Der Regen fiel seit Stunden unaufhörlich über die stillen Straßen von Falkenheim, einem kleinen Ort am Rande des Taunus. Die Bürger schliefen längst ahnungslos, dass in dieser Nacht etwas beginnen würde, dass ihr Städtchen noch lange beschäftigen sollte. Nur das rhythmische Blinken, blauer und roter Lichterdchschnitt die Dunkelheit reflektiert auf dem nassen Asphalt.

 Zwei Streifenwagen hielten vor einem unscheinbaren Becksteinhaus am Ende einer engen Sackgasse. Im Innern saß Katharina Holm über einem Buch. Eine dampfende Tasse Tee stand neben ihr. Der Hund schlief zusammengerollt zu ihren Füßen. Es war ein friedlicher Abend gewesen bis eben. Sie hatte keine Ahnung, dass ihr Leben in wenigen Minuten auf den Kopf gestellt werden würde.

 Ein anonymer Anruf war am frühen Abend bei der Polizei eingegangen. Ein Hinweis auf eine gefährliche Flüchtige, die sich genau hier verstecken sollte. Kein Name, keine Beschreibung, nur eine dringliche Stimme, die glaubwürdig klang. Für die beiden jungen Streifenbeamten, die den Einsatz übernahmen, war das die Chance, sich zu beweisen.

 Sie überprüften nichts, keine Datenbank, keine Verknüpfung mit dem BKA. Sie wollten handeln und sie handelten. Katharinas Instinkt warnte sie, noch bevor jemand klopfte. Jahre im Dienst hatten ihre Sinne geschärft, das leise Knirschen von Stiefeln auf Kies, das gedämpfte Murmeln von Funkgeräten, das Summenlaufender Motoren draußen. Sie legte das Buch beiseite, richtete sich auf, jede Faser ihres Körpers wach.

Gefahr hatte einen bestimmten Klang und sie hörte ihn. Dann das Klopfen hart, autoritär. Polizei Falkenheim, bitte öffnen Sie die Tür. Katharina runzelte die Stirn. Niemand wusste, dass sie hier wohnte. Ihr Deckname, ihre Adresse, alles war geschützt, doppelt und dreifach verschlüsselt. Kein normaler Mensch hätte sie finden dürfen.

 Sie blieb reglos, rechnete durch, Möglichkeiten, Risiken, Reaktionen. Dann trat sie langsam zur Tür. Draußen wechselten die beiden Beamten Jonas Weber und Nico Albrecht, kaum älter als 30, einen selbstsicheren Blick. Für sie war das Routine. Eine Festnahme, ein Bericht, Feierabend. Doch hinter dieser Tür stand keine einfache Verdächtige.

Hinter dieser Tür stand eine Frau, die Verbrechersyndikate zerschlagen, Attentäter zur Strecke gebracht und Spione entt hatte. Eine Frau, deren Name selbst im BKA mit Ehrfurcht ausgesprochen wurde. Nur wussten sie es nicht. Die Tür öffnete sich einen Spalt. Katharina stand da, barfuß, ruhig, das Gesicht ausdruckslos.

 Dunkles Haar zum Zopf gebunden, graue Augen, die alles sahen. Sie musterte die uniformierten, zu angespannte Haltung, zu feste Hände an den Holstern, zu viel Unsicherheit hinter dem Versuch, entschlossen zu wirken. “Frau Holm?” fragte der Größere und hielt seinen Ausweis fast wie eine Waffe hoch. “Us liegt ein Hinweis auf eine gesuchte Person vor, die hier wohnt.

 Wir müssen ihnen ein paar Fragen stellen.” Katharina neigte den Kopf leicht. Eine gesuchte in meinem Haus. Ihre Stimme war ruhig, fast gelangweilt. “Von wem stammt dieser Hinweis?” Der jüngere Polizist räusperte sich. Anonym. Wir klären das später. Bitte treten Sie nach draußen. Sie hätte alles beenden können.

 Mit einem Wort, mit ihrem echten Ausweis. Ihr Name allein hätte gereicht, um das ganze Revier stramm stehen zu lassen. Doch etwas an der Situation stimmte nicht. Der Zeitpunkt, die Art der Meldung, das Fehlen jeglicher Überprüfung. Das war kein Zufall. Es war geplant. Und sie wollte wissen, von wem? Natürlich, sagte sie leise. Sie trat hinaus.

