Elara strich ihr blaues Kleid glatt, eine Geste, die sie in den letzten 10 Minuten unzählige Male wiederholt hatte. Sie war 40 Minuten zu früh Eiem Cafe Schiller in Berlin Charlottenburg, einem Ort, den sie wegen seiner warmen Beleuchtung und dem Duft nach alten Büchern und frischem Apfelstrudel ausgewählt hatte.

 Ihre Hände waren eiskalt, trotz der milden Frühlingsluft draußen. Hoffnung war ein gefährliches Gefühl, eines, das Elara gelernt hatte, sorgfältig zu dosieren. Als Kinderkrankenschwester war sie es gewohnt, stark zu sein, Entscheidungen in Sekundenbruchteilen zu treffen und für andere eine Stütze zu sein. Aber Dates, Dates waren ein Minenfeld.

 Sie hatte ihr Spiegelbild dreimal in der Fensterscheibe überprüft, bevor sie eintrat. und übte ein Lächeln, das wie sie hoffte selbstbewußt und nicht bedürftig wirkte. Markus, ihr Blind Date, kam 20 Minuten zu spät. In dem Moment, als er eintrat, wusste sie, dass es ein Fehler war. Er trug einen Maßanzug, der mehr kostete als ihre Monatsmiete und seine Arroganz füllte den Raum, bevor er überhaupt sprach.

 Er sah auf seine Smartwatch, eine dieser protzigen Uhren aus poliertem Metall, bevor er sie überhaupt richtig ansah. “Du bist also Elara.” Seine Stimme war flach, desinteressiert. Er musterte den gemütlichen altmodischen Raum mit leichter Verachtung, als wäre er gezwungen worden, in einer Kantine zu essen. “Ein ziemlich rustikales Lokal hast du ausgesucht. Ich hoffe, der Kaffee ist hier zumindest trinkbar.

” Er setzte sich, ohne den Stuhl für sie zurecht zu rücken und legte sein Telefon mit dem Display nach oben auf den Tisch. Elara versuchte, die aufsteigende Enttäuschung zu unterdrücken. “Ich mag es hier.” “Es ist ruhig”, sagte sie. “Ruhe ist etwas für Leute, die keine Ambitionen haben”, erwiderte er und winkte der Kellnerin mit einer ungeduldigen Geste zu. “Nur ein stilles Wasser für mich.

” Elara hatte bereits einen Tee bestellt, der nun vor ihr lauwarm wurde. Sie versuchte ein Gespräch über ihre Arbeit zu beginnen, über die Kinder auf ihrer Station. Er unterbrach sie nach zwei Sätzen. Krankenschwester. Ja, das hast du geschrieben. Ein nobler Job, nehme ich an. Aber erfüllt es dich wirklich, anderen die Bettpfannen zu wechseln? Elara zuckte zusammen.

Ich arbeite auf der neugeborenen Intensivstation. Es ist es ist mehr als das, wie auch immer. Markus lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. Ich bin Investmentbanker. Ich arbeite 80 Stunden die Woche. Ich gestalte die Zukunft. Ich erwarte von meiner Partnerin, dass sie mithalten kann, dass sie ein Aushängeschild ist. Du verstehst. Er sprach nicht mit ihr.

Er sprach auf sie herab. Elara fühlte, wie ihre Hoffnung zu einem kleinen kalten Stein in ihrem Magen schrumpfte. Sie rührte ihren Tee nicht mehr an. Er hatte kaum an seinem Wasser genippt, daß er mit einer Grimasse getrunken hatte, als wäre es Leitungswasser, als er wieder auf seine Uhr sah. Er seufzte theatralisch, dann stand er auf.

 Sein Stuhl scharte laut über den alten Holzboden. Das leise Gemurmel im Caffee verstummte für einen Moment. Hör zu, Elara. Seine Stimme war jetzt lauter, schneidend. Er zog seine Brieftasche hervor. eine Geste, die so herablassend war, daß Elara am liebsten Ei am Boden versunken wäre. Ich will ehrlich sein. Ich verschwende meine Zeit nicht gern. Sieh dich doch mal an.

 Seine Augen wanderten von ihrem Gesicht über ihren Körper und zurück und sein Blick war kalt wie Eis. Die Fotos waren nun ja offensichtlich sehr vorteilhaft. Ich habe einen Ruf zu wahren. Ich kann nicht mit jemandem gesehen werden, der nun ja, der sich so gehen läßt. Die Worte hingen wie Gift in der Luft. Er nahm einen Schein aus der Brieftasche und warf ihn auf den Tisch. 20 €.

 Das sollte für dein Wasser reichen, er lächelte Hönnisch. Kauf dir vielleicht ein Salatabo. Elara erstarrte. Die Welt schien sich zu verengen. Sie hörte das Klirren von Besteck von einem anderen Tisch. Das leise Lachen einer Frau zwei Tische weiter. Alles klang plötzlich ohrenbetäubend laut und gleichzeitig unendlich weit weg.

 Tränen stiegen ihr in die Augen, heiß und plötzlich. Sie zitterte, unfähig. Ein Wort zu sagen, unfähig sich zu bewegen. Sie fühlte die Blicke der anderen Gäste auf sich. Ein brennendes Gefühl der öffentlichen Demütigung. Stopp! Die Stimme kam vom Tisch daneben, tief, ruhig und voller einer kontrollierten Wut, die Markus tatsächlich innerhalten ließ.

