Fernsehpreis und bei der goldenen   Kamera, aber ich bin sehr äh   Sehr geehrte Damen und Herren, heute   entführe ich Sie in eine Geschichte, die   mehr ist als ein Kapitel deutscher   Filmgeschichte. Es ist die Geschichte   einer Frau, die einst gefeiert wurde wie   eine Königin der Bühne und des   Fernsehens und dann in ein Schweigen   gezwungen wurde, dass sie fast   zerstörte.

 

  Jutta Hoffmann, das Gesicht des   ostdeutschen Kinos wurde ohne Vorwarnung   aus dem Rampenlicht verbandt. Sie wagte   es, eine einzige Unterschrift zu setzen,   ein Akt des Gewissens, der ihr alles   kostete.   Warum wurde ihr Talent plötzlich zur   Gefahr erklärt? Sehr geehrte Damen und   Herren, Jutta Hoffmann.

 

 Dieser Name   stand in der DDR jahrzehntelang für   künstlerische Größe, für   unverwechselbare Rollen und für eine   Präsenz, die das Publikum fesselte.   Geboren am 3. März 19 Eitram war sie   nicht nur eine Schauspielerin, sondern   ein Symbol dafür, dass Film mehr sein   kann als bloße Unterhaltung.   Mit ihrem feinen zerbrechlich wirkenden   Gesicht und den großen Augen erinnerte   sie viele Kritiker an Giulietta Masina,   die Muse Fellinis, doch Hoffmann schuf   sich eine Identität, die ganz eigen war.

 

  Bereits in jungen Jahren machte sie an   der Schauspielschule in Berlin auf sich   aufmerksam. Ihre Dozenten schwärmten von   ihrer Ausdruckskraft.   Als sie in den sechziger Jahren erste   große Filmrollen bekam, wurde schnell   klar, daß hier eine Generationenfigur   heranwuchs.   In Karla zeigte sie eine junge Lehrerin,   die an den gesellschaftlichen   Widersprüchen der DDR verzweifelt, ein   Film, der prompt verboten wurde.

 

 Doch   diese Zensur hielt sie nicht davon ab,   immer wieder Rollen zu wählen, die das   Alltägliche hinterfragten.   Der größte Triumph kam 1972   mit der Dritte Jutta Hoffmann spielte   eine geschiedene Frau, die sich auf der   Suche nach Liebe und Anerkennung selbst   neu erfindet. Der Film wurde ein   Klassiker.

 

 Das Publikum verehrte sie für   ihre glaubwürdige bewegende Darstellung.   Man nannte sie die Seele des Defilms.   Sie erhielt Preise Lobinladungen ins   Ausland. Auf der Bühne des Deutschen   Theaters Berlin und in vielen   Fernsehproduktionen stand sie Abend für   Abend vor ausverkauften Rängen. Die   Öffentlichkeit nahm an, dass sie alles   hatte: Erfolg, Ansehen, die Freiheit   künstlerisch zu gestalten.

 

 Hinter der   Fassade aber schlummerte stets ein   Zweifel. Wie weit durfte Kunst gehen,   bevor sie zur Bedrohung für die   staatliche Ordnung wurde? Ihre Freunde   und Kollegen beschrieben sie als   sensibel, aber unbeirrbar als jemand,   der in jeder Rolle ein Stück Wahrheit   suchte, auch wenn diese unbequem war.   Ihre Popularität reichte weit über die   Grenzen der DDR hinaus.

 

 Festivals in   Moskau Warschau und Kan luden sie ein.   Man sprach von ihr als einer der ganz   großen Charakterdarstellerinnen Europas.   Doch im Innersten blieb sie der Heimat   treu verbunden. Immer wieder betonte   sie, daß sie für das Publikum ihres   Landes spielen wolle, für Menschen, die   im Alltag keine Stimme hatten.

 

 Man   könnte glauben, dieser Respekt, diese   jahrzehntelange Hingabe an die Kultur,   hätten ihr eine gewisse Immunität   verschafft. Doch in Wahrheit lebte sie   in einem System, das selbst die   treuesten Künstler fallen ließ, wenn sie   nicht mehr bereit waren zu schweigen.   Sehr geehrte Damen und Herren, es begann   alles mit einem Moment, den Jutter   Hoffmann selbst später als Wendepunkt   ihres Lebens bezeichnete.