 Der Regen fiel inzwischen nur noch in feinem Niesel. Die Luft roch nach Metall, nach Motoröl und Gefahr. Einer der Beamten stellte sich hinter sie. Hände, wo ich sie sehen kann. Katharina hob eine Augenbraue, folgte aber ohne Widerstand. Die Handschellen klickten kalt um ihre Handgelenke. Im Ernst, ihre Stimme blieb ruhig, doch der Ton ließ Jonas Herz kurz stocken.

Festnahme ohne Durchsuchungsbefehl. ohne Begründung. “Wir, wir befolgen nur Vorschrift”, murmelte Nico. “Eure Vorschrift ist schlampig”, antwortete sie sachlich. “Ihr steht auf Bundesgrund, doch sie ließen sich nicht beirren, zu sehr berauscht vom Gefühl, etwas Großes zu erledigen. Während sie zum Wagen führten, prägte sich Katharina jedes Detail ein: Kennzeichen, Gesichter, Bewegungen, alles gespeichert.

” Als sie im Rücksitzplatz nahm, spiegelte sich ihr eigenes Gesicht im Fenster ruhig, kontrolliert, unergründlich. Genauso hatte sie ausgesehen, wenn sie Verräter verhört hatte. Die Motoren brummten, der Regen klopfte gegen das Glas. Kein Wort fiel, nur das Summen der Reifen auf nasser Straße. Katharina schloss kurz die Augen.

 Sie wusste, wer auch immer diesen Hinweis gegeben hatte, wollte sie nicht bloß verhaften lassen. Es war eine Falle und sie würde herausfinden, wer sie gestellt hatte. Die Leuchtreklame des Polizeirevier Falkenheim flackerte matt, als der Streifenwagen auf den Parkplatz rollte. Der Regen hatte aufgehört, doch die Luft war noch schwer von Feuchtigkeit.

 Jonas stellte den Motor ab. Nico löste den Gurt. Beide grinsten noch, stolz auf ihren Fang. “So einfach war es noch nie”, murmelte Jonas, während er ausstieg. “Wenn das wirklich die ist, die sie suchen, gibt’s morgen Sekt im Revier.” “Oder Ärger, wenn es ein Irrtum ist”, antwortete Nico halblaut, doch Jonas hörte ihn nicht mehr.

 Katharina stieg ohne Aufforderung aus, ihre Haltung aufrecht, die Bewegungen ruhig, fast zu ruhig. Sie ließ zu, dass sie zwischen den beiden ins Gebäude geführt wurde. Niemand beachtete sie groß. Es war spät. Die Nachtschicht lief routiniert. Ein paar müde Beamte über Akten gebeugt, eine Dispät mit kaltem Kaffee, das brummen alter Computer.

 Jonas legte die Unterlagen auf den Tresen. Verdächtige aus anonymem Hinweis, festgenommen am Rosenweg 7. Keine Gegenwehr, keine Waffen. Der diensthabende Hauptkommissar Brand hob kaum den Blick. Name, sie sagt, sie heißt Katharina Holm, antwortete Jonas schnell. Die Tastatur klickte, dann hielt Brand inne. Der Curser blinkte. Wie bitte? Holm.

Katharina Holm. Brand hob langsam den Kopf, musterte die Frau, die ruhig neben den Beamten stand. Etwas in ihrem Blick ließ ihn erstarren. Diese Ruhe, diese Autorität. Wiederholen Sie das”, sagte er leise. “Katharina Holm”, antwortete sie selbst, ihre Stimme klar, ohne zittern. Spezialagentin, Bundeskriminalamt, Abteilung für innere Sicherheit.

 Für einen Moment war es, als hätte jemand den Strom gekappt. Kein Geräusch, keine Bewegung. Dann ein nervöses Lachen von Nico. Ja, klar. Und ich bin der Bundespräsident. Doch Brand lachte nicht. Im Gegenteil, seine Haut verlor jede Farbe. Mit steifen Fingern tippte er erneut. Diesmal schneller. Auf dem Bildschirm flackerten Daten auf, Zugriffsprotokolle, Sicherheitsstufen.

Dann hielt er inne. Sein Blick schnellte zu den beiden jungen Beamten. “Ihr habt sie verhaftet.” Jonas runzelte die Stirn. “Ja, also wir hatten den Hinweis. Und verdammt noch mal!”, Brand sprang auf. Die Hände auf dem Tisch. “Ihr habt eine BK Agentin in Handschellen gelegt.” In diesem Moment schrillte das Telefon.

nicht irgendeins die rote Direktleitung, die sonst nie klingelte. Brand griff danach. Revier Falkenheim seine Stimme erstarrte, als aus dem Hörer eine Stimme donnerte, laut genug, dass alle sie hören konnten. Ja, Herr Direktor, sie ist hier. Ja, verstanden. Er legte langsam auf. Dann drehte er sich zu den beiden jungen Polizisten um, die plötzlich kleiner wirkten als zuvor.