 Ein Mann stand langsam von seinem Ecktisch auf. Er war groß, aber auf eine unaufdringliche Weise. Er trug ein einfaches Hemd, die Ärmel hochgekrempelt und in seiner Hand hielt er einen Bleistift. Ein offenes Skizzenbuch lag auf seinem Tisch neben einer Tasse Kaffee. Seine braunen Augen fixierten Markus mit einer Intensität, die den Bänker unwillkürlich einen Schritt zurückweichen ließ.

 Markus versuchte seine arrogante Fassung wiederzugewinnen. “Entschuldigung, ist das ihr Geschäft? Jetzt schon”, sagte der Fremde leise. Er trat einen Schritt näher, nicht bedrohlich, aber bestimmt. “Ich glaube, sie haben genug gesagt. Es ist Zeit zu gehen.” Markus lachte nervös. Es klang hohl. “Oh, was bist du? Ihr dicker Freund passt ja.” Verlierer halten zusammen.

 Der Fremde reagierte nicht auf die Beleidigung. Seine Ruhe schien Markus mehr zu verunsichern, als jeder Schrei es getan hätte. Stattdessen ging der Fremde an Markus vorbei, zog den Stuhl gegenüber von Elara heraus, den Stuhl, den Markus gerade verlassen hatte, und setzte sich. Seine Augen trafen ihre.

 Warmes Braun traf auf Tränen grünes Entsetzen. “Darf ich?”, fragte er sanft und ignorierte Markus nun völlig. Elara, zu schockiert, um zu sprechen, konnte nur nicken. Eine einzelne Träne löste sich und rollte über ihre Wange. Lukas, denn das war sein Name, wandte sich wieder Markus zu, der immer noch mit leicht geöffnetem Mund da stand, fassungslos, dass man ihm widersprach.

 Sie ist wunderschön”, sagte Lukas einfach, seine Stimme klar und festem stillen Kaffee. “Sie sind nur zu oberflächlich, um es zu sehen. Gehen Sie jetzt, bevor ich vergesse, dass meine Tochter mir beigebracht hat, meine Worte statt meiner Fäuste zu benutzen.” Die Erwähnung einer Tochter, kombiniert mit der unerschütterlichen Ruhe des Mannes, schien Markus endgültig zu verwirren.

 Er schnaubte, murmelte etwas von erbärmlich und gestört, drehte sich auf dem Absatz um und stürmte aus dem Kaffee. Die kleine Glocke über der Tür klingelte wütend, das Kaffee war still. Elara starrte auf den nassen Ring, den ihr Teeglas auf dem Tisch hinterlassen hatte. Sie konnte die Blicke auf sich spüren. Ihre Wangen brannten. Sie wollte rennen, verschwinden.

 Nie wieder gesehen werden. Es tut mir leid, flüsterte sie zu dem Fremden. “Das das mussten sie nicht tun.” “Doch musste ich”, unterbrach Lukas sie sanft. Er griff zum Serviettenspender, zog eine heraus und reichte sie ihr über den Tisch. “Niem, absolut niemand verdient das.” Elara nahm die Serviette, ihre Hand zitterte. Ich muß schrecklich aussehen. Sie tupfte sich die Augen und wußte, daß sie ihre Wimperntusche nur verschmierte.

 Sie sehen aus wie jemand, dessen Herz von jemandem verletzt wurde, der es nicht verdient hat, einemselben Raum zu sein, sagte Lukas. Ich bin übrigens Lukas, Elara, flüsterte sie. Elara, wiederholte er, als würde er den Namen testen. Wissen Sie was, Elara? Dieser Tisch hat eine schreckliche Energie.

 Lassen Sie uns an meinen wechseln und lassen Sie uns neu anfangen. Er stand auf und half ihr ihre Sachen zu sammeln. Sie folgte ihm wie in Trans zu seinem Ecktisch in der Ecke. Das Skizzenbuch lag immer noch offen. Sobald sie saßen, winkte er die Kellnerin heran. Ich glaube, wir brauchen etwas, das die Seele wärmt. Ich wollte gerade die besten Käsespätzle Berlins bestellen. Möchten Sie mich begleiten? Kein Druck.

 Kein Date, nur zwei Menschen, die eine Mahlzeit teilen. Bevor sie antworten konnte, trat ein älterer Herr mit strengem Blick und freundlichen Augen an den Tisch. Es war Herr Müller, der Besitzer, den Elara oft hinter der Theke gesehen hatte. Er stellte zwei große dampfende Teller mit Käsespätzle ab, goldbraun und duftend.

“Aufs Haus”, sagte er mit seinem unverkennbaren Berliner Akzent. In meinem Kaffee werden Tyrannen nicht geduldet, und wer Tyrannen in die Flucht schlägt, ist umsonst.” Er zwinkerte Lukas zu. “Und sie, junge Dame?” “Starke Frauen brauchen gutes Essen.” Er nickte bestimmt und ging, bevor sie danken konnten. Lukas schob ihr einen Teller hin. Er hat recht.

 Mit den Spätzle und damit, dass sie besseres verdient haben. Sie aßen zuerst schweigend. Der reichhaltige Käse und die warmen Nudeln waren tröstlich. Langsam wich die akute Demütigung einer müden Traurigkeit. “Warum haben Sie das getan?”, fragte Elara leise. Lukas legte seine Gabel ab. “Ich habe eine Tochter.” “Mia.” Sie ist sieben.

 Letzte Woche kam sie aus der Schule und weinte, weil ein Junge gesagt hat: “Ihre selbstgemalten Turnschuhe seien arm. Ich habe ihr gesagt, sie soll stolz auf das sein, was sie ausmacht. Er sah Elara direkt an. Ich kann ihr das nicht sagen und dann hier sitzen und zusehen, wie ein erwachsener Mann dasselbe mit einer Fremden macht.