 

 Im November   1976   kam die Nachricht, dass der Liedermacher   Wolf Biermann, einer der bekanntesten   kritischen Stimmen der DDR, nach einem   Konzert in Köln, nicht mehr zurückkehren   durfte. Ein Staat, der so stolz auf   seine Kultur war, hatte beschlossen,   einen seiner wichtigsten Künstler aus   dem eigenen Land zu verbannen.

 

 Für viele   Kollegen war das ein Schlag ins Gesicht   ein unmissverständliches Signal. Wer   sich nicht fügt, wird ausgelöscht,   öffentlich und künstlerisch. Jutta   Hoffmann war zu diesem Zeitpunkt längst   eine Institution. Sie hätte schweigen   können, hätte ihre Karriere, ihre   Rollen, ihre Auszeichnungen schützen   können, doch sie tat es nicht.

 

 Gemeinsam   mit einer kleinen Gruppe prominenter   Schauspieler, Schriftsteller und   Regisseure unterschrieb sie eine   Petition, in der sie forderte: Biermann   sollle in seine Heimat zurückkehren   dürfen. Es war kein Aufruf zum Umsturz,   nur eine Geste der Solidarität, ein   Bekenntnis, dass Kunst und   Menschlichkeit nicht voneinander zu   trennen sein, was damals kaum jemand   ahnte.

 

  Diese Unterschrift genügte, um sie ins   Visier der Kulturbehörden zu bringen.   Anfangs war es nur ein Flüstern in den   Gängen des Ministeriums für Kultur, ein   paar Andeutungen bei Sitzungen, sie   solle sich überlegen, ob sie auf der   richtigen Seite stehe. Ihre nächsten   Drehbücher wurden mit immer neuen   Auflagen versehen.

 

 Eine Produktion, für   die sie schon zugesagt hatte, wurde ohne   Begründung verschoben. Die   Theaterleitung bat sie plötzlich zu   Gesprächen, in denen man sie um   Verständnis bat, dass neue   Ensemblekonzepte erarbeitet würden, ein   Deckmantel dafür, dass sie aus dem   Spielplan verschwand. Der Bruch kam   schleichend fast lautlos.

 

 Plötzlich   erhielt sie keine Rollenangebote mehr.   Ihre Agentin wurde angewiesen, keine   weiteren Engagements zu vermitteln.   Freunde berichteten, wie Jutter Hoffmann   nächtelang wach lag, weil sie nicht   fassen konnte, daß all die Jahre harter   Arbeit aller Respekt und Ruhm nun nichts   mehr bedeuteten.   In Interviews, die sie viel später gab,   sprach sie von dieser Zeit als einer   langsamen Erstickung einem Gefühl: “Als   ziehe jemand jede Woche ein Stück mehr   Luft aus dem Raum.

 

” In der   Öffentlichkeit war von diesem Drama kaum   etwas zu sehen. Offiziell hieß es sie.   nähme sich eine kreative Auszeit. Doch   in Wahrheit war sie kalt gestellt. Wer   ihr helfen wollte, riskierte ebenfalls   Repressalien.   Einige Kollegen mieden sie aus Angst,   selbst ins Visier zu geraten, andere   hielten zu ihr so gut sie konnten.

 

 Aber   niemand hatte die Macht, die   Entscheidung der Kulturfunktionäre   rückgängig zu machen. Für Jutta Hoffmann   war es doppelt bitter. Sie wollte nicht   provozieren, sondern einfach als   Künstlerin leben dürfen. Doch in einem   Land, das jede Regung des Geistes   kontrollieren wollte, war schon ein   Ausdruck von Mitgefühl eine Gefahr.

 

 Ihr   Name stand plötzlich auf einer Liste der   politisch unzuverlässigen Personen. Von   einem Tag auf den anderen war sie keine   gefeierte Schauspielerin mehr, sondern   ein Risiko, ein Problem, das die   Behörden möglichst geräuschlos   beseitigen wollten. So wurde aus einer   der bekanntesten Künstlerinnen der DDR,   eine Persona.