 Das war das Innenministerium. Ihr habt gerade Agentin Katharina Holm verhaftet. Codename Phantom. Sie ist eine der ranghöchsten Ermittlerinnen des BKA und ihr habt sie abgeführt wie eine Taschendiebin. Die Worte fielen wie Schüsse. Jonas Gesicht lief rot an, Nicos Hände zitterten. Katharina saß inzwischen ruhig auf dem Stuhl neben dem Tresen, die Hände immer noch in den Handschellen, der Blick kühl, beinahe gelangweilt.

 “Wenn Sie fertig sind mit ihrer Standpauke”, sagte sie leise, “würde ich die Handschellen gern wieder loswerden.” Brand beeilte sich. Natürlich, Frau Holm, entschuldigen Sie bitte, wir In diesem Moment öffneten sich die Türen des Reviers. Mehrere Männer und Frauen in Zivil traten ein, dunkle Anzüge, Ohrhörer, Ausweise, die nur kurz aufblitzten.

 Ein Hauch von kaltem Wind und Autorität wehte durch den Raum. Der leitende Agent, groß, scharfer Blick, trat direkt zu Katharina. M, alles in Ordnung? Sie nickte, rieb sich das Handgelenk. Physisch ja, aber irgendjemand hat gerade eine sehr teure Falle gestellt. Die Luft vibrierte. Niemand wagte zu sprechen.

 Den anonymen Anruf, sagte sie ruhig. Ich will die Spur jetzt. Brand drehte sich zu einem Techniker. Los, Rückverfolgung. Monitore flackerten, Zahlen liefen über die Bildschirme. Mehrfach verschlüsselt, murmelte der Techniker. Leitung springt über drei Server in Europa, dann in die Schweiz. Das ist professionell. Katharina beugte sich über die Anzeige.

 Zeig mir die Ursprungsverschlüsselung. Die Codes erschienen. Für Sekunden starrte sie auf die Matrix aus Zeichen. Dann verengten sich ihre Augen. Ein Muster. Wieder erkennbar. Verdammt, flüsterte sie. Das ist keine gewöhnliche Spur. Das ist international. Jemand aus dem Apparat. Der leitende Agent sah sie an. Ein Angriff auf ihre Operation.

Schlimmer, sagte sie tonlos. Eine Ablenkung. Jemand wollte mich hier festsitzen lassen, während etwas anderes passiert. Wie viel Zeit haben wir? Zwei Stunden. 90 Minuten sind schon vorbei. Ohne zu zögern griff sie zum Telefon, wählte einen verschlüsselten Code hier Holm. Ich brauche sofortige Satellitenüberwachung aller Kommunikationspunkte, die in den letzten drei Stunden mit dem Revier Falkenheim verbunden waren.

 Prüft jeden internen Zugang meiner Taskforce. Wenn ein Signal verschwindet, will ich es wissen jetzt.” Sie legte auf, drehte sich zu Jonas und Nico. Ihr Blick war schneidend, aber nicht grausam. “Ihr habt einen Fehler gemacht”, sagte sie. “Aber euer Fehler hat mir etwas gezeigt. Ihr habt etwas ausgelöst, das tiefer geht als ihr ahnt.

” Jonas nickte, schweiß auf der Stirn. “M, wir Es tut uns leid.” Katharina atmete ruhig. “Lernt daraus. Beim nächsten Mal prüft ihr, bevor ihr handelt.” Dann wandte sie sich wieder den Monitoren zu. Die Spuren führten zu einem verlassenen Bürogebäude am Stadtrand. Sie kannte den Ort. Er war vor Wochen als potenzieller Kommunikationsknoten in ihrer Ermittlung aufgetaucht. Jetzt ergab alles Sinn.

“Sie erwarten, dass wir mit einem Einsatzkommando kommen”, sagte sie leise. “Das werden wir nicht. Keine Sirenen, keine Uniformen, nur Präzision.” Ihr Blick glitz zu Jonas und Nico. “Ihr zwei kommt mit.” “Wir?”, fragte Nico erschrocken. Nachdem was wir genau deswegen unterbrach sie. Ihr kennt die Gegend.

