ehemaligen Status,   ein Star aus Paris und Berlin   normalerweise abgelehnt hätte.   Sie túrte durch kleine Stadthallen, sang   bei Galaabenden und Firmenfeiern. Sie   erfand sich neu als Musical   Darstellerin.

 

 Ein Fach, das damals in   Deutschland noch nicht den Stellenwert   von heute hatte und von vielen in der   Schlagerbranche belächelt wurde, aber es   war ehrliche Arbeit. Es war eine   Möglichkeit, Geld zu verdienen.   Jahrzehntelang zahlte sie die betrogene   Ehefrau die Schulden des Mannes ab, der   sie verraten hatte.

 

 Sie kaufte sich ihre   Freiheit zurück, Mark, Euro für Euro.   Erst dann, nach fast einem Viertel   Jahrhundert harter Arbeit, als die   letzte Rate bezahlt war, ihr Sohn Julian   erwachsen war und sie finanziell   niemandem mehr etwas schuldete, erst   dann war sie bereit zu sprechen.   Der Moment kam 2013 mit der   Veröffentlichung ihrer Autobiografie.

 

  Allein der Titel war ein Geniestreich,   eine endgültige Abrechnung.   aufrechtgehen, mein langes Leben, meine   kurze Ehe. Mit diesem einen Satz wischte   sie die 8 Jahre Hölle, die sie 20 Jahre   lang abbezahlt hatte, als bloße kurze   Episode beiseite. Es war der Sieg der   Überlebenden.   In diesem Buch tat sie, was sie nie   zuvor getan hatte.

 

 Sie nannte die Namen   und die Fakten. Der erste Name Werner   Böhm. Sie legte die Zahlen offen, die 5   Millionen Mark, den unermesslichen   Vertrauensbruch. Sie beschrieb den   Verrat eines Mannes, der sie sehenden   Auges in den Ruinen getrieben hatte.   Der zweite Name, das System Bild. Sie   beschrieb die unbarmherzige Jagd der   Reporter, die Gear nach ihren Tränen,   die öffentliche Zchaustellung ihrer   Demütigung, ein System, das kein   Interesse an der Wahrheit, sondern nur   am Skandal hatte.

 

  Doch dann enthüllte sie ein Detail, eine   letzte verborgene Wunde, die der   Öffentlichkeit bis dahin unbekannt war.   Ein Detail, das so perfide und grausam   war, dass es den Atem stocken ließ und   alles bisherige in den Schatten stellte.   Es war das schmutzige Geheimnis, dass   sie all die Jahre mit sich herumgetragen   hatte.

 

  Sie schrieb über ihren Sohn Julian,   geboren 1986,   und sie schrieb, dass Werner Böhm Jahre   später 1993   mit seiner Geliebten Natalie ebenfalls   einen Sohn bekam. und diesem Sohn gaben   sie den Namen Julian.   Diese Enthüllung war der eigentliche   Paukenschlag. Es war nicht nur der   Verrat, nicht nur das Geld, nicht nur   die öffentliche Schande, es war dieser   letzte Akt der psychologischen   Grausamkeit, der Versuch, nicht nur ihr   Leben, sondern sogar die Einzigartigkeit   ihres Kindes auszulöschen.

 

  Als Mary Rose diese Geschichte   niederschrieb, tat sie es nicht als   Opfer. Sie tat es als Siegerin. Sie   hatte die Schulden bezahlt. Sie hatte   ihren Sohn allein großgezogen. Sie hatte   sich ihre Karriere zurückerkämpft. Sie   sprach nicht aus der Schwäche heraus,   sie sprach aus einer Position der   absoluten moralischen Stärke.

 

 Die   Reaktionen waren Schock und tiefes   spätes Verständnis. Erst jetzt begriff   die Nation das wahre Ausmaß des Verrats.   Mary Rose hatte sich ihre Geschichte   zurückgeholt, Wort für Wort.   Die Geschichte von Mary Rose, so wie sie   nun vor uns liegt, ist weit mehr als nur   ein Schlagerskandal. Es ist das   vielschichtige Zeugnis eines Lebens, das   von den extremsten Kräften der   Unterhaltungsindustrie geprägt wurde.

 

 Es   ist eine Parabel, die im Kinderzimmer   eines Hotels in den 50er Jahren begann   und erst im Alter von über 70 Jahren   ihre volle Wahrheit offenbarte.   Ihr Schicksal wirft ein unbarmherziges   Licht auf die Mechanismen der   Ausbeutung, die oft schon beginnen,   bevor ein Kind seinen eigenen Namen   schreiben kann.

 

 Mary Rose war das erste   Produkt, das funktionieren musste. Diese   frühe Dressur zum Applaus machte sie   später blind für die Gefahr und anfällig   für die Koabhängigkeit, die sie in den   Ruinen trieb. Sie zeigt uns den   unermesslichen Preis, den Künstler   zahlen, wenn sie als markellose Ikonen   verehrt, aber nicht als verletzliche   Menschen geschützt werden.

 

  Wir müssen uns fragen, was wäre   geschehen, wenn sie in Paris geblieben   wäre, wenn die anspruchsvolle Chansonier   Mary Ross den Sieg über den deutschen   Schlagerengel Mary Rose davon getragen   hätte? Ihre Geschichte ist auch die   Tragödie einer verpassten künstlerischen   Freiheit, geopfert auf dem Altar einer   toxischen Liebe, die ihre Wurzeln in   alten Mustern der Selbstufopferung   hatte.

 

  Ihr 20-jähriger Kampf, die Schulden   eines anderen Mannes abzutragen, ist ein   stilles Denkmal der Resilienz. Es war   ein Marathon im Schatten, während die   Industrie längst neue unbefleckte Sterne   feierte. Die Enthüllung des zwei   Julianskandals war daher keine späte   Rache.

 

 Es war der Schlussstein eines   langen Befreiungsprozesses. Es war der   Moment, in dem Frau, die finanziell und   emotional enteignet worden war, sich das   letzte Stück ihrer Geschichte   zurückholte, die Wahrheit.   Die Geschichte von Mary Rose stellt uns   allen die entscheidende Frage nach der   Verantwortung. die Verantwortung der   Industrie, die Kinder schützt, statt sie   zu vermarkten.

 

 Die Verantwortung der   Medien, die über Menschen berichten,   statt sie zu jagen. Und unsere   Verantwortung als Publikum das lernt,   hinter das polierte Lächeln zu blicken,   bevor es zu spät ist.   Mary Rose hat niemanden um Verzeihung   gebeten und sie hat auch nicht um   Mitleid gebettelt. Sie hat etwas viel   mächtigeres getan.

 

 Sie hat ihre Bilanz   gezogen, sie hat die Namen genannt, die   Fakten auf den Tisch gelegt und ihre   Schulden bezahlt. Sie hat uns gezeigt,   was es bedeutet, nicht nur auf einer   Bühne, sondern im echten Leben aufrecht   zu gehen.   Wie sie selbst sagte, ich möchte einfach   nur, dass meine Geschichte endlich mit   meiner eigenen Stimme erzählt wird.

 

  Diese Stimme klar unerschütterlich und   am Ende siegreich haben wir heute   gehört.