 

  Hinter verschlossenen Türen zirkulierten   interne Anweisungen, keine Rollen, keine   Erwähnungen in Presseveröffentlichung,   keine Reisen ohne Genehmigung. Was   bleibt einem Menschen, wenn er nichts   mehr von dem tun darf, was ihn ausmacht?   Für Jutter Hoffmann begann eine der   einsamsten Etappen ihres Lebens.

 

 Nee,   sehr geehrte Damen und Herren, die   Monate nach ihrer Ächtung wurden für   Jutta Hoffmann zu einem unaufhörlichen   Abstieg in eine Welt der Isolation.   Während draußen weiter die Kameras   liefen, neue Filme gedreht, neue Stars   gefeiert wurden, blieb sie in ihrer   Wohnung in Berlin sitzen wie eine   Gefangene ohne Urteil.

 

 Es waren stille   Tage, die doch in ihrer Unerbittlichkeit   lauter schrien als jede offizielle   Anklage. Die Presse schwieg, eine der   perfidesten Formen der Auslöschung.   Weder Kritik noch Erwähnung, kein   einziger Artikel über ihre Lage. Für die   Öffentlichkeit war sie einfach   verschwunden. Es war, als hätte man ein   Licht gelöscht und alle taten so, als   sei es nie da gewesen.

 Nur vereinzelt   flüsterten Freunde, dass man sich Sorgen   mache. Hinter vorgehaltener Hand   kursierten Gerüchte. Sie sei krank. Sie   habe sich freiwillig zurückgezogen.   Vielleicht wolle sie bald Republikflucht   begehen. Doch in Wahrheit wartete Jutta   Hoffmann auf ein Zeichen der Reue von   jenen, die sie verstoßen hatten.

 

 Sie   wartete auf ein Gespräch, eine   Entschuldigung, ein Eingeständnis, dass   dieser Ausschluss ein Fehler war.   Stattdessen bekam sie Mahnungen der   Behörden keine Interviews zu geben,   keine Briefe an westdeutsche Redaktionen   zu senden. Sie habe genug Anlaß geboten,   den Verdacht politischer Illoyalität zu   bestätigen, hieß es in einem Protokoll.

 

  In dieser Zeit begann sich ihre Stimme   zu verändern.   Wo sie früher klar und hell sprach, lag   nun ein leiser Unterton der Müdigkeit.   In privaten Notizen, die später   veröffentlicht wurden, schrieb sie: “Ich   habe jahrelang auf eine Entschuldigung   gewartet, auf irgendein Wort. Es kam   nichts.

 

 Das Schweigen war nur die eine   Seite. Die andere war der schwälende   Konflikt um ihr Recht, das Land zu   verlassen. Im Stillen beantragte sie   1982   eine Genehmigung zur ständigen Ausreise   in die Bundesrepublik.   Für viele war das unvorstellbar. Jutta   Hoffmann, die so eng mit der Kultur des   Ostens verbunden war, wollte gehen. Doch   sie sah keinen anderen Ausweg mehr.

 

 Das   Ministerium für Staatssicherheit   notierte nüchtern, daß ihre Abwanderung   von kulturpolitischem Schaden begleitet   sein werde. Die Zeitungen, die sie einst   feierten, veröffentlichten keine Zeile   darüber. Die Theater, in denen sie Jahre   gespielt hatte, wagten kein Wort. Diese   kollektive Verdrängung war vielleicht   das Grausamste an der ganzen Geschichte.

 

  Ihr Lebenswerk wurde kurzerhand   annulliert, als hätte es nie existiert.   Und dennoch ließ sie sich nicht brechen.   Während sie auf die Entscheidung über   ihren Ausreiseantrag wartete, verfasste   sie Briefe an alte Weggefährten, in   denen sie ihre Enttäuschung in Sätze   faßte, die noch heute nachhallen.   Mein Sohn ist ohne seinen Vater   aufgewachsen.

 

 Ich bin ohne meine Kunst   geblieben. Wie kann man das je   verzeihen?   Als der Bescheid kam, war er fast ein   Hohn. Die Ausreise wurde beigt, nicht   aus Gnade, sondern weil die Behörden   keinen Wert mehr darin sahen, sie   festzuhalten.   Sie war in den Augen der Mächtigen nur   noch eine unangenehme Erinnerung. Im   Januar 1980   verließ sie die DDR.

