In der deutschen Debatte um die soziale Sicherheit braut sich ein Sturm zusammen, der das Potenzial hat, den ohnehin schon brüchigen Generationenvertrag endgültig zu zerreißen. Das Schlagwort der Stunde lautet „Boomer-Soli“. Ein Vorschlag, der aus den Reihen des Deutschen Instituts für Wirtschaft (DIW) unter der Leitung von Marcel Fratzscher stammt, sorgt derzeit für Fassungslosigkeit bei Millionen von Bürgern. Die Kernidee: Rentner sollen für Rentner zahlen. Was als Rettungsschirm für die maroden Rentenkassen verkauft wird, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als eine weitere finanzielle Belastung für eine Generation, die bereits heute mit steigenden Lebenshaltungskosten zu kämpfen hat.

Das Ende eines Märchens

Über Jahre hinweg wurde der Öffentlichkeit ein Narrativ präsentiert, das nun wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Marcel Fratzscher, einer der prominentesten Verfechter dieses Kurses, betonte immer wieder die Notwendigkeit der Zuwanderung als Königsweg zur Rettung der Rentensysteme. Doch die Realität hat diese Theorie längst eingeholt. Statt der erhofften Entlastung durch qualifizierte Fachkräfte steht das System vor einer Überlastung durch unproduktive Migration und versicherungsfremde Leistungen.

Die Forderung nach einem „Boomer-Soli“ ist das faktische Eingeständnis, dass die bisherigen Strategien gescheitert sind. Wenn nun die Rentner selbst zur Kasse gebeten werden sollen, um die Renten anderer zu finanzieren, stellt sich die existenzielle Frage: Lohnt sich Arbeit in diesem Land überhaupt noch? Die Botschaft, die bei den Bürgern ankommt, ist verheerend: Wer sein Leben lang eingezahlt hat, wird am Ende nicht belohnt, sondern erneut zur Kasse gebeten.

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Ein Griff in die falsche Kasse

Das eigentliche Problem der Rentenkasse ist jedoch nicht erst gestern entstanden. Seit Jahrzehnten bedienen sich wechselnde Regierungen an den Beiträgen der Versicherten, um versicherungsfremde Leistungen wie die Mütterrente oder Kindererziehungszeiten zu finanzieren. Eigentlich wäre es die Aufgabe des Staates, diese gesamtgesellschaftlichen Aufgaben aus Steuermitteln zu begleichen. Stattdessen wurde der Griff in die Rentenkasse zum Dauerzustand. Würde der Bund seine Zuschüsse für diese Leistungen konsequent aus Steuereinnahmen finanzieren, statt sie nun sogar kürzen zu wollen, wäre die Debatte um einen Solidaritätszuschlag der Senioren hinfällig.

Kritiker werfen der Regierung vor, Prioritäten falsch zu setzen. Während Milliarden in NGOs mit fragwürdigen Zielen, in die Ukraine-Hilfe oder in exotische Entwicklungsprojekte fließen – man denke an Wrestling-Wettkämpfe für das Klima –, fehlt das Geld an der Basis der heimischen Sozialsysteme. Diese Schieflage führt zu einer tiefen Verbitterung in der Bevölkerung.

Wer wird zur Kasse gebeten?

Die Details des Boomer-Soli-Vorschlags sind besonders pikant. Mancher Rentner mag denken, dass er aufgrund seiner geringen Bezüge sicher sei, doch weit gefehlt. Die diskutierten Freibeträge liegen in einem Bereich, der bereits viele Durchschnittsrentner trifft. Wer mehr als 902 Euro (oder 1048 Euro inklusive Kapitaleinkünfte) an Rente bezieht, könnte bereits von der geplanten 10-prozentigen Zwangsabgabe betroffen sein.

Besonders störend empfinden viele Beobachter die offensichtliche Ungleichbehandlung. Während Bezieher der gesetzlichen Rente zur Kasse gebeten werden sollen, bleiben Beamte und Selbstständige außen vor. Dank starker Lobbyarbeit in Berlin scheint es politisch nicht durchsetzbar zu sein, diese Gruppen in die Pflicht zu nehmen. Das Ergebnis ist eine einseitige Belastung derjenigen, die ohnehin die Hauptlast des Systems tragen.

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Stimmen aus der Politik

Die Reaktionen aus dem politischen Berlin fallen gemischt, aber überwiegend skeptisch aus. Selbst in der CDU regt sich Widerstand. Stefan Nacke, Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales, betont, dass die demografische Entwicklung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei, die nicht einseitig auf die Rentner abgewälzt werden dürfe. Er warnt davor, das mühsam aufgebaute Vertrauen in die Rentenversicherung durch solche Umverteilungspläne endgültig zu verspielen.

Deutlich schärfer formuliert es die AfD. Ulrike Schielke-Ziesing, rentenpolitische Sprecherin der Partei, sieht in dem Vorschlag einen direkten Angriff auf die Lebensleistung der Bürger. Erst seien die Arbeitnehmer mit hohen Steuern und Abgaben belastet worden, nun seien die Rentner an der Reihe. Ihre Diagnose: Der Staat erfülle seine Kernaufgaben nicht mehr und überfrachte die Sozialkassen stattdessen mit den Kosten einer verfehlten Migrationspolitik.

Ein System am Abgrund

Wirtschaftsexperten warnen bereits seit Längerem, dass das deutsche Rentensystem spätestens im Jahr 2028 vor dem Kollaps stehen könnte. Die demografische Entwicklung – eine immer älter werdende Gesellschaft bei gleichzeitig schrumpfender Zahl junger Beitragszahler – war seit Jahrzehnten absehbar. Dass man nun zu solch drastischen Mitteln wie einem Boomer-Soli greifen muss, ist das Resultat jahrzehntelangen politischen Nichtstuns.

Es fehlt an qualifizierter Zuwanderung, die tatsächlich in die Systeme einzahlt, statt von ihnen alimentiert zu werden. Es fehlt an einer Strukturreform, die alle Erwerbstätigen, inklusive Beamte und Politiker, in ein gemeinsames System integriert. Und es fehlt an einer ehrlichen Haushaltsführung, die die Rentenkassen nicht als Reserveraum für politische Prestigeprojekte missbraucht.

Prof. Marcel Fratzscher | Präsident DIW, Ökonom, Redner

Fazit: Solidarität ist keine Einbahnstraße

Der Boomer-Soli ist mehr als nur eine fiskalische Maßnahme; er ist ein Symbol für die Orientierungslosigkeit einer Politik, die die Kontrolle über die Staatsfinanzen verloren zu haben scheint. Wenn die Generation, die Deutschland aufgebaut hat, nun als Notnagel für systemisches Versagen herhalten muss, ist eine Grenze überschritten.

Deutschland darf nicht zum „Sozialamt der Welt“ werden, während die eigenen Bürger im Alter um ihre Existenz bangen müssen. Es braucht eine Rückbesinnung auf Leistung und echte Solidarität – und das bedeutet vor allem, dass der Staat aufhören muss, das Geld der Beitragszahler für versicherungsfremde Zwecke zu verschleudern. Der Widerstand gegen den Boomer-Soli ist deshalb nicht nur ein Kampf um Euro und Cent, sondern ein Kampf um die Würde und die Anerkennung lebenslanger Arbeit. Es bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen in Berlin die Zeichen der Zeit erkennen, bevor das System und mit ihm der soziale Friede endgültig zusammenbricht.