 Ich muss es ihr vorleben. Sie sprachen, und sie sprachen stundenlang. Die Sonne ging unter und das warme Licht des Kaffees hüllte sie ein. Elara erzählte zögernd von ihrer letzten Beziehung, von einem Mann, der jeden Bissen zählte, den sie aß, der ihr Fotos von Fitness Models zeigte und sagte: “Warum kannst du nicht so aussehen?” Ein Mann, der sie so lange kritisiert hatte, bis sie ihm geglaubt hatte, bis sie sich selbst nur noch durch seine grausamen Augen sah.

 Lukas hörte zu, er urteilte nicht, er nickte nur, sein Blick voller Verständnis. Dann erzählte er von sich. Er war Grafikdesigner, arbeitete meist von zu Hause aus, um für Mia da zu sein. Er erzählte von seiner Frau Hanna. Sie war Musikerin sagte er, und seine Finger strichen über den Einband seines Skizzenbuchs.

Sie ist vor zwei Jahren gestorben. Ein plötzliches Aneurisma. Keine Vorwarnung. Eines Tages war sie da, am nächsten nicht. Er atmete tief durch. Dieser Ort, das war unser Kaffeée. Wir kamen jeden Dienstag hierher. Die Verletzlichkeit in seiner Stimme spiegelte ihre eigene wieder. “Eine Musikerin?”, fragte Elara leise.

 Eine fast vergessene Erinnerung tauchte in ihr. “Ja.” Sie spielte “Ello. Wie ein Engel.” Elara schluckte. Ich Ich habe früher Cello gespielt. Ich war nicht großartig, nicht wie ein Engel, aber ich habe es geliebt, haben gespielt, fragte Lukas, genau wie sie es zuvor getan hatte. Elara senkte den Blick.

 Mein Ex, der von dem ich erzählt habe, er nannte es Zeitverschwendung, sagte, ich sleitnessstudio gehen, als Lärm zu machen. Er sagte, es sei unelegant für jemanden mit meiner Figur. Sie lachte bitter. Also habe ich aufgehört, vor drei Jahren. Das Cello steht in der Ecke meiner Wohnung und sammelt Staub. Lukas wurde sehr still.

 Sein Blick wanderte von ihrem Gesicht zu dem Skizzenbuch, das immer noch offen zwischen ihnen lag. Ohne ein Wort zu sagen, griff er nach dem Buch. Er blätterte nicht, er kannte die Seite. Er drehte es um und schob es ihr über den Tisch. Elara schnappte nach Luft. Es war eine Skizze mit Bleistift gezeichnet, aber so voller Leben und Schatten, daß sie fast atmen konnte.

 Eine Frau mit geschlossenen Augen, ein leichtes Lächeln auf den Lippen, die voller Hingabe ein Cello spielte. Die Linien waren fließend, gezeichnet von jemandem, der nicht nur die Form, sondern auch das Gefühl kannte. Das, flüsterte Elara. Das war Hanna, sagte Lukas leise, gezeichnet an diesem Tisch vor genau zwei Jahren und einem Monat. Elara starrte auf die Zeichnung.

 Die Linien waren so sicher, so voller Liebe. Sie konnte fast die Musik hören, die von dem Papier ausging. Es war ein Stich in ihr eigenes Herz, eine scharfe, plötzliche Erinnerung an das, was sie aufgegeben hatte. Sie war wunderschön, flüsterte Elara und konnte den Blick nicht abwenden. “Ja”, sagte Lukas leise. “Das war sie.

” Er schloss das Skizzenbuch langsam, fast andächtig, als würde er ein Heiligtum bewahren. Sie saßen noch eine Weile schweigend da. Die Luft zwischen ihnen war dick, nicht mehr peinlich, sondern gefüllt mit unausgesprochenem Verständnis. Die Verbindung zwischen ihnen war seltsam, geknüpft aus dem gemeinsamen Schmerz über Markus Grausamkeit und einer geteilten verlorenen Melodie. Herr Müller kam herüber, um ihre Teller abzuräumen.

 Er sagte nichts, aber sein Blick auf Elara war voller einer väterlichen Wärme, die ihr fast erneut die Tränen in die Augen trieb. Es war spät, als sie schließlich aufstanden. Das Kaffee Schiller war fast leer. Nur das leise Klirren von Geschirr kam noch aus der Küche. Lukas begleitete sie nach draußen in die kühle Berliner Nachtluft.

Die Lichter von Charlottenburg wirkten gedämpft. Sie standen unbeholfen zwischen ihren Autos, dem praktischen Kombi von Lukas und Elaras kleinem Stadtauto. “Danke”, sagte Elara leise. “Für alles, für das Essen, für nun ja, dafür, dass Sie mich nicht haben sitzen lassen und dass sie mir Hanna gezeigt haben. Ich danke Ihnen für das Gespräch”, sagte Lukas.

 Er zögerte seine Hände in den Hosentaschen vergraben. “Hören Sie, ich weiß, das war intensiv, wahrscheinlich mehr als sie für ein Blind Date erwartet hatten.” Er rieben, eine Geste der Verlegenheit. “Ich möchte ehrlich sein. Ich bin nicht bereit für irgendetwas. Mein Leben ist kompliziert. Mia ist mein ein und alles und meine Trauer.

 Sie ist immer noch ein sehr lauter Gast in meinem Haus.” Elara nickte schnell, fast zu schnell. Oh nein, ich auch nicht. Absolut nicht. Ich bin weit davon entfernt. Aber unterbrach er sie sanft und seine Augen trafen ihre Ei am Licht der Straßenlaterne. Ein Freund wäre schön. Jemand, der versteht, dass die Welt manchmal einfach zu schwer ist.

