April 1981.   Ein unscheinbares Hotelzimmer in   Kiberon, einem kleinen Kurort an der   rauen Küste Frankreichs. Draußen   peitscht der Wind des Atlantiks gegen   die Scheiben. Drinnen, in der fast   greifbaren Stille läuft ein   Tonbandgerät. Auf ihm wird eine Stimme   aufgezeichnet. Eine Stimme, die einer   ganzen Generation vertraut ist und die   doch so beunruhigend fremd klingt.

 

 Es   ist nicht die Glockenhelle, unbeschwerte   Melodie von Sissi, der Kaiserin aus den   Träumen der Nachkriegszeit. Nein, diese   Stimme hier ist tiefer, heiser vom   Rauch, unzähliger Zigaretten und brüchig   von Tränen, die niemand sehen durfte. Es   ist die wahre Stimme von Romi Schneider.   Für Millionen war sie mehr als nur ein   Star.

 

 Sie war ein nationales Symbol, das   unschuldige, strahlende Gesicht des   deutschen Wirtschaftswunders, die ewige   Kaiserin auf der Leinwand, deren Lächeln   eine ganze Nation nach den dunkelsten   Jahren wieder hoffen ließ. Doch die   Frau, die hier in das Mikrofon des   Reporters spricht, ist kein Märchen. Sie   ist das Ende eines Märchens.

 

 Nur ein   Jahr vor ihrem tragischen Tod wagt sie   es, die Wahrheit auszusprechen. Und   diese Wahrheit findet ihren Höhepunkt in   einem einzigen leise gesprochenen Satz,   einem Satz, der wie ein Urteil über ihr   eigenes Leben klingt. Ich bin eine   unglückliche Frau von 42 Jahren und   heiße Romi Schneider.   Dieses Geständnis ist mehr als nur ein   Zitat.

 

 Es ist der Schlüssel zu einer der   größten und tragischsten   Lebensgeschichten des europäischen   Kinos. Ein Schock, der einen ganzen   Mythos zum Einsturz bringt. Wie konnte   die Frau, die als Inbegriff von Glück   und Anmut galt, so tief fallen? Was   geschah wirklich hinter den Kulissen,   als die Scheinwerfer erloschen und der   Applaus verstummte? Diese Geschichte   handelt nicht von Sissi, sie handelt von   Romis verzweifeltem Kampf, eine Legende   zu überleben, die sie selbst erschaffen   hatte und die sie am Ende zu   verschlingen drohte. Wer waren die   unsichtbaren Architekten ihres goldenen   Käfigs, die ihr die Flügel stutzten?   während die Welt ihr beim Fliegen zusah.   Ihre Stimme auf diesem Band ist leise,   fast ein Flüstern, aber ihre Worte sind   eine Anklage gegen eine Industrie, die   sie zur Ikone machte und gegen ein   Publikum, das die Ikone mehr liebte als   den Menschen dahinter.   Um diesen Abgrund zu verstehen, müssen   wir das Tonband zurückspulen weg von der   Dunkelheit des Jahres 1981

 

  und hinein in das strahlende, fast   blendende Licht der Mitte der 1950er   Jahre. Es war die Era des deutschen   Wirtschaftswunders. Auf den Straßen   rollten die ersten Käfer. Die   Schaufenster füllten sich wieder mit   Waren. Nach außen hin schien alles   repariert, alles wieder gut. Doch unter   dieser glänzenden Oberfläche lagen noch   immer die seelischen Trümmer eines   verlorenen Krieges.

 

 Eine tiefe,   unausgesprochene Sehnsucht durchzog.   Eine Sehnsucht nach Schönheit, nach   Harmonie, nach einer heilenwelt, in der   die Schrecken der Vergangenheit einfach   ausgelöscht werden konnten. Die   Deutschen hungerten nicht nach Brot. Sie   hungerten nach Träumen und genau in   diese nationale Lehre hinein trat ein   siezehn-jähriges Mädchen mit lachenden   Augen und einer Ausstrahlung, die wie   ein Versprechen wirkte.