 Ich brauche Leute, die unauffällig sind und vielleicht ein bisschen wieder Gutmachung verdienen. Die beiden nickten hastig. Katharina nahm ihre Jacke, lut ihre Waffe, überprüfte das Magazin. Die Zivilagenten folgten ihr hinaus in den Morgen. Der Himmel über Falkenheim färbte sich grau. Nebel kroch über die Felder, als das unmarkierte Fahrzeug losfuhr.

 In Katharinas Augen spiegelte sich kein Zorn, nur Konzentration. Sie wusste, dass jede Sekunde zählte. In ihrem Kopf formten sich die Linien eines Plans. Die Falle hatte sie nicht gestoppt. Sie hatte sie wach gerüttelt. Das unmarkierte Fahrzeug glitt lautlos durch die schmalen Straßen am Rande von Falkenheim.

 Die Morgendämmerung legte ein fahles Licht über die Stadt, als Nebel wie Geister zwischen Laternen und Dachgiebeln schwebte. Niemand sprach, nur das leise Klicken der Tastatur, während Katharina auf dem Tablet die letzten Daten überprüfte. Neben ihr saßen Jonas und Nico, bleich, angespannt, aber entschlossen. “Das Gebäude liegt im Industriegebiet Nord”, sagte sie knapp.

 Ehemalige Elektronikfabrik seit Jahren leer, aber die Serveraktivität passt exakt zu unserem gesuchten Relais. “Wie viele Personen erwarten wir dort?”, fragte Jonas. “Wenn Sie clever sind, nur zwei.” “Wenn Sie arrogant sind, zehn.” Sie blickte kurz zu ihm. “Ich hoffe, sie sind arrogant.” Das Auto hielt einige Meter vor dem Ziel an.

 Eine graue Halle, eingezäunt, Fenster mit Brettern vernagelt. Alles wirkte tot. Aber Katharina wusste, wie Täuschung aussah. Sie hatte sie zu oft selbst eingesetzt. Keine Sirenen, kein Funkverkehr, befahl sie leise. Wir gehen rein, sichern Beweise und Personen. Wenn jemand feuert, feuert ihr nicht zurück, bis ich es sage.

 Sie öffnete die Tür, trat hinaus. Die Luft roch nach Staub, kaltem Metall und altem Öl. Der Boden war nass vom nächtlichen Regen. Der Nebel verschluckte jedes Geräusch. Katharina bewegte sich präzise, jede Bewegung kontrolliert, wie ein Schatten, der wusste, wohin er gehörte. Drinnen herrschte Stille. Ihre Taschenlampe glitt über verrostete Maschinen, zerbrochene Scheiben, Graffiti, Spuren eines Ortes, den die Zeit vergessen hatte.

 Doch als sie tiefer gingen, hörte sie es das leise summen. Strom. Irgendetwas lief hier noch. Da hinten flüsterte Nico und deutete auf einen schwachen blauen Schimmer hinter einer halboffenen Tür. Katharina nickte, hob die Hand zum Zeichen des Vorrückens. Die Schritte der drei halten dumpf. Als sie den Raum erreichten, sahen sie sie mehrere Monitore, Router, aktive Server, Kabel, alles improvisiert, aber hochprofessionell verbunden.

 Auf dem Bildschirm liefen Datentransfers. Sie löschen Beweise, murmelte Katharina. Sie ging sofort zum Terminal, begann zu tippen. Ihre Finger flogen über die Tastatur. Der Code scrollte über den Bildschirm. Ich kann sie bremsen, aber nicht lange. Jonas blickte sich um. M, wir sind nicht allein. Oben auf der Metalltreppe bewegte sich ein Schatten.

Ein Mann, groß, schwarz gekleidet, Waffe in der Hand, dann noch einer. 2 Uhr Bewegung, rief Nico. Katharina zog in einer fließenden Bewegung ihre Pistole, zielte hoch, aber bevor einer schoss, hörte man ihre Stimme ruhig, eiskalt. Runter mit den Waffen. BKA. Letzte Warnung. Der Mann oben lachte. BKA. Lustig. Das dachten wir uns schon.

Deshalb haben wir den Anruf geschickt. Jonas Herzraste. Ihr wart das natürlich, antwortete der Mann, während er langsam die Treppe hinunterging. Unsere Auftraggeber wollten sehen, wie die Legende des Phantoms fällt. Schade, dass du lebend angekommen bist, Holm. Katharinas Miene blieb unbewegt.