 Er holte sein Handy heraus. Nur wenn Sie möchten. Kein Druck. Sie tauschten Nummern aus. Es fühlte sich seltsam feierlich an, ein Händedruck, der vielleicht eine Sekunde zu lange dauerte. Dann stieg sie in ihr Auto. Als Elara nach Hause in ihre kleine, gemütliche Wohnung in Schöneberg kam, fühlte sie sich seltsam benommen.

Es war ein Abend voller extremer Tiefen und einer unerwarteten zerbrechlichen Höhe. Sie zog das blaue Kleid aus, das Kleid, auf das sie sich so gefreut hatte, das Kleid, in dem sie sich hübsch gefühlt hatte. Jetzt ließ sie es achtlos auf den Boden fallen. Mechanisch öffnete sie ihr soziales Netzwerk auf dem Handy.

 Sie wollte nur ihren Kopf abschalten, sich mit belanglosen Bildern berieseln lassen und da sah sie es. Markus. Er hatte eine Story gepostet. Es war ein Selbstportret von ihm. I am Fitnessstudio. Aufgenommen von oben, um seine Muskeln zu betonen. Er war verschwitzt, den Bizeps angespannt. Der Text darüber traf sie wie ein Schlag in die Magengrube. Kugel ausgewichen.

 Manchmal muss man seine Standards hochhalten. Berlinern Nächte, Fitness, eine Kugel. Das war sie. Die Wärme, die sie durch Lukas Freundlichkeit und Herrn Müllers Käsespätzle empfunden hatte, gefror zu Eis. Diese öffentliche, wenn auch wage Demütigung, war schlimmer als seine Worte im Caffée. Es war der Beweis, dass er sie nicht nur als unattraktiv empfand, sondern als etwas, dem man ausweichen musste, ein Hindernis für sein perfektes Leben.

 Markus Stimme halte in ihrem Kopf wieder: “Sich so gehen lassen. Nicht mein Image. Salat Abo Am nächsten Morgen vibrierte ihr Telefon. Eine Nachricht von Lukas. Elara starrte auf den Bildschirm. Es war ein Foto von einer Kinderzeichnung. Ein lila Dinosaurier mit mindestens sieben Beinen und Flügeln. Darunter stand der Text: Mias neuestes Meisterwerk.

 Sie sagt: “Es ist ein Diplodokuskäfer.” Ich dachte, das könnte sie zum Lächeln bringen. Elara lächelte. Ein echtes kleines Lächeln. Aber dann sah sie ihr Spiegelbildiem dunklen Bildschirm. Sie sah die Kugel. Sie fühlte eine Welle der Scham. Was wollte ein Mann wie Lukas? Ein Mann, der eine so wunderschöne Frau wie Hanna geliebt hatte mit ihr. Er hatte Mitleid gehabt. Das war alles.

 Sie konnte nicht antworten. Was sollte sie sagen? Sie war eine Lügnerin, eine Kugel, die sich hinter vorteilhaften Fotos versteckt hatte. Zwei Tage später. Eine weitere Nachricht. Das Berliner Wetter ist heute so grau wie eine ungrundierte Leinwand. Hoffe, ihr Tag ist bunter. Sie las die Nachricht und schloß die App.

 Eine Woche verging. Elara versank in einem Sumpf aus Selbsthass. Sie ging zur Arbeit, lächelte die Babys auf der Station an, war die perfekte fürsorgliche Krankenschwester. Aber sobald sie nach Hause kam, zog sie die Vorhänge zu und zog ihre ältesten Jogginghosen an. Zwei Wochen, nachdem sie sich getroffen hatten, rief Lukas an. Elara starrte auf das Display.

 Lukas ihr Herz hämmerte in ihrer Brust, eine Mischung aus Schuld und Angst. Sie drückte ihn weg. Minuten später vibrierte ihr Telefon, eine neue Voicemail. Sie hörte sie erst stunden später ab, als es dunkel war und die Geräusche der Stadt gedämpft klangen. Seine Stimme ruhig, nicht wütend, ein wenig besorgt. Hey Elara, hier ist Lukas. Kein Druck. Ich wollte nur sichergehen, daß du okay bist.

 Vielleicht habe ich etwas falsches gesagt. Wenn ja, tut es mir leid. Eine Pause, in der sie nur sein Atmen hörte. Das Gespräch neulich I am Schiller. Es hat mir viel bedeutet. Ernsthaft, einfach als Mensch. Es war schön mit jemandem zu reden, der nun ja, der versteht. Noch eine Pause. Melde dich, wenn du magst, nur um zu sagen, dass es dir gut geht. Okay, auf dich auf.

 Elara hörte die Nachricht dreimal hintereinander ab und sie weinte. Sie weinte um Markus Grausamkeit, aber mehr noch um Lukas Freundlichkeit, von der sie glaubte, sie nicht zu verdienen. An diesem Wochenende klingelte es Sturm an ihrer Tür, nicht das Telefon, die Wohnungstür. Elara ignorierte es, zog die Decke fester um sich, aber das Klingeln hörte nicht auf.

Es wurde zu einem Hämmern. Elara, mach die Tür auf. Ich weiß genau, daß du da bist. Dein Auto steht unten. Es war Lena, ihre beste Freundin seit der Ausbildung. Eine Frau mit der Energie eines kleinen Orkans. Elara öffnete widerwillig einen Spalt.

 Lena schob sich sofort hinein, ihre Tasche auf den Boden werfend. Die Wohnung war dunkel. Überall lagen Decken, auf dem Tisch standen leere Teetassen. Bei Gott, Elara, es riecht hier nach Selbstmitleid und altem Tee. Was ist passiert? Elara brach zusammen. Sie erzählte alles. Das Date, die Worte von Markus, die Demütigung, die Instagram Story und dann mit zitternden Händen spielte sie Lena die Voicemail von Lukas vor.