 

 Ihr Name war   Romi Schneider.   Im Jahr 1955 unter der Regie von Ernst   Marischka schlüpfte sie in die Rolle   ihres Lebens oder besser gesagt in die   Rolle, die ihr Leben für immer gefangen   nehmen sollte, die der jungen   lebenslustigen Kaiserin Elisabeth von   Österreich Sissi. Der Film war mehr als   nur ein Erfolg an den Kinokassen.

 

 Er war   ein gesellschaftliches Erdbeben, ein   Märchen in leuchtendem Aquakolor, das   einer ganzen Nation die Flucht aus der   grauen Realität ermöglichtee. Die   Menschen strömten in die Kinos, um in   prunkvollen Kostümen, romantischen   Walzern und unschuldiger Liebe zu   versinken. Romi war nicht nur eine   Schauspielerin auf der Leinwand, sie war   eine Erscheinung, ein Balsam für die   geschundene Seele eines Volkes.

 

 Jedes   Lächeln von ihr, jede unbeschwerte Geste   war ein kleiner Sieg über die Dunkelheit   der Erinnerung. Zwei weitere Filme   folgten 19 Tag 56 und 1957.   Die Sissi Trilogie katapultierte Romi   Schneider in eine Stratosphäre des Ruhs,   die im Nachkriegsdeutschland ohne   Beispiel war. Sie war über Nacht nicht   nur ein Star, sie war ein   Nationalheiligtum.

 

 Ihre Beliebtheit war   grenzenlos ein Phänomen, das weit über   die deutschen Grenzen hinaus nach ganz   Europa schwappte. Man nannte sie   liebevoll Deutschlands Verlobte. Ihr   Gesicht war auf unzähligen Postkarten.   In jeder Zeitschrift der sogenannte   Sissikitsch wurde zu einem Millionen   schweren Geschäft. Das Publikum liebte   sie mit einer fast besitzergreifenden   Intensität, denn sie liebten nicht nur   die Figur Sissi, sie liebten Romi in   dieser Rolle so abgöttisch, dass sie   beides nicht mehr voneinander trennen   konnten. Für Millionen war sie Sissi und   Sissi war sie. Diese perfekte   öffentliche Symbiose wurde noch dadurch   verstärkt, dass ihre leibliche Mutter   Magda Schneider im Film die Rolle der   kaiserlichen Mutter spielte. Es schuf   die meisterhafte und fast unzerstörbare   Illusion einer perfekten   Heilenfilienwelt, nach der sich alle   sehnten. Doch während das Publikum   jubelte, schlossen sich die Gitterstäbe   eines goldenen Käfigs immer enger um   sie. Jeder Vertrag, den sie   unterschrieb, jede öffentliche

 

  Veranstaltung schweiße die Rolle fester   an ihre Haut. Anfangs genoss sie   vielleicht die berauschende   Aufmerksamkeit, die Freude in den Augen   der Menschen. Doch bald spürte sie den   unerbittlichen Druck, den Druck ein Bild   zu erfüllen, das nichts mit dem jungen   Mädchen zu tun hatte, dass sie wirklich   war.

 

 Ein Mädchen, das von einer ganz   anderen Karriere träumte, von ernsten,   dramatischen Rollen wie ihre großen   Vorbilder im französischen oder   amerikanischen Kino. Sie wollte nicht   nur lächeln, sie wollte weinen,   schreien, lieben und leiden, sie wollte   eine Künstlerin sein. Doch die Industrie   und ihre eigene Familie sahen in ihr vor   allem das perfekte Produkt.

 

 Ein Engel,   der keine Makel haben durfte, eine   Goldgrube, die es zu melken galt. Noch   ahnte die Welt nichts von dem Sturm, der   in ihr tobte. Sie sahen nur das   strahlende Gesicht, ein Gesicht, das   bald zur Maske werden sollte. Eine   Maske, die zu zerbrechen ihr größter und   tragischster Kampf werden würde. Hinter   der glitzernden Fassade der heilenwelt   existierte eine andere unsichtbare   Realität.

