Joan Baez. Ein Name, der wie kein zweiter für das Gewissen Amerikas steht. Ihre Stimme war die Hymne der Bürgerrechtsbewegung, sie stand barfuß auf den Bühnen von Woodstock und sang „We Shall Overcome“ vor einer Viertelmillion Menschen beim Marsch auf Washington. Doch heute, mit über 80 Jahren, jenseits des Scheinwerferlichts und des Applauses, zeichnet sich das Bild einer Frau ab, deren Leben von einer tiefen, fast unerträglichen Melancholie und lebenslangen inneren Kämpfen geprägt ist. Wie die Folk-Ikone heute in Woodside, Kalifornien, lebt, ist eine Geschichte, die ebenso inspirierend wie herzzerreißend ist.

Hinter der ätherischen Erscheinung der jungen Frau, die die Welt mit ihrem kristallklaren Sopran verzauberte, verbarg sich von Anfang an eine zerbrechliche Seele. In ihrer 2023 erschienenen Dokumentation „I Am a Noise“ legte Baez eine schockierende Beichte ab: Sie litt Jahrzehnte unter einer dissoziativen Identitätsstörung. Ihr Geist spaltete sich in verschiedene Persönlichkeiten auf, um den Schmerz und die Traumata ihrer Kindheit zu ertragen. Baez berichtete von fragmentierten Erinnerungen an sexuellen Missbrauch durch ihren Vater, den brillanten Physiker Albert Baez. Obwohl dieser die Vorwürfe bis zu seinem Tod bestritt, blieb für Joan die seelische Qual real. „Man ist sich nie völlig sicher“, sagte sie, „aber selbst wenn nur 20 Prozent wahr waren, reichte es aus, um Chaos anzurichten.“

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Diese innere Zerrissenheit zog sich wie ein roter Faden durch ihr gesamtes Leben. Während sie für die Freiheit anderer kämpfte, war sie selbst Gefangene ihrer Psyche. Angstzustände, Panikattacken und verheerende Depressionen begleiteten sie über die Jahrzehnte. Acht Jahre lang überlebte sie nur mit Hilfe von Medikamenten, in einem „Schleier chemischer Betäubung“. Ihre Beziehungen litten unter diesem Zustand. Die legendäre, aber schmerzhafte Romanze mit Bob Dylan, der sie erst auf seine Bühne hob und sie dann öffentlich demütigte, hinterließ Wunden, die nie ganz verheilten. Dylan heiratete heimlich eine andere Frau, während Joan noch an die gemeinsame Zukunft glaubte. Ihr Welthit „Diamonds and Rust“ bleibt das musikalische Zeugnis dieses Verrats.

Joan Baez – Wikipedia

Besonders tragisch ist der Blick auf ihre Mutterrolle. Joan gestand oft, dass sie für ihren Sohn Gabriel nicht wirklich präsent sein konnte, da sie zu sehr mit ihren eigenen Dämonen und ihrem unermüdlichen Aktivismus beschäftigt war. Heute, mit 84 Jahren, hat sie sich fast vollständig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Ihr Leben in Woodside ist geprägt von einer selbstgewählten Isolation. Ihr engster Vertrauter ist kein Mensch, sondern ein Baum. Hinter ihrem Haus hat sie sich ein Baumhaus in einer alten Eiche gebaut, in das sie sich oft zurückzieht, um dort zu schlafen. Den Baum nennt sie „Der Berater“ – er sei ein besserer Zuhörer als jeder Therapeut, den sie je hatte.

Es ist ein einsames Bild: Die Frau, die einst die Massen bewegte, tanzt heute jeden Morgen allein in ihrem Wohnzimmer zu den Gypsy Kings, um der Erstarrung des Alters und der Schatten zu trotzen. Sie malt Porträts von Aktivisten wie Greta Thunberg, doch die Leinwand ist ihr einziges Sprachrohr geblieben. In ihrem 2024 veröffentlichten Gedichtband „When You See My Mother, Ask Her to Dance“ verarbeitet sie die letzten Fragmente ihrer Therapie-Jahre.

Joan Baez marks end of 60-year career in new documentary trailer.

Joan Baez’ Leben ist das Porträt einer Heiligen, die sich selbst nie als solche sah. „Ich bin keine Heilige, ich bin ein Geräusch“, schrieb sie einmal. Am Ende ihres Weges bleibt das Schweigen einer verstummten Stimme und die bittere Erkenntnis, dass man die Welt retten kann, während man im Privaten langsam zerbricht. Ihr Friede im Baumhaus mag für sie eine Erlösung sein, für die Welt, die sie einst anführte, bleibt es ein zutiefst trauriges Bild einer Legende, die in der Stille ihre letzte Zuflucht gefunden hat.