 Ihr macht den Fehler aller Verräter. Ihr unterschätzt, was ihr nicht versteht. Ein Schuss krachte. Splitter flogen. Jonas riss Nico zu Boden. Katharina bewegte sich kaum. Sie drehte sich zur Seite, erwiderte das Feuer präzise. Ein einzelner Schuss. Der Angreifer taumelte, fiel. Der zweite Mann floh Richtung Ausgang. “Bleibt hier!”, rief sie und rannte ihm nach.

Ihre Schritte halten auf Metall, ihr Atem ruhig, fokussiert. Der Mann riss eine Seitentür auf, rannte in den Hof hinaus. Katharina folgte, duckte sich hinter ein Faß, als Kugeln an ihr vorbeizischten. “Du hast keine Chance”, schrie der Mann. “Ich brauche keine”, antwortete sie kühl. Sie zielte, ein sauberer Schuss in die Schulter.

 Der Mann schrie auf, fiel zu Boden. Katharina erreichte ihn, trat ihm die Waffe weg. “Wer steckt hinter euch?” Der Mann grinste blutig. “Du glaubst doch nicht, dass sie dich hier gehen lassen, Holm. Du bist zu gefährlich. Für beide Seiten.” “Welche Seiten?” Er schwieg, atmete schwer. Frag deine Freunde in Berlin.

 Dann wurde er bewusstlos. Jonas und Nico kamen keuchend nach. Alles unter Kontrolle. Katharina nickte. Für den Moment. Zurück im Serverraum arbeitete sie weiter am Terminal. Sie konnte sehen, wie sich die Datenströme aufteilten. Ein Teil war gelöscht, aber einer blieb. Eine versteckte Spur, eine IP, die sie sofort erkannte. Sie blinzelte.

 Es war nicht irgendeine Adresse. Sie gehörte zum internen Netzwerk des Bundeskriminalamts. Abteilung innere Sicherheit. Ihre eigenen Einheit. Verdammt, was ist, M? Es kommt von innen. Jemand aus meinem Team hat das gesteuert. Sie exportierte die letzten verfügbaren Dateien auf einen Stick, bevor der Server komplett zusammenbrach.

Rauch stieg auf, Funken sprühten. “Sie haben eine Selbstzerstörung eingebaut”, murmelte sie. Als sie das Gebäude verließen, wurde der Himmel heller. Die Sonne kroch langsam über die Baumwipfel. Katharina sah den Rauch aufsteigen, die Reste der Operation in der Luft. Jonas trat neben sie.

 Was jetzt? Jetzt, sagte sie ruhig, fahren wir zurück und finden heraus, wem ich wirklich vertrauen kann. Im Auto herrschte Schweigen. Nico sah sie von der Seite an. Warum machen Sie das überhaupt, wenn selbst ihre eigenen Leute sie verraten? Katharina blickte hinaus auf die Felder, weil Gerechtigkeit kein Versprechen ist, sondern eine Entscheidung.

 Und ich habe sie einmal getroffen für immer. Niemand sagte etwas mehr. Der Nebel zog sich zurück, die Sonne brach durch. In Katharinas Augen spiegelte sich der Glanz eines neuen Tages und der Beginn eines neuen Krieges. Das Hauptquartier des Bundeskriminalamts in Wiesbaden ragte wie eine Festung aus Glas und Beton in den grauen Vormittagshimmel.

Die Sonne war noch nicht richtig durchgebrochen, als Katharina Holm durch das Sicherheitstor trat. Ihr Ausweis blinkte grün auf, die Schranke öffnete sich. Niemand sprach sie an, niemand wagte es. In den Fluren herrschte diese sterile Ruhe, die nur Behörden kannten. Der Geruch von Kaffee und Druckerpapier, das leise Surren der Klimaanlage, die gedämpften Schritte über Linoleum.

 Für Außenstehende war es nur ein Bürokomplex. Für Katharina war es ein Schlachtfeld in Wartestellung. Sie wusste, dass irgendwo in diesen Mauern jemand saß, der sie verraten hatte. Jemand, der wusste, wie sie arbeitete, wie sie dachte, was sie fürchtete und genau das gegen sie genutzt hatte. “Holm, sie sollen sofort in den Besprechungsraum 3.

1″, sagte eine Assistentin, kaum dass Katharina die Schleuse passierte. Ihre Stimme war unsicher, fast zu freundlich. “Ich weiß”, antwortete Katharina ruhig. “Sie warten schon.” Sie nahm den Aufzug, der lautlos nach oben glitt. Auf der Fahrt sah sie ihr Spiegelbild in der Glastür, die grauen Augen, in denen keine Müdigkeit, nur Klarheit lag.