 

 Eine Realität aus knallharten   Verträgen, psychologischem Druck und   emotionaler Kälte. Die perfekte   Familiechneider, die das Publikum auf   der Leinwand so bewunderte, war hinter   den Kulissen vor allem eines ein perfekt   geführtes, profitorientiertes   Unternehmen. Die treibenden Kräfte   dahinter waren ihre Mutter Magda   Schneider und insbesondere ihr   Stiefvater, der einflussreiche Gastronom   Hans Herbert Blatzheim.

 

 Blatzheim, ein   geschickter Geschäftsmann, erkannte   sofort das immense kommerzielle   Potenzial seiner jungen Stieochter. Er   wurde ihr Manager, ihr Vormund und der   alleinige Verwalter ihres   schnellwachsenden Vermögens.   Romi war auf dem Papier eine   Millionärin. Die Einnahmen aus der Sissi   Trilogie und den dazugehörigen   Werbeverträgen waren astronomisch.

 

 Doch   von diesem Geld, dass sie mit ihrer   unermüdlichen Arbeit verdiente, sah sie   kaum etwas. Ihre Mutter und ihr   Stiefvater kontrollierten ihre Finanzen   vollständig. Sie investierten das Geld   in ihre eigenen Projekte in Restaurants,   Hotels und Immobilien. Sie finanzierten   ihren luxuriösen Lebensstil mit dem   Schweiß und den Tränen eines Teenagers,   der oft 14 Stunden am Tag vor der Kamera   stand.

 

 Später wird Romi in Interviews   andeuten, dass ihr Stiefvater ihr   gesamtes, hart erarbeitetes Vermögen   durchgebracht hatte. Als sie volljährig   wurde und endlich Einblick in ihre   Konten erhielt, war fast nichts mehr da.   Sie wurde nicht nur künstlerisch,   sondern auch systematisch finanziell   ausgebeutet von den Menschen, die sie   hätten beschützen sollen.

 

 Noch   erdrückender als der finanzielle war   jedoch der emotionale Druck. Jeder   Versuch aus dem Sissi Image   auszubrechen, wurde im Keim erstickt.   Man zwang sie zu Entscheidungen, die   nicht ihre eigenen waren. Sie wurde in   Rollen gedrängt, die dem süßen,   unschuldigen Bild entsprachen, dass die   Öffentlichkeit liebte und dass die   Kinokassen füllte.

 

 Harmlose Heimatfilme,   seichte Romanzen, ihre eigene   künstlerische Entwicklung zählte nicht.   Ihre Sehnsucht nach Charakterrollen   wurde als jugendliche Spinnerei abgetan.   Sie war kein Mensch mehr mit eigenen   Träumen, sondern ein Produkt, eine   Marke, ein goldenes Kalb, um das eine   ganze Industrie tanzte. Sie lebte nicht   ihr eigenes Leben.

 

 Sie spielte die   Hauptrolle in einem Drehbuch, das andere   für sie geschrieben hatten. Jeder   Schritt wurde überwacht, jeder Flirt zu   einem potenziellen Skandal stilisiert.   Die Presse, die sie eben noch zur   Kaiserin gekrönt hatte, wurde zu ihrem   unbarmherzigen Werter, der jede   Abweichung vom Idealbild bestrafte.   Und dann im Jahr 1958   kam der Wendepunkt, ein Funke der   Rebellion, der ein Feuer entfachen   sollte.

 

 Für die Dreharbeiten zum Film   Christine reiste sie nach Paris. Dort   traf sie auf ihren Filmpartner einen   jungen aufstrebenden französischen   Schauspieler. Wild, gefährlich und das   genaue Gegenteil von allem, was sie aus   ihrer behüteten deutschen Welt kannte.   Sein Name war Alan Delon. In ihm sah sie   nicht nur einen Geliebten, sie sah einen   Ausweg, einen Komplizen, einen   Verbündeten in ihrem Kampf um Befreiung.