 Lena hörte sich alles geduldig an. Ihr Gesicht wurde immer ernst. Als die Voicemail endete, sah Lena sie an. Nicht mitleidig, wütend. Du bist eine absolute Idiotin. Was? Ich wiederhole mich nur ungern, aber du bist eine Idiotin. Du lässt zu, dass dieser arrogante, aufgeblasene Idiot mit seinem Fitness warn dir nicht nur den Abend, sondern auch die Chance auf einen anständigen Freund stielt. Lena, du verstehst nicht.

 Er hat mich öffentlich. “Wen interessiert dieser Markus?”, rief Lena. “Hier ist ein Mann, ein netter Mann, ein Mann mit einem Kind, der für dich eingetreten ist wie ein Ritter, der dir eine so herzzerreißende Voicemail schickt. Und du, du ignorierst ihn wegen eines Trottels, der das Wort Standard nicht einmal buchstabieren kann.” “Ich schäme mich”, flüsterte Elara.

 Dann hör auf, dich zu schämen und fang an zu leben. Lena riß die Vorhänge auf. Sonnenlicht flutete den Raum. Reiß dich zusammen. Du bist die stärkste Frau, die ich kenne. Du hältst winzige, zerbrechliche Babys am Leben. Lass dich nicht von einem Mannsbild mit zu viel Haargel zerstören. Schreib ihm jetzt.

 Zitternd nahm Elara ihr Telefon. Ihre Finger schwebten über der Tastatur. Was sollte sie schreiben? Es tut mir leid”, tippte sie. “Mir ging es nicht gut.” Die Voicemail war sehr nett. Die Antwort kam fast sofort, als hätte er gewartet. “Alles gut. Wirklich? Bist du jetzt okay? Ich glaube schon.” “Gut. Spaziergang morgen im Tiergarten.

” Neutraler Boden. “Kein Druck!”, schrieb er. Sie trafen sich am nächsten Tag, einem sonnigen Sonntagnachmittag. Die Luft war klar, es war unbeholfen. Elara konnte ihm kaum in die Augen sehen. Sie liefen nebeneinander her. Das Knirschen des Kieses unter ihren Füßen war das einzige Geräusch. “Ich muss Ihnen etwas zeigen”, sagte sie schließlich und blieb stehen.

 Sie zog ihr Telefon heraus. Sie musste reinen Tisch machen. Sie zeigte ihm die Instagram Story von Markus. Deshalb habe ich mich versteckt. Lukas sah es sich an. Sein Kiefer spannte sich an. Sein Gesicht verfinsterte sich. “Dieser Mann ist ein Feigling”, sagte er leise und gab ihr das Telefon zurück. Sie gingen eine Weile schweigend weiter vorbei an Joggern und Familien.

 Nachdem Hanna starb, sagte Lukas plötzlich, seine Stimme rau, habe ich sechs Monate lang das Haus nicht verlassen, außer um mir zur Schule zu bringen und Essen zu kaufen. Ich habe nicht geantwortet, nicht auf Anrufe, nicht auf Nachrichten von Freunden, nicht von meiner Familie. Er blieb stehen und sah auf das Wasser eines kleinen Teichs.

 Ich dachte, wenn ich mit niemandem spreche, ist es vielleicht nicht wahr. Ich dachte, ich würde zerbrechen, wenn ich auch nur ein Wort darüber sage. Er wandte sich ihr zu. Meine Schwester musste die Tür eintreten, fast so wie deine Freundin. Sie fand mich auf dem Boden sitzend, umgeben von Mias Spielzeug, unfähig mich zu bewegen. Er sah sie direkt an.

 Jeder hat seine Dämonen, Elara. Jeder hat etwas, das ihn lähmt. Scham, Trauer. Es ist dasselbe Gift, nur ein anderes Etikett. Du musst dich dafür nicht entschuldigen. Niemals. In diesem Moment, einem goldenen Licht des Tiergartens, fiel die schwere Last der Scham von ihr ab. Sie atmete zum ersten Mal seit Tagen wieder tief durch. Ihre Freundschaft begann zu blühen.

 Zart, aber stark. Sie trafen sich wöchentlich nur als Freunde. Es war eine ungeschriebene, aber wichtige Regel. Sie spazierten durch Parks, sie tranken Kaffee im Stehen bei einem Späti. Sie sprachen über alles und nichts. Er sprach über die Herausforderungen, mir allein großzuziehen, den täglichen Kampf mit dem Zöpfechten, die erdrückende Angst, dass er Hannas Gedächtnis nicht gerecht würde, dass er als Vater versagen würde.

 Lara sprach über die emotionale Last ihrer Arbeit, den Schmerz, wenn ein Kind, für das sie wochenlang gekämpft hatte, es nicht schaffte, die unerträgliche stille Trauer der Eltern, die sie miterleben musste. Sie waren zwei Menschen, die gelernt hatten, mit dem Schmerz zu leben. Zwei Seelen, die sich in ihrer Verletzlichkeit erkannten.

 Der Wendepunkt kam einen Monat später, an einem kühlen, aber sonnigen Samstag. Ich habe Mia von dir erzählt”, sagte Lukas bei einem ihrer Spaziergänge. “Oh”, fragte Elara nervös. “Ja, ich habe ihr die Zeichnung vom Dinosaurier gezeigt, die du mir letzte Woche geschickt hast.” Elara hatte ihm als Antwort auf seine erste Nachricht eine schnelle Skizze von einem T-Rex mit Stöckelschuhen geschickt. “Sie war sehr beeindruckt”, sagte Lukas mit einem echten Lächeln. “Sie nennt dich jetzt die Dinofrau.

