In der Welt der Politik gelten oft ganz eigene Gesetze. Wer hier Erfolg haben will, braucht ein dickes Fell, ein belastbares Netzwerk und vor allem: rhetorisches Geschick. Doch reicht das aus, um ein Land wie Deutschland durch die Krisen der modernen Zeit zu führen? Wenn es nach dem renommierten Journalisten und Wirtschaftsexperten Gabor Steingart geht, ist die Antwort ein klares Nein – zumindest im Falle von Friedrich Merz.

In einem aktuellen Gastkommentar für FOCUS Online nimmt Steingart den Unions-Kanzlerkandidaten hart ins Gebet. Seine zentrale These ist ebenso provokant wie fundiert: In der freien Wirtschaft, dort wo messbare Ergebnisse und radikale Veränderungsbereitschaft über Leben und Tod eines Unternehmens entscheiden, hätte ein Mann wie Friedrich Merz längst seinen Hut nehmen müssen.

Politik vs. Wirtschaft: Zwei Welten prallen aufeinander

Der Kern der Kritik liegt in der fundamentalen Differenz zwischen dem politischen Betrieb und der globalen Ökonomie. In der Politik, so Steingart, würden Machtfragen oft die eigentlichen Sachfragen überlagern. Es gehe darum, Positionen zu sichern, Mehrheiten zu organisieren und den Gegner rhetorisch auszumanövrieren. In diesem Umfeld bewegt sich Friedrich Merz wie ein Fisch im Wasser. Er kennt die Mechanismen der Macht, die Flure des Bundestages und die Feinheiten der Parteitaktik.

Doch Steingart zieht einen scharfen Vergleich zur “echten” Welt der Wirtschaft. Dort, wo Unternehmen im harten globalen Wettbewerb um ihre Existenz kämpfen, zählen keine schönen Worte, sondern nackte Zahlen und die Fähigkeit zur Transformation. Wer in der Wirtschaft an veralteten Strukturen festhält und den Wandel verweigert, wird gnadenlos abgestraft. In der Politik hingegen scheint Stillstand oft die stabilste Währung zu sein.

Das Phänomen des “Politik-Überlebens”

Warum kann sich jemand wie Merz in der Politik halten, während er als CEO womöglich schon Geschichte wäre? Steingart argumentiert, dass die Politik ein geschlossenes System sei, das zu wenig Impulse von außen zulässt. Während ein Unternehmen gezwungen ist, auf Marktveränderungen, technologische Sprünge und Kundenwünsche sofort zu reagieren, können politische Akteure Probleme oft über Jahre hinweg “verwalten”, ohne dass dies unmittelbare Konsequenzen für ihre Karriere hat.

Merz profitiere von einem System, in dem Netzwerke wichtiger sind als Innovationskraft. Die fehlende Veränderungsbereitschaft, die Steingart dem CDU-Chef attestiert, führt in seinen Augen zu einem gefährlichen Stillstand. Anstatt Deutschland fit für den globalen Wettbewerb zu machen, werde taktiert. Es werde mehr darüber gestritten, wer die Macht hat, als darüber, wie man diese Macht nutzt, um strukturelle Probleme des Landes zu lösen.

Die Forderung: Demokratie muss wettbewerbsfähiger werden

Steingarts Analyse ist jedoch kein reines Merz-Bashing. Er sieht in der Person Merz eher ein Symptom für ein tieferliegendes Problem unserer Demokratie. Er fordert, dass die Politik endlich lernen muss, wettbewerbsfähiger zu werden. Das bedeutet: Weg von der reinen Rhetorik, hin zu messbaren Ergebnissen. Wir brauchen Führungspersönlichkeiten, die den Mut haben, bestehende Strukturen nicht nur zu verwalten, sondern sie radikal infrage zu stellen – so wie es ein Sanierer in einem maroden Konzern tun würde.

Die Welt um uns herum verändert sich in einem rasanten Tempo. China, die USA und aufstrebende Märkte warten nicht auf Deutschland. Wenn unsere politische Führung weiterhin in den Kategorien der 90er Jahre denkt und handelt, riskieren wir den Anschluss zu verlieren. Steingart warnt davor, dass Rhetorik allein keinen Wohlstand sichert.

Fazit: Ein Weckruf für Berlin

Die Worte von Gabor Steingart wiegen schwer. Sie treffen den Nerv einer Zeit, in der sich viele Bürger fragen, warum notwendige Reformen in Deutschland so quälend langsam vorankommen. Friedrich Merz mag der Favorit auf das Kanzleramt sein, doch die Frage bleibt: Kann er mehr als nur Politik? Ist er bereit, die Komfortzone des parlamentarischen Betriebs zu verlassen und echte, messbare Veränderungen anzustoßen?

In der freien Wirtschaft ist die Zeit der Ausreden längst vorbei. Wenn Merz tatsächlich Kanzler wird, muss er beweisen, dass er die Prinzipien von Effizienz und Wandel, die er früher oft selbst gepredigt hat, auch in der Regierungsverantwortung umsetzen kann. Ansonsten könnte sein politisches Schicksal am Ende doch dem eines erfolglosen Managers ähneln – nur dass der Preis für dieses Scheitern ein ganzes Land bezahlen müsste.

Die Diskussion um die Zukunftsfähigkeit unserer politischen Elite hat gerade erst begonnen. Steingarts Kommentar ist dabei nicht weniger als ein flammender Appell für eine Professionalisierung der Politik. Es ist Zeit, dass messbare Ergebnisse wieder mehr zählen als das nächste Talkshow-Statement.