 

  Delon war der Katalysator, der ihr die   Kraft gab, das Undenkbare zu tun. Sie   lehnte das millionenschwere Angebot für   einen vierten Siss Film endgültig ab und   dann traf sie die Entscheidung, die   alles verändern sollte. Sie kehrte   Deutschland den Rücken. Sie ließ Sissi,   ihre Familie und die Erwartungen einer   ganzen Nation hinter sich und zog nach   Paris zu Allan deel Long.

 

 Für die   deutsche Öffentlichkeit und die Presse   war es ein Schock, ein Skandal, ein   Verrat. Die Schlagzeilen schrien   förmlich vor Empörung. Das süße Mädel   war gefallen, verführt von einem   Franzosen. Die bedingungslose Liebe, die   man ihr entgegengebracht hatte, schlug   über Nacht in bittere Enttäuschung und   offene Ablehnung um.

 

 Doch für Romi war   es kein Fall. Es war der erste   befreiende Atemzug nach Jahren der   Erstickung, eine verzweifelte Flucht aus   dem goldenen Käfig. Sie wußte noch   nicht, welchen hohen Preis diese   Freiheit haben würde, aber sie wusste,   dass der Preis des Bleibens ihre eigene   Seele gewesen wäre. Die neue Freiheit in   Paris hatte ihren Preis.

 

 Die stürmische,   fast obsessive Beziehung zu Allan Delon   zerbrach nach 5 Jahren und hinterließ   tiefe öffentliche Wunden. Doch Romi war   eine Kämpferin. Sie suchte nach   Stabilität, nach einem Anker in der   turbulenten Welt des Showgeschäfts. Sie   fand ihn scheinbar in dem deutschen   Regisseur und Schauspieler Harry Meen.

 

  Sie heirateten 1966 und imselben Jahr   wurde sie Mutter. Ihr Sohn David wurde   zum unbestrittenen Zentrum ihres   Universums, zum Fixstern, um den sich   alles drehte. Zum ersten Mal schien sie   ein privates Glück gefunden zu haben,   fernab der langen Schatten von Sissi.   Gleichzeitig etablierte sie sich in   Frankreich als eine der größten   Charakterdarstellerinnen ihrer   Generation.

 

 Drehte mit   Meisterregisseuren wie Lucino Visconti   und Claude Zot. Sie bewies der Welt und   vor allem sich selbst, dass sie mehr war   als nur eine Märchenprinzessin.   Doch das Glück war zerbrechlich wie   Glas. Ihre Ehe mit Harimen zerbrach 1975   und im Jahr 1979   legte sich ein dunkler Schatten über ihr   Leben, der nie wieder weichen sollte.

 

  Harry Mane Davids Vater, ein Mann, der   selbst von den Dämonen seiner   Vergangenheit als Überlebender der   Konzentrationslager gequält wurde, nahm   sich das Leben. Romi wurde von   unerträglichen Schuldgefühlen überrollt.   Diese erste große Tragödie riss den   Boden unter ihren Füßen weg, aber das   Schicksal hatte seinen grausamsten und   endgültigen Schlag noch aufgespart.

 

  Der 5. Juli 1981.   Ein Datum, das in die Geschichte ihres   Lebens eingebrannt ist, wie einmal aus   glühendem Eisen. An diesem warmen   Sommertag versuchte ihr Sohn David,   gerade einmal 14 Jahre alt, über den   Spitzen Metallzaun am Haus seiner   Großeltern zu klettern. Er rutschte ab.   Eine der Eisenspitzen bohte sich in   seinen Körper und verletzte ihn tödlich.

 

  Wenige Stunden später, nach einer   verzweifelten Notoperation starb David   im Krankenhaus.   Für einen Weltstar wie Romi Schneider   wurde dieser privateste aller Schmerzen   zu einer öffentlichen Hölle. Die   unvorstellbare Tragödie verwandelte sich   in einen abscheulichen Skandal.   Paparazzi, gierig nach dem Foto, dass   die Welt schockieren würde, kannten   keine Grenzen der Menschlichkeit.