 Der Regen von Falkenheim schien eine Ewigkeit her zu sein. Im Konferenzraum warteten drei Männer in Anzügen. Der Direktor des BKA, Dr. Matthias Kessler, saß am Kopfende daneben Oberrat Stein und Abteilungsleiter Vogt, beide Männer, die sie seit Jahren kannte. Kessler lächelte, aber das Lächeln war angespannt. “Katharina”, begann er.

 “was für eine Nacht. Ich hoffe, sie wissen, dass ihre Sicherheit oberste Priorität hatte. Sie setzte sich nicht. Ich war nicht in Gefahr, Herr Direktor. Ich war das Ziel. Die Stille nach diesen Worten war messerscharf. Stein blätterte nervös in einer Akte, als wolle er Ablenkung finden.

 “Uns liegt der Bericht aus Falkenheim vor”, sagte Kessler schließlich. “Eine unglückliche Verkettung. Eine Feehleitung verursacht durch ein anonymes Signal, das wir derzeit untersuchen. Das Signal kam nicht von außen erwiderte Katharina ruhig. Es wurde über unsere eigenen Server geleitet. Jemand aus der Abteilung für innere Sicherheit hat den Hinweis gefälscht.

 Fogt hob die Augenbrauen. Das ist eine schwere Anschuldigung. Nein, entgegnete sie. Das ist eine Feststellung. Sie zog den USB-Stick aus der Jackentasche und legte ihn auf den Tisch. Daten aus der Serveranlage im Industriegebiet Nord. Die Spur führt direkt zu einem internen Zugriffscode ST47. Steinblass. Das ist mein Code. Katharina sah ihn an.

Keine Wut, kein Triumph, nur kühle Erkenntnis. Ich weiß. Kessler stand auf. Ein Moment, Holm. Wollen Sie hier etwa behaupten, das Herr Stein? Ich behaupte gar nichts, unterbrach sie. Ich zeige Ihnen Beweise. Sie steckte den Stick in den Laptop auf dem Tisch. Auf dem Bildschirm erschienen verschlüsselte Locks, Transaktionen, verschleierte IP-Adressen und in der Mitte Zeitstempel, Signaturen, Zugriffe, alle von Steins Terminal.

 Exakt zu dem Zeitpunkt, als die falsche Meldung an die Polizei Falkenheim ging. Steins Hände begannen zu zittern. Das das kann nicht sein. Ich wurde manipuliert. Jemand muss meine Zugangsdaten. Sie waren letzte Woche auf einer Konferenz in Genf, sagte Katharina ruhig mit Vertretern einer Sicherheitsfirma namens Tarenis AG.

Diese Firma ist Teil eines privaten Netzwerks, das vertrauliche Bundesdaten an ausländische Auftraggeber weiterleitet. Ich verfolge sie seit Monaten. Und Sie waren ihr Kontaktmann. Kesslers Blick verhärtete sich. Holm, sind Sie sich bewusst, was Sie da sagen? Ja, antwortete sie leise, daß der Maulwurf, den ich gesucht habe, die ganze Zeit neben mir saß.

 Stein stand auf, die Stimme überschlug sich. Das ist Wahnsinn. Ich habe nichts. Setzen Sie sich, sagte Katharina. Kein lauter Ton, keine Drohung, aber die Autorität in ihrer Stimme ließ ihn gehorchen. Sie öffnete ein weiteres Fenster auf dem Bildschirm. Es zeigte eine Liste von Geldtransfers, verschlüsselt, aber eindeutig.

 Beträge, die von einem Konto in Zürich an ein Konto unter Steinsnamen in Luxemburg gingen. Zahlungen: 3 Stück innerhalb der letzten zwei Monate. Gesamtbetrag 680.000 € und jedes Mal kurz nachdem geheime Einsatzpläne kompromittiert wurden. Fogt sah fassungslos aus. Kessler trat zurück. Holm, das muss überprüft werden. Tun sie das, sagte sie kühl.

 Aber tun Sie es schnell, denn wenn Tarenis erfährt, dass ich Ihre Spur gefunden habe, wird die nächste Welle kommen und sie wird nicht mehr anonym anrufen. Sie werden zuschlagen. Stein atmete schwer, schweißrann über seine Stirn. Plötzlich mit einer ruckartigen Bewegung griff er in die Innentasche seines Sakos. Katharinas Reaktion kam, bevor jemand überhaupt verstand, was geschah.