” Er lachte. Sie will dich unbedingt kennenlernen. Sie hat mich heute morgen gefragt, ob Papas neue Freundin, die auch Dinosaurier mag, mit uns in den Tiergarten kommt. Oh, Lukas, ich bin nicht nur als Freundin sagte er schnell. Seine Wangen wurden leicht rot. Ich habe ihr gesagt, dass du eine Freundin bist, aber sie ist sie ist sieben.

 Sie ist ein Wirbelwind. Du musst nicht, wenn du nicht willst. Nein”, sagte Elara fester als erwartet. “Ich möchte, sie trafen sich am nächsten Tag am Eingang des Zoos, der IM Tiergarten liegt. Mia war genau das, ein Wirbelwind.” Sie hatte die braunen Augen ihres Vaters, aber das wilde, lockige Haar ihrer Mutter, das Elara auf der Zeichnung sofort wiedererkannt hatte.

 Mia versteckte sich zuerst schüchtern hinter Lukas Beinen und lugte zu Elara herüber. Elara lächelte und kniete sich hin, um auf Augenhöhe mit ihr zu sein. Sie ignorierte die Blicke der anderen Leute. “Hallo Mia”, sagte Elara sanft. “Ich bin Elara. Ich habe gehört, du magst Dinosaurier.” Mia nickte. Ihr Kopf schnellte auf und ab.

 “Ich auch”, sagte Elara. “Aber weißt du, was ich noch mehr mag?” Unsichtbare Drachen. Mias Augen wurden groß. Unsichtbare Drachen. Absolut. Sie verstecken sich am liebsten in der Nähe von Bäumen. Ich wette, wir könnten einen fangen, wenn wir ganz ganz leise sind. Mia kicherte, vergaß ihre Schüchternheit und griff nach Elaras Hand. Los, fangen wir einen.

 Sie rannt los, Hand in Hand, auf der Suche nach Drachen zwischen den Bäumen des Tiergartens. Lukas blieb einen Moment zurück. Er beobachtete, wie seine Tochter, diese Frau, die er erst seit ein paar Wochen kannte, mit sich zog. Er sah, wie Elara sich hinkniete und so tat, als würde sie etwas Unsichtbares aufheben. Er hörte sie beide lachen und Tränen stiegen ihm in die Augen.

 Aber zum ersten Mal seit zwei Jahren waren es nicht nur Tränen der Trauer, dieser Moment eiemiergarten veränderte alles. Es war der Moment, in dem Mauer zwischen ihnen, die aus Trauer und Scham gebaut war, zu bröckeln begann. Bald darauf etablierte sich eine neue Tradition, die Dienstagstradition.

 Es begann damit, daß Mia darauf bestand, Elara, das beste Käsespetzle der Welt zu zeigen, von dem Papa immer sprach. Also fanden sie sich alle drei an einem Dienstagabend einem Eiemfe Schiller wieder, an Lukas altem Ecktisch. Herr Müller, der Besitzer, sah sie eintreten. Ein breites, wissendes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

 Ah,” sagte er und kam mit drei Tellern Spetzle auf sie zu, bevor sie überhaupt bestellt hatten. “Die Dino Frau ist also endlich hier. Mia hat mir schon alles erzählt.” Er zwinkerte Elara zu. “Und für die Dame gibt es eine extra Portion Röstzwiebeln aufs Haus.” Von da an war es ein Ritual. Jeden Dienstagabend trafen sie sich Schiller.

 Mia saß zwischen ihnen, malte in Lukas Skizzenbuch, während sie auf ihr Essen warteten. Sie erzählte Elara von der Schule, von ihren Träumen, eines Tages einen echten Perodaktilus zu reiten. Elara lachte so viel wie seit Jahren nicht mehr. Sie beobachtete Lukas, wie er geduldig Mias wilde Locken bändigte, wie er ihr die Welt mit Bleistiftstrichen erklärte. Und Lukas beobachtete Elara, wie sie Mia ernst nahm, wie ihre Augen leuchteten, wenn sie von den Babys auf ihrer Station erzählte. Die Bindung zwischen Mia und Elara wurde tief und echt.

 Mia sah inara nicht einen Ersatz für ihre Mutter, sondern etwas völlig Neues, eine Freundin, eine Verbündete. Eines Abends, als Lukas kurz aufgestanden war, um Herrn Müller etwas zu fragen, lehnte sich Mia über den Tisch zu Elara. “Elara”, flüsterte sie verschwörerisch. “Spielst du wirklich Cello?” Elara war überrascht.

 Ja, also ich habe mal gespielt vor langer Zeit. Mias Augen wurden groß. Papas altes Studio ist abgeschlossen, seit Mama wegging. Ich habe durch das Schlüsselloch geschaut, da steht ein Cello drin. Es sieht sehr einsam aus. Elara spürte einen Klosei im Hals. Ja, ich ich wette, das tut es. Glaubst du, du könntest es wieder glücklich machen? fragte Mia mit der unschuldigen Weisheit eines Kindes.