 

 ohne   Abschiedsinterviews, ohne Zeremonie,   ohne Dank, einfach durch die   Grenzkontrolle begleitet von einer   schweigenden Melancholie, die größer war   als jede Wut. Sehr geehrte Damen und   Herren, stellen Sie sich vor, was es   bedeutet, alles zurückzulassen. Nicht   nur ein Zuhause, sondern auch das   Publikum, das man über Jahrzehnte   begleitet hat.

 

 Jutta Hoffmann verließ   die DDR mit einem einzigen Koffer und   einer schmerzhaften Gewissheit. Sie   würde vielleicht nie wieder dort spielen   dürfen, wo sie groß geworden war.   Dennoch trug sie diesen Schritt mit   einer Würde, die ihre Gegner kaum   ertragen konnten. In Hamburg begann sie   neu. Auf den Bühnen des Westens fand sie   schnell Engagements erhielt Rollen im   Fernsehen, die ihr halfen,   wirtschaftlich zu überleben.

 

 Doch immer   blieb eine Lehrstelle, die Trauer um die   Menschen, die sie hatte, zurücklassen   müssen. In Interviews bekannte sie   später: “Nach allem bleibt nur die   Familie, meine Damen und Herren. Aber   was, wenn selbst das Gefühl von Heimat   zerbricht?” Es war eine Begegnung, Jahre   nach dem Mauerfall, die ihrem Schicksal   eine unerwartete Wendung gab.

 

 Bei einem   Filmfestival in Potzdam saß sie   plötzlich wieder zwischen alten   Kollegen. Manche wagten sich kaum ihr in   die Augen zu sehen. Andere umarmten sie   so fest, als könnten sie damit die Jahre   der Trennung ungeschehen machen. Ein   Journalist fragte sie, ob sie jemals   verzeihen könne. Da hob sie den Blick,   atmete tief durch und sagte mit einer   Stimme, die so ruhig wie erschöpft   klang: “Vielleicht.

 

 Vielleicht   irgendwann, aber nicht heute. Und   dennoch spürte man, daß sich in ihr ein   leiser Frieden ausbreitete.   In diesem Moment wurde klar, dass die   Macht des Staates sie hatte vertreiben   können, aber nicht ihre Kunst, nicht ihr   Wesen. Die Tränen, die an diesem Abend   flossen, waren mehr als nur Rührung. Sie   waren ein stilles Eingeständnis, dass   man ihr Unrecht getan hatte.

 

 Sehr   geehrte Damen und Herren, wenn wir heute   an Jutta Hoffmann denken, dann denken   wir nicht nur an die unvergessenen   Filme, an ihre Gesten, ihren Blick, der   so viel erzählen konnte. Wir denken auch   an eine Frau, die den Mut hatte, das   Richtige zu tun, obwohl sie wußte, was   es sie kosten würde.

 Ist Vergebung   wirklich so einfach, wenn die   Verletzungen tiefer reichen als jedes   sichtbare Narbengewebe Ruhm, Ansehen,   Applaus, all zerbricht in dem Moment in   dem Macht. entscheidet, wer sprechen   darf und wer schweigen muss. War es das   Wert für ein Leben in Freiheit, alles   Bekannte zu opfern, oder hätte sie   bleiben und sich anpassen sollen, um   wenigstens ihre Kunst weiterleben zu   lassen? Meine Damen und Herren, Jutter   Hoffmann hat diese Fragen nie endgültig   beantwortet.

 

 Vielleicht kann das   niemand, der nicht selbst in dieser   Einsamkeit gestanden hat. Doch in ihrer   Stille, ihrem Rückzug und schließlich   ihrem erneuten Auftauchen liegt ein   stiller Triumph. Man hat sie nicht   gebrochen. Wenn Sie Ihre Filme heute   sehen, erinnern Sie sich daran, dass   hinter jeder großen Rolle auch die Würde   einer Künstlerin stand, die ihr Gewissen   nicht verraten wollte.

 

 Und vielleicht   stellen sie sich selbst die Frage, wäre   ich stark genug gewesen, an ihrer Stelle   dasselbe zu tun? M.