 Ein metallisches Klicken. Dann lag seine Hand schon auf dem Tisch, ihre Pistole auf ihn gerichtet. Lassen Sie es”, sagte sie leise. “Es ist vorbei.” Zwei Sicherheitsbeamte stürmten herein, alarmiert durch den Lärm. Kessler gab ein knappes Zeichen und Stein wurde abgeführt, bleich, stumm, gebrochen. Als sich die Tür schloss, herrschte wieder Stille. Katharina ließ die Waffe sinken.

“Ich brauche Zugriff auf seine letzten Kommunikationsprotokolle und vollständige Satellitenüberwachung des Bereichs Genf, Zürich. Es gibt noch jemanden, der ihn gedeckt hat.” Kessler nickte langsam. Sie bekommen was sie brauchen. Und ich brauche die zwei Polizisten aus Falkenheim. Jonas Weber und Nico Albrecht.

 Sie bleiben in meiner Obhut. Wieso die? Weil sie noch glauben, dass das Richtige wichtiger ist als ihre Karriere, antwortete sie schlicht. Kessler betrachtete sie einen Moment lang, dann sagte er leise: “Man nennt sie das Phantom Holm.” Und ich beginne zu verstehen, warum. Sie wandte sich ab. Phantome verschwinden nicht. Sie beobachten nur, bis der richtige Moment kommt.

 Draußen im Flur atmete Katharina tief durch. Durch die Glasfront sah sie auf die Skyline von Wiesbaden. Autos rauschten, Menschen eilten zur Arbeit. Alles wirkte normal, doch sie wusste, unter dieser Oberfläche gehrte etwas. Sie nahm ihr Handy, wählte eine gesicherte Leitung. Hier Holm. Zielperson verhaftet. Verräter bestätigt.

 Ich brauche Team Delta bereit. Phase 2 beginnt sofort. Verstanden. Agent Holm. Ziel: Tarenes AG Zürich und diesmal spielen wir nicht mehr nach ihren Regeln. Sie beendete das Gespräch und ging weiter, die Schritte fest, das Gesicht unbewegt. In den Augen spiegelte sich der kalte Glanz von Entschlossenheit und die Ahnung, dass dies erst der Anfang war.

 Zürich, drei Tage später. Die Stadt lag im goldenen Nachmittagslicht, friedlich, geordnet und verdächtig. Touristen flanierten am Seeufer, Boote glitten über das glitzernde Wasser, Glocken leuteten über die Altstadt hinweg. Doch in einem unscheinbaren Bürokomplex an der Dufourstraße 17, hinter getönten Fenstern und dem Schild Tarenis AG spielte sich ein anderes Schauspiel ab, eines, das die Ruhe in Sekunden sprengen konnte.

 Katharina Holm stand im Lieferanteneingang. Schwarze Jacke, Ohrhörer, Funkmikro am Kragen. Neben ihr Jonas Weber und Nico Albrecht in ziviler Kleidung, aber mit jenem nervösen Glanz in den Augen, den nur Menschen trugen, die einmal zu viel gesehen hatten. Letzte Überprüfung, sagte sie leise. Team Delta sichert die Hinterseite.

 Wenn ich das Signal gebe, läuft die Datenblockade. Niemand rein, niemand raus. Verstanden, M, antwortete Jonas. Seine Stimme klang ruhig. Doch die Hände verrieten ihn. Katharina blickte kurz in den Himmel. Für sie war das kein Einsatz mehr, sondern ein Abschluss, eine Abrechnung. Sie wusste, dass hinter dieser Tür derjenige saß, der die Fäden gezogen hatte, nicht nur hinter Steins verrat, sondern hinter Monaten manipulierte Operationen.

 “Zeit”, murmelte sie, dann schob sie die Tür auf. Drinnen empfingen sie sterile Stille, glatte Böden, Glaswände, Monitore, die Diagramme zeigten, Zahlen, Konten, Datenströme, keine Menschen, nur das Surren der Maschinen. Bewegung im Ostflügel, meldete eine Stimme im Ohrhörer. “Nicht eingreifen”, antwortete sie. “Ich will den Kopf.

” Sie ging weiter. Am Ende des Ganges öffnete sich ein Büro, groß, modern, kühl. Und da saß er, Dr. Matthias Kessler, der BKA Direktor. Für einen Moment stand die Zeit still. Nur der leise Wind durch das geöffnete Fenster bewegte die Vorhänge. “Ich hatte gehofft, sie würden verstehen”, sagte Kessler ruhig, ohne aufzustehen.