 

 Sie   verkleideten sich als Krankenpfleger und   Priester, um in das Krankenzimmer und   später sogar in die Leichenhalle zu   gelangen, um den leblosen Körper des   Jungen zu fotografieren. Diese Tat war   mehr als eine rücksichtslose Verletzung   der Privatsphäre. Es war eine Schändung,   eine Entweihung ihres heiligsten Leids.

 

  Die Industrie, die sie groß gemacht   hatte, zeigte nun ihre hässlichste,   unmenschlichste Fratze. Ihr Schmerz   wurde zur Ware gemacht. Der Tod ihres   Sohnes war nicht nur eine persönliche   Tragödie, es war der Moment, in dem Romi   Schneider innerlich zerbrach.   Unwiderruflich und für alle sichtbar. Es   war der Anfang vom Ende.

 

 Wir kehren ein   letztes Mal zurück in das Cargo   Hotelzimmer in Kiberon im April 1981,   3 Monate bevor die größte Katastrophe   ihres Lebens geschehen wird. Hier in   diesem selbstgewählten Exil sitzt Romi   Schneider dem Reporter des Sternmagazins   Michael Jürgs gegenüber. Sie ist   eigentlich hier, um sich von einer   schweren Nierenoperation zu erholen, um   wieder zu Kräften zu kommen, um ihr   Leben, das aus den Fugen geraten war,   wieder zu ordnen.

 

 Und sie tut etwas,   dass sie selten getan hat und fast nie   mit dieser radikalen Offenheit. Sie   spricht schonlos, verletzlich und ohne   jede schützende Maske. Dieses tagelange   Gespräch ist der eigentliche Moment, in   dem das Schweigen gebrochen wird. Es ist   eine Generalabrechnung mit der   Industrie, die sie reich und unglücklich   gemacht hat, mit dem Publikum, dessen   Liebe sich anfühlte, wie eine Umarmung,   die erstickt und vor allem mit Sissi.

 

  Der Reporter fragt sie nach der Rolle,   die sie unsterblich gemacht hat, nach   diesem strahlenden Mythos, der wie ein   Schatten über ihrem Leben liegt. Und   Romi antwortet mit einem Satz, der in   die deutsche Medienengeschichte eingehen   wird. Einsatz, der den ganzen Ekel und   die Erschöpfung eines jahrzehntelangen   Kampfes in einziges fast banales Bild   packt. Sissi klebt an mir wie Griesbrei.

 

  Griesbrei, keine dramatische Metapher,   sondern das Bild einer klebrigen   süßlichen Masse, die man nie wieder los   wird. Nichts beschreibt die Last des   Images perfekter als diese drei Worte.   In diesem Moment zerschlägt sie mit   ihrer eigenen brüchigen Stimme das   Denkmal aus Zuckerguss, das andere für   sie errichtet haben.

 

 Sie erzählt von dem   unerträglichen Druck für immer die süße   Kaiserin bleiben zu müssen, selbst als   sie längst eine erwachsene Frau und eine   ernsthafte Künstlerin war. Sie spricht   über das deutsche Publikum und die   Presse, die ihr den Ausbruch nach   Frankreich, ihre Suche nach   künstlerischer Freiheit nie wirklich   verziehen haben.

 

 Sie nennt es beim Namen   den Verrat, den sie spürte, als die   Bewunderung in Häme umschlug. Sie   beschreibt das Gefühl, ein öffentliches   Eigentum zu sein. Eine Puppe, die man   nach Belieben an und ausziehen kann, die   aber keine eigenen Gefühle haben darf.   Sie nennt keine einzelnen Namen, sie   muss es nicht. Wenn sie über die   finanzielle Ausbeutung in ihrer Jugend   spricht über das verlorene Vermögen,   weiß jeder, welches System und welche   familiäre Konstellation gemeint ist.