 Bevor Elara antworten konnte, kam Lukas zurück und das Gespräch wechselte. Aber Mias Worte blieben bei Elara hängen. Der Herbst kam nach Berlin und mit ihm kamen die kürzeren Tage und der kalte Regen. Auf Elaras Station wurde es ein harter Monat. Es gab einen kleinen Jungen, einen frühgeborenen, für den sie wochenlang gekämpft hatte. Sie hatte Nächte an seinem Inkubator verbracht.

den Eltern Hoffnung zugesprochen. An einem Montagnachmittag verlor er den Kampf. Es war nicht das erste Mal, dass Elara ein Kind verlor, aber dieses Mal traf es sie anders. Sie sah den unermesslichen Schmerz in den Augen der Mutter, einen Schmerz, der ihr eigenes Versagen widerspiegelte. Sie ging nach Hause, zog die Vorhänge zu und schaltete ihr Telefon aus.

 Am Dienstag schickte sie Lukas nur eine kurze Nachricht. Mir ist nicht gut, kann heute nicht kommen. Tut mir leid. Lukas schrieb sofort zurück. Alles okay? Brauchst du was? Keine Antwort. Er schrieb Elara. Keine Antwort. Er rief an. Es ging direkt zur Mailbox.

 Eine Stunde später, es dämmerte bereits und der Regen peitschte gegen ihre Fenster klingelte es an ihrer Tür hartnäckig. Elara zog die Decke fester um sich. Sie würde nicht aufmachen. Das Klingeln hörte auf. Sie atmete erleichtert auf. Dann hörte sie das Klackern ihres Briefschlitzes. Elara, drang Lukas gedämpfte Stimme durch die Tür. Ich weiß, dass du da bist. Ich gehe nicht weg, bis ich weiß, dass du sicher bist. Stille. Ich habe Suppe dabei”, sagte er leiser “Von Herrn Müller.

 Er sagt: “Es ist Hühnersuppe für die Seele.” Langsam wie eine alte Frau stand Elara auf. Sie schlich zur Tür und öffnete sie einen Spaltbreit. Er sah furchtbar besorgt aus. Sein Haar war nass vom Regen. In seiner Hand hielt er einen großen Thermobehälter. Sie öffnete die Tür ganz. Sie musste schrecklich aussehen. Die Jogginghose von vorgestern.

 Verweinte Augen, verfilztes Haar. “Ich habe ein Kind verloren”, flüsterte sie und ihre Stimme brach. Lukas stellte die Suppe langsam auf dem Boden Ei im Flur ab. Er sagte kein Wort. Er trat über die Schwelle, schloss die Tür hinter sich und nahm sie einfach in den Arm. Es war keine romantische Umarmung. Es war kein Mitleid.

 Es war die Art von Umarmung, die einen zusammenhält, wenn man in tausend Stücke zu zerspringen droht. Elara brach zusammen. Sie klammerte sich an sein nasses Hemd und schluchzte. Sie weinte um den kleinen Jungen. Sie weinte um Markus Grausamkeit. Sie weinte um die Jahre, die sie damit verschwendet hatte, sich selbst zu hassen. Und Lukas hielt sie einfach fest.

 Er strich ihr über den Rücken und ließ sie weinen, bis keine Tränen mehr kamen. Sechs Monate nach ihrem ersten Treffen. I am Kaffee Schiller. Der Winter hatte Berlin fest. I am Griff. Es war ein Sonntagnachmittag. Elara war in Lukas Wohnung, etwas, das langsam zur Normalität wurde. Sie saßen auf dem Boden einem Wohnzimmer und bauten mit Mia einen komplizierten Turm aus Holzklötzen.

 Plötzlich stand Mia auf. Sie sah ihren Vater mit einer Entschlossenheit an, die nur eine Siebenjährige haben kann. Papa, ich möchte, dass du das Studio aufschließt. Lukas erstarrte. Der Holzklotz in seiner Hand fiel zu Boden. Mia, Schatz, wir haben darüber gesprochen. Das Studio ist nein sagte Mia fest. Es ist lange genug einsam gewesen. Elara ist hier.

 Mama hätte gewollt, dass Elara es sieht. Bitte. Lukas sah mir an. Und dann sah er Elara an. Elas Herz hämmerte. Sie schüttelte kaum merklich den Kopf, wollte ihm signalisieren, daß er es nicht tun mußte, aber Lukas atmete tief durch. Er stand auf, ging zu einer Schublade in der Küche und holte einen Schlüssel hervor.

 Er ging zur Tür am Ende des Flurs, einer Tür, an der Elara immer vorbeigegangen war, ohne sie zu beachten. Er steckte den Schlüssel ins Schloss. Das Geräusch, als er ihn umdrehte, war ohrenbetäubend laut in der stillen Wohnung. Er öffnete die Tür. Staub tanzte in dem schwachen Lichtstrahl, der aus dem Flur kam. Der Raum war wie eine Zeitkapsel.

 Notenblätter lagen auf einem Pult, Regale voller Bücher über Musik und in der Mitte, bedeckt von einem weißen Tuch, stand es: “Mia”. Trat als erste ein. Sie ging direkt zu dem Tuch und zog es mit einer entschlossenen Bewegung herunter. Da stand es. Hannas Cello. Dunkles, reiches Holz, das selbst unter der Staubschicht glänzte. Mia sah Elara an. “Ich glaube, Mama möchte, dass du spielst”, flüsterte sie.

 Mia”, begann Lukas, seine Stimme erstickt. “Nein, Papa, es ist traurig. Es muss wieder Musik machen.” Elara trat zitternd vor. Sie fuhr mit den Fingern über das kühle Holz. Es war Jahre her. Ihre Finger fühlten sich steif und ungeschickt an. “Ich ich kann nicht”, flüsterte sie. “Doch”, sagte Lukas. Er stand eiem Türrahmen, sein Gesicht blass, aber seine Augen fest. Bitte.

 Elara setzte sich auf den Stuhl, der vor dem Cello stand. Sie nahm den Bogen. Ihre Hand zitterte so stark, dass sie ihn fast fallen ließ. Sie strich über die Seiten. Der Klang war verstimmt, aber er war da. Sie schloss die Augen.