 Sie waren immer zu gut, um nur eine Soldatin zu sein. Katharinas Stimme war ruhig, gefährlich still. “Sie haben Stein benutzt und als er auflog, haben sie mich geschickt, um die Spuren zu verwischen.” Er lächelte schwach. Nennen Sie es Notwendigkeit. Wir leben in einer Welt, in der Loyalität eine Währung ist.

 Ich habe sie getauscht, um schlimmeres zu verhindern. Schlimmer als Verrat? Er stand auf, ging zum Fenster. Sie wissen, wie es ist, Holm. Wir jagen Schatten, aber irgendwann werden wir selbst zu welchen. Ich habe nur entschieden, auf welcher Seite ich stehen will. Auf der die zahlt entgegnete sie kalt. Er drehte sich um. Sie verstehen nicht.

 Ich habe ihnen den Anruf geschickt. Sie blinzelte. Was? Ich habe Falkenheim inszeniert. Ich musste wissen, ob sie immer noch sauber sind, ob sie loyal bleiben, selbst wenn alles gegen sie spricht. Und sie haben bestanden. Aber jetzt wissen sie zu viel. Seine Hand glitt in die Jacke. Katharina war schneller. In einer einzigen Bewegung zog sie ihre Waffe, entsicherte, zielte. Tun Sie es nicht.

Kessler lächelte. Sie würden nicht schießen. Ich bin der einzige, der weiß, wie tief das Netzwerk reicht. Ohne mich werden sie nur einen Kopf abschlagen und zehn wachsen nach. Dann fange ich mit dem ersten an, sagte sie. Ein Schuss halte, Glass splitterte. Der Knall prallte von den Wänden wieder. Kesslers Waffe fiel zuerst, dann er selbst getroffen, nicht tödlich, aber endgültig entmachtet.

 Blut tropfte auf den weißen Boden. “E sie, sie haben keine Ahnung, was sie ausgelöst haben”, flüsterte er. Doch. sagte sie ruhig. Endlich Ordnung. Jonas und Nico stürmten herein. M, alles gesichert. Server blockiert, Daten kopiert, niemand verletzt. Katharina nickte. Sichern Sie ihn und rufen Sie die Schweizer Einsatzkräfte. Er steht jetzt unter internationalem Haftbefehl.

Draußen begannen Sirenen zu heulen. Diesmal nicht wegen ihr, sondern für sie. Team Delta füllte Kessler ab, während Katharina hinausging. Der Himmel hatte sich geöffnet. Sonnenstrahlen fielen über die Stadt. Menschen auf der Straße ahnten nichts. Ein ganz normaler Tag in Zürich. Nico trat neben sie. Und jetzt? Jetzt endet es oder beginnt etwas Neues? Sie sah ihn an, ein kaum wahrnehmbares Lächeln in den Augen.

Beides. In diesem Job ist das dasselbe. Im Hotelzimmer später saß sie am Fenster, blickte über den See. Der Wind bewegte das Wasser wie Gedanken, die nie ruhen. Auf dem Tisch lag ihr Diensttelefon stumm, bis es vibrierte. Eine verschlüsselte Nachricht. Mission erfolgreich. Tarenes Netzwerk zerschlagen.

 14 Verhaftungen, aber ein Ziel fehlt. Katharina starrte auf den Bildschirm, darunter eine Koordinate. Berlin Sie schloss kurz die Augen. Es hörte nie auf. Der Moment, in dem du glaubst, alles verstanden zu haben, erinnerte sie sich an die Worte ihres Mentors: “Ist der Moment, in dem du wieder blind wirst.” Sie stand auf, legte ihre Jacke an, griff nach dem Holster.

 Im Spiegel sah sie ihr Spiegelbild ruhig, fokussiert, müde vielleicht, aber nicht gebrochen. Sie war das, wovor andere warnten, das Phantom, das in den Schatten verschwand, wenn die Wahrheit zu hell wurde. Draußen hubten Autos, irgendwo lachte ein Kind. Eine Straßenmusikerin spielte Geige. Das Leben ging weiter, als wäre nichts geschehen.

 Doch irgendwo in Berlin saß jemand, der wusste, dass Katharina Holm jetzt kam. und dieses Mal würde niemand sie mehr aufhalten. Sie trat hinaus in die Sonne, ließ den Wind durch ihr Haar wehen. Ende des Schweigens, murmelte sie und Anfang der Jagd. Dann verschwand sie in der Menge, lautlos wie ein Hauch von Sturm.

 Der Sturm, der nach der Stille kommt.