 

  Ihre Stimme auf dem Tonband ist leise,   oft nur ein Hauchen, unterbrochen von   langen Pausen. Aber ihre Worte sind   scharf wie Glasscherben. Sie entblößt   ihre Seele vor einem Millionen Publikum,   dass sie bisher nur als markellose Ikone   kannte. Es ist ein Akt radikaler   Selbstbefreiung.

 

 Der verzweifelte letzte   Versuch, die Deutungshoheit über ihre   eigene Geschichte zurückzugewinnen. Sie   will der Welt endlich zeigen, wer sie   wirklich ist. Eine Frau kompliziert,   fehlerhaft, unzutiefst menschlich. Es   ist eine tragische Ironie der   Geschichte, dass sie in diesem Moment,   indem sie so hart um ihre Zukunft   kämpft, nicht wissen kann, dass das   Schicksal ihr nur noch wenige Wochen   geben würde, bevor es ihr das Liebste   nimmt.

 

 Dieses Interview ist nicht nur   ein Gespräch, es ist Ihr Vermächtnis,   der letzte große Akt des Widerstands.   Am 29. Mai 198.   Nur 13 Monate nach dem verhängnisvollen   Interview in Kiberon und knapp 11 Monate   nach dem unerträglichen Tod ihres Sohnes   wurde Romi Schneider leblos in ihrer   Pariser Wohnung aufgefunden.   Die offizielle Todesursache   Herzversagen, ein klinischer nüchter   Begriff für ein Meer aus   unaussprechlichem Schmerz.

 

 Doch die Welt   wuß es besser. Die Welt wußte, an   welchem Tag dieses Herz wirklich zu   schlagen aufgehört hatte. Sie starb an   einem gebrochenen Herzen.   Die Geschichte von Romi Schneider ist   mehr als nur die Biografie eines   Filmstars. Es ist ein Mahnmal, eine   zeitlose und zutiefst beunruhigende   Warnung vor dem unersettlichen Appetit   der Unterhaltungsindustrie, die ihre   Ikonen erschafft, nur um sie dann im   Scheinwerferlicht zu verschlingen.

 

 Ihre   Geschichte zwingt uns Fragen zu stellen.   Fragen, die bis heute unbequem sind und   schmerzen. Was wäre gewesen, wenn die   Industrie in ihr den Menschen gesehen   hätte und nicht nur das Produkt, das   Millionen einbringt? Was wäre gewesen,   wenn die Presse ihre Seele geschützt,   anstatt sie meistbietend auf den   Titelseiten zu verkaufen? Und welche   Rolle spielen wir das Publikum? Haben   wir Sissi so sehr geliebt, dass wir Romi   dafür geopfert haben? Ihr Schicksal   steht stellvertretend für so viele   andere. Für all die Kinderstars, deren   Jugend gestohlen wurde, für all die   jungen Talente, deren Seele im grellen   Licht verbrennt, bevor sie überhaupt   eine Chance hatten zu wachsen. Für all   die Künstler, deren wahre Stimme unter   dem Gewicht eines falschen Images   erstickt wird. Romi Schneiders   Geschichte ist keine Anklage, die nach   Rache ruft. Sie ist ein Appell an unser   Mitgefühl, ein Appell hinter die   strahlende Fassade zu blicken,   zuzuhören, wenn eine Stimme leise und   brüchig wird und hinzusehen, wenn ein   Lächeln zu einer Maske erstarrt.

 

  Heute Jahrzehnte nach ihrem Tod ist die   Legende von Sissi noch immer lebendig,   unsterblich, aber die wahre Geschichte,   die von Romi, wird nun endlich gehört   mit ihrer eigenen, verletzlichen Stimme.   Vielleicht ist Ihr größtes Vermächtnis   einfacher, leiser Satz. Ein Satz, den   sie nie laut sagen konnte.

 

 aber ihr   Leben lang gefühlt hat.