 Sie dachte an den Schmerz der letzten Monate, an die Demütigung, an die verlorenen Kinder auf ihrer Station. Und dann dachte sie an Lukas Ruhe, an Mias Lachen, an Herrn Müllers Käsespätzle. Sie begann zu spielen. Es war keine Melodie, die sie kannte. Es war nur ein Ton, dann noch einer. Zuerst zitternd und unsicher, dann stärker werdend. Es war eine traurige Melodie, voller Verlust, aber dann langsam schlich sich eine andere Note hinein, eine Note der Hoffnung.

 Sie spielte, verlor sich in dem Klang, der den stillen Raum füllte. Lukas lehnte einem Türrahmen und weinte. leise, hemmungslose Tränen, die sein Gesicht hinunterliefen. Er weinte nicht nur aus Trauer um Hanna, er weinte aus Erleichterung. Er weinte, weil der Raum, der so lange ein Grab gewesen war, plötzlich wieder voller Leben war. Später an diesem Abend, Mia schlief tief und fest in ihrem Zimmer, saßen Elara und Lukas auf dem Sofa Ei im Wohnzimmer.

“Die Stille war angenehm. Ich muss dir etwas sagen”, sagte Lukas plötzlich in die Dunkelheit. Elaras Herz setzte einen Schlag aus. “Ich habe die letzten Monate mit mir gerungen”, fuhr er fort, seine Stimme leise. Als Hanna starb, dachte ich, mein Leben wäre vorbei, dass ich nie wieder fühlen würde.

 Und dann kamst du. Er drehte sich zu ihr um. Ich hatte solche Angst. Ich dachte, ich würde dich nur als Ersatz für sie benutzen. Ich dachte, meine Einsamkeit würde mich täuschen. Ich habe versucht, es nur Freundschaft sein zu lassen. Das habe ich wirklich. Er machte eine Pause. Aber heute, sagte er, und seine Stimme brach leicht.

 Als ich dich dort sitzen sah, als du gespielt hast, da wurde mir etwas klar. Mein Herz trauert immer noch um Hanna. Das wird es vielleicht immer tun, aber es schlägt wieder. Und Elara, es schlägt für dich. Er nahm ihre Hand. Du füllst keine Lücke. Du erschaffst etwas völlig Neues. Etwas, das mir Angst macht und mich gleichzeitig so verdammt lebendig fühlen lässt. Elara konnte kaum atmen.

 Tränen liefen ihr über die Wangen, aber es waren keine traurigen Tränen. “Lukas”, flüsterte sie. “Ich Ich liebe dich. Ich glaube, ich liebe dich seit dem Tag einem Tiergarten. Sie lachte erstickt. Aber ich habe solche Angst. Ich bin ein Chaos. Ich bin voller Fehler. Was ist, wenn ich nicht genug bin? Was ist, wenn du eines Tages aufwachst und merkst, dass ich falsch bin, dass ich nicht Hanna bin? Lukas nahm ihr Gesicht in seine Hände. Seine Daumen strichen sanft über ihre Wangen.

Schau mich an. Sie zwang sich ihm in die Augen zu sehen. Du bist nicht Hanna und das ist das, was ich liebe. Du bist Elara. Du bist die Frau, die Käsespätzle liebt und unsichtbare Drachen fängt. Du bist die Frau, die mir zum Lachen bringt, wie ich es seit zwei Jahren nicht mehr gehört habe.

 Du bist die Frau, die mutig genug ist, nach all dem Schmerz wieder Musik zu machen. Er beugte sich vor, seine Stirn berührte ihre. Du bist nicht falsch. Du bist perfekt für uns. Vier Jahre später. Das Kaffee Schiller war bis auf den letzten Platz gefüllt. Es roch nach Apfelstrudel und Sekt Herr Müller in einem Anzug, der ihm sichtlich zu eng war, stand neben Lukas und klopfte ihm aufgeregt auf die Schulter. Er war der Trauzeuge.

 Die Musik setzte ein. Es war kein Orchester. Es war ein einzelnes Cello. Mia, jetzt Jahre alt, groß und selbstbewusst, saß da, wo Elara an jenem Tag gesessen hatte. Sie spielte dieselbe traurige, hoffnungsvolle Melodie, die Elara an jenem Nachmittag IM Studio gefunden hatte. Und dann trat Elara ein an der Hand ihres Vaters. Sie tr ein einfaches elfenbeinfarbenes Kleid.

 Ihre Augen waren nur auf Lukas gerichtet. Sie heirateten dort am Ecktisch, der ihr Tisch geworden war. In der Ecke des Caféses saß Lena und weinte vor Glück. Und in der ersten Reihe hielt ein kleiner zweijähriger Junge mit wilden braunen Locken ein Schild hoch, auf dem Bravo Mama stand. An diesem Abend, lange nachdem die Gäste gegangen waren, saß die fünfköpfige Familie an ihrem Tisch.

Mia, Lukas, Elara, der kleine Jonas und Herr Müller. Elara lachte über einen von Mias Witzen. Für einen Moment fing sie ihr Spiegelbild in der dunklen Fensterscheibe auf. Sie sah müde aus. Sie hatte Lachfalten, die sie vor 5 Jahren noch nicht gehabt hatte. Sie war nicht dünn, aber sie sah die Kugel nicht mehr.

 Sie sah nicht die Frau, die sich gehen ließ. Sie sah eine Ehefrau, eine Mutter, eine Freundin. Sie sah eine Frau, die geliebt wurde, und sie lächelte zurück.